Das Licht von La Salette - 2

Die Ereignisse von La Salette jähren sich heuer zum 180. Mal, und nach wie vor sind sie „umstritten“, ja vielleicht „umstrittener“ denn je. In den Jahren 2017-2018 hat unser damaliger Erster Vorsitzender, der inzwischen leider verstorbene P. Hermann Weinzierl, sich mit der „großen Botschaft“ von La Salette in mehreren Artikeln auseinandergesetzt, die wir zum Jubiläum hervorholen und beleuchten wollen.

Kirchliche Bestätigung

Am 19. September 1846 erschien in den französischen Alpen nahe dem Bergdorf La Salette den Hirtenkindern Mélanie Calvat und Maximin Giraud die Gottesmutter und übergab ihnen eine Botschaft. Daß dies wirklich so war, hat uns die Kirche authentisch bestätigt. Sogar „Wikipedia“ weiß: „Am 19. September 1851, auf den Tag genau fünf Jahre nach der von den Kindern beschriebenen Erscheinung, erklärte Mgr. Philibert de Bruillard, Bischof von Grenoble, in einem Hirtenbrief (französisch: mandement doctrinal): ‚Die Erscheinung der Heiligen Jungfrau vor zwei Hirten auf dem Berg von La Salette […] trägt alle Merkmale der Wahrheit in sich und die Gläubigen sind berechtigt, sie für unzweifelhaft und sicher zu halten‘. 1855 bestätigte Mgr. Ginoulhiac, Bischof von Grenoble, nach einer erneuten Untersuchung die Entscheidung seines Vorgängers.“

Obwohl es sich folglich um eine einwandfrei kirchlich anerkannte Erscheinung handelt, stößt sie bis heute, ja gerade heute wieder, auf breite Ablehnung selbst unter den „treuen Katholiken“, besonders dem Klerus. Ein lefebvristischer „Ekklesiologe“ kreidet der Botschaft Unserer Lieben Frau die „zur Häresie führende“ Terminologie eines Martin Luther an, ein „konziliarer Theologe“ entdeckt plötzlich seinen Gehorsam zum längst abgeschafften „Index der verbotenen Bücher“ und lehnt sie deswegen ab, und ein „Jung-Sedisvakantist“, der ausführlich über die „Verfinsterung der Kirche“ handelt, meidet in diesem Zusammenhang sorgfältig jede Erwähnung des Namens „La Salette“, ja er distanziert sich ausdrücklich – wieder ohne den Namen zu nennen – von übernatürlichen Botschaften oder Büchern, „die von der Kirche verurteilt wurden“, angesichts der „Vielzahl verschiedener falscher Botschaften“ (Verbotene Bücher).

Zeichen des Widerspruchs

Das braucht uns nicht zu wundern, war doch die „Große Botschaft von La Salette“ von Anfang an ein „Zeichen des Widerspruchs“. Dabei unterschied man fein zwischen der Erscheinung und der „Großen Botschaft“ bzw. dem „Geheimnis“, welches den Seherkindern damals zuteil geworden war und erst später bekannt geworden ist. (Bisweilen ist von zwei Geheimnissen die Rede, für jedes Kind eines; vermutlich handelt es sich jedoch nur um ein und dasselbe Geheimnis, das jedem Kind auf eigene Weise mitgeteilt wurde.) Während erstere kirchlich anerkannt sein mag, so sagt man, sei es letzteres gewiß nicht. „Die kirchliche Anerkennung bezieht sich wie gesagt (nur) auf die öffentliche Botschaft und schließt diese beiden Geheimnisse nicht mit ein; und sie bezieht sich erst recht nicht auf die verschiedenen teilweise fantastischen Ausschmückungen, die später als die angeblichen Geheimnisse veröffentlicht oder genannt wurden (teils von den Kindern selbst)“, schreibt der „Theologe“ Neidhart, der sich seinerseits vorbildlich an das römische „Bücherverbot“ hält.

Denn, so hat er recherchiert: „Namentlich eine Kleinschrift mit dem Titel L’apparition de la trés [sic!] Sainte Vierge sur la montague de la Salette: le samedi 19 septembre 1846, in Deutschland manchmal ‚Die Große (ungekürzte) Botschaft von La Salette‘ genannt, wurde am 15. November 1879 gegen den Willen Roms durch Melanie veröffentlicht, wobei sie trotzdem ein Imprimatur (die kirchliche Druckerlaubnis) eines italienischen Bischofs erlangte. Aber diese Veröffentlichung wurde schon 1880 vom hl. Stuhl unter Papst Leo XIII. getadelt; am 21. Dezember 1915 wurde unter Papst Benedikt XV. das Vortragen und Darlegen ‚des sogenannten Geheimnisses von La Salette‘ sogar bei Strafe der Exkommunikation (bzw. Suspension für Priester) verboten, und am 9. Mai 1923 wurde unter Pius XI. der 1922 erschienene (unveränderte) Nachdruck von Melanies ‚Großer Botschaft‘ sogar auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt und ‚verdammt’.“

Sehr gründlich war seine Recherche nicht. Wir sind darauf schon einmal kurz eingegangen anläßlich unserer Beschäftigung mit „Verbotenen Büchern“. Hier wollen wir uns etwas ausführlicher die speziellen „Verbote“ ansehen, welche die „Große Botschaft von La Salette“ betreffen. Dabei stützen wir uns auf die Ausführungen des Lettre de liaison n° 90 des „Cap Fatima“ vom 31. Januar 2019. Für viele, so heißt es dort, stelle das Geheimnis der Mélanie Calvat eine „Erfindung der Seherin“ dar und sei „von Rom verurteilt“ worden, weshalb man sich damit nicht zu beschäftigen habe. Für andere ist es zumindest „sehr suspekt“. Doch sei die Klärung dieser Frage von großer Wichtigkeit, da Unsere Liebe Frau von La Salette zweimal gegenüber Maximin und Mélanie betont hatte: „Ihr werdet das meinem ganzen Volk bekannt machen.“

Die Niederschriften der Mélanie

Dazu muß man wissen, daß es eine sog. „Kleine Botschaft“ von La Salette gibt, die aus den Worten besteht, welche die Muttergottes an die Kinder gerichtet hat und die bereits mit dem Faktum der Erscheinung öffentlich wurde. Daneben aber gibt es jenes „Geheimnis“, das sie ihnen anvertraute mit dem Hinweis, es nicht sogleich bekannt zu geben. Bei der „Großen Botschaft“, wie wir sie heute gewöhnlich nennen, handelt es sich um das „Geheimnis“ der Mélanie in jener Form, welche 1879 veröffentlicht wurde. Die seligste Jungfrau, so erinnert der „Lettre“, habe Mélanie gesagt, daß sie ihr Geheimnis nicht vor 1858 preisgeben dürfe – „zufällig“ das Jahr der Erscheinungen von Lourdes. Am 3. September 1858 hatte sie eine Niederschrift davon angefertigt und an Papst Pius IX. gesandt. Später hatte sie Mgr. Petagna kennengelernt, den Bischof von Castellammare di Stabia, südlich von Neapel gelegen. Dieser nahm sie unter seine Fittiche, wurde ihr Beichtvater und Seelenführer, weshalb sie auch ihm ein Exemplar ihrer Abfassung überreichte und ein paar wenigen weiteren Personen.

1867 nahm Mélanie ihren Wohnsitz in der Diözese Mgr. Petagnas, der ihr dort ein Haus und einen eigenen Kaplan zur Feier der Hl. Messe zur Verfügung stellte. Ihr Beichtvater war in dieser Zeit Abbé Zola, der 1873 Bischof von Lecce in Süditalien wurde und die Sorge um Mélanie übernahm. Wenig später reiste Mgr. Petagna nach Rom und erhielt eine Audienz bei Papst Pius IX., dem bereits 1851 eine kurze Version der „Botschaft“ zugegangen war und 1858, wie erwähnt, die komplette. Der Papst mahnte den Bischof, daß er Mélanie nicht in Klausur halten dürfe, sondern ihr die Freiheit geben müsse, ihre Mission zu erfüllen.

Somit besaß Mélanie gewissermaßen die „apostolische Mission“, die Botschaft der Muttergottes zu verbreiten. Deshalb übergab sie 1868 auch Abbé Zola ein Exemplar ihres „Geheimnisses“ und schickte einige Abschriften an mehrere weitere Kleriker, darunter den Oberen von La Salette. Ende des Jahres 1870 zirkulierten bereits einige Kopien der Botschaft in Frankreich, und zu Anfang des Jahres 1873 erschien eine Ausgabe davon in Neapel, mit Imprimatur des Erzbischofs Mgr. Sforza sowie der Approbation von Pius IX. Zwischen 1872 und 1874 veröffentlichte M. Girard, der Leiter des „Œuvre d’Orient“ fünf Bücher über das „Geheimnis“, die sehr zur Erbauung und Ermutigung mehrerer Theologen und Bischöfe beitrugen und für welche er von Pius IX. beglückwünscht wurde.

Die Ausgabe von 1879

Am 20. Februar 1878 wurde Leo XIII. zum Papst gewählt. „Mélanie verfaßte daraufhin eine Broschüre mit dem Titel ‚Die Erscheinung der Allerheiligsten Jungfrau auf dem Berg La Salette am 19. September 1846‘, in der sie ausführlich von der Erscheinung von La Salette berichtete. Sie fügte darin eine vollständige Fassung des Geheimnisses ein (die letzte, die sie verfaßte), mit Ausnahme der Regel des Ordens der Mutter Gottes. Die Broschüre wurde am 21. November 1878 fertiggestellt und an den Vatikan geschickt.“ Am 3. Dezember 1878 empfing Papst Leo XIII. Mélanie in einer Privataudienz. Weit entfernt, sein Mißfallen über das „Geheimnis“ zu äußern und ihr Schweigen aufzuerlegen, forderte der Papst sie vielmehr auf, nach La Salette zu gehen, um dort die Botschaft zu verbreiten und den Orden der Muttergottes zu gründen, wie diese es verlangt hatte. Mélanie erwiderte, daß der für La Salette zuständige Bischof von Grenoble, Mgr. Fava, ihr großer Gegner sei. Papst Leo gab ihr daraufhin den Auftrag, die Regel für den Orden, der nach dem Willen der Muttergottes entstehen sollte und einen Teil ihres „Geheimnisses“ ausmachte, auszuarbeiten.

Zurück in Castellammare übersandte Mélanie eine Kopie aller ihrer Aufzeichnungen an Papst Leo XIII., und am 15. November 1879 erteilte Mgr. Zola, der ehemalige Beichtvater Mélanies, der nun Bischof von Lecce war, sein Imprimatur für die Broschüre, welche Mélanie im Jahr zuvor fertiggestellt hatte, und die der „Stein des Anstoßes“ werden sollte.

Fortsetzung folgt