Noch ein paar wenige Reaktionen zu der von den „Piusbrüdern“ angekündigten Jubliläums-Bischofsweihe wollen wir uns ansehen. Da ist zunächst der „elegante“ Churer „Weihbischof“ mit dem passenden Namen Marian Elganti, der einen „Gastkommentar“ für „kath.net“ verfaßte und schrieb: „Der universale Jurisdiktionsprimat des Papstes (ex sese) über die ganze Kirche ist seit dem Ersten Vatikanum eine unfehlbare, dogmatisierte Wahrheit.“ Das „ex sese“ muß ihm irgendwie aus dem Unfehlbarkeitsdogma hineingerutscht sein; denn dort wird betont, daß eine „ex-cathedra“-Entscheidung des Papstes „von sich aus“ („ex sese“) unfehlbar sei und dazu nicht irgendwelcher zusätzlicher Bedingungen bedürfe. In den Ausführungen des Konzils zum Jurisdiktionsprimat findet sich kein „sese“. Aber macht ja nichts. Es kling jedenfalls sehr gebildet.
Der elegante „Weihbischof“
Der „Weihbischof“ fährt fort: „Wir können also in diesem Artikel nicht von einem legalistischen Missverständnis des kirchlichen Gehorsams unsererseits sprechen, wenn wir die angekündigte Weihe von Bischöfen durch die Priesterbruderschaft Pius X. (FSSPX) ohne die ausdrückliche Zustimmung des Papstes als einen schismatischen Akt einstufen und zum zweiten Mal mit Schmerzen zur Kenntnis nehmen und in aller Schärfe verurteilen.“ „Mit «wir»“, so erläutert er, „meine ich alle Gläubigen, die meine hier vorgetragene Einschätzung teilen.“ (Bescheiden reiht sich der „Weihbischof“ ein als Gläubiger unter Gläubigen. Das ist schön. Allerdings hat weder er noch irgendwelche „Gläubigen“ da irgendetwas „einzuschätzen“; ihr „Papst Johannes Paul II.“ hat seinerseits die Einordnung bereits höchstamtlich in seinem „Motu proprio“ („ex sese“) vorgenommen und die Bischofsweihen Lefebvres als „schismatischen Akt“ verurteilt.) Nun ist es ja an der Tagesordnung, daß jemand, der im Schisma ist, „schismatische Akte“ vollzieht. Die „Piusbruderschaft“ tut das pausenlos, wenn sie etwa ohne Erlaubnis der Ortsordinarien Kapellen und „Priorate“ eröffnet, in denen sie die Messen feiert und die Sakramente spendet, wenn ihre Weihbischöfe ohne Erlaubnis der Ordinarien in deren Diözesen Priesterweihen vornehmen oder Firmungen spenden etc. Auf ein paar Bischofsweihen mehr oder weniger kommt es da auch nicht mehr an.
„Das Hauptargument der sog. «Piusbruderschaft» eines historisch einmaligen, kirchlichen Notstandes und ihr Hinweis auf das prioritäre Heil der Seelen – vor allem jener, die sich der Priesterbruderschaft Pius X. angeschlossen haben – kann einen so schwerwiegenden Schritt in keiner Weise legitimieren“, entrüstet sich der „elegante“ Herr. Seit seiner „Jugendzeit“ habe er sich „stets gegen eine «Kirche» neben der Kirche oder eine «Kirche» in der Kirche ausgesprochen – die erstere immer elitär als die treue und wahre verstanden, die letztere (universale) als die untreue, vom guten Weg abgekommene“. Dabei gebe es „nur eine Kirche: die eine, heilige, apostolische und katholische Universalkirche, die Jesus Christus auf Petrus, dem Felsen, gegründet hat“. Jawohl! Diese sei „sichtbar verwirklicht in der Einheit mit dem Papst“, eine Einheit, die „nicht ideell zu verstehen“ sei „als eine allgemeine Anerkenntnis des Papsttums bzw. des gerade regierenden Papstes im Gebet“, sondern „faktisch und kanonisch realisiert sein“ müsse, „indem man sich offensichtlicher Akte des kanonischen Ungehorsams enthält“.
„Einheit mit dem Papst“
Das wäre eine etwas armselige sichtbare Einheit, die sich lediglich „offensichtlicher Akte des kanonischen Ungehorsams enthält“. Aber mit der „faktischen und kanonischen Realisierung“ hat der Herr „Weihbischof“ schon recht. Wenn er nur noch etwas genauer erläutern würde, inwieweit die „eine, heilige, apostolische und katholische Universalkirche, die Jesus Christus auf Petrus, dem Felsen, gegründet hat“, in der „Konzilskirche“ „verwirklicht“ bzw. erkennbar ist. Da wird es für ihn schon schwierig, und er kommt nicht umhin, die „Einheit mit dem Papst“ seinerseits „ideell zu verstehen“, wenn er erläutert, daß er unter die im Sinne der „Einheit“ zu meidenden „offensichtliche Akte des kanonischen Ungehorsams“ „nicht ein [sic!] stets legitime Papstkritik“ zählt, „die klar zwischen fehlbaren und unfehlbaren Aussagen und Akten des Papstes unterscheidet und im Allgemeinen prudentiale Urteile betrifft oder spontane Aussagen in Interviews, schlimmstenfalls nicht unfehlbare Äusserungen des ordentlichen Lehramtes“.
Aha. Also „Papstkritik“ ist immer „legitim“, wenn jemand sorgfältig zu „unterscheiden“ versteht „zwischen fehlbaren und unfehlbaren Aussagen und Akten des Papstes“ und zu dem Schluß kommt, es „schlimmstenfalls“ mit einer „nicht unfehlbaren Äusserungen des ordentlichen Lehramtes“ zu tun zu haben (schon ein sehr „schlimmer Fall“). Da bleibt in der Tat nicht viel übrig, wo man dem Papst noch zu folgen hätte, um die „Einheit“ nicht zu verletzen, eigentlich nur die so wenigen und raren Augenblicke, in welchen der Papst in einem lichten Moment eine feierliche unfehlbare „ex-cathedra“-Entscheidung trifft, was nach Tradi-Doktrin ca. alle 100 bis 150 Jahre einmal vorkommt. Ansonsten darf man seinen „Papst“ lustig „kritisieren“ und ist trotzdem vollkommen in „Einheit“ mit ihm. Wir verstehen, wieso der „Weihbischof“ das „ex sese“ von der Unfehlbarkeit ohne Umstände auf den Jurisdiktionsprimat des Papstes bezieht, gilt dieser doch offensichtlich nur dort, wo der Papst ausnahmsweise unfehlbar ist. Dieselbe Lehre vertritt übrigens die „Piusbruderschaft“, und man fragt sich, wieso Eleganti dann so viel Aufhebens macht, wenn diese einem „prudentialen Urteil“ des „Papstes“ widerspricht, das man doch jederzeit „legitim kritisieren“ darf, und sich weigert, diesem Folge zu leisten. Oder ist es etwa eine „ex-cathedra“-Entscheidung, wenn der Papst eine Bischofsweihe verbietet?
„Heilige“ Präzedenzfälle
Der Herr „Weihbischof“ aber beharrt darauf, daß die „kanonische Einheit mit dem Papst“ „nicht gegeben ist, wenn man Bischöfe ohne seinen Willen weiht“. Die Heiligen seien „in ähnlichen Zerreissproben nicht ins Schisma gegangen, während die Schismatiker immer scheinbar gute und angeblich schwere Gründe anführten, die ihren Schritt rechtfertigen sollten“. Als Beispiele nennt er den heiligen Athanasius, wobei er das alte Märchen von einer „Verurteilung des Athanasius durch Papst Liberius“ aufwärmt, sowie den heiligen Basilius. Athanasius habe die „Verurteilung“ durch Liberius „nicht als rechtmässig eingestuft, weil sie unter Zwang erfolgte“, weshalb er sich nicht daran gehalten habe (übrigens ähnlich wie bei Lefebvre, der das Verbot seines Papstes ebenfalls „nicht als rechtmäßig eingestuft“ hatte). Und ohnehin habe Liberius später seine Haltung „revidiert“. Wir fragen uns wirklich, was für absonderliche Geschichtsbücher diese Herren studieren. Was Basilius betreffe, so sei dieser vom Verhalten Roms „teilweise frustriert“ gewesen und habe es abgelehnt, „eine von Rom geforderte Unterschrifts-Formel zu unterzeichnen“. „Sein Widerstand war m.W. mehr kirchenpolitisch-taktischer als dogmatischer Natur.“ So ist es doch bei der „Piusbruderschaft“ auch, oder nicht? Jedenfalls beharrt Herr Eleganti darauf, daß keiner der beiden Heiligen je eine „häretische oder schismatische Position gegenüber dem Papst vertreten“ habe, „auch wenn die praktische Unterstützung durch Rom phasenweise für sie enttäuschend ausfiel“. „Die Vorstellung, sie seien ‚ungehorsam‘ gewesen, entstammt späteren konfessionellen Polemiken.“ Ah ja! Ebensolchen „Polemiken“ entstammt das Märchen, Athanasius sei von Papst Liberius „verurteilt“ worden und dieser habe später seine Haltung „geändert“. Wir sehen wirklich nicht so ganz den Unterschied zwischen seinen Heiligen-Fabeln und dem Verhalten der „Piusbruderschaft“.
Zurückgekehrt zur „Aktualität“ will der „Weihbischof“ festgehalten wissen, daß er zwar der Ansicht sei, daß „1. Passagen in einigen Konzilsdokumenten (von ganz unterschiedlichem Gewicht) durchaus kritikwürdig sind“ und deswegen nach seiner Lehre „legitim kritisiert“ werden dürfen; „2. man in der Liturgiereform über den Willen und die Vorstellungen der Konzilsväter hinausgeschossen ist und Dinge eingeführt oder abgeschafft hat, die gar nicht im Denk- und Vorstellungshorizont der letzteren lagen und wahrscheinlich auch nicht ihren Absichten entsprachen“, was er offensichtlich besser weiß als seine „Päpste“, welche diese „Liturgiereform“ im Sinne des „Konzils“ durchgeführt, approbiert und promulgiert haben (aber das darf man ja, das gehört zur „legitimen“ Kritik). Dennoch halte er „die Weihe von weiteren Bischöfen durch die Piusbruderschaft ohne ausdrückliche, päpstliche Legitimation (Ernennung), für einen definitiv schismatischen Akt“, der „nicht durch die genannten Mängel gerechtfertigt werden“ könne.
Das ist eine sehr private und vor allem arbiträre Einschätzung, die angesichts seiner eigenen von ihm als „legitim“ angesehenen Ungehorsams-Haltung gegen „Papst“ und „Konzil“ wenig Wert hat. Statt in erneuten Bischofsweihen meint der gelehrte „Weihbischof“ die Lösung der Probleme in einer „wie immer gearteten“ „Reform der Reform“ zu sehen, „welche offensichtliche Brüche, die geschehen sind, heilt“. Ja, immer diese „Bruchheiler“. Und das nach sechzig Jahren! Man fragt sich wirklich, in welcher Welt diese „hochwürdigsten“ Herren leben.
Louie Verrecchio
Darum abschließend noch zu einer vernünftigen Stimme: Louie Verrecchio. Sein Kommentar trug den Titel „The SSPX Brand: Offering refuge from the Chuch“, das heißt etwa soviel wie „Die Marke SSPX: Angebot einer Zuflucht vor der Kirche“. Verrecchio hofft, daß das Vorhaben der „Piusbrüder“ einigen die Augen öffnen werde (ein Optimismus, den wir aufgrund unserer Erfahrungen nicht teilen können). Die „Piusbruderschaft“ gebe sich große Mühe, die Naiven glauben zu lassen, daß „die korrupte Organisation, die derzeit den Vatikan besetzt hält“ und „Leo XIV.“ zu ihrem Haupt habe, die katholische Kirche sei, die Christus für unser Heil eingesetzt habe. Warum geben sie sich so eine Mühe, um etwas Unhaltbares zu beweisen? Dafür gebe es nur eine Antwort: „Branding“. Und das hat Verrecchio in einem „Podcast“ herausgearbeitet, dessen Transkript er zu unserer Freude angehängt hat (denn wir lieben es nicht und haben auch gar nicht die Zeit, uns „Podcasts“ anzuhören).
Louie Verreccchio bezieht sich auf ein „Interview“, das der „Pius“-Vorsitzende am 2. Februar seinem eigenen Haussender „FSSPX.News“ gewährte. „Mit anderen Worten, es handelte sich um ein hausinternes Projekt, das dem Generaloberen nicht nur die Möglichkeit bot, aktuelle Ereignisse zu diskutieren, sondern auch als eine Art Marketinginstrument diente, um die Aufmerksamkeit für die Marke FSSPX zu erhöhen.“ Tztz, wie respektlos! Im folgenden will Louie einige „Highlights“ aus des Vorsitzenden Rede entnehmen, um die „Vision“ der „Bruderschaft“ sowie ihre eigene Einschätzung von ihrer Positionierung auf dem „traditionell katholischen“ Markt zu evaluieren.
„Marienfrömmigkeit“ und „Tradition“
Zunächst fällt ihm auf, daß der Vorsitzende versucht, die großartige Ankündigung mit dem Fest der Reinigung Mariens zu verbinden. Zwar will er dem hochwürdigen Herrn nicht eine private Verehrung für Unsere Liebe Frau absprechen, doch wirken für ihn die Bemühungen des „Generaloberen“ in diesem Fall „gekünstelt“, und es erscheint ihm „daher vernünftig, sich zu fragen“, ob es sich nicht vor allem um einen Versuch handle, „eine positive emotionale Reaktion bei denen hervorzurufen, die sonst eine kritische Haltung gegenüber der Bruderschaft und ihrem Plan einnehmen könnten, Bischöfe ohne päpstliche [sic] Zustimmung zu weihen“. Leider hat die „Instrumentalisierung“ der Gottesmutter für ihre kirchenpolitischen Zwecke bei der „Piusbruderschaft“ eine lange und unrühmliche Tradition. Schon Erzbischof Lefebvre selber benutzte die allerseligste Jungfrau in diesem Sinn, als er in einer berühmten Pfingstpredigt vom 14. Mai 1989 sie als Gegenpol zum Papst aufstellte und dem „Ubi Papa, ibi Ecclesia“ ein trotziges „Ubi Maria, ibi Ecclesia“ entgegenhielt, um damit seine schismatischen Bischofsweihen marianisch fromm zu rechtfertigen. Später trieb die „Piusbruderschaft“ eifrig Schindluder mit „Lourdes-Wallfahrten“ und „Rosenkranzkreuzzügen“, um dem frommen Volk ihre Einigungsbemühungen mit dem „Konziliaren Rom“ schmackhaft zu machen und etwaige Verhandlungserfolge als übernatürliche Wunder zu verkaufen. Verrecchio jedenfalls findet diese „marianische Wendung seltsam und völlig unglaubwürdig“.
In seiner Lichtmeß-Predigt hatte es der „Pius“-Vorsitzende nicht lassen können, die „lehrmäßige Note“ zu kritisieren, die unlängst vom „römischen Glaubensdikasterium“ erlassen wurde und den Titel der „Miterlöserin“ für Maria als „unangebracht“ ablehnt. Gezählte viermal in seiner Predigt nenne der hochwürdige Herr diesen Affront gegen Unsere Liebe Frau „unannehmbar“, hat Louie ausgerechnet. Und dennoch beharre er darauf, daß der Letztverantwortliche für diese „Note“, „Leo XIV.“, der „Heilige Vater“ sei. Auch sonst unterläßt es der Vorsitzende nicht, in seinem Interview immer wieder auf irgendwelche Schreiben zu sprechen zu kommen, die er an den „Heiligen Vater“ gerichtet habe. Darin habe er diesen gebeten, sie ihre „Arbeit für das Heil der Seelen“ tun zu lassen. Sie wollten all ihre Kraft darauf verwenden, die „Tradition zu bewahren“ und aus den Gläubigen wahre „Söhne der Kirche“ (wo bleibt die „Gendergerechtigkeit“?) zu machen. Bei dem Gerede vom „Bewahren der Tradition“ fühlt sich Verrecchio an Bergoglios „Traditionis Custodes“ erinnert und fragt sich, ob der Vorsitzende wirklich glaube, daß das völlig verdorbene Verständnis „Leos“ von „Tradition“ von der Art sei, daß er das Versprechen der „Piusbrüder“ für realistisch, vernünftig und billigenswert halte. „Was ich damit sagen will“, schließt Verrecchio diesen ersten Punkt, „ist, daß Pater Pagliarani nicht im Geringsten aufrichtig ist. Es ist offensichtlich, daß die tatsächliche katholische Tradition keinerlei Ähnlichkeit mit der der konziliaren Kirche und ihres derzeitigen Vorsitzenden hat. Warum sagt man das dann nicht einfach so? Der Grund: Branding.“
Der „Notstand“
Wir übergehen einige Abschnitte und kommen zum „Notstand“. Je mehr man „den gesunden katholischen Menschenverstand und rudimentäre Logik auf die Positionen der Piusbruderschaft oder anderer ‚Resist-the-Pope‘-Unternehmungen anwendet“, so ist Louie Verrecchio aufgefallen, „desto unhaltbarer, eigennütziger und widersprüchlicher erweisen sich deren Grundüberzeugungen“. So habe der „Pius“-Vorsitzende bezüglich der angekündigten Bischofsweihen die „Notwendigkeit für das Wohl der Seelen“ bemüht und sie als Antwort auf einen „objektiven Notstand“ dargestellt. Als im Jahre 2015 der „Widerstands“-Bischof Williamson seinen ersten Bischof weihte und dies seinerseits mit dem „Notstand“ begründete, wollte die „Piusbruderschaft“ das nicht gelten lassen. Energisch „verurteilte“ sie das Handeln des von ihnen ausgestoßenen Bischofs und behauptete, dies beweise „zur Genüge, dass sie“ – Williamson und der von ihm Geweihte –, „außer auf rein rhetorischer Ebene, die römischen Autoritäten nicht mehr anerkennen“. „Da nennt ein Dieb den anderen Langfinger“, lautete damals ein Kommentar. Nun, beide waren eben authentische Gewächse der „Piusbruderschaft“.
Aber bei der „Piusbruderschaft“ ist natürlich alles anders. Treuherzig hatte der Vorsitzende in seinem Communiqué vom 2. Februar ihre reinen Gesinnungen dargelegt und beteuert: „Die Bruderschaft sucht nicht in erster Linie ihr eigenes Überleben.“ „Sorry. Not buying it“, bemerkt dazu trocken Mr. Verrecchio. Alle Anzeichen deuteten vielmehr darauf hin, daß es genau darum gehe. Das Überleben der „Piusbruderschaft“ und der Erhalt ihrer Stellung auf dem „Tradi-Markt“ sowie ihr Wachstum hätten offensichtlich oberste Priorität. Alles andere sei zweitrangig. Das war übrigens schon 1988 so. Die „Operation Überleben“ galt nicht der Kirche, sondern der „FSSPX“. Zwar war die „Piusbruderschaft“ damals unbestrittener „Marktführer“ in der Tradi-Szene, doch ohne eigene Bischöfe wäre ihre Stellung höchst gefährdet gewesen; sie wäre bedeutungslos geworden, wäre entweder untergegangen oder von anderen Anbietern eingeholt oder gar überflügelt worden, z.B. von „Sedisvakantisten“, die mit ihren eigenen Bischöfen winkten. Ohnehin war der Verdruß damals groß, daß mit den „Ecclesia-Dei“-Gruppen plötzlich eine ernsthafte Konkurrenz auf den Plan trat, die niederzumachen und zu verteufeln man sich nicht genugtun konnte. (Das war, bevor „Ecclesia Dei“ unter Hoyos zum großen „Freund“ der „Piusbrüder“ aufstieg.) Umso wichtiger war die Attraktion „pius“-eigener Bischöfe, sodaß man die Wahl hatte zwischen Schisma mit „traditionellen“ Bischöfen auf der einen und „Legalität“ mit modernistischen Bischöfen auf der anderen Seite.
Verkürzter Glaube
Verrecchio stellt sich einen Einwand auf sein vielleicht allzu hart erscheinendes Verdikt und läßt einen imaginären Tradi sprechen: „Aber sie [die „Piusbruderschaft“] widmet sich doch der Formung traditioneller Priester und stärkt die Herde durch die Lehre gemäß dem wahren Glauben!“ Nein, tut sie nicht, lautet wieder die lakonische Antwort Louies. Sicherlich lehrten und verträten die „Piusbrüder“ EINIGE traditionelle Lehren, „aber ihr Geschäftsmodell (und genau um ein solches handelt es sich) läßt nicht zu, daß der wahre Glaube in seiner ganzen Fülle ohne Kompromisse gelehrt wird“. Dafür einige Beispiele: Sie können ihre Gläubigen nicht lehren – und tun es auch nicht – daß die göttlichen Gaben, die vom Kreuz Christi durch die Kirche strömen, sie „von jeder Irrlehre fernhalten“ (Pius XII., Mystici Corporis 31). Sie können ihre Gläubigen auch nicht lehren, daß die wahre, heilige, römisch-katholische Kirche „in Dingen des Glaubens und der Moral nicht irren kann, da sie vom Heiligen Geist geleitet wird“ (Katechismus des Konzils von Trient), während jede sogenannte Kirche, die irrtumsfähig ist, vom „Geist des Teufels“ geleitet wird. Ebenso muß die „Piusbruderschaft“ sorgfältig meiden, den Gläubigen beizubringen, daß das ordentliche Lehramt – die Predigt und Lehre der Päpste und jener Bischöfe, die mit ihnen in Einheit stehen – die „nächste Regel des Glaubens“ für uns ist und, mehr noch, daß es „immer sicher“ ist, da „das kirchliche Lehramt unfehlbar ist in der Bewahrung und Vorlage der christlichen Lehre“ (G. Van Noort, Dogmatische Theologie II, 1957).
In der Tat, diese und viele andere Wahrheiten kann die „Piusbruderschaft“ nicht „in ihrer Fülle“ lehren, ohne Abstriche zu machen daran, wie die Kirche sie immer verstanden hat, und das deswegen, weil ihr gesamtes „Geschäftsmodell“ darauf beruht, naive Personen davon zu überzeugen, daß die „Katholische Kirche“ oftmals in Fragen des Glaubens und der Moral irrt und das ordentliche Lehramt daher nicht sicher ist. (Während sonderbarerweise ausgerechnet eine kleine, irreguläre und schismatische „Bruderschaft“ völlig zuverlässig und in traumwandlerisch irrtumsfreier Sicherheit den wahren Glauben bewahrt und verkündet.) „Dieser durch und durch protestantische Gedanke ist der Aufhänger der Gesellschaft, d. h. ihr Mehrwertversprechen an potenzielle Mitglieder“, stellt Verrecchio nüchtern fest.
„Protestantische Fabel“ als „Lebenselixier“
Wenn das „Konziliare Unternehmen“ in Rom die „katholische Kirche“ ist und wenn man dieser „katholischen Kirche“ nicht trauen kann, daß sie uns den wahren Glauben überliefert, dann muß es für jene, die dem wahren Glauben anhangen wollen, ein Zufluchtsplätzchen geben, eine Gemeinschaft mit „traditionellen“ Bischöfen und Priestern, die der „wahren Messe“ und den „wahren Sakramenten“ die Treue halten usw. „Und deshalb, meine Damen und Herren, brauchen Sie und Ihre Familien die Bruderschaft St. Pius X.!“ So faßt Louie das Programm zusammen, das uns die „Piusbruderschaft“ als „Ersatzkirche“ präsentiert. Und doch ist die Auffassung, daß die Kirche und der Papst die Seelen täuschen, sie gefährliche Irrtümer lehren und den wahren Glauben aufgegeben haben, nichts als eine „protestantische Fabel“, die aber gleichzeitig das Lebenselixier der „Piusbruderschaft“ ist, ohne das sie nicht existieren könnte.
Verrecchio kann kaum glauben, daß die erhabenen Herren von der „Piusbruderschaft“ so blind sein können, den Abgrund zwischen der Kirche Christi und der „Konziliaren Kirche“ nicht zu sehen. Er erinnert daran, daß Erzbischof Lefebvre vor einem halben Jahrhundert bisweilen noch klar gesehen und gesprochen habe. Allerdings hatte er es nie fertiggebracht, das Verhältnis zwischen den beiden „Kirchen“ sinnvoll herauszuarbeiten und zu definieren, und einige seiner Beobachtungen seien „sehr fragwürdig“ gewesen. Andererseits seien die Dinge damals noch nicht so offensichtlich gewesen wie heute. Da sind wir anderer Meinung, und ein Mann wie Lefebvre konnte das erkennen und hat es auch erkannt, wie er immer wieder durchblicken ließ. Aber leider war schon ihm sein eigenes „Geschäftsmodell“ im Weg, weshalb er sich nie zur vollen Wahrheit durchringen konnte bzw. wollte. Sie hätte nämlich Konsequenzen von ihm verlangt, die nicht zu seinen Plänen paßten.
Der „mystische“ Ursprung der „Piusbruderschaft“
Wir wollen erklären. Bereits seit seinem mysteriösen „Traum von Dakar“ in den 1950er Jahren war Erzbischof Lefebvre von einer Idee beseelt und von einem Plan besessen: Er wollte ein Internationales Priesterseminar und eine Priestergemeinschaft gründen, um das „Priestertum aus seinen Wurzeln zu erneuern“. Als er zu Anfang der 1960er Jahre von Afrika nach Europa zurückgeholt wurde, schien ihm dies ein Wink der Vorsehung, daß er sich der Realisierung seines Werkes näherte. „Nach seiner Rückkehr nach Europa nahm ihn mehr und mehr ein Wunsch gefangen: selbst ein internationales Seminar nach diesen Prinzipien zu gründen“, berichtet sein Jünger und Evangelist Tissier de Mallerais in seinem Buche „Marcel Lefebvre – Die Biographie“ (Stuttgart 2008, S. 435). 1964 wurde er von einer französischen „Mystikerin“ in seinem Vorhaben bestärkt: „Während der Osterwoche 1964 begegnete er Marthe Robin … und teilte ihr die Sorge mit, die ihn bedrängte. ‚Monseigneur‘, sagte Marthe unverzüglich, ‚Sie müssen dieses Seminar gründen!‘ ‚Mein Amt als Generaloberer der Väter vom Heiligen Geist hält mich davon ab‘, wandte der Bischof ein. ‚Sie müssen dieses Seminar gründen‘, wiederholte Marthe, ‚Gott wird Sie segnen‘“ (ebd.).
Anders als der Mythos es will, hat Lefebvre nicht erst nach seinem Rücktritt vom Amt des Generaloberen der Spiritaner und unter dem Einfluß hilfesuchender Seminaristen seine Gründung ins Auge gefaßt. Schon seit den frühen 1960er Jahren ging er mit den Plänen um und fühlte sich durch sein Amt von deren Durchführung „abgehalten“. Zwei Jahre nach dem Besuch bei Marthe Robin nahm der „Gedanke an dieses Seminar“ laut Lefebvre-Biograph „genauere Gestalt an: Mgr. Lefebvre wurde ein Haus in der Diözese Aire et Dax angeboten“ (ebd.). „Anläßlich eines Besuches am 31. Juli 1966 in der Abtei von Maylis (…) vertraute er sein Vorhaben (das schließlich nicht zur Ausführung kam) dem Pater Prior (…) an. Sechs Monate später gab ihm sein Freund, Mgr. Jorilleau, wieder einen Anstoß, diesen Plan durchzuführen: ‚Und sodann ist da das wichtige Werk Ihres ‚Internationalen Seminars‘! Das wäre wirklich das Werk der Werke. Vielleicht liegt Ihr ‚Einfall von Maylis‘ in der göttlichen Vorsehung‘“ (S. 435 f). Schon 1966 also war der Gedanke der Gründung eines „Internationalen Seminars“ zum konkreten Plan geworden, der vorläufig noch „nicht zur Ausführung kam“. Und abermals sah Mgr. Lefebvre sich darin bestätigt, damit ein Werk der „göttlichen Vorsehung“, ja das „Werk der Werke“ zu vollbringen.
Das „Werk der Werke“
1968 trat Lefebvre von seinem Amt als Generaloberer zurück und war damit endlich „frei“ für sein Unternehmen. Inzwischen hatten sich auch einige Seminaristen an ihn gewandt, und 1969 war er endgültig „der Überzeugung, von der mich niemand hätte abbringen können, daß es notwendig sei, Priester heranzubilden, heiligmäßige Priester, wahre Priester, um die Kirche zu retten, um die Kirche fortzusetzen“ (S. 436). Schon am 13. April 1969 hatte er auch das „in Frage kommende Haus“ für sein Vorhaben gefunden, und das war kein anderes als jenes in Ecône. Es kostete ihn noch einige Tricks und Winkelzüge, ehe er 1971 das „erste Studienjahr in Ecône“ eröffnen konnte. Ende 1970 hatte er von der „Vorsehung“ – nicht ohne kräftige Nachhilfe seinerseits – die „kanonische Errichtung“ seiner „Piusbruderschaft“ erhalten. Somit war er am Ziel seiner Wünsche.
Wir verstehen, wieso Mgr. Lefebvre mit so restloser Hingabe an seiner „Bruderschaft“ und seinem Seminar hing. Er sah darin einen göttlichen Auftrag, eine mystische Bestimmung. Sie war ein gottgewolltes Werk, ein „Opus Dei“ sozusagen. Das wäre sie für ihn auch gewesen, wenn es das „II. Vatikanum“ mit dessen katastrophalen Folgen nicht gegeben hätte. Doch nun, infolge dieser Ereignisse, bekam sein „Werk der Werke“ noch einmal eine neue Dimension. Wie er im Vorwort zu den „Statuten“ seiner „Piusbruderschaft“ im Jahr 1990 schrieb: „1965-1990 – das Zeitalter der Untergrabung des katholischen Priestertums. 1970-1990 – die göttliche Vorsehung erweckt in ihrer unendlichen Weisheit ein Werk zur Erneuerung des katholischen Priestertums, um die Schätze, die Jesus Christus Seiner Kirche anvertraut hat, zu behüten, nämlich den Glauben in seiner Unversehrtheit, die göttliche Gnade durch Sein opfer und Seine Sakramente, sowie die Hirten, die zur Austeilung dieser Schätze göttlichen Lebens bestimmt sind.“ Dieses von der „göttlichen Vorsehung erweckte“ „Werk“ identifizierte er ohne weiteres mit seiner „Piusbruderschaft“. Zu der ursprünglichen Zielsetzung, der „Erneuerung des katholischen Priestertums“, fügte sich nun die Funktion einer „Arche“, wie Lefebvre selber sie gerne nannte, deren Aufgabe es war, „die Schätze, die Jesus Christus Seiner Kirche anvertraut hat, zu behüten“ und sie über die „Sintflut“ der „Kirchenkrise“ zu retten, bis diese beendet sein würde. Im Grunde ist das eine verrückte Idee und ein wahnsinniges Unterfangen, zu glauben, daß die Kirche versagt hat, der Fels Petri in den Fluten versunken ist und eine kleine Priestergemeinschaft nunmehr die Aufgabe der ausgefallenen Kirche übernehmen soll, „die Schätze, die Jesus Christus Seiner Kirche anvertraut hat, zu behüten“. Aber es ist dieses völlig überzogene Selbstverständnis der göttlichen „Auserwählung“, das die „Piusbrüder“ bis heute wie eine Droge am Leben hält. Es ist klar, daß in dieser Optik der Fortbestand der Kirche und der Fortbestand der „Piusbruderschaft“ in eins fallen und deshalb die Weihe von Bischöfen für die „Piusbrüder“ aufgrund des „Notstands“ nur zu gerechtfertigt erscheint, um die „Kirche“ zu „retten“.
Der utopische Plan Lefebvres
Für die konkrete Umsetzung seines Vorhabens entwickelte Lefebvre ein utopisches Modell, das Dr. Kellner bereits im Jahr 1972 wie folgt analysiert hatte. „Erzbischof Lefebvre ist offenbar persönlich überzeugt, daß die neueren Entwicklungen in der katholischen Kirchenorganisation, namentlich die Meßänderungen, apostatischer Natur sind“, stellte dieser damals fest. „Dies hindert ihn aber nicht, unter unglaublich fadenscheinigen Ausreden in dieser Kirchenorganisation zu bleiben und mit ihren Bischöfen und Kardinalen zusammenzuarbeiten.“ Denn wie genau sah sein Plan aus? „Um den katholischen Glauben und die katholische Kirche zu retten, beabsichtigt er mit Hilfe einer vom Vatikan genehmigten Priester-Vereinigung (Fraternité Sacerdotale) und unter Zuhilfenahme einer Reihe von kirchenrechtlichen Unregelmäßigkeiten, besser gesagt Schwindeleien, die Diözesen der ‚katholischen‘ Kirchenorganisation mit Gruppen von je 3-6 Priestern zu durchsetzen, die in seinem Seminarsystem nach orthodox-katholischen Grundsätzen ausgebildet und von ihm ordiniert sind. Diese Priester bilden in den Diözesen der apostatischen, ‚katholischen‘ Kirchenorganisation und als Teile dieser Kirchenorganisation Pfarreien, in denen den Gläubigen gültige tridentinische Messen und Sakramente zur Verfügung gestellt werden. In einem, von Erzbischof Lefebvre inspirierten Bericht, der in der australischen, konservativ-katholischen Zeitschrift ‚World Trends‘ vom Februar 1972 erschienen ist, wird dieses System näher beschrieben. Es handelt sich um ein System von ‚Wanderpriestern‘ (itinerant priests) [warum nicht gleich: ‚clerici vagi‘?], die diese orthodox-katholischen Pfarreien der apostatischen, ‚katholischen‘ Kirchenorganisation betreuen. (…) Nach seinen, anderwärts gemachten Äußerungen muß man annehmen, daß er glaubt, daß die von ihm gegründeten orthodox-katholischen Gemeinden ‚Widerstandszentren‘ in der abgefallenen ‚katholischen‘ Kirchenorganisation bilden, die allmählich zu einer orthodox-katholischen Reorganisation der Gesamtorganisation und damit zu einer Zurückführung der apostatischen, ‚katholischen‘ Kirchenorganisation zum wahren katholischen Glauben führen.“
Dr. Kellner merkte damals an: „Das Aktionsprogramm Erzbischof Lefebvres enthält so viele utopische Züge, daß man sich ernstlich fragen muß, wie ein denkender Mensch dieses Programm ernst nehmen kann.“ Dennoch hielt Lefebvre an diesem Programm fest und schrieb es seiner Gründung in die Gene, wo es nun unabänderlich seine Wirkung tut. Lefebvre mochte sich damals der Illusion hingegeben haben, die „Kirchenkrise“ sei nur eine Art „Mißstimmung“, die innerhalb einer nicht allzu langen Zeitspanne wieder behoben sein werde, zumal die „Vorsehung“ ja zweifellos in seinem Sinne mitwirken würde. 1988 war ihm dann schon klar, daß man sich auf eine längere Frist einstellen mußte, weshalb er für die Weihe seiner Bischöfe zwei damals noch sehr junge Männer auswählte – die beiden Überlebenden, die heute auch schon alte Männer sind.
Große Apostasie
Vor allem mußte Lefebvre seine Augen vor den Tatsachen verschließen. Auch wenn er bisweilen „starke“ Worte fand wie diese: „Rom hat den Glauben verloren, meine lieben Freunde. Rom befindet sich in der Apostasie. Das sind nicht nur Sprüche und leere Worte, die ich Ihnen sage. Es ist die Wahrheit, Rom befindet sich in der Apostasie“ (1987), nahm er sie letztlich nicht ernst. „Wie ich wiederholt an anderer Stelle ausgeführt habe“, schreibt Kellner und beruft sich auf einige offene Briefe, die er an Lefebvre gerichtet hatte, „stellt der vor unseren Augen sich abspielende dogmatische Zusammenbruch in der ‚katholischen‘ Kirchenorganisation die letzte Phase der Apostasie der Menschheit von Gott dar, die mit der protestantischen Revolution im 16. Jahrhundert ihren Anfang nahm [eigentlich schon lange vorher, seit ca. 1300 mit der Abwendung der Völker vom Statthalter Christi] und in der Hl. Schrift als die, dem Weltenende vorangehende ‚große Apostasie‘ vorhergesagt ist.“
Diese Apostasie ist nicht ein harmloser Schnupfen, der vorübergeht, oder durch eine Handvoll schlecht ausgebildeter Priester überwunden werden kann. „Apostasie (im Gegensatz zu Häresie!) ist irreversibel, wie der hl. Paulus in Hebr. 6, 4-6 lehrt und wie durch die Tatsache bestätigt wird, daß noch keine einzige der apostatischen, protestantischen Sekten zum wahren katholischen Glauben zurückgekehrt ist“, betont Dr. Kellner. „Es ist deshalb eine Utopie zu glauben, wie dies Erzbischof Lefebvre tut, daß durch die Bildung von orthodox-katholischen Gemeinden in der apostatischen, ‚katholischen‘ Kirchenorganisation diese wieder zum wahren katholischen Glauben zurückgeführt werden könne.“ Er fügt hinzu: „Das Verbleiben Erzbischof Lefebvres in der apostatischen, ‚katholischen‘ Kirchenorganisation und das Zusammenarbeiten mit ihren Organen ist natürlich schwer sündhaft. Dieser Aspekt ist besonders schwerwiegend angesichts der Tatsache, daß der Erzbischof, wie schon bemerkt, offenbar eine volle Einsicht in den apostatischen Charakter dieser Organisation gewonnen hat.“
Existenzielle Frage
Es ist klar, daß auf so einem Unternehmen der Segen Gottes nicht ruhen kann. Mit seiner utopischen Idee hat „DER“ Erzbischof sein „Werk der Werke“ auf eine abschüssige Bahn gesetzt, auf der sie ihrerseits unentrinnbar immer weiter in Schisma und Apostasie abgleiten mußte. Zwar gibt sich Louie Verrecchio der Illusion hin, daß Lefebvre, wenn er heute lebte, „laut die Wahrheit von den Dächern“ rufen würde und jeden warnen, daß die „Konziliare Kirche“ nicht die „Kirche aller Zeiten“ sein könne. Wir aber wissen: Das hätte er nie getan und würde es auch heute nicht tun, weil ein Bekenntnis zur Wahrheit sein ganzes illusorisches, messianisches Sendungsbewußtsein mit den utopischen, hehren numinosen Plänen für sein „Werk der Werke“ hätte zusammenkrachen lassen. Dieses sein Erbe hat er seiner Gründung hinterlassen und es in ihre „DNS“ geschrieben.
Erst recht wird sich daher heute niemand in der „Piusbruderschaft“ finden, der die Wahrheit zugibt. Und wenn, dann würde er – wie schon oft geschehen – vom „System“ ausgemerzt, das zu seinem Fortbestand auf die unbedingte Aufrechterhaltung der lefebvreschen Illusion und Utopie angewiesen ist, auf Gedeih und Verderb. Die „Piusbruderschaft“ muß das tun, was sie tut, sie kann nicht anders. Es ist ihr Wesen und ihre Bestimmung. Das ist der wahre „Notstand“, der die „Piusbrüder“ zwingt, erneut Bischöfe zu weihen (solange man sie nicht in Ruhe und „Autonomie“ ihr „Experiment der Tradition“ machen lassen will, was nie geschehen wird). Wie wir sehen, steckt dahinter ein wenig mehr als eine bloße Frage des „Brandings“. Für die „Piusbruderschaft“ ist die Frage existenziell.
Sein oder Nichtsein
Louie Verrecchio zitiert den „Pius“-Vorsitzenden mit den Worten: „Die Zahl der Seelen, die sich auf diese Weise an uns gewandt haben, ist im Laufe der Jahre stetig gewachsen und hat in den letzten zehn Jahren sogar erheblich zugenommen. Ihre Bedürfnisse zu ignorieren und sie im Stich zu lassen, würde bedeuten, sie zu verraten … In diesem kritischen Kontext werden unsere Bischöfe immer älter, und angesichts des kontinuierlichen Wachstums des Apostolats reichen sie nicht mehr aus, um den Bitten der Gläubigen auf der ganzen Welt nachzukommen.“ Er erlaubt sich, dies wie folgt zu übersetzen: „Mit anderen Worten: Wir brauchen mehr Bischöfe, um die Nachfrage der Verbraucher zu befriedigen, auch wenn diese Nachfrage durch unseren Verrat an der Heiligen Mutter Kirche und dem Amt Petri künstlich angeheizt wird, indem wir sie mit wilden Anschuldigungen diffamieren, sie würden schwerwiegende Irrtümer lehren, die die Seelen der Gläubigen gefährden.“
Seine „aufrichtige Hoffnung“ richtet sich darauf, daß die nun wohl wieder beginnende „Verhandlungsphase zwischen der Piusbruderschaft und den Dienern Satans in Rom den Aufrichtigen die Augen und Herzen für die Fülle der katholischen Wahrheit öffnet, einschließlich der unangenehmen Teile“. Mag sein, daß bei der einen oder anderen Person – wenige genug werden es sein – sich diese Hoffnung erfüllt. Die „Piusbruderschaft“ als solche kann unmöglich zur Anerkennung der Wahrheit kommen, denn das wäre ihr Ende. Sie muß „bleiben wie wir sind“, andernfalls sie sich selber zerstören würde. Es geht für sie schlicht um Sein oder Nichtsein. Wie bei einer Seifenblase. Wenn diese platzt, ist nichts mehr übrig.