Der namenlose Graben

Noch ein letztes Mal müssen wir auf den „Grabenbruch“ zurückkommen, der die „Piusbruderschaft“ nie ruhen läßt und sie erneut zur Ankündigung schismatischer Bischofsweihen aufgerührt hat. Zwar wurde schon alles dazu gesagt, aber noch nicht von allen, wie ein berühmtes Diktum heißt. Wir haben nun noch eine Stimme gefunden, die aus dem Rahmen fällt, weil sie eine wahrhaft „papsttreue“ und „römische“ Perspektive einnimmt, die wir nicht zu kurz kommen lassen wollen.

„Error facti“

„Ein Schisma in allem, außer dem Namen“, hat Mike Lewis auf „Where Peter Is“ die angekündigten Bischofsweihen durch die „Piusbruderschaft“ charakterisiert. So prangte es als Titel über dem Artikel, in dem er uns die Sache näher erklärt. „Where Peter Is“ ist eine an sich verdienstvolle Initiative im „Internet“, die versucht, den katholischen Standpunkt festzuhalten, daß da die Kirche ist, wo Petrus ist, also der Papst. Das Problem ist nur, daß sie dies am falschen Objekt praktiziert und die „Konziliare Kirche“ für die Kirche hält, weil dort die „konziliaren Päpste“ sind, die sie für die wahren Päpste hält. Ein klassischer „Error facti“, ein Tatsachenirrtum, doch ihr Festhalten am katholischen Prinzip unterscheidet sie wohltuend von den Tradis, die demselben „Error facti“ erlliegen, aber ganz andere Schlußfolgerungen daraus ziehen, die so weit gehen, die Prinzipien zu ändern und die Lehre über Kirche und Papsttum abzuschwächen, zu modifizieren, zu verunstalten, ja zu verleugnen bis hin zur offenen Häresie.

Mike Lewis ist da aus anderem Holze geschnitzt. Jene, welche mit der „Piusbruderschaft“ sympathisieren, würden nun selbstverständlich daran erinnern, daß diese niemals von der Kirche formell als im Schisma erklärt worden sei, so beginnt sein Aufsatz. Doch seien die von Erzbischof Lefebvre im Jahre 1988 vorgenommenen Bischofsweihen von „Johannes Paul II.“ in „Ecclesia Dei“ als „schismatischer Akt“ verurteilt worden, und „Papst Franziskus“ habe die Situation als einen „Bruch“ beschrieben. Das Fehlen einer formellen Erklärung sei, ebenso wie ein gewisses Entgegenkommen und „brüderliche Gesten“ in all den Jahren, kein Beweis für „volle Gemeinschaft“, sondern vielmehr ein Zeichen für die Geduld Roms und den Einsatz für die kirchliche Einheit.

Hier zeigt der faktische Irrtum seine Wirkung. Das „Konziliare Rom“ ist nicht das katholische Rom. Die „Konziliare Kirche“ ist von Natur aus eine „Patchwork-Kirche“, ein bunter Flickenteppich aus den unterschiedlichsten religiösen Geschmacksrichtungen, die obendrein ganz verschiedene Grade der „Zugehörigkeit“ aufweisen, die von „Hinordnung“ bis zur „vollen Gemeinschaft“ reichen können. Insofern ist erstens nicht leicht bzw. unmöglich zu definieren, wer dazu gehört und wer nicht, und sind zweitens die „brüderlichen Gesten“ und das „Entgegenkommen“ ganz normale Mechanismen, welche die Illusion einer umfassenden Gemeinschaft aufrechtzuerhalten dienen. Man betrachtet die „Piusbrüder“ wie andere „getrennte Brüder“ auch und versucht, sie in die „volle Gemeinschaft“ zu überführen, nach dem Diktum Bergoglios, der sie zur Freude ihres damaligen Vorsitzenden als „Katholiken auf dem Weg zur vollen Gemeinschaft“ identifiziert hatte. Ein „trennender“ Begriff wie „Schisma“ paßt da nicht hinein. Weiter unten mehr davon.

Die „Piusbrüder“ dasselbe wie die „Kommunistische Partei“?

Übrigens haben die „Piusbrüder“ diese Optik bereits „voll“ übernommen. Erst kürzlich erschien auf „fsspx.news“ ein Beitrag, überschrieben: „Can the SSPX Be Forbidden To Do What Is Permitted to the Chinese Communist Party?“ – „Kann der Piusbruderschaft verboten werden zu tun, was der chinesischen kommunistischen Partei erlaubt ist?“ Eine an sich bereits sehr dumme Frage, denn in einer Priestergemeinschaft kann sehr vieles verboten sein, was in der Kommunistischen Partei erlaubt ist. Darum aber geht es nicht, sondern um das Entgegenkommen, welches das „Konziliare Rom“ gegen die chinesische, von den Kommunisten kontrollierte „Patriotische Vereinigung“ zeigt.

Letztere stellt in China seit 1958 die „offizielle Kirche“ dar, während die Rom treu gebliebene „Untergrundkirche“ die „inoffizielle Kirche“ ist. „Die Strukturen der offiziellen und der inoffiziellen Kirche verlaufen parallel, so dass die Diözesen oft doppelt besetzt sind“, berichtet „Wikipedia“. „Beide Organisationen haben eine vom Vatikan nicht anerkannte Bischofskonferenz. Die meisten Bischöfe der offiziellen katholischen Kirche sind inzwischen vom Papst anerkannt und legitimiert und in einem Brief an die chinesischen Katholiken im Jahr 2007 erläuterte der Papst [damals noch der „konservative“ Ratzinger], dass er eine Vereinigung der beiden katholischen Kirchenflügel Chinas wünscht, und dass es keine Bischofsernennungen im Untergrund mehr geben wird. Die Zuständigkeit für die Bischofsernennungen blieb umstritten. Der Papst war der Ansicht, ihm stünde das Recht auf Ernennung der Bischöfe zu, die chinesische Regierung bestand auf dem Verfassungsartikel, dass keine Kirche aus dem Ausland gesteuert werden dürfe. Es wurde ein Kompromiss angestrebt. 2018 wurde die Kompromisslösung unterzeichnet.“

Auf diese „Kompromißlösung“, welche „im Namen eines diplomatischen Pragmatismus als für das Heil der Seelen notwendig dargestellt“ wird und einseitig vorgenommene Bischofsernennungen ohne päpstliches Mandat anerkennt, beruft sich die „Piusbruderschaft“. Ein solches Messen „innerkirchlicher“ Vorgänge mit rein politisch-diplomatischen Maßstäben ist typisch für die naturalistische Menschheitskirche – und leider auch für die „Piusbruderschaft“. Würde sie halbwegs katholisch denken, wäre sie auf so einen absurden Gedanken nicht gekommen, von ihrem „Papst“ ein Arrangement zu fordern, wie er es den chinesischen Kommunisten gewährt. Natürlich könnte man sagen, dies sei „ad hominem“ argumentiert. Wenn dem so ist, dann setzt es aber doch voraus, daß die „Piusbruderschaft“ weiß, daß sie es nicht mit dem katholischen Rom zu tun hat, sondern mit einem „ökumenistischen Rom“. Dann aber stellt sich die Frage, was sie von diesem falschen „Rom“ überhaupt will. Aber das ist einer ihrer Grund-Widersprüche seit der „Grundsatzerklärung“ ihres Gründers, der „Grabenbruch“, auf dem sie errichtet ist, mit den zwei völlig widersprüchlichen „Roms“ in Einem.

Besonders pikant ist an dem gewählten Beispiel mit China, daß das schismatische Verhalten der „Patriotischen Vereinigung“ in den 1950er Jahren es gewesen ist, die einfach ihre Bischöfe weihte ohne den Papst zu fragen, welches unter Papst Pius XII. zur Verschärfung der Strafe für die Bischofskonsekration ohne päpstliches Mandat führte, die nunmehr die von selbst eintretende Exkommunikation mit sich bringt. Ausgerechnet das modernistische und ökumenistische „Rom“ hält gegen die „Piusbruderschaft“ an dieser Strafe fest, während es gegenüber der chinesischen „offiziellen Kirche“ Nachsicht übt, und ausgerechnet die „Piusbruderschaft“, die doch so sehr „traditionalistisch“ eingestellt ist und die 1950er Jahre für den Maßstab aller Dinge nimmt, begibt sich plötzlich auf den Standpunkt der „konziliaren Liebes- und Barmherzigkeitskirche“ und verlangt deren Einlenken.

Wo beginnt das Schisma?

Zurück zu Mr. Lewis, der wenigstens konsequent ist und die Geduld „Roms“ einmal mehr strapaziert sieht durch die Ankündigung des „Pius“-Vorsitzenden, am 1. Juli Bischöfe weihen zu wollen, mit oder ohne päpstliche Genehmigung. Er sieht darin eine Wiederholung jenes Aktes, der seinerzeit, 1988, zur Exkommunikation Lefebvres und der von ihm geweihten Bischöfe geführt habe und jene Frage in den Raum stellte, die seither jahrzehntelang die „Piusbrüder“ verfolgt: „Ab wann überschreitet eine Gruppe, die sich weigert, sich dem Papst zu unterwerfen, ihre eigene Hierarchie beibehält und ihre Gläubigen aktiv davon abhält, am sakramentalen Leben der gesamten Kirche teilzunehmen, die Grenze vom ‚irregulären kanonischen Status‘ zum offenen Schisma?“ Eine sehr gute Frage!

Der Canon 751 des Kirchenrechts definiere Schisma als die „Verweigerung der Unterwerfung unter den Obersten Pontifex oder der Gemeinschaft der ihm untergebenen Glieder der Kirche“. Betrachte man nun, was die „Piusbruderschaft“ in der Praxis tue, so sei es genau das: Sie unterwirft sich in Sachen der kirchlichen Disziplin weder dem Papst noch dem Ortsbischof. Sie eröffnet ihre eigenen Kapellen und weiht Priester ohne die Erlaubnis der kirchlichen Autoritäten. Sie verurteilt fortwährend die Lehren der „nachkonziliaren Päpste“ in Sachen des Glaubens und der Moral. Ihre Priester halten die Gläubigen aktiv davon ab, nicht nur die „reformierten Vatikan-II-Messen“ zu besuchen, die sie auf ihrer „Website“ als „Gefahr für den Glauben der Katholiken“ bezeichnen, ja sie warnen sie sogar vor der Teilnahme an der „tridentinischen Messe“, wenn diese mit Erlaubnis der „institutionellen Kirche“ gefeiert wird. Aus ihrer Sicht ist eine von einem Priester der „Petrusbruderschaft“ oder einem Diözesanpriester zelebrierte legale „TLM“ befleckt durch die Verbindung mit der „nachkonziliaren Hierarchie“. Wenn das keine Weigerung der Gemeinschaft sei, was solle man dann darunter verstehen? Damit wäre deutlich genug herausgearbeitet, daß die „Piusbruderschaft“ sich nach allen Regeln des Kirchenrechts im Schisma befindet. Und das wird auch so bleiben, solange sie die „nachkonziliare Hierarchie“ als Hierarchie der Kirche anerkennt, ohne ihren Kurs grundsätzlich zu ändern und sich endlich ihrem „Papst“ zu unterwerfen.

Letzte Chance für eine Versöhnung

Die letzte Chance für eine Versöhnung sah Mike Lewis im Jahr 2012 gegeben, als der „Piusbruderschaft“ eine „Personalprälatur“ mit eigenen Bischöfen angeboten worden war, vorausgesetzt ihre Anführer würden einer „lehrmäßigen Präambel“ zustimmen, die an die 1989er Formel des Glaubensbekenntnisses angelehnt war. „Papst Benedikt XVI.“ habe der Gruppe ihre zwei „Vorbedingungen“ erfüllt, indem er einen „allgemeinen Indult“ erließ, der es allen katholischen Priestern erlaubte, die Römische Messe nach dem 1962er Missale zu feiern, und indem er die Exkommunikationen von 1988 aufhob.

In der Tat, an gutem Willen fehlte es Ratzinger nicht. Doch er war glücklos, denn in beiden Fällen ging der Schuß sozusagen nach hinten los. Die Aufhebung der Exkommunikation im Januar 2009 löste einen weltweiten Skandal aus, nachdem – nicht zufällig – bekannt geworden war, daß Bischof Richard Williamson ein öffentlicher „Holocaust-Leugner“ war (was vorher schon jeder hätte wissen können). Der Vatikan hatte alle Hände voll zu tun, sich des Orkans an Protesten und Kritik zu erwehren. Der Journalist John Allen habe die kopflose Art und Weise, wie der Vatikan mit der Affäre umgegangen ist, unverblümt als „kolossalen Fehler“ beschrieben, „der offen gesagt schwer zu verstehen oder zu entschuldigen ist“. Der Vatikan geriet ins Schußfeld jüdischer Organisationen und war wochenlang beschäftigt, den angerichteten Schaden einigermaßen einzudämmen, während der arme Ratzinger sich in einem Brief an die Bischöfe hilflos entschuldigte. Bald darauf wurde Williamson aus der „Piusbruderschaft“ „ausgeworfen“, machte seine eigene Gruppe auf, bekannt als „der Widerstand“, und weihte in illegaler Weise mehrere Priester und Bischöfe.

Ebenso habe auch Ratzingers „Liberalisierung“ der „vorkonziliaren Liturgie“, die er die „außerordentliche Form“ nannte, durch das Dokument „Summorum Pontificum“ unbeabsichtigte Folgen gezeitigt. Statt eine Versöhnung anzubahnen, sei der zunehmende Gebrauch der „tridentinischen Liturgie“ allmählich ein Stein des Anstoßes für die „nachkonziliare Kirche“ selber geworden, bis „Papst Franziskus“ im Jahr 2021 Ratzingers „Motu aller proprios“ abschaffen mußte, nachdem es jahrelang zu haltlosen Attacken von „Traditionalisten“ – sogar von in „voller Gemeinschaft mit Rom“ befindlichen – gegen die päpstliche Autorität und die kirchliche Lehrverkündigung seit den 1960ern gekommen war. „Franziskus“ habe bedauert, daß das Zugeständnis, das der Einheit der Kirche dienen sollte, eine „Quelle der Spaltung“ geworden sei, was ihn zu den Restriktionen von „Traditionis Custodes“ genötigt habe. Es ist interessant einmal zu lesen, wie sich die Dinge aus römischer Sicht darstellen abseits der kleinlichen Befindlichkeit der Tradis mit ihrer „TLM“.

Stein des Anstoßes

Stein des Anstoßes war 1988 und ist bis heute der dritte Paragraph der „Professio Fidei“, welcher die „religiöse Unterwerfung von Verstand und Willen unter das ordentliche Lehramt des Papstes“ fordert (eigentlich eine Selbstverständlichkeit für jeden Katholiken). Deswegen habe letztlich auch Bischof Fellay, der damalige Vorsitzende der „Piusbrüder“ und oft als eines ihrer „gemäßigten“ Elemente bezeichnet, damals die Unterschrift verweigert. Diese Weigerung wurde in die „Pius“-Version ihrer eigenen „lehrmäßigen Präambel“ verpackt, welche die Verhandlungen schließlich zum Scheitern brachte. Statt die Formulierung des „Heiligen Stuhls“ aufzunehmen, hatte Fellays Version Bedingungen und Unterscheidungen eingeführt, vornehmlich betreffend das „II. Vatikanum“ und das „nachkonziliare Lehramt“, welche die Bedeutung der verlangten „religiösen Unterwerfung von Verstand und Willen“ untergruben. Die „Kongregation für die Glaubenslehre“ stellte autoritativ fest, daß diese Antwort unzureichend war, um den zugrundliegenden Bruch in der Lehre zu lösen, und Mitte des Jahres 2012 wurden die Verhandlungen ergebnislos abgebrochen.

Von da an bewegte sich der Zug von Rom weg und nicht zu Rom hin. Seit ihrer Gründung habe die Leitung der „Piusbruderschaft“ niemals Fehler zugegeben oder Bedauern für ihr Verhalten ausgedrückt, und ihre Haltung sei im Lauf der Zeit immer trotziger geworden. So ist das gewöhnlich bei Schismatikern. In den vergangenen Jahrzehnten habe die Führung der „Piusbruderschaft“ einen „Platz innerhalb der institutionellen Kirche“ angestrebt, eine Art „Personalprälatur“, wenn auch zu ihren Bedingungen. Seit 2012 sei dieses Ziel zunehmend einer Haltung gewichen, die eine Wiedervereinigung davon abhängig macht, daß die „institutionelle Kirche ihre angeblichen Irrtümer widerruft“. In diesem Rahmen würden „die Päpste, das Konzil und die nachkonziliare Kirche als das Problem dargestellt, während sich die Piusbruderschaft als der treue Rest präsentiert, der darauf wartet, daß Rom seine Irrtümer widerruft“. So ist es. Das ist die Optik und das Selbstverständnis der „Piusbrüder“ von Anbeginn, seit ihrer „mystischen“ Gründung durch Lefebvre. Für sie ist es ganz normal, wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt.

Neue Generation

Zur gegenwärtigen Situation gibt Lewis zu bedenken, daß man es mit einer „neuen Generation“ zu tun habe, die „weiter von der Kirche“ entfernt sei. Der jetzige „Pius“-Vorsitzende, der die Bischofsweihen angekündigt habe, sei selber ein Zeichen für den Generationenwechsel. 1989, ein Jahr nach den illegalen Bischofsweihen, sei er im Alter von 19 Jahren ins Bruderschafts-Seminar eingetreten und habe 1996 seine Priesterweihe durch Bischof Fellay erhalten. Er habe also niemals ein anerkanntes Amt in der katholischen Kirche ausgeübt, sondern sein ganzes priesterliches Leben habe sich im Paralleluniversum der „Piusbruderschaft“ abgespielt, wie es sich nach der Abspaltung von Rom geformt hat. Anders als Erzbischof Lefebvre, der über Jahrzehnte hinweg seinen Dienst als Priester, Bischof, Missionar und Ordensoberer in der „institutionellen Kirche“ leistete, habe der neue Vorsitzende keinerlei Erfahrung im kirchlichen Leben außerhalb der Bruderschaft. Und im Gegensatz zu seinen Vorgängern habe er kaum Gelegenheit gehabt, Lefebvre kennenzulernen, der 1991 starb. So sei sein „Bezugssystem“ noch weiter von der „Kirche vor dem Bruch“ entfernt. Mit anderen Worten, er ist mit seinem Priestertum gewissermaßen schon ins Schisma hineingeboren.

Eine nennenswerte Verbindung zur „breiteren Kirche“ habe er dennoch gehabt. Von 2012 bis 2018 sei er „Regens“ im Seminar der „Piusbrüder“ in Argentinien gewesen, und dort hatte er kurz Kontakt zum damaligen Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Bergoglio, bevor dieser 2013 als Nachfolger Ratzingers zu „Papst Franziskus“ gewählt wurde. Man sage, daß beide ein „herzliches Verhältnis“ verbunden hat. Ein solches fehle ihm bei „Leo XIV.“, und vielleicht sei ihm deshalb die Ankündigung der Bischofsweihen so leicht gefallen. Die Wahl des jetzigen Vorsitzenden im Jahre 2018 sei ihrerseits ein „Signal“ gewesen. Der Versöhnungsapostel Fellay sei gegen einen „Hardliner“-Kandidaten ausgewechselt worden, der Gegner eines Abkommens mit Rom gewesen sei. Der „Anti-Versöhnungsflügel“ habe sich durchgesetzt, und seitdem habe der Vorsitzende „die Entwicklungen in der nachkonziliaren Kirche wiederholt als Symptome eines Irrtums in der Lehre und einer institutionellen Krise dargestellt“.

Wir würden das etwas anders einordnen. Fellay hatte mit seiner fixen Idee seiner „Beziehungen zu Rom“ und seinem geradezu wahnhaften Rom-Annäherungs-Kurs seine Bruderschaft gespalten und in erhebliche Unruhe versetzt. Der neue Vorsitzende wurde vor allem deshalb gewählt, um wieder mehr Ruhe und Einigkeit in den Haufen zu bringen (ähnlich wie Prevost nach Bergoglio). Dazu muß er auch die „Hardliner“ zufriedenstellen durch gelegentliche „starke Worte“ in Richtung Rom, zumal wenn dort Dinge geschehen, die in Tradi-Kreisen für große Aufregung sorgen. Da kann er das Feld nicht einfach den offen papsthassenden Neo-Trads überlassen, sondern muß auch die „Piusbrüder“ ein wenig ins Spiel bringen. Ist doch klar. Aber alles in allem blieb er doch immer sehr zurückhaltend, hat weder eine „kindliche Korrektur“ unterschrieben noch irgendwelche Offenen Briefe, die Bergoglio der Häresie beschuldigten etc., wie andere prominente Tradis das getan haben. Trotzdem findet Lewis, seine Sprache sei nicht die einer Gruppe, die nach Wiedervereinigung strebt. Das tut sie auch nicht, die „Piusbruderschaft“. Ihr einziges Interesse ist ihr eigener Fortbestand, mit oder ohne „Rom“.

Verkehrte Welt

Einen weiteren interessanten Punkt hat Lewis angesprochen: „Ein Priester wählt Bischöfe aus.“ Wieder so ein Einblick in die verkehrte Welt der „Piusbrüder“, denen diese Verkehrtheit gar nicht mehr auffällt. Mr. Lewis scheint es jedoch sonderbar, wenn ein Priester Bischofsweihen ankündigt und leitet. „In der katholischen Kirche“, weiß er, „regieren die Bischöfe, und die Priester dienen unter ihnen.“ Hier nun sei das „Verhältnis anders herum“ und erfülle die „ursprüngliche Vision“ Lefebvres, nämlich Bischöfe, die in erster Linie dazu da sind, Sakramente zu spenden, während die wirkliche Autorität in den Händen des „Generaloberen“ der Bruderschaft liege. Nun ja, eine „wirkliche Autorität“ hat dieser „Generalobere“ nicht; er ist gar kein wirklicher „Generaloberer“, und die „Piusbruderschaft“ ist gar keine wirkliche Priestergemeinschaft, denn es fehlt ihr die kanonische Anerkennung. Deshalb und nur deshalb ist es in dieser „Gesellschaft“ auch möglich, daß ein „Generaloberer“, ein einfacher Priester und mit Suspension belegter „clericus vagus“, über Bischöfe befiehlt, die ihrerseits „episcopi vagi“ sind, einstmals exkommuniziert waren und immer noch suspendiert sind. Das sind die Kuriositäten, die der „Traditionalismus“ möglich macht.

Mike Lewis wiederholt die Worte Lefebvres, der ausdrücklich betonte, daß die Bischöfe seiner Bruderschaft nur für die Spendung von Weihen und Firmungen zuständig seien, ohne daß ihnen eine Jurisdiktion zukomme, und ebenso wiederholte nun der Vorsitzende, daß man nicht die Absicht habe, den zu weihenden Bischöfen irgendeine Jurisdiktion zuteil werden zu lassen. Das wäre ja auch noch schöner! Wie will ein suspendierter „clericus vagus“ irgendwelchen Vaganten-Bischöfen eine „Jurisdiktion“ erteilen? Andererseits ist die Sache nicht ganz korrekt, denn Lefebvre war durchaus der Ansicht, daß den von ihm geweihten Bischöfen eine Jurisdiktion zukomme, zwar keine territoriale, wohl aber eine „personale“. Indem nämlich Gläubige sich an sie in ihrer Eigenschaft als Bischof wenden, würde ihnen auf diese Weise auch eine „supplierte Jurisdiktion“ zueigen, weshalb er in seinen „Anordnungen“ formulierte, daß „alle Priester und Bischöfe der Tradition“, sprich der „Piusbruderschaft“, „Inhaber der supplierten Jurisdiktion“ seien, welche sie „zur erlaubten oder gültigen Ausübung der bischöflichen oder priesterlichen Amtshandlungen“ befähige (vgl. Pius-Beichte). Dementsprechend hatten die Weihbischöfe der „Piusbruderschaft“ keine Hemmungen, beispielsweise als „kirchliche Obrigkeit“ von Ordensleuten aufzutreten und Ordensstatuten zu approbieren oder ähnliches, was allein Sache eines kirchlichen Oberhirten ist. Das macht die ganze Konstruktion natürlich noch absurder.

Mr. Lewis weist darauf hin, daß religiöse Institute für Männer zwar typischerweise Priester oder Brüder als Obere haben, die jedoch nicht ihre eigenen Bischöfe ernennen, weil sie ihrerseits der Autorität der kirchlichen Hirten unterworfen sind. Das Bedürfnis der „Piusbruderschaft“ nach eigenen Bischöfen, die sie selber weiht und kontrolliert, entstehe genau daraus, daß sie diese Unterwerfung verweigert. Sehr richtig. Wer keinen Papst über sich hat, wird selber zum Papst. So ist es beim „Generaloberen“ der „Piusbrüder“, der alle unter sich hat, aber niemanden über sich – außer Gott vielleicht, was auch nicht so sicher ist. Das Ergebnis ist eine „abnormale [pseudo-]kirchliche Struktur“, in welcher Bischöfe als „Sakramententechniker“ fungieren, während ein Priester de facto die Autorität über sie ausübt – eine Konfiguration, die nicht nur den Mangel an Einheit mit der „institutionellen Kirche“ dokumentiere, sondern auch einen Bruch mit der katholischen Tradition markiert, wie Mike Lewis klarsichtig feststellt. In der Tat sind die „Traditionalisten“ alles andere als „traditionell“. Auf sie würde eher das etwas abgewandelte Bibelwort passen: „Siehe, wir machen alles neu.“ Sie unterscheiden sich nicht wesentlich von den Modernisten, auf die sie ständig verweisen, um ihr eigenes Fehlverhalten zu rechtfertigen.

Branding und Autonomie statt „Notstand“

Zwei Bischöfe der „Piusbrüder“ sind inzwischen verblichen, Bischof Tissier de Mallerais im Oktober 2024 und Bischof Williamson im Januar 2025, nachdem er vorher schon „ausgestoßen“ worden war – seinerseits ein Opfer der „Pius“-Fehlkonstruktion und somit der Willkür, denn obwohl damals ein Bischofskollege von ihm der Vorsitzende war, so hatte auch dieser keine Autorität über einen anderen Bischof, die allein dem Papst zukommt, und doch erfolgte der „Auswurf“ mit der Schein-Begründung des „Ungehorsams“ (während in Wirklichkeit die „Williamson-Affäre“ der Anlaß war, welche die Verhandlungen mit Rom gefährdete; s.o.). Die beiden verbliebenen Bischöfe sind 67 bzw. 69 Jahre alt (das Alter, in dem Prevost zum „Papst“ gewählt wurde). Und doch, wundert sich Lewis, bestünden die „Piusbrüder“ darauf, dringend neue Bischöfe zu benötigen, während doch Erzbischof Lefebvre zum Zeitpunkt seiner Bischofsweihen bereits 82 Lenze zählte und bis dahin ganz allein die bischöflichen Funktionen für die ganze „SSPX“ weltweit ausgeübt hatte. Somit sei doch wohl der Bedarf nicht gar so dringend wie zu der Zeit, als Lefebvre seinen Schritt unternahm.

Die Standard-Rechtfertigung der „Piusbrüder“, in einem „Notstand“ zu handeln, welcher die normale kanonische Disziplin außer Kraft setze, verliere mit jedem Jahrzehnt, das vergeht, weiter ihre Kraft, mit welcher die „Bruderschaft“ weiter wachse, und zwar nicht trotz der „institutionellen Kirche“, sondern in wohlüberlegter Opposition zu dieser. Dieselbe Beobachtung oder eine ähnliche hat Louie Verrecchio gemacht, der nicht den „Notstand“ hinter den jüngsten Plänen der „Piusbrüder“ walten sieht, sondern ihr Geschäftsmodell, das „Branding“. Mehr als um eine Frage der „menschlichen Ressourcen“ gehe es um eine „bewußte Behauptung“ ihrer „Autonomie“, diagnostiziert Mr. Lewis, und das haben wir auch so gesehen (Grabenbruch 3). Dies falle der „Piusbruderschaft“ heute umso leichter, als ihr Vorsitzender ebenso wie viele ihrer Mitglieder bereits ihre „gesamte Karriere außerhalb der Gemeinschaft mit Rom“ verbracht hätten. Wir möchten noch den „Franzl-Effekt“ hinzufügen, der den „Piusbrüdern“ sehr in die Hände gespielt hat, weil Bergoglio es fertiggebracht hatte, die gesamte Tradi-Welt so sehr gegen sich aufzubringen und mit Papst-Haß zu sättigen, daß es geradezu als ein Vorzug gesehen wurde, sich „außerhalb der Gemeinschaft mit Rom“ zu befinden.

„Ironie des Ökumenismus“

Die „Ironie des Ökumenismus“ ist der letzte Punkt in Herrn Lewis’ Aufsatz. Geradeso wie wir findet er es spaßig, daß die „Piusbruderschaft“ fortwährend das Engagement der „nachkonzilaren Kirche“ für Ökumenismus und religiösen Dialog geißelt, während sie gerade davon seit Jahrzehnten profitiert. Ausgerechnet der verhaßte „Papst Franziskus“ hat mehr für sie getan als der geliebte Ratzinger, indem er den Gläubigen die Beichte bei ihnen gestattete, ihnen den Weg für legale Eheschließungen öffnete und noch weitere Zugeständnisse machte. Kurz, man behandelte sie wie die „konziliare“ Menschheitskirche „getrennte Christen“ eben behandelt: mit Geduld, Liebe und dem Beharren darauf, daß die Tür offen bleibt. Und das ist auch jetzt der Fall. „Papst Leo“ hat sofort reagiert und den „Pius“-Vorsitzenden zum „Dialog“ nach Rom geladen in Gestalt eines privaten Treffens mit dem „Präfekten des Glaubensdikasteriums“, welches am 12. Februar stattfand. Lewis erblickt eine weiter „Ironie“ darin, daß dieser „Präfekt“ ausgerechnet jener Fernández ist, der den Tradis als „rotes Tuch“ gilt und vom „Pius“-Vorsitzeden bereits mehrfach verbal angegriffen worden ist. Man werde sehen, wie weit die diplomatischen Künste des „Präfekten“ reichen und ob Bergoglios Vision vom „Dialog“ so weit reiche, eine derartige Kluft zu überbrücken. Als Minimalkonsens scheint es Herrn Lewis nötig, sich auf eine Absage oder eine unbefristete Verschiebung der angekündigten Weihen zu einigen. Alles andere würde die endgültige Entfernung der „Piusbrüder“ von der Kirche bedeuten.

Obwohl das Handeln der „Piusbruderschaft“ sie immer mehr in den permanenten Bruch mit Rom treibe, könne gerade Bergoglios „light touch“ mit seiner Ablehnung der Strenge und seiner Betonung des Dialogs über die Verurteilung paradoxerweise der einzige Weg zurück zur Einheit sein. Schon zweimal, 1988 und 2012, sei der Versuch einer Einigung gescheitert. Heute werde die „Piusbruderschaft“ von einem Priester geleitet, „der nie ein Leben in Gemeinschaft mit der Kirche gekannt hat und der sich dafür entschieden hat, neue Bischöfe für eine Bewegung zu weihen, die sich mit jedem Jahr weiter von der katholischen Einheit entfernt“. Die „Pius“-Gläubigen, von denen nach Einschätzung von Mr. Lewis sicherlich viele zweifellos aufrechte Katholiken seien, die sich bemühten, ihren Glauben zu leben, verdienen nach seiner Ansicht Besseres. Sie verdienten „Anführer, die bereit sind, sie nach Hause zu führen, und nicht tiefer in eine Spaltung, der nur noch ein formeller Bannfluch fehlt“, will heißen ein Schisma, das nur noch nicht als solches formell verurteilt ist, das aber längst vorhanden ist. „Ein Schisma in allem, außer dem Namen.“ Es ist eben der „Grabenbruch“, auf den Lefebvre seine Bruderschaft errichtet hat und der nicht bei seinem Namen genannt werden darf: Schisma.