Grabenbruch

Erzbischof Lefebvre hat seine „Piusbruderschaft“ auf einem großen Spalt und einem tiefen Riß errichtet. Ein Grabenbruch sozusagen, der sich infolge der „tektonischen Spannungen“ zwischen zwei widersprüchlichen Extremen auftut: „Recognize and Resist“. Dieser höchst unruhige Grund führt immer wieder zu Verwerfungen oder Verschiebungen, die bisweilen ein Erdbeben auslösen können. Die noch recht kurze Geschichte der „Piusbruderschaft“ ist voll von solchen Erdbeben, die immer wieder zu Abspaltungen bald in die eine, bald in die andere Richtung führten.

Ein großes Erdbeben fand vor nunmehr bald 38 Jahren statt, als Mgr. Lefebvre gegen das ausdrückliche Verbot von „Papst Johannes Paul II.“ vier seiner Priester zu Bischöfen weihte. Vorher hatte er noch freundlich Verhandlungen mit „Kardinal“ Ratzinger geführt und am 5. Mai 1988 sogar ein Abkommen (fälschlich „Protokoll“ genannt) mit dem modernistischen Rom unterzeichnet („Recognize“), nur um am folgenden Tag eine rasante Kehrtwende zu vollziehen, alle Verhandlungen abzubrechen, das „Protokoll“ für ungültig zu erklären und die Weihe eigener Bischöfe anzukündigen, die er dann am 30. Juni auch durchführte („Resist“). Dieses schwindelerregende Umkehrmanöver um „360 Grad“ (nach dem berühmten Diktum einer einstigen deutschen Außenministerin) löste erhebliche Irritationen und „Verwerfungen“ aus. Etliche Anhänger und befreundete „Gemeinschaften“ trennten sich von Lefebvre und bildeten fortan die „Ecclesia-Dei-Gruppen“, während Lefebvre und die von ihm geweihten Bischöfe als exkommuniziert erklärt wurden.

Man hätte meinen können, die „Piusbruderschaft“ hätte daraus gelernt und ihren geistigen Standort gewechselt, um einen sichereren Untergrund zu haben. Doch weit gefehlt, auch heute, nach bald vier Jahrzehnten, beharrt sie tapfer auf ihrem spannungsreichen Graben und geht einer neuen Zerreißprobe entgegen. Wieder hat man zunächst eifrig verhandelt, gut ein viertel Jahrhundert lang diesmal, um mit „Rom“ zu einer Einigung zu gelangen und als „Personalprälatur“ in der „Konziliaren“ und „Synodalen“ „Broad Church“ aufzugehen, und dort als „Tradi-Flügel“ das „Experiment der Tradition“ zu machen („Recognize“). Der frühere „Generalobere“ hatte sich ganz diesem Unternehmen verschrieben, bis zur Selbstaufgabe, und mußte schließlich erschöpft und erfolglos abtreten. Auch die in dieser Zeit erfolgten „Pontifikatswechsel“ und der ach-so-konservative Ratzinger sowie der unkonventionelle Bergoglio konnten daran nichts ändern. Denn die „Konzilsrömer“ hielten zum Verdruß der „Piusbrüder“ daran fest, daß das „Recognize“ ohne die Anerkennung des „II. Vatikanums“ und der Anordnungen der „konziliaren Päpste“ nicht zu haben sei.

Unterdessen traten einige Änderungen ein. Zwei der ursprünglich vier „Pius“-Bischöfe sind nicht mehr. Der eine wurde mutwillig „ausgestoßen“, weil er dem damaligen „Generaloberen“ Minderwertigkeitskomplexe verursachte, und ist mittlerweile verblichen, der andere schwand immer mehr dahin und verstarb vor einiger Zeit. „Da waren’s nur noch zwei.“ Die Verbliebenen sind inzwischen alt – obwohl beide noch unter 70 sind, eigentlich kein Alter für einen Bischof; Lefebvre hat mit Ende 60 erst sein Werk gestartet – und, wie man hört, ausgelaugt und nicht ganz gesund. Hinzu kam der „Franzl-Effekt“, der den „Piusbrüdern“ ganz unerwarteten Aufschwung bescherte, standen sie doch dank Lefebvres einsamen Entschluß nun glänzend da als die einzige völlig „autarke“ Tradi-Gemeinschaft, die sich von dem bei den „Traditionalisten“ zunehmend verhaßten Bergoglio nichts sagen lassen mußte. Gerade das „Resist“ war unversehens ihr stärkstes Zugpferd geworden.

Es verwundert daher nicht, daß sie auf den Gedanken verfielen, das Kunststück Lefebvres zu wiederholen. Schon seit mehreren Jahren und besonders intensiv seit dem vorigen Jahr bereitete man die Gläubigen auf ein erneutes Schisma vor (Schismatüchtig). Nur wollte man zunächst noch abwarten, was der neue Mann in Weiß im Vatikan ihnen anzubieten hätte. Offensichtlich entsprach die Reaktion nicht ihren Erwartungen. Vielmehr habe „der Generalobere ein Schreiben des Heiligen Stuhls erhalten, ‚der unseren Forderungen in keiner Weise entspricht‘“. Daß es nicht an ihnen ist, irgendwelche „Forderungen“ an den „Heiligen Stuhl“ zu richten, sondern daß es umgekehrt ihre Pflicht wäre, den „Forderungen“ des „Heiligen Stuhls“ nachzukommen, wird ihnen gar nicht mehr bewußt. Jedenfalls kündigte der „Generalobere“ nunmehr am Fest Maria Lichtmeß an, am 1. Juli dieses Jahres im Hinblick auf die „objektive Lage der schweren Not“ erneut in unerlaubter und schismatischer Weise Bischöfe zu weihen. Die hier angesprochene „schwere Not“ ist nach wie vor die Not der „Piusbrüder“, die sich ohne eigene Bischöfe außerstande sehen, ihre „Autonomie“ aufrechtzuerhalten und zu „bleiben, wie wir sind“.

Nach neuesten Angaben verfügt die „Piusbruderschaft“ über 1482 Mitglieder, davon 733 Priester, 264 Seminaristen, 145 „Brüder“, 88 „Oblaten“, 250 „Schwestern“, allesamt mit einem Durchschnittsalter von 47 Jahren. Diese verteilen sich über 77 Länder und 184 Häuser und betreuen 798 „Meßzentren“. Außerdem unterhält man 94 Schulen. Es ist klar, daß ein so prosperierendes weltweites Unternehmen weiterlaufen muß. Das aber geht nur mit eigenen Bischöfen. Daher die „schwere Not“. Freilich, so hat ein Kommentator gemeint, könnten die „Piusbrüder“ angesichts des gestiegenen Bedarfs diesmal mehr Bischöfe weihen als nur vier. Man könnte gleich sechs nehmen oder acht, oder vielleicht ein Dutzend. Oder, das wäre unser Vorschlag, man richtet einen frommen Brauch ein, wie es Bischof Williamson eine Zeit lang gehalten hat, als er jedes Jahr zum Josephsfest einen Bischof weihte. So könnte die „Pius-Community“ nicht nur alle Jahre in Ecône und Zaitzkofen zum Event der Priesterweihen zusammenströmen, sondern hätte obendrein ihr regelmäßiges Festival der Bischofskonsekrationen – zum freudigen Gedenken an das Schisma von 1988. Es müßte ja nicht jährlich sein, es würden auch alle zwei, drei oder fünf Jahre genügen, eine Art „Jubeljahr“, damit es sich nicht zu sehr abnutzt.

So viel aber steht fest: Anders als 1988 schreckt ein Schisma heute niemanden mehr, am wenigsten die Tradis. Dies verdankt sich einerseits Ratzinger mit seinem „Motu aller Proprios“ „Summorum Pontificum“, welches die Tradis Morgenluft wittern ließ. Seither hat ihre Szene enorm zugelegt und großes Selbstbewußtsein gewonnen. Als dann Bergoglio versuchte, mit „Traditionis custodes“ die Bremse zu ziehen, stieß er auf blanke Ablehnung, Widerstand und Haß. Gerade die „Neo-Traditionalisten“, die inzwischen tonangebend und führend sind und die alten Kämpfe nicht mitgemacht haben, haben da keinerlei Bedenken und Hemmungen. Sie zeigen sich unverhüllt als die Nachfahren der Gallikaner und Altkatholiken und haben schon offen mit Schisma gedroht, falls man ihren Forderungen und Vorstellungen nicht gerecht werden will – wie es nun auch der „Pius“-Vorsitzende tut. Es wird diesmal wohl keine oder kaum Abspaltungen geben.

Prevost wird sich genau überlegen müssen, was er tut. „Für Leo XIV. stellt sich nun die Frage, wie er auf diese Ankündigung reagieren soll“, kommentierte „katholisch.de“. „Bisher hatte er versöhnliche Signale in Richtung traditionalistischer Kreise gesandt. Er wolle das Gespräch mit jenen suchen, die sich für den alten Messritus einsetzen, sagte der Papst in einem im September veröffentlichten Interview. ‚Es ist zu einem Thema geworden, das so polarisiert ist, dass die Menschen oft nicht bereit sind, einander zuzuhören.‘ Das Verhältnis der Piusbrüder zum Vatikan steuert, wie es scheint, unterdessen auf eine neue Eskalationsstufe zu.“ Ja, es wird nicht leicht für ihn werden, die verschiedenen „Flügel“ seiner „Kirche“ zusammenzuhalten, vom „synodalen Weg“ bis zu den aufmüpfigen Tradis. Dazu fehlt ihm auch noch die übernatürliche Autorität, denn er ist ja nicht Papst. Wir beneiden ihn nicht um seine Aufgabe.