Sakramentismus

Der kirchliche Notstand, in dem sich die Katholiken seit dem „II. Vatikanum“ befinden, hat ein Phänomen hervorgebracht, das zwar nachvollziehbar und verständlich ist, dennoch große Gefahren in sich birgt. Wir meinen das, was manche „Sakramentismus“ nennen. Das müssen wir genauer erklären.

Der Plan der „Alta Venta“

Nachdem der Liberalismus, bevorzugt in Gestalt der Freimaurerei, jahrhundertelang die menschlichen Gesellschaften mit seinen Ideen infiltriert und durchdrungen hatte, unterminierte er zunehmend und seit dem 19. Jahrhundert gezielt die katholische Kirche, indem er seine Leute in sie einschleuste. Nach dem Plan der „Alta Venta“ sollten diese sich möglichst unauffällig verhalten, sich vornehmlich an die Jugend und den jungen Klerus halten, um diese mit der liberalen Ideologie zu infizieren, und so den „Marsch durch die Institutionen“ antreten. Irgendwann würden sie nicht nur Priester, sondern auch Bischöfe, Kardinäle, ja einen Papst haben, der ihre Ideen vertritt. Dann brauchte es nur noch ein Konzil, und die „Revolution in Tiara und Chormantel“ wäre vollzogen.

Wie wir wissen, ist dieser Plan glänzend aufgegangen. Das war weniger das Verdienst der Freimaurer als die Schuld der Katholiken, die es an Wachsamkeit, an Glaubensernst, an Bußeifer, an Liebe und überhaupt an allen christlichen Tugenden sehr fehlen ließen. Das galt selbstverständlich nicht für alle Katholiken. Wie wir wissen, hat auch das 19. Jahrhundert und sogar das 20. Jahrhundert zu Beginn noch Heilige hervorgebracht. Aber der Geist der Lauheit und der Nachlässigkeit, der Oberflächlichkeit, Weichlichkeit und Weltlichkeit, kurz des Liberalismus hatte sich auch unter den Katholiken zunehmend ausgebreitet, und so konnte geschehen, was geschehen ist.

„Reform“

Das „II. Vatikanum“ bedeutete eine mehrfache Katastrophe. Zunächst und vor allem wurde die katholische Hierarchie hinweggefegt, sodaß es keine legitimen Hirten mehr gab. An ihrer Stelle wurde eine falsche Hierarchie mit falschen Päpsten errichtet, die ihrerseits eine „neue Kirche“ erbauten, die eine neue Lehre hatte, neue „Sakramente“, eine neue Disziplin. Gleichzeitig verstand es diese „Kirche“, sich den Anstrich zu verleihen, als sei sie aus einer „Reform“ der katholischen Kirche hervorgegangen, ähnlich wie die „reformierten Kirchen“. Da sie jedoch „Papst“ und „Konzil“ auf ihrer Seite hatte und es keine katholischen Hirten mehr gab, die sie entlarvt hätten, fielen fast alle auf diesen Betrug herein.

Sodann machte sich diese „Kirche“ daran, sich von den Sakramenten und allen Heiligungsmitteln zu befreien. Dies tat sie ihrem trügerischen Charakter gemäß nicht durch einfache Abschaffung, sondern durch „Reform“, d.h. die Ersetzung der sakramentalen Riten durch „neue Riten“, welche die Sakramente ihrer Wirksamkeit beraubten oder sie zumindest zweifelhaft machten. Zwei dieser „Reformen“ waren von besonderer Bedeutung und fataler Auswirkung: die „Neue Messe“ bzw. der „Novus Ordo Missae“ und die „erneuerte Bischofsweihe“. Beide sind keine gültigen Riten, die „Neue Messe“ ist keine Messe und die „erneuerte Bischofsweihe“ ist keine Bischofsweihe. Da an diesen beiden fast alle anderen Sakramente hängen, waren die Gnadenmittel weitestgehend getilgt.

„Hauptsache die Messe!“

Viele Gläubige, die diesen Mangel zumeist mehr spürten als theologisch durchdrangen, machten sich auf die Suche nach einem Priester, der es noch „gut“ und „würdig“, mehr „nach dem Alten“ machte. Es kristallisierte sich die Szene der „Traditionalisten“ heraus. War diese anfangs noch relativ breit aufgestellt, so fokussierte sie sich zunehmend auf Erzbischof Lefebvre und seine „Piusbruderschaft“. Das änderte sich mit den „Motu proprien“ Wojtylas und Ratzingers, „Ecclesia Dei“ und „Summorum Pontificum“, die zu einem erweiterten Angebot an „Alten Messen“ führten. Bergoglios Kampf gegen die „Traditionalisten“ und ihre „TLM“ trieb wieder vermehrt Gläubige in die Arme der „Piusbrüder“, die dank ihrer eigenen Bischöfe wenigstens „unabhängig“ waren (und es bleiben wollen, wie ihre Ankündigung neuer Bischofsweihen zeigt). Mit Prevost beruhigte sich die Lage ein wenig.

Wir finden heute „Konservative“, die eine Wertschätzung für die „Alte Messe“ haben, ohne die „Neue“ (wenn sie „halbwegs würdig“ gefeiert wird) deswegen abzulehnen oder zu meiden, zwei Arten von „Traditionalisten“, die „unierten“, die eine konzilsrömische Gutheißung haben wie die „Petrusbruderschaft“, und die „schismatischen“ wie die „Piusbruderschaft“, und daneben das bunte Feld der „Sedisvakantisten“. Ihnen allen gemeinsam ist ein gewisser „Sakramentismus“, wie wir es genannt haben, d.h. eine falsche Gewichtung, welche die Sakramente und besonders die Hl. Messe aus dem Kontext von Glaube und Kirche löst und ihnen eine gewisse Eigenständigkeit oder doch Vorrangigkeit einräumt: „Hauptsache die Messe!“ Bei den „Traditionalisten“ ist diese Haltung besonders deutlich, geht es ihnen doch fast ausschließlich um die unbehelligte Feier ihrer „TLM“ („Traditionelle Lateinische Messe“).

„Marktführer“

Psychologisch ist das leicht nachzuvollziehen, denn an den Heiligungsmitteln und namentlich in der Messe erlebten die Katholiken hautnah den Umschwung, der sich auf dem „II. Vatikanum“ vollzogen hatte. Für jene, die sich ein katholisches Gespür bewahrt hatten, ergab sich daraus ein mehr gefühlter als bewußt reflektierter „Notstand“, da sie die Messe und die Sakramente, wie sie diese gekannt hatten, vermißten und kaum mehr fanden. Daß dieser Notstand in Wahrheit sehr viel weiter ging und deutlich tiefere Ursachen und üblere Auswirkungen hatte, nahmen sie nur undeutlich wahr. Hier öffnete sich das Feld für bemühte Seelsorger, einzuspringen und den verlassenen Schäfchen einen Ersatz für den Mangel zu bieten.

Dies geschah in der Regel ganz pragmatisch und wenig durchdacht, mit – wenn überhaupt – höchst abenteuerlichen kirchenrechtlichen Konstruktionen. Oft waren es einzelne Priester, die sich als „Notstandsseelsorger“ betätigten, bisweilen schlossen sie sich zu lockeren oder festeren kleinen Vereinigungen zusammen, es entstanden aber auch ganze Gemeinschaften, die sich diesem „Geschäft“ widmeten, allen voran die „Piusbruderschaft“, die bald ein entsprechendes Renommee erlangte und so etwas wie der „Marktführer“ wurde.

„Ersatzkirchen“

Daß sich die „Piusbruderschaft“ in einer kanonischen Irregularität und sogar objektiv im Schisma befand, störte die wenigsten. Schließlich bekam man bei ihr das, was die „Amtskirche“ nicht mehr bieten wollte, und dieser „Notstand“ rechtfertigte alles. Gerne wurden dazu Sätze zitiert wie „Salus animarum suprema lex“ (Das Heil der Seelen ist das oberste Gesetz) oder „Necessitas non habet legem“ (Not kennt kein Gebot). Kirche und Kirchenrecht wurden einfach beiseite geschoben, als wären sie ein Hindernis und nicht gerade die Quelle für die Heiligung. Wir haben hier eine der fatalen Folgen des „Sakramentismus“. Andere faßten den Notstand tiefer und richtiger, die sog. „Sedisvakantisten“. Aber auch bei ihnen bürgerte sich gerne ein Pragmatismus ein, der vornehmlich auf die Versorgung der Gläubigen ausgerichtet war unter Beiseitesetzung der eigentlichen kirchlichen Not und der kirchenrechtlichen Vorschriften, dergegenüber Theologie und Glaube in den Hintergrund traten.

Auf diese Weise entstanden regelrechte „Ersatzkirchen“, die anfingen, eine Eigendynamik zu entwickeln. Immer mehr Kapellen wurden aufgemacht, Meßorte eingerichtet, um möglichst viele Gläubige zu erreichen. Die regelmäßige Versorgung der Gläubigen mit Messe und Sakramenten erhöhte die Spendenbereitschaft, und je mehr man wuchs, je größer und reicher die Gemeinschaft wurde, desto mehr trat die Selbsterhaltung in den Vordergrund, zumal sich diese Gemeinschaften einbilden konnten, als Ersatzkirche ihrerseits unersetzlich zu sein. Schon lange ging es ihnen nicht mehr um den Fortbestand der Kirche, sondern um den der eigenen Gesellschaft. Die Folgen waren unausweichlich: Willkür ersetzte das Recht, Ideologie die Wahrheit.

Üble Folgen

Welche üblen Folgen hatte der „Sakramentismus“ für die Gläubigen? Das Abkoppeln der Sakramente von Theologie und Kirchenrecht führte zum Besuch von Messen und zum Empfang von Sakramenten, die unerlaubt oder sogar ungültig waren. Wir dürfen daran erinnern, daß nicht nur der „Novus Ordo Missae“ ungültig ist, sondern auch die „TLM“, wenn sie von einem nicht gültig geweihten Priester gefeiert wird. Die Weihen der „Konziliaren Kirche“ sind aufgrund der „erneuerten Weiheriten“ insbesondere der Bischofsweihe grundsätzlich ungültig. Da auch die „unierten Traditionalisten“ in der Regel von „konziliaren Bischöfen“ „geweiht“ sind, sind auch sie keine gültig geweihten Priester. Die Messen, die sie feiern, die Sakramente, die sie spenden (darunter die Beichte), sind schon von daher ungültig. Kommt hinzu, daß die von ungeweihten „Bischöfen“ vorgenommene „Weihe“ der heiligen Öle für Letzte Ölung und Firmung ebenfalls ungültig ist, was die mit ihnen gespendeten „Sakramente“ zusätzlich ungültig macht. Ungültige Sakramente zu empfangen ist zumindest sinnlos, in den meisten Fällen aber sündhaft. Wer etwa in einer ungültig gefeierten Messe das Knie vor der Hostie beugt, begeht im Grunde Götzendienst, da er Brot anbetet.

Nicht nur ungültige Sakramente sind die Gefahr, sondern auch solche, die unerlaubt gespendet oder empfangen werden. Wir dürfen hier noch einmal die Worte des Bischof Martin von Paderborn hersetzen: „Die Gemeinschaft in religiösen Dingen mit Häretikern und Schismatikern d. i. mit den durch Irrlehre oder Spaltung von der Kirche Getrennten ist strenge verboten. Sie schließt eine mittelbare Glaubensverleugnung, die Gefahr des Abfalls und ein Ärgernis für die Gläubigen in sich.“ „Weil der im Sakrament der Weihe der Seele eingedrückte unauslöschliche Charakter auch im abgefallenen Priester bleibt, so kann derselbe in der Messe noch Brot und Wein wahrhaft konsekrieren, wofern er alles richtig macht. Aber unser römisch-katholischer Glaube lehrt, daß eine solche Meßfeier kein Gottesdienst, sondern ein Gottesraub sei, nicht eine unblutige, sondern gewissermaßen eine blutige Erneuerung des Kreuzesopfers, nicht eine Quelle des Segens, sondern eine Quelle des Verderbens für den Darbringer wie für die Teilnehmer.“ (Gemeinden ohne Seelsorger, Antimodernist Nr. 47 vom Oktober 2025).

Dies gilt objektiv für alle Messen, die in Gemeinschaft mit („una cum“) einer falschen Kirche und ihrem „Papst“ gefeiert werden. Leider finden wir auch bei den „Sedisvakantisten“ solche, die nichts dabei denken, wenn jemand selbst „sehenden Auges“ an einem solchen „Gottesraub“ teilnimmt, der doch „nicht eine Quelle des Segens“ ist, „sondern eine Quelle des Verderbens für den Darbringer wie für die Teilnehmer“. Da hilft auch kein noch so starkes „Bedürfnis“ als Entschuldigung. Wir sehen, wohin man mit dem „Sakramentismus“ gelangt.

„Wir haben ja alles“

Ein weiteres Übel, das daraus erwächst, ist die Ablenkung von den eigentlichen Problemen. Die Gefahr ist groß, und wir sehen dieses Phänomen überall, daß die Gläubigen, wenn sie sich allseitig versorgt fühlen, den wahren Notstand in der Kirche völlig aus den Augen verlieren. Es bekümmert sie gar nicht oder kaum mehr, daß wir keinen Papst und keine Hirten haben, daß die Kirche als „Kirche in der Zerstreuung“ ein armseliges Dasein führen muß, während eine prahlerische Buhlerin ihren Platz eingenommen hat. „Wir haben ja alles“, nicht wahr? Wir haben unsere Kirchen und Kapellen, unsere Priester, unsere „TLM“ und unsere „traditionellen Sakramente“, unsere Sonntagspredigt usw. Was geht uns überhaupt ab?

Von hier ist nur ein kleiner Schritt, daß aus den „Notstandsseelsorgern“ „Ersatzhirten“ werden, die sich einbilden, über eine Hirtengewalt zu verfügen, eine „Jurisdiktion“, die obendrein weit über die der gewöhnlichen Hirten und selbst des Papstes hinausgeht. Aus einfachen Titularbischöfen werden „Oberhirten“, die nicht nur weltweit Kleriker, „Ordensleute“ und Laien „regieren“, sondern auch ein authentisches Lehramt ausüben, welches an Unfehlbarkeit dem Papst deutlich überlegen ist. Wir haben dieses Phänomen etwas verharmlosend „Kirche-Spielen“ genannt, aber es ist alles andere als harmlos. In Wahrheit bilden sich so lauter schismatische kleine „Eigenkirchen“, die oft einen „Guru“, ihre besondere Lehre und ihre sonstigen Eigenheiten haben. Mit der wahren Kirche Christi haben sie nichts mehr zu tun.

„Home aloner“

Es gibt, das soll nicht verschwiegen werden, auch die gegenteilige Gefahr. Es gibt Gläubige, welche die trostlose Lage der Kirche zu echten „Home alonern“ macht. Damit meinen wir nicht jene treuen Katholiken, die lieber zuhause bleiben und dort eine Andacht oder Hausmesse feiern als an einer ungültigen oder unerlaubten Veranstaltung teilzunehmen. Wir meinen solche, die grundsätzlich keine Messen mehr besuchen oder keine Sakramente mehr empfangen, weil sie alles für ungültig oder unerlaubt ansehen. Sie schütten gewissermaßen das „Kind mit dem Bade aus“. Das sind die „theoretischen Home aloner“. Die andere Variante sind die „praktischen Home aloner“, jene, die sich langsam daran gewöhnen, sonntags ohne die Hl. Messe und zumeist ohne Sakramente zu sein, und die das eigentlich recht bequem finden, weshalb sie auch dann nicht mehr zur Hl. Messe und zu den Sakramenten gehen, wenn es ohne allzu großen Aufwand möglich oder sogar geboten wäre. Das ist sozusagen der komplementäre Fehler, der sich aus dem Sakramentismus ergibt. Während dieser die Messe und die Sakramente über alles stellt, legt jener ihnen zu wenig Bedeutung bei. Während dieser durch die Gewöhnung an die regelmäßige Sakramentenversorgung die dahinter stehende schreckliche Situation vergißt, vermißt jener aufgrund der Entwöhnung von den Sakramenten diese gar nicht mehr und verliert so ebenfalls die wahre trostlose Lage aus den Augen.

Christus wollte uns diese Heilsmittel geben, weil Er wußte, wie sehr wir ihrer bedürfen. Wir dürfen sie daher nicht verachten, sondern müssen sie oft und gerne nutzen. Allerdings sind sie doch nur Hilfsmittel, um uns in der Gnade und im Glauben zu erhalten und zu fördern. Der Heiland hat sie außerdem in die Hände der Hirten Seiner heiligen Kirche gelegt, die ihre rechtmäßigen Ausspender sind, und erst diese legitime Spendung macht die Sakramente wirksam und fruchtbar.

Zusammenfassung

Wir fassen zusammen: In der Folge der Katastrophe des „II. Vatikanums“ hat sich unter den Katholiken vielfach der „Sakramentismus“ ausgebreitet, der kurz gefaßt aussagt: „Hauptsache die Messe, Hauptsache die Sakramente.“ Dies entspricht nicht der Ordnung, die Christus eingesetzt und die Kirche stets bewahrt hat. Hier kommt zuerst der Glaube, dann das Leben aus dem Glauben und erst an dritter Stelle die dazu nötigen Gnadenmittel (ganz entsprechend dem Aufbau des Katechismus). Außerdem hat der Heiland die Heilsmittel Seiner Kirche anvertraut. Sie ist die universale Heilsanstalt, außerhalb derer wir weder das Heil noch die dazu notwendigen Mittel finden. Die Sorge um die Kirche muß darum immer höher stehen als die Sorge um die Sakramente.

Der „Sakramentismus“ lenkt von dieser Ordnung ab. Wer sich nur oder vornehmlich um die Sakramente kümmert, verliert die höheren Anliegen wie den Glauben und die Kirche allmählich aus den Augen. Das wirkt sich auch wiederum auf die Sakramente aus. Der Sakramentismus scheut letztlich auch vor ungültigen oder unerlaubten Messen und ungültigen oder unerlaubten Sakramenten nicht zurück. Da wird es bereits objektiv sündhaft. Der Sakramentismus verleitet „traditionelle“ Priester und Bischöfe dazu, als Ersatzhirten zu agieren, und die Gläubigen sind nur zu gerne bereit, sie als solche anzuerkennen (und sich finanziell erkenntlich zu zeigen). Damit entstehen kleine „Ersatzkirchen“, im Grunde lauter schismatische Eigenkirchen, in denen nach dem Motto „Komm, wir spielen Kirche!“ alles getan wird, um vergessen zu lassen, daß wir in einem trostlosen Notstand und im Exil leben. Da finden die Gläubigen alles, was das Herz begehrt: Kirchen und Kapellen, „Meßzentren“, „Priorate“ und „Pfarreien“, „kirchliche Autoritäten“ bis hinauf zum Super-Bischof, der papstgleich eine weltweite Organisation „regiert“, „Klöster“ mit „Ordensfrauen“ und „Ordensbrüdern“, „katholische Schulen“, vor allem aber regelmäßige Heilige Messen und sakramentale Begleitung von der Wiege bis zur Bahre. Was will man mehr?

Zerstörung der Einheit

Der Fehler ist der, daß diese „Ersatzkirchen“ nicht die Kirche Christi sind, auch wenn sie sich gerne besonders „katholisch“ geben, weshalb die Kleriker und Laien, die sich ihnen zugehörig fühlen oder erklären, im Grunde die Kirche verlassen haben. Sie zerstören die kirchliche Einheit, statt sie wiederherzustellen. Der Dogmatiker Heinrich schreibt: „Die katholische Kirche erklärt sich durchaus nicht aus der bloß äußerlichen Verfassungsform der katholischen Kirche; sonst könnte man dieselbe nachahmen. Keine nur fingierte Unfehlbarkeit eines höchsten Glaubensrichters kann und wird je einen wahren und innerlichen Glaubensgehorsam finden; keine menschliche Autorität wird jemals im Stande sein, eine Einheit der Überzeugung auch nur in einem beschränkten Kreise und für einige Dezennien hervorzubringen. Eine Autorität wird sich dann gegen die andere erheben, und die Autorität wiederum durch die Eifersucht und Willkür der Einzelvernunft gestürzt und illusorisch gemacht werden. Die katholische Einheit erklärt sich nur aus dem übernatürlichen Glauben, sowohl in den Trägern der Autorität, als in den Gliedern der Kirche. Nur die wirklich durch Gott gesetzte und durch seinen Beistand unfehlbare Autorität hat die Kraft und den Mut den Glauben zu gebieten, den sie selbst in sich trägt, und nur der von Gott der Seele eingegossene Glaube erzeugt die freudige und zweifellose Zustimmung zur Lehre der Kirche. Die katholische Glaubenseinheit ist nicht eine äußerliche Form, sondern innerliche, bis zum Martyrium starke Überzeugung. Sie ist nicht das Werk geistiger Herrschsucht auf der einen und geistigen Servilismus auf der anderen Seite; vielmehr ist es derselbe übernatürliche Glaube, der Lehrende und Hörende in derselben Wahrheit vereinigt.“ (Dr. J.B. Heinrich, Dogmatische Theologie, Erster Band, Zweite Auflage, Verlag von Franz Kirchheim, Mainz 1881, S. 479).

Matthias Joseph Scheeben weist darauf hin, daß „die Glaubensgemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle die notwendige Bedingung der eucharistischen Gemeinschaft mit Christus ist, und dieselbe ihrerseits wieder durch die Unfehlbarkeit des Oberhauptes der Kirche bedingt wird“. Daher „muß auch die letztere ebenso wesentlich in der übernatürlichen Einheit der Kirche enthalten sein, ihr zugrunde liegen und ihr Wesen offenbaren, wie die Eucharistie selbst: Nur deshalb kann die Einheit, die communio fidei mit dem Heiligen Stuhle die Bedingung der Gemeinschaft der Gnaden der Eucharistie sein, weil auf dem Heiligen Stuhle in der Person des Papstes derselbe Christus seine Schafe um sich selbst als den einen Hirten zu einer Herde versammelt, welcher in der Eucharistie als Speise des Lebens seine Schafe mit seinem eigenen Leibe und Blute nährt und sie dadurch mit sich zu einem geheimnisvollen Leibe vereinigt“ (Einheit oder Zentralismus). Darum ist die Bedeutung des „una cum“ im Kanon der Heiligen Messe keineswegs „lächerlich“, wie Mgr. Lefebvre meinte, sondern die „notwendige Bedingung der eucharistischen Gemeinschaft mit Christus“ und die ausschlaggebende „Bedingung der Gemeinschaft der Gnaden der Eucharistie“.

Der „Geist Babels“

Scheeben weiter: „Nimmt man dagegen die Unfehlbarkeit des Papstes weg“ – wie es etwa die „Traditionalisten“ tun, indem sie ihren „Papst“ höchstens alle 150 Jahre einmal unfehlbar sein lassen und offenkundige Häretiker als „Päpste“ anerkennen –, „dann muß sofort das Band der kirchlichen Einheit gelockert und zerrissen werden (…). Die fundamentale Einheit der Kirche kann dann nicht mehr wesentlich in dem Zusammenhange und in der Verbindung mit einem gemeinschaftlichen Zentrum bestehen; die Einheit der Übereinstimmung in demselben Glauben und Leben wird nicht mehr durch die Kraft des gemeinschaftlichen Zentrums wirksam bestimmt und erhalten, wie sie auch nicht mehr durch dasselbe wirksam repräsentiert und geltend gemacht wird.“ In diesem Fall müßte es „entweder dem Heiligen Geiste überlassen bleiben, wie weit er ohne die organische Verbindung der Glieder mit dem Haupte die zerstreuten Glieder in der Einheit des Glaubens zusammenführen will, oder der freien Bewegung der einzelnen Menschengeister, wie weit sie sich noch aus freiem Entschlusse, ohne durch die Anziehungskraft des Zentrums bewältigt zu werden, sich zusammenfinden wollen“. Genau das ist die Situation dieser „Ersatzkirchen“.

Scheeben gibt zu bedenken: „Wenn es schon auf diesem Wege faktisch gelänge, eine Einheit oder Übereinstimmung des Glaubens und der Lehre zu erzielen, so wäre diese zusammengewürfelte Einheit doch nicht die wirkliche Einheit der Kirche, bei der die Einheit des Lebens, wie beim organischen Körper, wesentlich durch den Zusammenhang eines Gliedes mit dem anderen und die Abhängigkeit von demselben bedingt wird.“ Deshalb erweist sich „die Herstellung einer allgemeinen, vollen und stetigen Übereinstimmung im Glauben ohne die wirksame Anziehungskraft des Zentrums als eine Unmöglichkeit; die freie Bewegung der menschlichen Geister zeigt sich tatsächlich als die fruchtbare Mutter unzähliger Glaubens- und Meinungsverschiedenheiten, und der Heilige Geist will, obgleich er es vermöchte, schon deshalb nicht durch seine innerliche Erleuchtung alle Kontroversen beseitigen, weil er die Menschen an die Kirche fesseln will, sie nicht wirksam fesseln könnte, wenn sie nicht bei seinen Organen in der Kirche die volle Gewißheit des Glaubens und die Lösung ihrer Kontroversen zu suchen hätten“. Da haben wir den Grund, warum es heute nicht gelingen will, die Katholiken wieder zu sammeln, schon gar nicht durch irgendwelche „Ersatzkirchen“, zumal der „Geist der Zeit, der Geist Babels, d. i. der Verwirrung und Zerstreuung“ dem kräftig entgegenwirkt. Aber vielleicht haben wir hier auch den Grund, warum Gott diesen Zustand zugelassen hat, nämlich die Menschen durch das Erfahren der fehlenden Einheit wieder an die Kirche zu fesseln. (Auch wenn es im Moment nicht danach aussieht, denn im Grunde sind alle mit ihren „Privatkirchen“ ganz glücklich). Dazu muß freilich der Geist des Sakramentismus überwunden werden.

Es liegt an uns

Der Sakramentismus zerstört also die Einheit der Kirche. Auf der anderen Seite wollen wir die Gefahr nicht verharmlosen, die sich sozusagen konträr aus diesem Sakramentismus ergibt, nämlich die Vernachlässigung oder sogar Verachtung der Sakramente, die ein bedeutender Fehler wäre. Leider ist es heute so, daß jene Katholiken, welche die Sache ernst nehmen, oft selten oder kaum die Gelegenheit haben, an gültigen und erlaubten Messen teilzuhaben und gültige und erlaubte Sakramente zu empfangen. Auf diese Weise kann eine gewisse „Entwöhnung“ eintreten, die aufgrund menschlicher Trägheit, Lauheit oder Bequemlichkeit dazu führt, daß man nur allzu gerne die Gelegenheit ausläßt, an der Messe teilzunehmen oder die Sakramente zu empfangen, weil es einen Aufwand erfordert und das Daheimbleiben angenehmer scheint.

Fraglos verlangt der Heiland in dieser außergewöhnlichen Notzeit Seiner Kirche von uns, daß wir mehr Anstrengungen unternehmen und eifriger sind als zu den „gewöhnlichen“ Zeiten einer „Volkskirche“, wie wir sie in den christlichen Ländern Europas kannten, wo jedes Dorf seine Kirche und seinen Pfarrer hatte. Wenn wir aber die damit verbundenen Mühen auf uns nehmen, wird es Christus zweifellos reichlich lohnen. Und vielleicht sieht Er dann umso eher auf unsere Not und wird sich unser erbarmen und das Blatt wieder wenden. Solange wir aber satt und zufrieden sind mit unseren Sakramenten oder auch mit deren Mangel, wird Er sich weiter Zeit lassen. Es liegt an uns.