„Letzthin ist mir aufgefallen, dass der kleine Satz: «Ich glaube» für sehr unterschiedliche Sachverhalte stehen kann.“ Diese erstaunliche Einsicht war einem gewissen Stefan Fleischer gekommen, und sie war ihm so wichtig, daß er gleich einen Artikel darüber bei „kath.net“ eingestellt hat unter dem Titel „Ich glaube, dass ich glaube“. Spät genug ist ihm das aufgefallen, denn wir vermuten stark, daß er kein Jugendlicher mehr ist und sicherlich schon länger als „Katholik“ unterwegs.
Wie genau sieht seine bahnbrechende neue Erkenntnis denn aus? „Wenn ich sage: «Ich glaube, dass das Thema Glauben auf Interesse stossen könnte», so heisst das, dass ich mir dies vorstellen kann, oder auch, dass ich davon ausgehe. Wenn ich jedoch sage: «Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde» so erkläre ich damit, dass ich davon überzeugt bin, oder auch, dass dies zu meiner Weltanschauung, meiner Religion gehört, dass es dementsprechend für mich die absolute Wahrheit ist. Zwischen «nicht auszuschliessen» und «nicht zu leugnen» können also alle Stufen der Erkenntnis damit umschrieben werden.“ Das sind in der Tat sehr tiefschürfende erkenntnistheoretische Einblicke. Wobei der Subjektivismus bereits eingearbeitet ist und die „absolute Wahrheit“ relativiert. Denn was „für mich die absolute Wahrheit“ ist, muß es für jemand anderen ja nicht sein, also ist es keine wirklich „absolute Wahrheit“.
Die Definition von Glauben
Ein simpler Blick in den Duden hätte gereicht, ihm zu verraten, daß „glauben“ mehrere Bedeutungen hat: „1. a) für möglich und wahrscheinlich halten, annehmen; meinen; b) fälschlich glauben, für jemanden oder etwas halten; wähnen; 2. a) für wahr, richtig, glaubwürdig halten; gefühlsmäßig von der Richtigkeit einer Sache oder einer Aussage überzeugt sein; b) jemandem, einer Sache vertrauen, sich auf jemanden, etwas verlassen; 3. a) vom Glauben (2a) erfüllt sein, gläubig sein; b) in seinem Glauben (2a) von der Existenz einer Person oder Sache überzeugt sein, etwas für wahr, wirklich halten“. Hätte er dann noch den Katechismus aufgeschlagen, so hätte er erfahren, was die katholische Kirche seit jeher unter Glauben versteht: „Was ist der Glaube? Der Glaube ist eine übernatürliche, in unsere Seele eingegossene Tugend, durch welche wir, gestützt auf die Autorität Gottes, glauben, daß alles wahr ist, was er geoffenbart hat und uns durch die Kirche zu glauben vorstellt“ (Kompendium des hl. Pius X., Nr. 290).
Das Vatikanische Konzil gibt in seiner dogmatischen Konstitution „Dei Filius“ vom 24. April 1870 , Kap. 3, folgende Definition: „Dieser Glaube aber, der der Anfang des menschlichen Heiles ist, ist nach dem Bekenntnis der katholischen Kirche eine übernatürliche Tugend, durch die wir mit Unterstützung und Hilfe der Gnade Gottes glauben, daß das von ihm Geoffenbarte wahr ist, nicht (etwa) wegen der vom natürlichen Licht der Vernunft durchschauten inneren Wahrheit der Dinge, sondern wegen der Autorität des offenbarenden Gottes selbst, der weder sich täuschen noch (andere) täuschen kann“ (DH 3008). Das kräftigste Beispiel dafür ist das „Mysterium fidei“ schlechthin, das heiligste Altarsakrament. Darüber dichtet der heilige Thomas von Aquin in seinem Hymnus „Adoro te devote“: „Visus, tactus, gustus in te fallitur, sed auditu solo tuto creditur: Credo, quidquid dixit Dei Filius, nil hoc verbo veritate verius. – Augen, Mund und Hände täuschen sich in Dir; doch des Wortes Botschaft offenbart Dich mir. Was Gott Sohn gesprochen, nehm ich glaubend an: Er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann.“
Der übernatürliche Glaube
Dieser Glaubensbegriff entspricht in etwa den Nummern 2. b) und 3. b) im Duden, geht allerdings noch weit darüber hinaus. Als Katholiken glauben wir „jemandem“, auf den wir uns absolut „verlassen“ können, nämlich Gott, der weder sich noch andere täuschen kann. Darum halten wir das, was Er uns geoffenbart hat, für absolut wahr und wirklich, ja für wahrer und wirklicher als das, was wir mit unseren eigenen Augen sehen können; denn diese können sich täuschen. „Er ist selbst die Wahrheit, nichts kann wahrer sein.“ Das nennen wir wahrhaft absolute Wahrheit! Hinzu kommt, daß dieser Glaube eine übernatürliche Tugend ist und von der Gnade Gottes getragen wird und somit weit erhaben ist über alles, was unser Verstand mit natürlichen Kräften zuwege brächte, und sei es die „vom natürlichen Licht der Vernunft durchschaute innere Wahrheit der Dinge“.
Zudem ist der vollkommene übernatürliche Glaube von der Liebe geformt, weshalb von ihm gilt, was der heilige Paulus sagt: „Und wenn ich die Gabe der Weissagung habe, und kenne alle Geheimnisse und alle Wissenschaft, und wenn ich allen Glauben habe, so dass ich Berge versetzen könnte, die Liebe aber nicht habe, so bin ich nichts“ (1 Kor 13, 2). Darum endet auch der Hymnus des heiligen Thomas mit dem Ausdruck der Liebe und der Hoffnung, jenen göttlichen Tugenden, die zugleich mit dem Glauben sprießen: „Jesu, quem velatum nunc aspicio, oro, fiat illud, quod tam sitio: Ut te revelata cernens facie, visu sim beatus tuae gloriae. Amen. – Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht, stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht: Laß die Schleier fallen einst in Deinem Licht, daß ich selig schaue, Herr, Dein Angesicht. Amen.“
Das Lehramt der Kirche
Angesichts der vielen Bedeutungen von „glauben“ stellt sich Herr Fleischer nun selbstkritisch die Frage: „glaube ich wirklich, oder glaube ich nur, dass ich glaube?“ Das ist in der Tat eine interessante Frage. Er zitiert die („Novus-Ordo“-)Präfation von Fronleichnam, darin von der Offenbarung der Dreifaltigkeit die Rede ist und fragt: „Glaube ich das tatsächlich? Und welche Konsequenzen hat dieser Glaube für mich. Woher habe ich diese Offenbarung? Ist die Kirche für mich jene sichere Quelle des Wortes Gottes, der ich bedingungslos vertraue?“ Auch hier hat der Katechismus die Antwort: „Die von Gott geoffenbarten Wahrheiten wissen wir durch die heilige Kirche, welche unfehlbar ist, das heißt durch den Papst, den Nachfolger des heiligen Petrus, und durch die Bischöfe, die Nachfolger der Apostel, die von Jesus Christus selbst unterwiesen worden sind“ (Nr. 291). Somit steht für jeden Katholiken außer Frage, daß ich der Kirche „bedingungslos vertraue“.
Herr Fleischer aber ist – als typisch „moderner“ Mensch – von Zweifel geplagt und bohrt weiter: „Oder ist mein Glaube auch nur jener ABER-Glaube, der sagt: «Ich glaube, ABER …?»“ Eine bemerkenswerte Neuinterpretation von „Aberglaube“, den der Katechismus eigentlich so beschreibt: „Aberglauben nennt man jede Art von Verehrung, welche der christlichen Lehre und der Übung der Kirche widerspricht, ebenso, wenn man einer Handlung oder einer Sache irgend eine übernatürliche Kraft zuschreibt, die sie nicht hat“ (Nr. 362). Der „ABER-Glaube“ des Herrn Fleischer ist demgegenüber nichts anderes als die moderne Zweifelsucht, und diese ist nach seinen „Bobachtungen“ in „unserer heutigen Zeit bis hinein in unsere Kirche weit verbreitet“. Das hat er fein beobachtet. Das gehe „so weit, dass viele Menschen sagen, sie glaubten an Gott, aber mit der Kirche, mit deren Lehren und besonders deren Vorschriften könnten sie nichts anfangen“. Protestantismus eben, eine genuine Frucht des „modernen“ Zweifels. Aber ist das nicht die Art des „Glaubens“ der meisten heutigen „Katholiken“?
Der Autor empfiehlt das Gebet nach dem Vorbild des Vaters des besessenen Knaben aus dem Markusevangelium: „Ich glaube, Herr! hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9, 23). Das setzt freilich den Willen zum Glauben voraus und den Vorsatz zur Erfüllung des Taufgelübdes: „Fest soll mein Taufbund immer stehen, ich will die Kirche hören: Sie soll mich allzeit gläubig sehen und folgsam ihren Lehren.“ „So würden wir uns immer wieder bewusst, dass Glauben heisst, für wahr nehmen, was Gott uns durch die Schrift und die Tradition – das heisst durch das Lehramt der Kirche – gesagt hat und immer noch sagt.“ Sieh da! Nun weiß Herr Fleischer doch genau, was „Glauben heißt“, und er weiß sogar, daß Schrift und Tradition die „entfernte“ Regel unseres Glaubens sind, das Lehramt der Kirche jedoch die „nächste“ Glaubensregel, die uns stets „gesagt hat und immer noch sagt“, was zu glauben ist. Bravo! Davon könnten auch die „Traditionalisten“ etwas lernen, die immer meinen, sie hätten den Glauben, „ABER“ ohne und sogar gegen das von ihnen anerkannte „Lehramt“. Ein echter „ABER-Glaube“.