Den Irrtümern widerstehen, nicht dem Papst (1/2)

Recognizing And Resisting The Errors Of R&R - Die Irrtümer von R&R erkennen und ihnen widerstehen“. Diese launige Überschrift wählte ein „sedisvakantistischer“ Blog im „Internet“ und wendete damit die Position des „Recognize & Resist (R&R)“ gegen diese selbst. Denn tatsächlich müssen wir diesen Irrtümern widerstehen und nicht dem Papst.

Alte und längst widerlegte „Argumente“

Immer wieder, beginnt der Blog „Introibo ad altare Dei“ seine Ausführungen, sei es nötig, gewisse hartnäckige Irrtümer aufzugreifen, die ihrerseits fortwährend aufs Neue auftauchen, obwohl man sie längst versenkt glaubt. Zu diesen gehört der Irrtum, man könne die „konziliaren Päpste“, angefangen von Roncalli („Johannes XXIII.“) bis hin zu Prevost („Leo XIV.“), als wahre Päpste anerkennen und gleichzeitig darüber entscheiden, ob und wo man ihnen gehorchen oder glauben will und ob und wo nicht. „Catholic Candle“ („Katholische Kerze“) nennt sich eine Tradi-„Site“ im Internet, die dieses Geschäft des „Recognize and Resist“ betreibt und Gläubige stets aufs Neu mit ihren uralten aufgebackenen „Argumenten“ verwirrt.

Es handelt sich um längst und oft widerlegte „Argumente“, die aber jene, die mit der Materie nicht oder noch nicht sehr vertraut sind, durcheinanderzubringen vermögen. Darum will „Introibo“ einige dieser Einwände behandeln, um zu zeigen, daß das „Licht“ dieser „Katholischen Kerze“ nicht von oben, sondern von den „betrügerischen Flammen der Hölle“ stammt. Dabei kann sich der „Blog“ auf seine schon längst geleisteten Arbeiten stützen, die er nur aufzufrischen braucht.

Wesentlich monarchische Gesellschaft

Ein „Interregnum“ von 67 (bald 68) Jahren sei unmöglich; das ist einer der Punkte, den „Catholic Candle“ (im folgenden von „Introibo“ als „CC“ abgekürzt) aufstellt. Die „Sedisvakantisten“, so führt „CC“ aus, behaupteten im allgemeinen, daß Papst Pius XII. bis heute keine Nachfolger gehabt habe. Um den „Widerspruch“ zwischen der „unfehlbaren Lehre“ des „I. Vatikanums“ und ihrer eigenen „falschen Theorie“ zu verschleiern, sprächen sie von diesen 67 Jahren als „päpstliches Interregnum“. „Würde ein Sedisvakantist seine Position jedoch objektiv betrachten, so würde er erkennen, daß die von ihm behaupteten ‚Tatsachen’ kein echtes Interregnum begründen, sondern vielmehr eine Unterbrechung der päpstlichen (monarchischen) Nachfolge“, schreibt „CC“. Zwar beharrten die „Sedisvakantisten“ darauf, daß es irgendwann in der Zukunft wieder einen Papst geben werde. Aber diese Theorie (daß es derzeit keinen Papst gebe, in Zukunft aber einen geben werde) setze eigentlich voraus, daß es (wie Historiker es nennen) zu einer Restauration der (päpstlichen) Monarchie kommen müsse, die unterbrochen worden war.

Darauf antwortet „Introibo“ mit dem Theologen Dorsch: „Die Kirche ist eine wesentlich monarchische Gesellschaft. Das hindert freilich nicht, daß die Kirche nach dem Tod eines Papstes für kurze Zeit oder sogar für mehrere Jahre ihres Hauptes beraubt sein kann (vel etiam per plures annos capite suo destituta manet). Dennoch bleibt auch in diesem Zustand ihre monarchische Struktur intakt.“ Die Kirche sei zwar dann gewissermaßen ein Leib ohne Haupt, doch bleibe ihre monarchische Regierungsform erhalten, wenngleich in veränderter Weise. Die Hinordnung auf die Unterwerfung unter den Primat sei weiterhin vorhanden, wenn auch die aktuelle Unterwerfung nicht möglich sei. Darum sage man richtig, daß der Stuhl Petri bleibe, wenn auch der Inhaber gestorben ist; denn der Stuhl Petri besteht wesentlich in den Rechten des päpstlichen Primats. Diese Rechte sind ein grundlegendes und notwendiges Element der Kirche. Mit ihnen und durch sie lebt der Primat weiter, zumindest moralisch. „Die fortwährende physische Präsenz der Person des Hauptes jedoch (perennitas autem physica personis principis) ist nicht strikt notwendig.“

Fehlinterpretation des Vatikanums

Wir finden in diesem „Argument“ die abgedroschene, von den „Tradis“ immerfort wiedergekäute Fehlinterpretation der Aussage des Vatikanischen Konzils, daß der heilige Petrus in den Päpsten bis zum Ende der Welt „fortwährend Nachfolger“ haben werde. Die „Traditionalisten“ interpretieren das in einer vordergründig primitiven Weise so, daß der päpstliche Thron mehr oder weniger pausenlos besetzt sein müsse; zumindest dürfe keine längere Unterbrechung eintreten, wobei sie nie wirklich präzise angeben können, wie lange die Sedisvakanz sein darf, damit ihre Interpretation des Dogmas nicht gefährdet ist. Sind es Tage, sind es Wochen, sind es Monate, oder können es sogar Jahre sein? Immerhin dauerten nach „Wikipedia“-Angaben alle „sieben längeren Sedisvakanzen … zusammen etwa 16,5 Jahre“. Darunter währte die längste von 404 bis ca. 408 während der diokletianischen Verfolgung gute vier Jahre, die zweitlängste zwischen Clemens IV. und Gregor X. von 1268 und 1271 drei Jahre.

Egal, auf welche willkürliche Anzahl von „zulässigen“ Jahren sich die Tradis festlegen wollten, es bliebe doch bei dem von Dorsch aufgestellten Prinzip, daß nämlich der Stuhl Petri und somit die monarchische Struktur der Kirche erhalten bleibt, auch wenn er gerade nicht besetzt ist. (Ganz anders wäre es, wenn die Kirche ihre Verfassung ändern könnte und wollte, wie die „Konziliare Kirche“ das getan hat. Das wäre beispielsweise der Fall, wenn die „Restkatholiken“ beschließen würden, daß die Kirche fortan von einer Bischofssynode geleitet werde und nicht mehr vom Papst, da wir keinen haben und auch keinen mehr bekommen werden. Dann wäre freilich nicht nur eine „Restitution der Monarchie“ vonnöten, sondern die Kirche überhaupt wäre dahin und müßte neu gegründet werden. Darum ist das vollkommen ausgeschlossen.)

Unvollkommenes Konzil

Allenfalls könnte die „R&R“-Fraktion geltend machen, daß das Interregnum nicht so lange dauern dürfe, bis kein einwandfrei gültiges Kardinalskollegium mehr vorhanden wäre, da es sonst unheilbar wäre und für immer anhielte. Aber erstens wäre eine solche Bedingung schwer festzustellen, zweitens ist, wie wir nicht müde werden zu wiederholen, die Beschränkung des Papstwahlrechts auf die Kardinäle erst zu Beginn des zweiten Jahrtausends als positive Bestimmung eingeführt worden und wurde seither mehrmals unterbrochen. Der berühmteste Fall dürfte die Wahl von Martin V. sein, die auf dem Konzil von Konstanz nach Beendigung des „Großen abendländischen Schismas“ erfolgte, und zwar durch eine Wahlversammlung von fünf „Nationen“, der zwar auch Kardinäle angehörten, die aber in der Minderheit waren. Zudem war die Legitimität der meisten dieser Kardinäle umstritten; nur ein einziger war noch vom zweifelsfrei letzten Papst ernannt worden.

Die Überlegungen der Theologen, wie ein solches Interregnum beendet werden könnte, gehen in der Regel auf ein „unvollkommenes Konzil“, d.h. ein Konzil der Bischöfe ohne Papst (der ja nicht vorhanden ist und erst wieder gewählt werden muß), wie es beim Konzil von Konstanz gewesen ist. Das Problem erscheint uns, daß ein solches „unvollkommenes Konzil“ in der heutigen Situation kaum durchführbar wäre. Zur Zeit des Konzils von Konstanz gab es zwar drei Päpste, und niemand wußte mehr, welcher der richtige war. Aber die ganze Christenheit folgte einem dieser Päpste, jeder von ihnen hatte seine eigene „Obödienz“ mit den entsprechenden Kirchenstrukturen, mit Kardinälen, Bischöfen, Pfarreien etc. Man mußte also nur alle drei Obödienzen irgendwie an einem Tisch versammeln, um auf jeden Fall eine Vertretung der gesamten Kirche beisammen zu haben. Zudem gab es damals in König Sigismund einen christlichen Kaiser, der genügend Autorität besaß und auch das Interesse hatte, diese Versammlung zu bewerkstelligen.

All das fehlt uns heute. Wir können nicht klar benennen bzw. es besteht keine Einigkeit darin, wer überhaupt zur Kirche gehört und wer nicht. Es gibt keine Obödienzen, keine „christlichen Nationen“ und keine eindeutig zu bestimmenden Entitäten, welche die Christenheit repräsentieren. Zwar gibt es viele kleine, kleinste, aber auch größere private Gruppen, die man vielleicht aufzählen könnte. Doch auch nur alle wirklich katholischen Bischöfe zu identifizieren und an einem Tisch zu versammeln, ist eine Herkules- oder Sisyphus-Aufgabe, und wir kennen niemanden, der diese auch nur versuchen könnte. Es gibt keine übergeordnete Autorität, keinen christlichen Kaiser, keinen Heiligen oder gottgesandten Propheten, der dieses Wunder zuwege brächte. Somit können wir zwar viel spekulieren, ohne daß uns das aber irgendwie weiter brächte. Nach unserer Meinung ist allein Gott in der Lage, auf irgendeine Weise das Blatt zu wenden. Wir können dazu nur beitragen, indem wir beten und uns bemühen, gute Katholiken zu sein, vor allem aber alle Sondermeinungen und -bestrebungen meiden, uns von einem sektiererischen und partikularistischen Geist fernhalten und stattdessen mit großer Liebe und Sehnsucht an unserer heiligen, katholischen Kirche hängen und am Heiligen Vater, den wir ersehnen und dem freudig zu unterwerfen wir uns bereit halten.

Die wirkliche Lehre des Vatikanums

Richtig ist, und das wird von der „R&R“-Fraktion ad nauseam zitiert, daß das Vatikanische Konzil im Jahre 1870 unfehlbar lehrte, daß das Papsttum bis zum Ende der Zeiten fortbestehen werde. Das Konzil hat aber nicht gelehrt, daß es zu jeder Zeit einen lebendigen Papst auf dem Thron Petri geben werde, wie die „Traditionalisten“ das gerne interpretieren. Diese irrige Lesart ist allein dadurch widerlegt, daß eine vorübergehende Sedisvakanz, während welcher der Stuhl Petri unbesetzt ist, eine normale und sich ständig wiederholende Erscheinung im Lauf des kirchlichen Lebens ist, die immer dann notwendig eintritt, wenn ein Papst stirbt und ein neuer gewählt werden muß. Natürlich wenden die „R&R“-Verteidiger hier ein, daß eine Sedisvakanz von einigen Tagen, Wochen oder sogar Monaten keine nennenswerte Unterbrechung der Sukzession sei, wohl aber, wenn diese viele Jahre oder Jahrzehnte anhielte. Das ist ja gerade das gerade in Rede stehende „Argument“ (s.o.).

Doch ist auch ein längeres oder sehr langes Interregnum keineswegs unvereinbar mit der Lehre des Vatikanums von den „fortwährenden Nachfolgern“ Petri. Es ist offensichtlich, daß es keinen wesentlichen Widerspruch gibt zwischen der Fortdauer der Sukzession und einer Sedisvakanz, denn sonst würde eine jede solche die Sukzession unterbrechen. Die Frage der Zeitdauer einer Sedisvakanz ist hierbei unerheblich und wurde auch nie von den Theologen diskutiert. Nie wurden irgendwelche zeitlichen Grenzen debattiert, ab wann eine Sedisvakanz die Sukzession unterbreche oder nicht. Übrigens wird von vielen auch das Große Abendländische Schisma, das immerhin gut vierzig Jahre währte, als eine Art Sedisvakanz gewertet, weil in dieser Zeit keine Klarheit darüber bestand, wer wirklich Papst war, und man nach dem Grundsatz „papa dubius papa nullus“ folgern mußte, daß zumindest de facto kein Papst da war, d.h. kein universaler oberster Hirte, dem die ganze Christenheit gefolgt wäre.

Worin sich freilich alle einig waren, das war die Sorge über die überaus unguten, ja verheerenden Folgen eines länger anhaltenden Interregnums, die man ja aus der Geschichte kannte und die wir heute in unüberbietbarer Schärfe und Grausamkeit erleben. Darum insistierten alle katholischen Theologen und Autoritäten, allen voran die Päpste, auf einer möglichst schnellen Wiederbesetzung des päpstlichen Stuhles und unternahmen alle Bemühungen, diese zu sichern. Nur die Feinde der Kirche und des Papsttums freuten sich und versuchten, das Interregnum zu verlängern oder es auszunutzen, um einen der Ihren als Gegenpapst zu installieren. Heute bekümmert sich kaum jemand über das nun schon 67 Jahre während Interregnum. Die allermeisten nehmen es gar nicht zur Kenntnis, sondern akzeptieren die „Konziliaren“ Gegenpäpste und sind damit zufrieden, zumal sie sich längst vom Gehorsam gegen den Nachfolger Petri dispensiert haben und im Grunde Protestanten geworden sind. Und auch die wenigen, die zur Erkenntnis der papstlosen Zeit gelangt sind, haben sich zumeist behaglich darin eingerichtet und fühlen kaum den Wunsch, daran etwas zu ändern.

Auch ein lange ausgedehntes Interregnum „nicht unmöglich“

Introibo“ beruft sich auf den Theologen Edmund James O’Reilly, einen Priester und Jesuiten, der von 1811 bis 1878 lebte, als Theologieprofessor an der „Catholic University of Ireland“ in Dublin lehrte und in hohem Ansehen stand, sodaß er von den Bischöfen und Priestern Irlands in theologischen Fragen regelmäßig als Autorität konsultiert wurde. Dieser Pater O’Reilly veröffentlichte im Jahr 1892 ein Buch mit dem Titel „The Relations of the Church to Society“. Darin ging er auf das große „abendländische Schisma“ ein und bemerkte dazu: „Wenn dieses Schisma nicht eingetreten wäre, würde die Hypothese, daß so etwas geschehen könnte, vielen phantastisch erscheinen. Sie würden sagen, so etwas könne nicht sein. Gott würde nicht zulassen, daß seine Kirche in so eine unglückliche Situation gerate.“ Häresien könnten entstehen und sich ausbreiten und sich quälend lange halten. „Aber daß die wahre Kirche dreißig oder vierzig Jahre ohne ein eindeutig erkennbares Haupt und Stellvertreter Christi auf Erden wäre, das könne nicht sein. Und doch ist es so gewesen, und wir haben keine Garantie, daß es nicht wieder geschehen kann, auch wenn wir es uns sehnlichst anders wünschen.“

Er fuhr fort: „Aber wir oder unsere Nachfolger in künftigen christlichen Generationen werden vielleicht noch befremdlichere Übel sehen als die bereits erfahrenen, auch noch vor dem unmittelbaren Nahen der großen Auflösung aller irdischen Dinge, welche dem Tage des Gerichtes vorausgehen wird. Ich will mich nicht als Prophet aufspielen oder vorgeben, außergewöhnliche Dinge zu sehen, von denen ich keinerlei Ahnung habe. Alles was ich sagen will ist dies, daß das Unvorhergesehene in bezug auf die Kirche, das nicht durch die göttliche Verheißung ausgeschlossen ist, nicht als praktisch unmöglich betrachtet werde_n kann, nur weil es schrecklich und in sehr hohem Maße schmerzlich wäre.“ Zwar geht Fr. O‘Reilly davon aus, daß während der ganzen Zeit des großen Schismas ein Papst vorhanden war, gibt aber zu bedenken, daß auch _„ein die ganze Periode anhaltendes Interregnum nicht unmöglich oder mit den Verheißungen Christi unvereinbar gewesen wäre“.

Zweifellos sind wir dem „Tage des Gerichtes“ mittlerweile deutlich näher gerückt, und es geschehen viele apokalyptische „außergewöhnliche Dinge“, die „schrecklich und in sehr hohem Maße schmerzlich“ sind. Fr. E. Sylvester Berry spricht in seiner Auslegung der Apokalypse des heiligen Johannes von einem „Interregnum“, während welchem der „Sohn des Verderbens“ sich in seiner Raserei gegen die Kirche offenbaren wird. Er fügt hinzu: „Es ist eine geschichtliche Tatsache, daß die katastrophalsten Perioden für die Kirche jene waren, in welchen der päpstliche Stuhl vakant war oder als Gegenpäpste mit dem legitimen Haupt der Kirche wetteiferten. So wird es auch in jenen bösen Tagen sein, die kommen werden.“ Auch andere Exegeten wie Herman Bernard Kramer (The Book of Destiny 1956) gehen in ihrer Auslegung der Apokalypse im 12. Kapitel von einem „ausgedehnten Interregnum“ aus, d.h. von einer längeren Vakanz des päpstlichen Stuhles, welche mit dem Antichristen in Verbindung gebracht wird. Mag die Situation auch apokalyptisch sein, so steht doch die theologische Tatsache fest, daß auch ein länger andauerndes Interregnum nicht die Verheißung Christi unwirksam macht und daß es die monarchische Konstitution Seiner Kirche nicht berührt.

Fortsetzung folgt