Perspektivenwechsel

Es tut immer einmal gut, eine andere Perspektive einzunehmen. Für gewöhnlich bewegt sich ja ein jeder in seiner „Blase“ und pflegt die Dinge von dort aus zu betrachten. Da bilden die „Tradis“ und die „Sedis“ keine Ausnahme. Im Gegenteil. Darum wollen wir uns heute einmal einen Blick „von außen“ auf die „Traditionalisten“ von der „Piusbruderschaft“ gönnen.

Wiener Dogmatiker

Der „Wiener Dogmatiker“ Jan-Heiner-Tück hat dem „umstrittenen“ halboffiziellen Portal der „deutschen Bischöfe“, „katholisch.de“, ein Interview gewährt aus Anlaß der „unerlaubten Bischofsweihen der Piusbruderschaft“. Um diesen „Konflikt“ zu verstehen, so heißt es, müsse man „seine Vorgeschichte kennen“. Das ist unbedingt richtig. Dabei, so wird sich herausstellen, geht es „um viel mehr als nur um die Frage nach der richtigen Form der Liturgie – theologisch geht es ums Ganze“.

Zur Person: Jan-Heiner Tück, geboren 1967 in Emmerich, Niederrhein, ist „ein deutscher römisch-katholischer Theologe, Hochschullehrer und Publizist. Er lehrt als Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien“ (Wikipedia). Er ist „verheiratet und Vater von vier Kindern“, also ein Laien-Theologe, kein Priester. Sein Spezialgebiet ist die „Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils“, ein weiterer „Schwerpunkt Tücks ist die Theologie Joseph Ratzingers“. Sein jüngstes, am 29. Juni erschienenes Buch trägt den Titel „Ausverkauf des Konzils. Die Päpste und die Piusbruderschaft – eine Konfliktgeschichte“. Somit ist er der berufene Mann für unser Thema.

Nicht die Liturgie

Kommen wir zur Sache. Obwohl bei der „Piusbruderschaft“ jeder zuerst an die „Feier der vorkonziliaren Liturgie“ denkt, so ist doch der „Kern des Streits … nicht die Liturgie, es sind die Reformen des Zweiten Vatikanums“, wie der Professor unmißverständlich gleich zu Anfang klarmacht. Hierin offenbare die „Piusbruderschaft eine hartnäckige Verweigerungshaltung, wie zuletzt auch ihre ‚Glaubenserklärung‘ gezeigt hat“. „Die Liturgiekonstitution hatte Lefebvre anfänglich sogar begrüßt“, weiß der Dogmatiker, „die Kritik richtete sich an die Umsetzung der Liturgiereform“, bei welcher Lefebvre „sehr scharf eine von ihm konstatierte Abschwächung des Opfercharakters der Eucharistie und die Änderung der Zelebrationsrichtung“ bemängelt habe. Er habe sogar in polemischer „Verzeichnung des echten Anliegens der Liturgiereform“ von einer „Einführung der Luthermesse“ gesprochen.

Das ist richtig. Lefebvre hatte nichts gegen die vom „II. Vatikanum“ beschlossene „Liturgiereform“. Er begrüßte sie sogar und übernahm sofort die erste Umsetzung derselben mit den Büchern von 1965, die auch in den Anfängen der „Piusbruderschaft“ und in Ecône in den ersten Jahren verwendet wurden. Erst der „Novus Ordo“ ging ihm zu weit, worin er sich übrigens mit Joseph Ratzinger ganz einig war. Nur schlugen beide verschiedene Wege ein im Umgang damit, was uns hier aber nicht beschäftigen soll. Tatsächlich aber war die Liturgie nicht Lefebvres vordringlichstes Anliegen. Es ergab sich erst im Lauf der Tradi-Bewegung, daß die „Alte Messe“ zum Aushängeschild und Kampfobjekt Nr. 1 wurde – weil sie nun einmal die „Reform“ war, mit welcher die Gläubigen am direktesten konfrontiert waren. Lefebvres Blick war da in der Tat weiter und ging auf die „Reformen des Zweiten Vatikanums“ insgesamt.

Lefebvre und „Paul VI.“

Der Interviewer, ein gewisser Felix Neumann, wirft ein, daß Lefebvre selber „nach dem Konzil zunächst noch die Übereinstimmung mit Papst Paul VI. gesucht“ habe, und Tück bestätigt: „Ja, er hat alle Konzilsdokumente unterzeichnet, um in Übereinstimmung mit dem Papst zu bleiben.“ Wir erinnern in diesem Zusammenhang an die eidesstattliche Erklärung zweier Zeugen, die während des „II. Vatikanums“ in Rom waren und dort häufig u.a. mit Erzbischof Lefebvre verkehrten. Am Vorabend der Abstimmung über das von Lefebvre später mit am meisten kritisierte Dokument „Dignitatis Humanae“ über die „Religionsfreiheit“, hat sich demnach folgendes abgespielt:

Mons. Lefèbvre [sic!] sagte zu uns: „Morgen findet die Abstimmung über den Entwurf zur ‚Religionsfreiheit‘ statt. Ich werde mit ‚Ja‘ stimmen, weil ich mich nicht gegen Paul VI. stellen will.“ Wir erklärten ihm, daß es notwendig sei, mit „Nein“ zu stimmen, und daß es sicherlich eine Todsünde wäre, mit „Ja“ zu stimmen. Er antwortete uns: „Um mit ‚Nein‘ zu stimmen, muß man sich gegen Paul VI. stellen, und Sie wissen nicht, wie schrecklich es ist, sich gegen den Papst zu stellen und ‚Nein‘ zu sagen.“ Wir bestanden gegenüber dem Erzbischof darauf, daß es eine Todsünde wäre, [nicht] mit „Nein“ zu stimmen. Er willigte ein und versprach, gegen das Schema über die Religionsfreiheit zu stimmen, was er am nächsten Tag auch tat. [Was ihn jedoch nicht hinderte, am Ende doch seinen Namen unter dieses Dokument zu setzen.]

(Das Versagen der „konservativen“ Bischöfe)

Hüter der Tradition

„Interessant“ findet Herr Tück die „Korrespondenz zwischen Paul VI. und Lefebvre“. „Der Papst hat Lefebvre damals schon vorgeworfen, dass er sich anmaße, Hüter der Tradition zu sein, dabei komme das ja ihm, dem Papst, zu.“ Das war allerdings erst gut zehn Jahre nach Ende des „Konzils“, nachdem Lefebvre seine „Piusbruderschaft“ gegründet hatte und deren Wohl und Wehe ihm wichtiger wurde als sein Verhältnis zu dem Mann, den er seinen „Heiligen Vater“ nannte. Es erstaunt im Nachhinein, wie klar und „katholisch“ ein Modernist wie Montini (alias „Paul VI.“) die Dinge sah, die ein Lefebvre schon damals nur noch durch die ideologische Brille anschauen konnte. Mit seinem Vorwurf hatte er jedenfalls ganz recht, und Lefebvre hätte sich überlegen müssen, mit wem er es zu tun hatte. War dieser Mann wirklich der Papst und damit notwendig der „Hüter der Tradition“, oder war er es nicht? Und wenn er es nicht war, mit welchem Recht konnte sich ein Erzbischof anmaßen, diese Aufgabe einfach zu übernehmen? Aber solche Dinge reflektierte er nicht, wenn es um sein „Baby“, die „Piusbruderschaft“ ging.

Laut Tück hatte „Paul VI.“ „klar analysiert, dass Lefebvre einen quasi eingefrorenen Traditionsbegriff vertritt, der nur ein Segment der Tradition anerkennt“. Das scheint dem Dogmatiker „heute ein Schlüssel zur Deutung des Konflikts zu sein: Dass Lefebvre und mit ihm die Piusbruderschaft die Tradition engführt auf die Zeit von Gregor XVI. und Pius XII., also von den 1830ern bis zu den 1950ern“. „Dass es davor oder danach etwas gibt, das zur integralen Tradition der Kirche gehört, wird ausgeblendet.“ Uns hingegen scheint das nicht der Kern des Problems zu sein. Dieser liegt vielmehr in der Frage der Autorität, eben jenem Punkt, den Montini deutlich ansprach (und den auch Bergoglio mit seinem den Tradis so verhaßten „Motu proprio Traditionis custodes“ zielgenau ins Auge faßte): Wer ist der „Hüter der Tradition“? Wer entscheidet darüber, was Tradition ist und was nicht?

Die Kirche hat darauf eine eindeutige Antwort: das kirchliche Lehramt, Papst und Bischöfe. Wenn also ein Papst und ein Konzil etwas beschließen und lehren, kann es unmöglich gegen die „Tradition“ sein. Lefebvre hatte zu Recht kontradiktorische Widersprüche zwischen der Lehre der Kirche und der Lehre des „II. Vatikanums“ festgestellt. Daraus hätte er die einzig richtige Schlußfolgerung ziehen müssen: Das „II. Vatikanum“ war nicht das Lehramt der Kirche. Daraus wiederum hätte er folgern müssen, daß Montini nicht „Papst Paul VI.“ war. Wenn er dies aber zugegeben hätte, wäre sein Werk, die „Piusbruderschaft“, gefährdet gewesen. Darum machte er sich lieber selber zum „Hüter der Tradition“ und wurde zum Begründer des modernen „Traditionalismus“ (der allerdings ein wenig komplexer ist und sich nicht einfach als eine „Engführung“ auf ein „Segment der Tradition“ reduzieren läßt).

Französischer Kontext

Der Fragesteller kommt auf den „Vorwurf“ zu sprechen, „dass mit dem Konzil die Ideale der französischen Revolution in die Kirche Einzug gehalten hätten“, und möchte wissen, warum die Französische Revolution „für Lefebvres Kritik so zentral“ sei. Die Antwort hätten wir uns fast denken können: Man müsse, sagt Tück, den „französischen Kontext von Lefebvre betrachten“. „Der französische Laizismus war in seiner Kindheit und Jugend und während seines Studiums die Kontrastfolie für das wahrhaft Katholische.“ Die „strikte Trennung von Kirche und Staat, die bis hin zu Formen eines antiklerikalen und antikirchlichen Denkens übersteigert wurde“, die „Aspekte der Verfolgung und Ermordung von Priestern und anderen Gläubigen während der Revolutionszeit“ hätten sich als „Traumata im kollektiven Gedächtnis in Teilen des französischen Katholizismus“ festgesetzt. Das müsse man „beachten, um seine Kritik einordnen zu können“. Das ist zwar einerseits üble pauschale kollektive „Psychologisierung“, andererseits ist aber etwas daran. Zweifellos wäre Lefebvre nicht das geworden, was er war, wenn er nicht Franzose gewesen wäre. Als solcher war er sehr sensibel gegenüber den revolutionären Einflüssen, die er auf dem „Konzil“ wahrnahm, als auch bereit zur „kontrarevolutionären“ „politischen Aktion“, die er ohne weiteres von den bürgerlich-staatlichen auf die kirchlichen Verhältnisse übertrug. In letzterem lag sein Fehler.

Insofern ist sein französischer Hintergrund von ausschlaggebender Bedeutung für ihn, und auch seine „Piusbruderschaft“ wäre ohne ihre wesentlich französische Prägung nicht denkbar. Nicht zufällig wählte sie zu ihrem Emblem die „Kombination von Herz und Kreuz“, die als „ein Symbol des royalistisch-katholischen Widerstandes der französischen Landbevölkerung gegen die Französische Revolution“ gilt und sich im offiziellen Wappen des für seinen Aufstand gegen die revolutionären Kräfte berühmten französischen Departements Vendée findet sowie in zahlreichen weiteren französischen Gemeinde-Wappen („Wikipedia“). An diesen Widerstand knüpfte Lefebvre mit seiner Bewegung symbolisch an (was ihm insbesondere in Frankreich einigen Zulauf brachte). Denn, wie Tück richtig bemerkt, hatte er „den Eindruck, dass sich die Agenda der französischen Revolution wie ein trojanisches Pferd in die Konzilsaula eingeschlichen hatte“, um unter „den Leitbegriffen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ die „hierarchische Verfassung der Kirche mit dem Papst an der Spitze“ zu unterwandern. Das sei „der Grundtenor seiner Kritik“ gewesen, und „alle drei Schlagworte“ könnten „durch bestimmte Reformanliegen konkretisiert werden“.

Revolutionärer Akt

Der Interviewer springt hier sogleich ein und suffliert: „Anerkennung der Religionsfreiheit steht für Freiheit, die Kollegialität der Bischöfe und das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen für Gleichheit, die ökumenische und interreligiöse Öffnung für Brüderlichkeit.“ Das klinge „zunächst plausibel“. Doch seien die „französischen Ideale“ tatsächlich „handlungsleitend für das Konzil“ gewesen? Das weist Herr Tück selbstverständlich vollständig zurück. Zu unrecht. Denn, wie Joseph Ratzinger es einmal formulierte, ging es um die „Aneignung der besten, von zwei Jahrhunderten ‚liberaler‘ Kultur zum Ausdruck gebrachten Werte“, die, „selbst wenn sie außerhalb der Kirche entstanden sind, gereinigt und berichtigt ihren Platz in ihrer Sicht der Welt finden können“. Und das sei beim „II. Vatikanum“ „geschehen“ ( zitiert nach Marcel Lefebvre, „Sie haben ihn entthront“, S. 219). Im Hinblick auf den „Konzilstext“ „Gaudium et Spes“ meinte er sagen zu können, daß dieser „die Rolle eines Gegensyllabus spielt und insofern den Versuch der offiziellen Versöhnung der Kirche mit der seit 1789 gewordenen neuen Zeit darstellt“ (Theologische Prinzipienlehre, zitiert nach „Die Verfinsterung der Kirche“, Durach 2004, S. 147). Und von Kardinal Suenens sind die berühmten Worte überliefert, das „II. Vatikanum“ sei das „Jahr 1789 der Kirche“ gewesen. Nein, in diesem Punkt trog sein Instinkt Lefebvre nicht.

Tück sieht den Begriff „Revolution“ etwas technischer und weist darauf hin, daß „die Reformen des Konzils … durch kirchliche Erneuerungsbewegungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts vorbereitet worden“ seien. Als ob eine Revolution aus heiterem Himmel käme! Jedenfalls scheint Herr Tück überzeugt, daß es sich bei den „Reformen“ um ganz normale Vorgänge gehandelt habe, während es „etwas anderes“ gewesen sei, was Lefebvre als „revolutionären Akt“ angeklagt habe. Denn gleich „bei der ersten Generalversammlung“ hätten „die Kardinäle Josef Frings und Achille Liénart“ interveniert und verlangt, „die Konzilsväter sollten selbst bestimmen, wer in welche Kommission geht“. „Die Bischöfe wurden so selbst zu Akteuren des Konzils und weigerten sich, die von der Vorbereitungskommission erstellten Schemata einfach abzusegnen.“ Das also, meint er, wäre das gewesen, was Lefebvre als „nachträgliche Stilisierung“ unter „die Leitworte der französischen Revolution“ stellte. Genausogut könnte man sagen, die Französische Revolution habe mit den liberalen Ideen von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ gar nichts zu tun, da diese vorher schon im Kurs waren. Vielmehr habe man durch diese „Leitworte“ den Sturm auf die Bastille „nachträglich stilisiert“ (was durchaus möglich ist, aber nichts daran ändert, daß es die Ideen waren, welche die Revolution hervorbrachten und durch diese institutionalisiert worden sind, ebenso wie beim „II. Vatikanum“). Recht geben wir Herrn Tück, wenn er anmerkt: „Lefebvre ist ein Meister der Rhetorik der Differenz: Er hat seine Kritik ausgesprochen gut in sehr plakative Formeln gebracht.“ Das war zum großen Teil das Geheimnis seines Erfolgs.

Beschädigung der Autorität

Sehr interessant ist die folgende Frage. Lefebvre, so beginnt diese, habe also „kritisiert, dass die Konzilsväter sich selbst ermächtigt haben, das Konzil zu steuern“. Zugleich sei er aber „selbst ein Bischof, der auf seine eigene Einsicht, sein eigenes Verständnis pocht und sich so selbst ermächtigt, den Papst und die Kirche zu korrigieren“. Wie sei „dieser Selbstwiderspruch zu erklären“? Hier wird der Finger auf den wunden Punkt gelegt: Lefebvres „Selbstwiderspruch“, der aus dem „Kontra-Revolutionär“ selber einen „Revolutionär“ machte. Tück, der „DEN Erzbischof“ gut studiert zu haben scheint, bestätigt, es gebe „eine ganze Reihe von Selbstwidersprüchen in den Schriften und im Handeln von Lefebvre“. So ist es. „Einerseits will er die Autorität des Papstes gegen den Gedanken der Kollegialität der Bischöfe geschützt wissen. Andererseits torpediert er selbst genau diese Autorität, indem er sich als Bischof selbst ermächtigt, gegen den Willen des Papstes Bischöfe zu weihen.“ Genau das ist das Problem. Durch seinen eigenmächtigen Kampf gegen die Aufrechterhaltung der kirchlichen Lehre und Disziplin beschädigte Lefebvre zugleich massiv die kirchliche Autorität und damit das Prinzip der kirchlichen Einheit.

Sogar das weiß Herr Tück: „Der hl. Papst Pius X., auf den sich die Piusbruderschaft beruft, hat einmal gesagt: ‚Wer heilig ist, kann mit dem Papst nicht uneins sein.‘“ Wir selber haben dieses Zitat bereits mehrfach gegeben, das u.a. belegt, daß Lefebvre gewiß kein Heiliger war. Er war so sehr von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt, daß ihn nicht einmal der selbstgewählte Patron seiner Bruderschaft überzeugen konnte. Was dieser gesagt hat, spielte „für Lefebvre keine Rolle“. „Er hat in einem Akt des Ungehorsams die Autorität des Papstes beschädigt, einen Keil in die Gemeinschaft der Bischöfe getrieben und den verheerenden Eindruck lanciert, es gebe nun zwei Katholizismen: den vorkonziliaren und den nachkonziliaren, als würde das gestern und heute der Kirche nicht zusammenhängen.“

„Rebellenstatus“

Der erste Teil dieses Satzes ist zutreffend. Lefebvre hat mit seinem Ungehorsam „die Autorität des Papstes beschädigt“, und zwar sehr nachhaltig. Für seine Gefolgschaft und die „Traditionalisten“ überhaupt gilt die Autorität des Papstes nichts mehr, wie die jüngsten Bischofsweihen der „Piusbrüder“ wieder zeigten. Was jedoch seinen „verheerenden Eindruck“ anbelangt, so hatte er damit vollkommen recht. Es gibt „zwei Katholizismen“ – oder sogar viel mehr als nur zwei – und die Schuld daran trägt „DAS Konzil“. Dieses hat eine neue Menschheitskirche errichtet, die sich „katholisch“ nennt und in der man auf jede beliebige Art „katholisch“ sein kann – nur wahrhaft katholisch darf man nicht sein. Das aber wollte Lefebvre so nicht sehen. Lieber hat er ein Widerstandsrecht gegen den Papst proklamiert und damit die Grundlage des Glaubens und der Einheit der Kirche weggenommen als zuzugeben, daß diese falsche, auf revolutionären Prinzipien errichtete „Kirche“ nicht die katholische Kirche sein kann. Einer seiner „Selbstwidersprüche“, und der dramatischste davon. „In der Priesterbruderschaft St. Pius ist das Narrativ leitend, dass [sic!] das ‚neomodernistische‘ Rom habe sich vom ‚ewigen Rom‘ abgekehrt, und das ließe sich nur korrigieren, wenn das heutige Rom nach Écone pilgert und Abbitte für seine modernistischen Verwässerungen des Glaubens leistet“, faßt Tück die „Pius“-Position etwas polemisch, aber recht treffend zusammen.

Folgerichtig ist er der Auffassung, daß ein „Dialog“ keinen Sinn hat. Er steht da „ganz auf der Seite von Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der schon als Präfekt der Glaubenskongregation glasklar war: Ohne restlose Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils gibt es keine Einigung“. Vielleicht, so die Vermutung des Interviewers, beruhe ja der große Erfolg der „Piusbruderschaft“ gerade auf ihrem „Rebellenstatus“, ohne den es „überhaupt keine Grundlage mehr für ihr Fortbestehen gäbe“. Das ist zweifellos richtig, und auch Tück räumt vorsichtig ein: „Die Piusbruderschaft wäre jedenfalls nicht mehr die Piusbruderschaft, wenn sie unter das Dach der katholischen Kirche zurückkäme.“ Sie hat sich nun einmal als „traditionalistische Eigenkirche“ im Schatten der „Konzilskirche“ etabliert, und das ist ihr „Erfolgsrezept“. Würde sie eines davon aufgeben, würde sie in der Bedeutungslosigkeit versinken.

Fortgeschrittene Erosion

Jan-Heiner Tück findet es mehr als angebracht, daß die „Römer“ nun „die Instrumente zeigen“ – wie der Interviewer das formuliert – und deutlich die Exkommunikation für einen „schismatischen Akt“ aussprechen, wie es schon weiland Karol Wojtyla alias „Johannes Paul II.“ getan hat. Diese „Kontinuität und Klarheit“ sei „wichtig, weil es innerhalb der Kirche auch wohlwollende Stimmen den Piusbrüdern gegenüber gibt“. Als Beispiel nennt er den „Weihbischof“ Schneider, der „Papst Leo XIV. empfohlen hat, die Weihen ohne jegliche Auflagen zu erlauben“ mit der Begründung, die „Piusbrüder seien Hüter der katholischen Wahrheit, die im Sinne einer Korrektur nachkonziliarer Entwicklungen auch für die innere kirchliche Debattenlage produktiv einzubringen sei“. So ähnlich sehen das viele „unierte“ Tradis.

Überhaupt ist es erschreckend zu sehen, wie weit die Erosion in den Jahren seit Lefebvres schismatischem Akt vorangeschritten ist. Damals gab es noch eine relativ große Zahl von Anhängern, die sich von Lefebvre abwandten, weil sie diesen Schritt nicht mitgehen wollten. Heute gibt es keine solchen Reaktionen mehr. Nicht nur bei den Anhängern, auch bei der großen Mehrzahl der „Tradservativen“, ja sogar bei vielen „Sedisvakantisten“ stößt der neuerliche schismatische Akt auf Zustimmung, Verständnis oder Sympathie. Lefebvre gilt posthum als der große Heros. Lefebvre kann stolz auf sich sein. Er hat es geschafft, den Papst für die „traditionellen Katholiken“ völlig bedeutungslos werden zu lassen und hat bei ihnen damit die Grundlage für das katholische Denken vollkommen zerstört.

Täter zu Opfern

Insofern sind wir froh, daß es wenigstens noch einige Modernisten gibt, die an den Prinzipien festhalten, und zwar sowohl ihren modernistischen als auch den gut ekklesiologischen. Für Tück ist klar, daß eine „vorbehaltlose Anerkennung der Piusbruderschaft“ zu einer „widersprüchlichen Theologie führen“ würde. Man könne nicht „gleichzeitig sagen, die Juden haben zum einen jede heilsgeschichtliche Relevanz verloren und sind sogar heute noch des Gottesmordes mitschuldig, und zum anderen mit ‚Nostra Aetate‘ und Papst Johannes Paul II. sagen, dass sie wurzelhaft mit uns als Kirche verbunden sind und im ungekündigten Bund stehen“. Man könne nicht „auf der einen Seite sagen, es braucht einen katholischen Staat à la Franco und Pinochet, um die Wahrheit durch staatliche Mittel durchzusetzen, und auf der anderen Seite, dass die Kirche die liberale Rechtskultur anerkennt und die Bezeugungsmöglichkeiten für den Glauben nutzt, die ihr innerhalb des säkularen Staates gegeben sind“. Man könne „nicht sagen, dass die Nicht-Katholiken ‚Schismatiker‘ und ‚Häretiker‘ sind und ihnen zugleich auf Augenhöhe als getrennten Brüdern und Schwestern begegnen“. Es sei „daher nur konsequent, dass die unerlaubten Weihen, wenn sie stattfinden, klare Verhältnisse nach sich ziehen“.

Man würde sich wünschen, daß die Lefebvristen den Mut gehabt hätten, ebenfalls zu diesen Prinzipien zu stehen und selber „klare Verhältnisse“ zu schaffen, indem sie sich ihrerseits von der „konziliaren Kirche“ vollständig lossagen, statt die Frechheit zu besitzen, erneut in aller Öffentlichkeit stolz einen schismatischen Akt zu vollziehen und dabei vorzugeben, treue Katholiken zu sein, die den „Papst anerkennen“. Feige überlassen sie es wieder „Rom“, die Dinge klar zu benennen, um mit dem Finger auf die „Römer“ zeigen zu können und selber fein raus zu sein. „WIR haben ja nur aus dem Notstand heraus gehandelt. Die bösen Römer waren es, die uns gleich exkommuniziert haben, nur weil wir der Tradition treu bleiben wollen.“ So machen sie sich aus Tätern zu armen Opfern.

„Recognize and Resist“

Tück, so weiß der Fragesteller, sehe „wieder die Gefahr der Entstehung einer Parallelkirche“, analog der Abspaltung der „alt-katholischen Kirche“ nach dem „Ersten Vatikanischen Konzil“. Nun hätten sich jedoch die Alt-Katholiken „aufgrund der Papst-Dogmen abgespalten“ und könnten „heute für sich gut Kirche ohne Papst sein“. Die „Piusbruderschaft“ hingegen habe „gerade keine Probleme mit dem Ersten Vatikanum“, sie „braucht den Papst und bezieht sich auf ihn“. Wie könne da eine Parallelkirche entstehen? Darauf gäbe es einiges zu antworten, doch lassen wir Herrn Tück reden. Nach ihm ist der „formale Vergleichspunkt“ in „beiden Fällen der Verweis auf die Tradition“. Die „Akteure der späteren alt-katholischen Kirche“ hätten nach dem „Ersten Vatikanum“ die „Papstdogmen im Namen der bisherigen Lehrtraditionen abgelehnt“, was „dann zur Abspaltung“ geführt habe. Ebenso lehne die „Piusbruderschaft“ „im Namen ‚der‘ Tradition das Zweite Vatikanische Konzil und die nachkonziliaren Entwicklungen ab“. Bei ihr zeige sich dadurch jedoch „ein gewisser Widerspruch, dass sie in Verbindung mit dem Papst bleiben wollen, gegen den sie zugleich rebellieren“. Das ist das lefebvristische „Recognize and Resist“.

Zwar kenne die „Piusbruderschaft“ den Satz: „Ubi Petrus, ibi ecclesia. - Wo der Papst ist, da ist die Kirche.“ „Daher nennen sie auch den Namen des Papstes im Hochgebet, auch haben sie Leo XIV. ja ausdrücklich um die Erlaubnis für die Bischofsweihen gebeten.“ Naja, sagen wir mal so: Sie haben ihm freundlicherweise ihre Absicht mitgeteilt und es ihm freigestellt, ob er sich damit einverstanden erklären wolle oder nicht, ohne daß sie das in ihren Plänen irgendwie beeinflussen würde. Aber Herr Tück ist sehr wohlwollend und meint, dies zeige, daß die „Piusbrüder“ in „Einheit mit Nachfolger Petri bleiben möchten“. „Aber zugleich setzen sie sich in einem emanzipatorischen Akt über das fehlende apostolische Mandat hinweg, da der Papst vermeintlich im Widerspruch zum ewigen Rom steht.“

Parallelkirche

„Sie würden dem Papst folgen, wenn er genauso denkt wie sie“, fährt Herr Tück fort, und das sei „die Hybris des Traditionalismus“. Richtig. Daraus ersieht man aber, daß sie nicht wirklich „in Einheit mit dem Nachfolger Petri bleiben möchten“, denn das könnten sie ja, wenn sie nur wollten. Nein, vielmehr wollen sie, daß der „Nachfolger Petri“ in Einheit mit ihnen agiert, wie Tück oben schon angedeutet hat. Nicht sie folgen dem Papst, er soll ihnen folgen. Das ist ihre „Hybris“. Damit ist auch klar, daß sie im Grunde dieselben „Probleme mit dem Ersten Vatikanum“ haben wie die „Alt-Katholiken“. Nur leugnen sie die „Papst-Dogmen“ dieses Konzils nicht geradeheraus, sondern bekennen sich äußerlich dazu, während sie den päpstlichen Primat inhaltlich völlig aufgelöst und seine Unfehlbarkeit bis zur Unkenntlichkeit marginalisiert haben, indem sie ihre „Tradition“ über den Papst (und ein Konzil) stellen – ganz wie die „Alt-Katholiken“ das getan haben. Den Papst „brauchen“ sie nur und „beziehen sich auf ihn“, weil sie sich nicht offen als Parallelkirche präsentieren wollen, sondern als den rechtgläubigen, „traditionellen“ Zweig der „Konziliaren Kirche“, die für sie immer noch die katholische ist.

Auf Dauer wird das vermutlich nicht funktionieren, und Herr Tück dürfte recht haben, wenn er die „Gefahr“ sieht, „dass die Piusbruderschaft eine bischöflich verfasste Parallelkirche konstituiert, die sich von Rom abkoppelt“. Im Grunde ist das längst geschehen, nur daß die Verfassung dieser „Parallelkirche“ eine kuriose Mischung aus „priesterlich“ und „bischöflich“ ist, denn der Chef dieser „Kirche“ ist der „Generalobere“, derzeit ein einfacher Priester, der dennoch über die Bischöfe gesetzt ist. Auch die Abkopplung von Rom ist längst Wirklichkeit, wenngleich die „Piusbrüder“ nominell immer noch behaupten, dazuzugehören. Die eingangs erwähnte von Lefebvre monierte „Protestantisierung“ durch das „II. Vatikanum“ hat deswegen auch bei ihnen voll durchgeschlagen. Sie sind im Grunde Protestanten, die sich vom Papst nichts sagen lassen, auch wenn sie dafür die „Tradition“ vorschieben und nicht die Heilige Schrift. Und natürlich ist ihre Verpackung dermaßen „traditionell katholisch“, daß sich jeder davon täuschen läßt, der sie nur phänomenologisch betrachtet statt theologisch in die Tiefe zu gehen. Erst recht ist der Blick verstellt, wenn man sich erst einmal in einer ihrer Ideologien gefangen hat. So ist ein Modernist wie Tück zu gewissen Einsichten gelangt, die den Tradis und selbst den neueren Sedis verschlossen bleiben. Möge der eine oder andere unserem Beispiel folgen und einmal seine „Blase“ verlassen für einen Perspektivenwechsel. Er wird überrascht sein.