Die „Recognize-and-Resist-Traditionalisten“ tischen seit eh und je die ewig gleichen „Argumente“ gegen die „Sedisvakantisten“ auf und merken nicht, daß sie nur die alten Irrtümer wiederholen, die schon seit grauer Urzeit von den Häretikern und Schismatikern vorgebracht wurden, um sich für ihren Ungehorsam und Widerstand gegen den Stellvertreter Christi, den Papst, zu rechtfertigen. Richtig für Katholiken wäre es, sich diesen Irrtümern zu widersetzen und nicht dem Papst. Der Blog „Introibo ad altare Dei“ hat einige dieser irrigen „Argumente“ erneut aufgegriffen und widerlegt. Den ersten haben wir uns bereits angesehen und machen mit dem zweiten weiter.
Die Sichtbarkeit und Einheit der Kirche
Zweites „Argument“, das von den „R&R“-Leuten seit Jahrzehnten wiedergekäut und reflexhaft vorgebracht wird: Der „Sedisvakantismus“ kann nicht wahr sein, weil die Kirche sichtbar und eine sein muß. Da die Kirche immer notwendig sichtbar ist und die Einheit in der Leitung zu den Merkmalen der Kirche gehört, wird die Kirche notwendig immer sichtbare Autoritäten haben, um an der einheitlichen Führung erkannt zu werden.
Dazu bemerkt „Introibo“, daß die Kirche fraglos sichtbar und monarchisch strukturiert ist, weshalb sie, als sichtbarer Leib, auch ein sichtbares Haupt als Mittelpunkt ihrer Einheit haben muß. Das sei unzweifelhaft wahr. Ohne sichtbare einheitliche Leitung könne man nicht sagen, wer nun eigentlich dazu gehöre oder ein Amt innehabe, und in der Tat sei die Autorität die Wirkursache, welche jeder menschlichen Gemeinschaft eine körperschaftliche Einheit verleihe. Es könne keine sichtbare Gesellschaft geben, die nur auf der Grundlage von Ideen beruhe ohne sichtbare Leitung, weshalb jeder einfache Katechismus uns lehre, daß die katholische Kirche unter einem sichtbaren Haupt steht.
Dreifache Einheit
Was also nun? Haben die „R&R“-Kritiker recht? Der Theologe Van Noort sagt, daß die Einheit der Kirche eine dreifache sei: die Einheit im Glauben und im Glaubensbekenntnis, die Einheit in der „Communio“, und die Einheit in der Leitung. Zu ersterem Aspekt führt er aus: „Die Einheit im Glauben, welche Christus ohne Einschränkung verfügt hat, besteht darin, daß jeder die Lehren akzeptiert, die das Lehramt der Kirche zum Glauben vorlegt.“ Ferner: „Christus verlangt den Glauben nicht nur in einigen Lehren, sondern in all jenen Lehren, welche die von Ihm aufgestellte Autorität lehrt. Daher ist jede Unterscheidung zwischen wesentlichen und unwesentlichen Artikeln des Glaubens dem Geist und Willen Christi entgegengesetzt.“ Außerdem sei es unmöglich, ein Standard-Kriterium aufzustellen für diese Unterscheidung. Das ist präzise und knapp, aber doch erschöpfend ausgedrückt. Daran erkennt man den wahren Theologen. Unser Glaube richtet sich also in erster Linie auf das Lehramt der Kirche, nicht auf die einzelnen Lehren - anders als die „R&R“-Tradis meinen, die um einzelner Lehren willen ihrem höchsten Lehramt, dem Papst, widerstehen.
Was die „Communio“ anbelangt, so sagt Van Noort, Christus habe gewollt, daß Seine Kirche „die Einheit der Gemeinschaft oder der (sozialen) Liebe genieße, welche darin besteht, daß alle Glieder der Kirche, als Individuen wie als einzelne Gruppen, miteinander zusammenhängen wie die fein aufeinander abgestimmten Teile eines moralischen Körpers, einer Familie, einer einzigen Gesellschaft“. Daraus folgt, daß sie alle an denselben gemeinsamen Gütern teilhaben: dem Opfer der Heiligen Messe, den Sakramenten, den Fürbitten. Daher betet der Priester im „Friedensgebet“ vor dem Empfang der Kommunion: „Herr Jesus Christus, Du hast zu Deinen Aposteln gesagt: ‚Den Frieden hinterlasse ich euch, Meinen Frieden gebe Ich euch.‘ Schaue nicht auf meine Sünden, sondern auf den Glauben Deiner Kirche, und gib ihr huldvoll Frieden und Eintracht, wie es Deinem Willen entspricht…“ Lateinisch: „Domine Jesu Christe,(…) ne respicias peccata mea, sed fidem Ecclesiae tuae; eamque secundum voluntatem tuam pacificare et coadunare digneris.“
Die Gemeinschaft des Mystischen Leibes und die Kommunion stehen in innigem Zusammenhang. Deshalb soll und kann man sie auch nicht trennen, wie etwa durch die Zulassung Andersgläubiger zur heiligen Kommunion, aber auch nicht durch die Feier der Sakramente im Widerstand gegen den Papst. Die Einheit in der Leitung schließlich leitet sich ebenfalls vom Willen Christi ab, welcher Seiner Kirche eine hierarchische Leitung stiftete, sodaß alle Glieder der Kirche ein und derselben sichtbaren Autorität gehorchen. Die heilige Katharina von Siena schreibt: „Wer dem Christus auf Erden, der den Christus im Himmel vertritt [dem Papst!], nicht gehorcht, der nimmt am Blute des Gottessohnes nicht teil. Denn Gott hat es so eingerichtet, daß durch dessen Hände Christi Blut und alle Sakramente der Kirche zu uns kommen. Es gibt keinen anderen Weg und keine andere Pforte für uns.“
Gewiß, so „Introibo“, werde man den „Sedisvakantisten“ den Vorwurf machen, daß ihnen das Zeichen der sichtbaren Einheit fehlt. Nicht nur sind sie in lauter verschiedene Gruppen und Grüppchen zersplittert, sondern es fehlt ihnen eine sichtbare Autorität. Dazu ist zunächst zu sagen, daß der Zustand einer anhaltenden Sedisvakanz erwartungsgemäß viele neue Fragen aufwirft, welche zu einer gewissen Uneinigkeit führen, auch wenn im Glauben grundsätzliche Übereinstimmung besteht. Wiederum wird Van Noort zitiert, welcher lehre, daß während des Großen Abendländischen Schismas die hierarchische Einheit „nur materiell, nicht formell unterbrochen“ gewesen sei. „Obwohl die Katholiken aufgrund der Ungewißheit, welcher der [päpstlichen] Anspruchsteller rechtmäßig gewählt worden sei, in ihrer Obödienz dreigeteilt waren, waren sich doch alle einig, daß sie einem einzigen rechtmäßigen Nachfolger Petri Treue schuldeten, und sie waren bereit, diese Gefolgschaft zu leisten.“ Diese Haltung können wir auch bei den „Sedisvakantisten“ annehmen, während bei der „R&R“-Fraktion kein Zweifel besteht, daß sie nicht bereit sind, ihrem „Papst“ Gehorsam zu leisten, obwohl sie behaupten, ihn als Obersten Hirten und Statthalter Christi anzuerkennen. Somit befinden sie – nicht die „Sedisvakantisten“ – sich nicht in der Einheit der sichtbaren Kirche. Sie halten weder die Einheit im Glauben, noch in der „Communio“, noch in der Leitung.
Der „schlechte Vater“
Das dritte und dümmste Uralt-„Argument“ ist der Vergleich mit dem „schlechten Vater“. „Papst Leo“ sei ein „schlechter Papst“ und ein „schlechter Vater“. Zwar müßten wir seinen verderblichen Taten widerstehen, müßten aber zugleich die objektiven Todsünden der „Sedisvakantisten“ meiden, die freventlich über die Schuldhaftigkeit des Papstes urteilen und ihm das Papstsein oder sogar das Katholischsein absprechen. Ebenso, wie ein Kind die ungerechten Befehle seines Vaters zurückweisen dürfe und müsse, so der Katholik die „schlechten Lehren“ der „konziliaren Päpste“. Und doch bleibe der Vater der Vater, auch wenn er ein „schlechter Vater“ ist. Ebenso blieben die „schlechten Päpste“ dennoch Päpste.
Hierzu bringt „Introibo“ mehrere Texte, darunter zunächst den Theologen Herrmann, der feststellt: „Die Kirche ist unfehlbar in ihrer allgemeinen Disziplin.“ Unter diesem Begriff versteht er „die Gesetze und Bräuche, welche zur äußeren Ordnung der Gesamtkirche gehören“, wie z.B. die Liturgie und ihre Rubriken oder die Verwaltung der Sakramente. Wäre die Kirche fähig, in diesen Dingen etwas vorzuschreiben oder auch nur zu dulden, was gegen Glauben oder Moral wäre oder zum Schaden der Kirche oder der Gläubigen sein könnte, so hätte sie ihre kirchliche Sendung verlassen, was unmöglich wäre.
Die Unfehlbarkeit von Disziplinargesetzen
Ferner wird zitiert die Enzyklika „Mirari vos“ von Papst Gregor XVI. mit den Worten: „Es wäre also Unrecht und mit jener Ehrfurcht, mit welcher die Gesetze der Kirche aufzunehmen sind, unvereinbar, wenn jemand in verächtlicher Eigenmächtigkeit die kirchliche Ordnung ablehnend beurteilen wollte, in der die Spendung der Sakramente, das Sittengesetz, die Ordnung des Kirchenrechtes und ihre Dienste enthalten sind; auch, wenn man sagen würde, diese Ordnung würde bestimmten Grundsätzen der Rechte der Schöpfung widersprechen, sei entstellt oder nicht vollkommen und sogar der weltlichen Gewalt unterworfen.“ Schließlich folgt ein Abschnitt von Papst Pius XII., der in „Mystici Corporis“ schreibt: „Ohne Fehl erstrahlt unsere verehrungswürdige Mutter in ihren Sakramenten, durch die sie ihre Kinder gebiert und nährt; im Glauben, den sie jederzeit unversehrt bewahrt; in ihren heiligen Gesetzen, durch die sie alle bindet, und in den evangelischen Räten, zu denen sie ermuntert; endlich in den himmlischen. Gaben und Charismen, durch die sie in unerschöpflicher Fruchtbarkeit (Conc. Vat., Sess. III, Const. de fide cath., Kap. 3) unabsehbare Scharen von Märtyrern, Jungfrauen und Bekennern hervorbringt.“
Daraus ist zweifellos zu entnehmen, daß die Unfehlbarkeit der Kirche sich auf die allgemeinen Gesetze in disziplinarischen Dingen erstreckt. Zwar könne der Papst Entscheidungen auf der Grundlage von Meinungen treffen, die aufgrund ihrer Natur geändert oder aufgehoben werden können. In gewissem Sinn könnte man solche Entscheidungen „falsch“ nennen, aber nicht, wenn es um allgemeine Prinzipien geht oder um Glaubensentscheidungen. Disziplinargesetze sind von Natur aus veränderlich, da sie sich auf konkrete Menschen und Umstände beziehen und daher bisweilen entsprechend angepaßt werden müssen. Denken wir an die Fastenvorschriften der Kirche oder auch an liturgische Anordnungen, die im Laufe der Zeit mehrfach geändert wurden, ohne daß man deswegen sagen kann, sie seien „falsch“ gewesen. Kurzum, ein Papst, der falsche und schädliche Disziplinargesetze erläßt, ist nicht ein „schlechter Papst“, sondern gar kein Papst, weil ein Papst solche Gesetze gar nicht geben könnte. Das unterscheidet den „Heiligen Vater“ wesentlich vom natürlichen Vater, der diese Gabe der Unfehlbarkeit nicht erhalten hat.
Das schlagende Argument gegen „R&R“
Endlich packt „Introibo“ seinerseits ein schlagendes Argument gegen die „R&R-Kerze“ aus: Wenn ihr wirklich Prevost für euren Papst haltet, dann müßt ihr ihm gehorchen! Gemäß den ausgezeichneten Theologen McHugh und Callan gelten folgende Prinzipien für den von Katholiken geschuldeten Gehorsam: Wenngleich viele Lehrsätze der Kirche in der Tat nicht das Merkmal der Unfehlbarkeit tragen, wie z B. „Dekrete der Päpste, die nicht ex cathedra erlassen wurden, Entscheidungen von Kongregationen, auch wenn sie mit päpstlicher Zustimmung getroffen wurden, Lehren von Bischöfen an bestimmte Mitglieder der Kirche, Lehren, die von Katholiken allgemein als theologische Wahrheiten oder bestimmte Schlussfolgerungen angesehen werden“, so fordern diese Dekrete, Entscheidungen usw. zwar nicht die „Zustimmung des katholischen Glaubens“, wohl aber „die sogenannte religiöse Zustimmung, die zwei Dinge umfaßt, nämlich die äußere und die innere Zustimmung“.
Die äußere Zustimmung besteht darin, daß man Stillschweigen bewahrt, auch wenn man berechtigterweise Einwände hat, die man wissenschaftlich untersuchen und der kirchlichen Autorität unterbreiten kann, wenn sie bedeutend genug erscheinen. Die innere Zustimmung umfaßt die Unterwerfung unter das Urteil des von Christus aufgestellten autoritativen Lehrers, welcher den Beistand des Heiligen Geistes genießt. Diese Zustimmung unterscheidet sich insofern von der Glaubenszustimmung, als sie zwar die Furcht vor Irrtum ausschließt, nicht aber die Möglichkeit der Korrektur eines Irrtums.
Religiöse Zustimmung und Respekt
Objekt dieser „religiösen Zustimmung“ sind alle Lehraussagen der Kirche, die nicht unfehlbar sind, aber dennoch offiziell und autoritativ. Dazu gehören etwa die Entscheidungen der päpstlichen Kongregationen und Kommissionen. Überdies schulden wir dem Urteil der Kirche auch Respekt in den Dingen, die sich nicht auf die Lehre beziehen und in welchen sie uns keine Verpflichtung auferlegt, allein weil es die Haltung der Kirche ist und sie eine sorgfältige Prüfung vorgenommen hat. Daher wäre es ehrfurchtslos, beispielsweise einen frommen Glauben zurückzuweisen, welchen die Kirche nach reiflicher Untersuchung für zulässig erklärt hat (wie z.B. an die Echtheit der Erscheinungen von Fatima).
Die „R&R-CC“ wiederholt den alten „traditionalistischen“ Irrtum, daß man dem Papst nur da gehorchen müsse, wo er unfehlbar sei. Wenn der Papst nicht eine bereits in der unfehlbaren Tradition enthaltene Lehre verkünde, könne er jederzeit irren. Es ist dies die Lehre, die Erzbischof Lefebvre, der „Vater“ des modernen „Traditionalismus“ in seinem Buche „Ich klage die Kirche an“ (Editions Saint-Gabriel, Martigny, 1976), wie folgt formulierte: „Das Erkennungsmerkmal der Wahrheit und übrigens auch der Unfehlbarkeit des Papstes und der Kirche ist ihre Übereinstimmung mit der Überlieferung und dem anvertrauten Glaubensgut. ‚Quod ubique, quod semper – Was überall und immer‘ gelehrt wird, im Raum und in der Zeit. Sich von der Überlieferung entfernen heißt, sich von der Kirche entfernen“ (S. 102).
Papst Pius IX. verurteilt in seinem „Syllabus“ folgenden Satz: „Die Verpflichtung, welche katholische Lehrer und Schriftsteller völlig bindet, ist bloß auf dasjenige beschränkt, was durch eine unfehlbare Entscheidung der Kirche als Dogma für alle zu glauben vorgelegt wird“ (Proposition 22). Papst Pius XII. schreibt in „Humani Generis“: „Man darf ebenfalls nicht annehmen, man brauche den Rundschreiben nicht zuzustimmen, weil die Päpste darin nicht ihr höchstes Lehramt ausüben. Sie sind aber doch Äußerungen des ordentlichen Lehramtes, von dem auch das Wort Christi gilt: ‚Wer euch hört, der hört mich’. Sehr häufig gehört das, was die Enzykliken lehren und einschärfen, sonstwie schon zum katholischen Lehrgut. Wenn die Päpste in ihren Akten ein Urteil über eine bislang umstrittene Frage aussprechen, dann ist es für alle klar, daß diese nach der Absicht und dem Willen dieser Päpste nicht mehr der freien Erörterung unterliegen kann.“
Schluß und Fortsetzung
„Introibo“ zieht aus diesem kleinen „Auffrischungskurs“ die Schlußfolgerung, wie deutlich die „R&R“-Position der kirchlichen Lehre über das Papsttum widerspreche und wie unsinnig sie sei. Wer unbedingt wolle, der möge der „Sekte des II. Vatikanums“ beitreten und Prevost als seinem „Papst“ folgen. Ansonsten möge man den „Sedisvakantismus“ anerkennen und hoffen, seine Seele zu retten. Wir werden demnächst eine andere „sedisvakantistische Website“ hier zu Wort kommen lassen, die dasselbe Thema behandelt und eine interessante „Challenge“ für Lefebvristen bietet. Das verspricht interessant zu werden.