Martin Grichting, Jahrgang 1967, ist „Kirchenrechtler“ und war „Generalvikar“ der Diözese Chur, bis deren „erzkonservativer“ Bischof Huonder seinen Rücktritt erklärte – womit auch das Amt des „Generalvikars“ erlosch – und bei der „Piusbruderschaft“ in Austrag ging, wo er verstarb und seine letzte Ruhestätte Seit’ an Seit’ mit dem „Pius“-Idol Erzbischof Lefebvre fand. Obwohl Herr Grichting noch einige Ehrenposten bekleidet, scheint er seit seiner Versetzung in den Ruhestand nicht ausgefüllt zu sein und schreibt viele „Gastkommentare“, bevorzugt bei „kath.net“.
Lord Acton und Ignaz von Döllinger
Unlängst erschien dort sein Beitrag: „Nur päpstliche Kohärenz kann die Verletzungen der kirchlichen Einheit heilen“, der recht interessante Einblicke in die Mentalität der „TradiKons“ bietet. Er beginnt gleich mit einem Zitat des „katholischen Liberalen Lord Acton (1834–1902)“, der ein Schüler und enger Vertrauter des exkommunizierten Kirchenhistorikers Ignaz von Döllinger (1799-1890) war. Döllinger war ein entschiedener Gegner der Unfehlbarkeit des Papstes und kann der „Vater“ des „Altkatholizismus“ genannt werden kann. Über Lord Acton berichtet „Wikipedia“: „Wie Ignaz von Döllinger wandte sich Dalberg-Acton gegen die Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit. Berühmt geworden ist Actons in diesem Zusammenhang gemachter Ausspruch: ‚Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut‘ (‚Power tends to corrupt, and absolute power corrupts absolutely’), in Großbritannien auch als ‚Lord Acton’s dictum‘ bekannt.“ Er nahm allerdings einen anderen Ausgang als sein Meister Döllinger: „Nachdem die Unfehlbarkeit jedoch auf dem Ersten Vatikanischen Konzil verkündet worden war, verließ er die katholische Kirche nicht, während Ignaz von Döllinger exkommuniziert wurde“ (ebd.).
Das ändert nichts an der Berühmtheit seines „Dictums“, und genau dieses „Dictum“ benützt Grichting als „Aufmacher“ seines wohl „reißerisch“ gedachten Artikels. Er zeigt damit vor allem von Anfang an, in welcher „Tradition“ er – wie alle modernen „Traditionalisten“ – sich bewegt: in der des „liberalen Katholizismus“ und des „Altkatholizismus“. Das Thema ist angeschlagen. „Macht“ also „korrumpiert“, und „absolute Macht korrumpiert absolut“. Aus diesem ganz und gar liberalen Grundsatz haben laut Grichting die „Demokratien“ den (ebenso liberalen) „Schluss gezogen, dass man der Macht misstrauen und dass sie begrenzt werden muss“. Genau das ist auch die Haltung der „Tradis“ gegenüber ihrem Papst, weshalb sie ständig bemüht sind, die „Grenzen“ seiner Macht und seiner Unfehlbarkeit – die sie nicht direkt zu leugnen wagen – aufzuzeigen und sie möglichst eng zu ziehen. (Am liebsten würden sie auch noch die Allmacht Gottes „begrenzen“.)
„Absolute Macht“, das Trauma der „Traditionalisten“
Denn während in den „Demokratien“ die Macht „unter anderem gebrochen“ wird „durch die Anerkennung der Grundrechte, durch die Gewaltenteilung (Legislative, Exekutive, Judikative)“, etc. – und „selbst dies bändigt sie nicht immer ausreichend“, wie Grichting wohl in noch allzu Erinnerung an die „Corona“-Zeit zugeben muß – so ist in der Kirche „das Machtproblem noch akuter“, denn „all die erwähnten Mittel zur Fragmentierung der Macht existieren dort nicht“. Zweifellos ein Versäumnis ihres göttlichen Stifters, der im Gegensatz zu Lord Acton noch nicht erkannt hatte, wie sehr „absolute Macht“ „korrumpiert“. In der Kirche, so weiß Herr Grichting als „Kirchenrechtler“, gelte vielmehr, daß der Papst „kraft seines Amtes in der Kirche über höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt“ verfügt, wie auch das „neue Kirchenrecht“ in seinem c. 331 noch bestimmt.
„Der Papst besitzt also die absolute Macht“, stellt Grichting zu unserem großen Entsetzen fest und stellt die bange Frage: „Korrumpiert somit in der Kirche absolute Macht absolut?“ Und tatsächlich: „Wenn man die Kirche bloss mit menschlichen Augen betrachtet, müsste man sagen: Ja, das ist so.“ Furchtbar! Ist es nicht grauenhaft! Das absolute Trauma der „Traditionalisten“! Doch schon kommt der Trost für uns: „Aber mit den Augen des Glaubens betrachtet, trifft dies nicht zu.“ Wie das? Wie wir erfahren, existiert nämlich „ein einziges ‚Instrument’ zur Begrenzung der päpstlichen Allmacht“, und zwar ist das „der unbedingte Gehorsam gegenüber der Heiligen Überlieferung und der Heiligen Schrift, zu welcher der Papst in seinem Gewissen verpflichtet ist“. Und nur „weil die Kirche als ganze und der Papst im Besonderen durch diese Begrenzung von Macht gebunden sind, ist es möglich, dass in ihr einem Menschen absolute Macht anvertraut ist“.
Das Charisma der Unfehlbarkeit
Wenn wir das recht verstehen, dann ist also keine Macht der Welt außer dem Papst an die Vorgaben Gottes gebunden. Der Papst als einziger ist zum „unbedingten Gehorsam gegenüber der Heiligen Überlieferung und der Heiligen Schrift“ verpflichtet, und darum kann man ihm allein „absolute Macht“ anvertrauen. Das ist eine kuriose Vorstellung. Die Kirche hat den Fürsten zu allen Zeiten gepredigt, daß sie keine „absoluten Monarchen“ sind, sondern ihre Autorität nur von Gott haben, dem sie im Gewissen zu „unbedingtem Gehorsam“ verpflichtet sind. Sie sind nicht anders als ihre Untertanen gehalten, das Gesetz Gottes zu beobachten, wie wir es im Naturrecht, aber auch – vor allem für katholische Fürsten – in der „Heiligen Überlieferung und der Heiligen Schrift“ vorfinden. Dieses Gesetz alle Völker zu lehren, zu bewahren und zu verteidigen, auch gegen die Fürsten, ist Aufgabe der Kirche und vornehmlich des Papstes, der deswegen eine besondere Gabe von Gott erhalten hat, die wir die Unfehlbarkeit nennen.
„Diese Gnadengabe der Wahrheit und des nie versagenden Glaubens wurde also dem Petrus und seinen Nachfolgern auf diesem Stuhle von Gott verliehen, damit sie ihr erhabenes Amt zum Heile aller [!] ausübten, damit die gesamte Herde Christi durch sie von der giftigen Speise des Irrtums ferngehalten und mit der Nahrung der himmlischen Lehre ernährt werde, damit durch Aufhebung (jeder) Gelegenheit zur Spaltung die ganze Kirche einig erhalten werde und, auf ihre Fundamente gestützt, sicher gegen die Pforten der Unterwelt bestehe“ (DH 3071). So lehrt uns das Vatikanische Konzil (1870) in seiner Konstitution „Pastor aeternus“. Nicht weil der Papst als einziger zum „unbedingten Gehorsam gegenüber der Heiligen Überlieferung und der Heiligen Schrift“ verpflichtet ist, sondern weil er das hier definierte „Charisma“ („Gnadengabe“) genießt, hat Christus ihm die „absolute Macht“ über Seine Schafe anvertraut: „Weide meine Schafe, weide meine Lämmer“.
„Vertrauen“ statt Glaube
An dieses „Charisma“ der Unfehlbarkeit aber glauben die Liberalen im Gefolge von Acton und Döllinger nicht, und zu ihnen gehören auch ihre heutigen Erben. Sie ersetzen es deswegen durch den „unbedingten Gehorsam gegenüber der Heiligen Überlieferung und der Heiligen Schrift“, weswegen wir sie auch „Traditionalisten“ heißen. (Würden sie nur die „Heilige Schrift“ nennen, dann wären sie schlicht Protestanten.) Für sie gilt daher: „Das Misstrauen gegenüber der Macht wird somit in der Kirche dadurch überwunden, dass die Gläubigen das Vertrauen darin haben, dass sich der Papst durch den unbedingten Glaubensgehorsam bei der Ausübung seiner an sich unbegrenzten Macht gebunden weiss.“ Nicht der Glaube an die päpstliche Unfehlbarkeit, sondern dieses näher nicht begründete „Vertrauen“ gibt diesen armen Leuten, die grundsätzlich von „Misstrauen gegenüber der Macht“ geprägt sind, ihren Halt. Was aber, wenn ihr „Papst“ diesem in ihn gesetzten „Vertrauen“ nicht entspricht?
Und tatsächlich: „Dieses Vertrauen wurde in der Kirche erschüttert, bei vielen ist es zerstört.“ Das eben ist das Problem, wenn man den übernatürlichen Glauben durch ein irrationales „Vertrauen“ ersetzt (wie es übrigens auch im Protestantismus geschah). Der Glaube steht fest, weil er sich auf Gott stützt, ein auf Menschen gesetztes „Vertrauen“ kann „erschüttert“ oder gar „zerstört“ werden. Grichting zählt eine ganze Litanei von Schandtaten und Versäumnissen des „Papst Franziskus“ und seiner Leute auf, die dies bewirkt hätten. Daß der Fehler nicht bei „Franziskus“ und Konsorten, sondern bei den liberalen „Traditionalisten“ selber liegen könnte, weil sie ihr Vertrauen nicht auf Gott, sondern auf Menschen gesetzt haben, auf die Idee kommt er nicht. Aber heißt es nicht im Psalm: „Bonum est confidere in Domino, quam confidere in homine: Bonum est sperare in Domino, quam sperare in principibus“ - „Besser ist es, auf den Herrn zu vertrauen als sich auf Menschen zu verlassen. Besser ist es, auf den Herrn zu hoffen als auf Fürsten seine Hoffnung zu setzen“ (Ps 117, 8-9)?
Glaubensverlust
Nach bewährter „Traditionalisten“-Manier beklagt der „Kirchenrechtler“ die „Ungerechtigkeit“, mit welcher diese im Gegensatz zu den üblen „Modernisten“ behandelt werden. Denn während die Tradi-„Gläubigen“ in den „Untergrund oder zur Piusbruderschaft gedrängt“ werden, deren „Existenz man dann bedauert“, läßt „der Papst“ „deutsche Bischöfe“, die „seit Jahren mit ihrem ‚Synodalen Weg‘ die sakramentale Ordnung der Kirche unterminieren und die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare institutionalisieren“, „gewähren“. „Man habe mit ihnen gesprochen, heisst es. Die Piusbruderschaft aber wird mit Hilfe der absoluten päpstlichen Macht mit der Exkommunikation bedroht.“ Wirklich! So eine Gemeinheit! Allein mit dieser Kritik an seinem „Papst“ hätte sich Grichting einen ordentlichen Rüffler von „Rom“ verdient. Doch seine Vorwürfe gehen noch weiter: „Der Papst missachtet die Dogmatische Konstitution ‚Lumen Gentium‘ (Nr. 21) betreffend das Weihesakrament und fordert die Annahme der Liturgiekonstitution. Beides sind Dokumente desselben Konzils.“ Er, der kleine „Kirchenrechtler“, weiß natürlich viel besser als sein „Papst“, was im „II. Vatikanum“ steht und wie es zu interpretieren und anzuwenden ist. Das ist exakt das Erbe von Döllinger und Acton. Für ihn aber ist es der Beleg, daß diese „Doppelstandards“ das „Vertrauen von vielen Gläubigen“ „zerstören“. (Allzu viel „Vertrauen“ wird da nicht mehr zu „zerstören“ sein.)
In diesem Horizont sind laut Grichting auch die bevorstehenden „Pius“-Weihen zu sehen. Dem Herrn „Kirchenrechtler“ steht fest: „Die Ankündigung der Piusbruderschaft, auf eigene Faust Bischöfe zu weihen, ist der Ausdruck eines Vertrauensverlusts in den Papst.“ Nein, keineswegs. Sie ist nicht „Ausdruck eines Vertrauensverlusts in den Papst“, sondern Ausdruck des Verlustes des Glaubens an die Kirche, an das Felsenamt Petri und die päpstliche Unfehlbarkeit. „Und das Verständnis für diesen Akt, der weit über die Anhänger der Bruderschaft hinausgeht, zeigt, dass das Vertrauen bei vielen dem Misstrauen gewichen ist.“ Es zeigt vor allem, daß niemand oder kaum jemand mehr wirklich an die Kirche glaubt, die wir im „Credo“ bekennen: „Credo unam, sanctam, catholicam et apostolicam Ecclesiam.“
Drohungen und Exkommunikationen
„Zu viel ist geschehen“, bedauert Herr Grichting, und die Folgen seien „verheerend“. „Denn immer mehr Gläubige erkennen, dass die kirchliche Lehre keine Grenze mehr ist für kirchenpolitisch motiviertes Handeln der Hierarchie.“ Wenn es „Gläubige“ gibt, die das „erkennen“, dann sollten sie vor allem einsehen, daß so etwas nicht die kirchliche „Hierarchie“ sein kann. Das sei „die Krankheit, an der Kirche tatsächlich leidet“, fährt Grichting fort. „Kirche leidet“ also. Ist das eine Diagnose, die grundsätzlich für „Kirche“ gilt, egal für welche „Kirche“? Also unsere, die wahre römisch-katholische Kirche leidet nicht unter dieser „Krankheit“. Die „Konziliare Kirche“ vielleicht, aber die geht uns ja nichts an.
Grichting als Heilkundiger vermag nicht nur die Diagnose zu stellen, sondern kann auch über die Therapie Auskunft geben, denn er weiß, daß diese „Krankheit“ „nicht geheilt werden“ kann, „indem die päpstliche Allmacht mittels von Drohungen und Exkommunikationen ausgelebt wird“. Das ist nun wirklich lustig, denn das Letzte, was in der „Konziliaren Kirche“ zu beobachten ist, ist eine „päpstliche Allmacht“, die „mittels von Drohungen und Exkommunikationen ausgelebt wird“. Es wäre einmal interessant, eine Statistik zu sehen, wie oft in den letzten Jahrzehnten eine „Exkommunikation“ angedroht oder ausgesprochen wurde. Da dürften kaum ein paar Dutzend zusammenkommen. Und so was nennt sich „ausleben“! Die „Exkommunikation“, welche die „Piusbrüder“ neuerlich „bedroht“, ist nicht das Werk ihres „Papstes“, sondern ihr eigenes. Denn sie selber sind es, die sich diese Exkommunikation „latae sententiae“ zuziehen, weil sie ihr Schisma „ausleben“, und das nicht aufgrund einer „Drohung“ von „Papst Leo“, sondern aufgrund einer Bestimmung des Kirchenrechts, die auf Papst Pius XII. zurückgeht. Ein „Kirchenrechtler“ sollte hier präzise sein.
Parteimann
Grichting aber hat den „Kirchenrechtler“ längst abgelegt. Hier spricht nur noch der Parteimann, der Ideologe, der „Traditionalist“. So phantasiert er: „Denn wenn die ungebändigte Macht des Stärkeren in der Kirche ausschlaggebend ist, gibt es auch dort nur eine Schlussfolgerung: Man muss diese Macht zu [sic!] begrenzen.“ Man merkt die Aufregung an den sich häufenden Tippfehlern. Wobei wir das mit der „ungebändigte(n) Macht des Stärkeren in der Kirche“ sehr komisch finden, wenn man es auf die „Konziliaren Päpste“ anwendet, deren Wort und Stellung in der Tat immer schwächer geworden ist. Wer hört denn noch auf sie? Nicht einmal die „TradiKons“! Richtig ist, daß in liberalen Systemen immer die „Macht des Stärkeren … ausschlaggebend“ ist. Das ist in „unserer Demokratie“ nicht anders, und auch die „Konziliare Kirche“ ist ein liberales System. Die Frage ist nur, wer dieser „Stärkere“ ist. Die „konziliaren Päpste“ sind es sicher nicht, es sei denn, sie haben die richtige „Partei“ hinter sich.
So kommt der Parteimann Grichting aufgrund seiner Ideologie zu dem Schluß: „Die Weihe von Bischöfen gegen den Willen des Papstes ist letztlich der – zweifellos problematische – Versuch, die päpstliche Allmacht zu begrenzen, wenn deren Grenze nicht mehr die kirchliche Lehre ist.“ Da meldet sich noch einmal kurz der „Kirchenrechtler“, der immerhin das „Problematische“ daran bemerkt. Ansonsten spricht weiterhin der Nachfolger der „katholischen Liberalen“ und „Altkatholiken“, deren höchstes Bestreben es immer gewesen ist, „die päpstliche Allmacht zu begrenzen“, und der reine „Traditionalist“, der diese Begrenzung in der „kirchlichen Lehre“, sprich der „Tradition“ – die natürlich er selber bestimmt – orten will. Aus dieser seiner dem „Papst“ überlegenen Position – denn er kennt die „kirchliche Lehre“, der „Papst“ kennt sie nicht – gibt er die mit einer sublimen Drohung (wer droht hier wem?) verbundene Anweisung: „Wenn es nicht zu weiteren Begrenzungen der päpstlichen Allmacht durch Schismen kommen soll, gibt es nur einen Weg: Der Papst muss die Verletzungen der kirchlichen Lehre heilen.“ Ja, er, der „Kirchenrechtler“, kann seinem „Papst“ kompetent sagen:_ „Nur so kann er dem Misstrauen begegnen und das Vertrauen wieder herstellen. Mit Diktaten, Drohungen und doppelten Standards wir ihm das nicht gelingen.“_ Wir hoffen, „Papst Leo“ läßt sich das eine Lehre sein!
Heilkundiger
Die „Piusbruderschaft“ sei „nicht die Krankheit, sondern das Symptom“, stellt unser Heilkundiger sachkundig fest. Man könne „dieses Symptom“ nicht „mit der Exkommunikation bekämpfen“ auch wenn die „päpstliche Allmacht“ [wie sehr ihn diese doch zu stören scheint] dies „zweifellos rechtlich“ zulasse [bedauerlicherweise, solange sie nicht anderweitig „begrenzt“ wird nach dem Vorbild der modernen „Demokratien“]. „Aber die Krankheit wird dadurch nicht geheilt“, weiß unser Arzt und wechselt in den Ton eines Propheten: „Sie wird weiter schwären und den Leib Christi, die Kirche, spalten und schwächen.“ O Weh! O Leid! O Schmerz! Wobei Herr Grichting mit diesem „Leib Christi“ – blasphemischer Weise – die „Konziliare“ Afterkirche meint und es uns herzlich egal sein kann, wie „gespalten“ oder „geschwächt“ diese wird.
Immerhin ist er bereit zuzugeben: „Der Papst hat den Schlüssel dazu, die Krankheit zu heilen.“ Ah ja, soviel „Schlüsselgewalt“ läßt man ihm noch. Aber wie er seine „Schlüssel“ gebraucht, das muß er sich von seinem Arzt und Lehrmeister sagen lassen: „Er muss ihn benützen und kann das Problem nicht aussitzen. Denn auch nicht zu regieren bedeutet, zu regieren. Das ist auch eine Konsequenz, die sich aus der päpstlichen Allmacht ergibt.“ „Päpstliche Allmacht“ hin oder her, das eigentliche Sagen haben die „Traditionalisten“, oder vielmehr sie hätten es gerne. Und gerade das wurmt sie, daß es nicht so ist. Es wundert uns allerdings ein wenig, daß „kath.net“ neuerdings auf ihre Seite gewechselt zu sein scheint, das sich doch sonst immer noch, und bei „Leo“ wieder verstärkt, um „Papsttreue“ bemüht.
Kommentare zum Kommentar
Unter den Kommentaren zum „Gastkommentar“ fanden sich ein paar wenige beachtenswerte Stimmen. Darunter als die vielleicht „katholischste“ die von „Richelius“, welcher schrieb: „Wenn der Autor Recht hätte, dann hätte Christus seine Kirche belogen, denn er versprach ihr sowohl, dass er immer bei uns sein werde, als auch, dass die Pforten der Hölle sie niemals überwältigen würden.“ Das ist vollkommen zutreffend und zeigt, daß die „Kirche“ des Herrn Grichting offensichtlich nicht die Kirche Jesu Christi ist. „Parcival“ spricht in gelehrtem Latein die Warnung aus: „Initium schismatis est inobedientia“. Das heißt verdeutscht so viel wie: „Ungehorsam ist allen Schismas Anfang.“ Tatsächlich ist es nicht der Anfang, sondern geradezu das Wesen des Schisma, dem Papst ungehorsam zu sein. Wir erinnern an die Ausführungen eines anderen, wahrhaft kompetenten Kirchenrechtlers, der darauf hinwies, daß ein Schisma nicht darin bestehe, die Autorität des römischen Pontifex zu leugnen, sondern genau darin, hartnäckig die Unterwerfung unter dieselbe zu verweigern.
„Parcival“ erklärt: „Wenn die Pius-Bruderschaft diesen Weg fortsetzt, besteht die reale Gefahr, dass sie sich schrittweise zu einer eigenständigen kirchlichen Parallelstruktur entwickelt.“ Diese „Parallalstruktur“ hat sie längst „entwickelt“, und nun geht es um deren Festigung und Absicherung. Interessant sind seine folgenden Beobachtungen: „Solche Entwicklungen begannen nie mit einer offenen Lossagung von der Kirche, sondern mit der Überzeugung, die rechtmäßige kirchliche Autorität erfülle ihre Sendung nicht mehr zuverlässig und außerordentliche Maßnahmen seien notwendig, um den wahren Glauben zu bewahren.“ Das ist richtig. „Parcival“ findet „dieses Muster“ in der „Kirchengeschichte immer wieder“. „Gruppen, die zunächst nur die Tradition schützen wollten, gelangten mit der Zeit zu der Überzeugung, nur noch sie selbst repräsentierten die authentische Kirche.“ Die „Palmarianische Kirche“ ist für ihn ein „besonders drastisches Beispiel, das mit einer vollständig separaten Struktur mit eigenem Papst, Hierarchie und Lehrsystem endete“. Freilich war dieser Fall etwas anders gelagert, aber gewisse Parallelen sind durchaus vorhanden (vgl. Zeitschrift „Antimodernist“ Nr. 44-47). Die „innere Logik“ sei „stets dieselbe: Wird die sichtbare Kirche als unzuverlässig angesehen, verlagert sich die Autorität schrittweise auf die eigene Gemeinschaft“.
Ekklesiologischer Irrtum
In einem anderen Kommentar analysiert derselbe „Parcival“: „Der Artikel beschreibt reale Missstände in der Kirche, zieht daraus jedoch einen unzutreffenden Schluss. Auch gravierende Inkohärenzen im kirchlichen Handeln suspendieren weder die göttliche Verfassung der Kirche noch die Pflicht zum Gehorsam gegenüber ihrer rechtmäßigen Autorität.“ Ganz recht. Wenn es nur um „Mißstände in der Kirche“ geht, mögen diese noch so gravierend sein, ist das keine Entschuldigung. „Unerlaubte Bischofsweihen sind kein legitimes Korrektiv kirchlicher Fehlentwicklungen, sondern ein Akt objektiven Ungehorsams.“ So ist es. Wenn es wirklich „kirchliche Fehlentwicklungen“ gibt, dann ist es gerade Sache der Hierarchie, diese zu beseitigen. Die „Piusbruderschaft“ wiederhole damit „einen ekklesiologischen Grundirrtum: die Annahme, die Kirche bedürfe zu ihrer Bewahrung außerordentlicher menschlicher Maßnahmen jenseits der von Christus eingesetzten Ordnung“.
Das ist das, was Abbé Jaquemin, der veritable Kirchenrechtler, „Substitutions-Ekklesiologie“ genannt hatte. „Wer die Krise der Kirche zur Rechtfertigung eigenmächtigen Handelns heranzieht, behandelt die Kirche nicht mehr als göttliche Stiftung, sondern als ein menschliches Projekt, das durch eigene Initiative gerettet werden müsse“, statuiert „Parcival“ vollkommen korrekt. Man müßte schon zugeben, daß diese „Kirche“, die da in einer „Krise“ steckt, tatsächlich keine „göttliche Stiftung“ ist, sondern ein „menschliches Projekt“. Eine „Menschenmachwerkskirche“ eben, wie A.K. Emmerich sie genannt hat. Gerade das wollen die „Piusbrüder“ nicht und die „Traditionalisten“ nicht. Darum kommen sie aus dem Schisma-Vorwurf nicht heraus, und auch nicht aus ihrem Trauma von der „päpstlichen Allmacht“.