Atila Sinke Guimaraes verfaßte anläßlich des Jubiläums zum Ende des „II. Vatikanums“, das sich am vergangenen 8. Dezember zum 60. Male jährte, eine Würdigung auf traditioninaction.org mit dem Titel „How Vatican II could have been stopped“ – Wie das „II. Vatikanum“ hätte gestoppt werden können. Der konkrete Anlaß war ein Dokument, das erst diesen Dezember öffentlich gemacht wurde, und das einige Tatsachen bestätigt, die fast niemand kennt.
Das Trio
Guimaraes erinnert sich zunächst an Professor Plinio Corrêa de Oliveira, den „Brasilianischen Anführer eines Trios, das jahrzehntelang zusammengearbeitet hatte, um die Revolution in Kirche und Staat zu bekämpfen“. Plinio Corrêa de Oliveira (1908-1995) war nach „Wikipedia“-Angaben „ein katholisch-konservativer brasilianischer Politiker und Publizist“. Im Jahr 1960 gründete er die „Brasilianische Gesellschaft zur Verteidigung von Tradition, Familie und Privateigentum“ (TFP), die zusammen mit ihren Ablegern in anderen Ländern bis heute „ein ausgedehntes Netz von Vereinigungen katholischer Prägung“ bildet, „das sich dem – wie er es sah – gegen die christliche Zivilisation gerichteten ‚Revolutionsprozess‘ entgegenstellt“. Zu dieser Gesellschaft zählt auch Guimaraes und die „Website“ traditioninaction.org.
Das Trio, von dem er uns berichtet, bestand aus Plinio selbst sowie den brasilianischen Bischöfen Geraldo de Proença Sigaud und Antonio de Castro Mayer. Mgr. Sigaud (1909-1999) war 1946 von Papst Pius XII. zum Bischof von Jacarezinho ernannt und 1947 konsekriert worden, 1960 machte ihn „Johannes XXIII.“ zum „Erzbischof“ von Diamantina. De Castro Mayer (1904-1991) war 1948 von Pius XII. zum Koadjutor ernannt und im selben Jahr durch den Nuntius Carlo Chiarlo, der auch Sigaud konsekriert hatte, zum Titularbischof geweiht worden und von 1949 bis 1981 Bischof von Campos. Beide Prälaten waren als junge Priester in São Paulo stationiert gewesen und hatten dort Dr. Plinio kennengelernt, dessen Kampf sie sich anschlossen. Die Zusammenarbeit war überaus fruchtbar, und während mehr als zwei Jahrzehnten entstanden daraus „zahlreiche bahnbrechende Werke“.
Die Wirkkräfte beim „Konzil“
Nachdem „Johannes XXIII.“ das „II. Vatikanum“ einberufen hatte, begaben sich alle drei zusammen im Oktober 1962 nach Rom. Professor Plinio hatte eine etwa 20köpfige Mannschaft mitgebracht zur Unterstützung etwaiger Aktionen auf dem Konzil. Es war diese Gruppe, welche die Unterschriften für die beiden großen Petitionen sammelte, die auf dem „Konzil“ vorgelegt wurden. Die eine dieser Petitionen, von 334 Prälaten unterzeichnet, forderte die Verurteilung des Kommunismus, die andere, mit 510 Unterschriften, bat um den Vollzug der Weihe, wie sie die Gottesmutter in Fatima verlangt hatte. Beide Petitionen, die 1962 eingereicht wurden, gingen auf eine Initiative Plinios zurück und blieben sowohl von „Johannes XXIII.“ als auch von „Paul VI.“ unberücksichtigt. Sie verschwanden in irgendeiner „Schublade“, wie man hörte.
Nachdem die ersten beiden Monate der Ersten Sitzungsperiode vorüber waren, hatte Plinio bereits erkannt, daß der „Progressismus“ sich des „Konzils“ bemächtigt hatte und die entscheidenden Positionen besetzt hielt, um den Kurs vorzugeben. Die Leitung des „Konzils“ und Kontrolle seiner Debatten lag in den Händen von vier „Moderatoren“, von denen drei ausgesprochene „Progressisten“ waren, nämlich die Kardinäle Suenens, Döpfner und Lercaro. Auch hatte man in den Vorbereitungskommissionen für die Abschlußdokumente Modernisten und Vertreter der „Nouvelle Théologie“ plaziert wie die Herren Congar, Rahner, Schillebeeckx, de Lubac, Chenu, Ratzinger, Küng etc.
Hinzu kam, daß „progressistische Episkopate“ wie der von Deutschland mit ihrem Geld und Einfluß Hilfsorganisationen wie „Caritas“ und „Adveniat“ kontrollierten, an deren Tropf die Bischöfe in Missionsländern hingen, weshalb diese unter Druck standen und dazu neigten, gemäß den Wünschen ihrer Geldgeber abzustimmen. Andernfalls hätte man ihnen den Geldhahn zugedreht. Zu den auf diese Weise abhängigen Missionsländern gehörte beispielsweise Brasilien, das allein mit mehr als 300 Bischöfen auf dem „Konzil“ vertreten war, von denen die meisten auf das deutsche Geld angewiesen waren. Man kann sich vorstellen, was das für eine kraftvolle „Lobby“ gab.
Der gescheiterte Plan Plinios
Plinio, der diese Mechanismen rasch durchschaute, schlug nun seinen beiden Mitstreitern, Sigaud und de Castro Mayer, vor, diesen progressistischen Einfluß öffentlich anzuprangern und bei der Schlußversammlung der Ersten Sitzungsperiode bekannt zu geben, daß sie zu den weiteren Sitzungsperioden nicht zurückkehren würden, da der modernistische Feind die Versammlung übernommen habe. Diese Erklärung sollte durch starke Argumente und Dokumente gestützt werden, die aufzeigen würden, daß das, was da in der Kirche geplant war und installiert werden sollte, vom früheren Lehramt verurteilt worden war und daher nicht akzeptiert werden konnte. Für das Statement der beiden Prälaten wäre die Presse vor Ort, um alles zu filmen und zu fotografieren, und eine Pressemitteilung samt Interviews würde durch die Truppe Plinios weltweit verbreitet werden. Dieser „große Knall“, meint Guimaraes, hätte womöglich das „Konzil“ gestoppt. Doch leider bekamen die beiden Bischöfe kalte Füße und verzichteten auf diesen Auftritt.
„Was ich hier als Schüler von Prof. Plinio beschreibe, den ich seit mehr als 30 Jahren kannte, kann nun durch Beweise belegt werden“, stellt Atila Guimaraes den aktuellen Bezug her. Und zwar verhält es sich wie folgt: „Drei dieser gelehrten und gebildeten Laien, die mit Prof. Plinio nach Rom gereist waren, blieben dort bis zum Ende des Konzils, um die beiden Prälaten [Sigaud und de Castro Mayer] zu unterstützen und die Ereignisse zu verfolgen. Sie standen den beiden Prälaten so nahe, daß sie regelmäßig mit ihnen gemeinsam aßen.“ Nach Abschluß des „Konzils“ haben zwei von ihnen eine Erklärung verfaßt, die im Folgenden wiedergegeben werden soll. „Dieses Dokument war bis zum Dezember 2025, als der letzte der beiden Unterzeichner verstarb, unbekannt. Eine Person, die dieses Dokument aufbewahrte, veröffentlichte eine Kopie davon in einem Internet-Diskussionsforum, und ein Freund schickte es mir.“ So ist Guimaraes erst kürzlich an seinen Beweis gelangt.
„Dignitatis Humanae“
Das Dokument wurde in Brasilien notariell beglaubigt, was nach unserem Zeugen aussagekräftiger ist als wenn dies in den USA geschehen wäre. Denn eine Falschaussage in einem solchen Dokument wäre gleichbedeutend mit einem Meineid vor Gericht und könnte ebenso verfolgt werden. In Punkt 1 dieses Dokuments bezeugen die Unterzeichner, daß Bischof de Castro Mayer zugegeben habe, daß das „Konzil“ womöglich nicht zu jener Katastrophe geworden wäre, die es war, wenn er auf Professor Plinios Anregung gehört hätte, die oben geschildert wurde. In Punkt 2 geht es um die Unterschriften unter die „Erklärung über die Religionsfreiheit“, „Dignitatis Humanae“. Die Verfasser unseres Dokuments, die auch Erzbischof Lefebvre gut kannten, der oft bei Bischof Sigaud ein und aus ging, geben darin Zeugnis über die durch Angst verursachte Unentschlossenheit Lefebvres in dieser Angelegenheit, die sie beobachtet haben.
Dazu müsse man die Chronologie der Verabschiedung von „Dignitatis Humanae“ beachten, erklärt Guimaraes, die wie folgt aussieht: A. Die Diskussion über das Dokument begann am 14. Oktober 1965; B. Am 18. November richtete der Coetus Internationalis Patrum, in welchem sich die „konservativen Bischöfe des Konzils“ organisiert hatten, an diese „einen Brief, in dem er ihnen empfahl, mit ‚Nein‘ zu stimmen“. C. Am 19. November fand eine vorläufige Schlußabstimmung statt mit 1.954 Ja- und 249 Gegenstimmen bei drei ungültigen Stimmen. D. Am 7. Dezember 1965 wurde „Dignitatis Humanae“ in einer feierlichen Sitzung endgültig verabschiedet: Es gab 2.308 Ja-Stimmen, 70 Nein-Stimmen und 8 ungültige Stimmen. E. Später bat „Paul VI.“ oder ordnete an, daß jeder Bischof, der am „Konzil“ teilgenommen hatte, alle Schlußdokumente desselben unterzeichnen sollte, was tatsächlich alle Bischöfe taten.
Dazu erläutert Guimaraes: „Wenn die beiden unten genannten Zeugen erwähnen, daß sie Monsignore Lefèbvre [sic!] ‚einige Tage zuvor‘ in den Räumlichkeiten von Erzbischof Sigaud empfangen hatten, muß das genaue Datum dieses Besuchs der 6. Dezember 1965 gewesen sein, der Tag vor der endgültigen feierlichen Abstimmung über Dignitatis Humanae. Wie wir sehen können (Buchstabe D), stimmten am 7. Dezember 70 Bischöfe dagegen, darunter auch Mons. Lefèbvre [sic!]. Dennoch unterzeichneten alle diese Bischöfe, einschließlich Mons. Lefèbvre [sic!], später alle Dokumente als Antwort auf die Bitte/Anordnung von Paul VI.“
Daraus ließe sich erklären, warum Lefebvre später immer steif und fest behauptete, er habe „Dignitatis Humanae“ nicht unterschrieben, während sein Jünger und Evangelist Tissier de Mallerais in seiner Biographie darauf beharrt, daß er die Unterschrift Lefebvres in den Archiven mit eigenen Augen gesehen habe, und die Leugnung dieser Tatsache durch Lefebvre als einen „menschlichen Irrtum“ zu entschuldigen suchte. Tatsächlich dürfte es sich so verhalten, daß Lefebvre die Liste vom 7. Dezember meinte, auf welcher er nicht unterschrieben hatte, während sich Tissier auf die sehr wohl vorhandene Unterschrift auf dem Schlußdokument bezog. Dennoch, stellt Guimaraes fest, sei die Haltung Lefebvres in dieser Frage schwankend gewesen. Trotz der Empfehlung des „Coetus Internationalis Patrum“, mit „Nein“ zu stimmen, habe Lefebvre erst dazu gedrängt werden müssen, dieser Empfehlung zu folgen, wie wir im folgenden Dokument erfahren werden.
Das notariell beglaubigte Dokument
Unterzeichnet wurde jenes ominöse Dokument von den beiden brasilianischen Rechtsanwälten Pedro Paulo Figueiredo and Carlos Alberto Soares Corrêa am 12. Oktober 1989, notariell beglaubigt am 26. Oktober desselben Jahres. Guimaraes fragt sich: Warum im Jahr 1989, nicht vorher oder später? Seine Vermutung ist, daß dies mit dem Bruch von Bischof Mayer mit Prof. Plinio und dessen Verbindung mit Mons. Lefebvre zu tun hat, die 1988 öffentlich wurde, als die beiden gegen den ausdrücklichen Willen von „Johannes Paul II.“ vier Bischöfe in Écône weihten und sich damit in eine Situation des objektiven Schismas begaben. Hätten die beiden Prälaten auf Professor Plinio gehört, so hätte es keine „Krise des II. Vatikanums“ gegeben und auch kein Schisma, zeigt sich Guimaraes überzeugt.
Doch kommen wir nun endlich zu der eidesstattlichen Erklärung der beiden Rechtsanwälte, die folgende beiden Punkte umfaßt:
Als wir im Dezember 1965, einige Tage vor Weihnachten, in Rom waren, wurden wir von Seiner Exzellenz Bischof Antonio de Castro Mayer, dem damaligen Bischof von Campos, zu einer Reise nach Assisi eingeladen. Herr Henrique Barbosa Chaves, der zu dieser Zeit Mitarbeiter der brasilianischen TFP war, wurde ebenfalls eingeladen. Bevor wir nach Assisi aufbrachen, aßen wir in einem Restaurant an der Ausfahrt von Rom in Richtung dieser historischen Stadt zu Mittag. Am Ende des Mittagessens sagte Henrique Barbosa Chaves zu Bischof Mayer: „Eure Exzellenz, das Konzil ist zu Ende. Was für eine Tragödie war dieses Konzil für die Kirche!“ Und Bischof Mayer antwortete mit sehr ernster Stimme: „Und die Schuld dafür liegt bei Erzbischof Sigaud und mir, die wir nicht auf Dr. Plinio hören wollten.“
Einige Tage zuvor, als wir uns in dem von Erzbischof Sigaud gemieteten Sitz in der Vila Alessandro III, ganz in der Nähe des Vatikans, aufhielten, traf der französische Erzbischof Marcel Lefèbvre [sic!] ein. Der Aufenthalt dort war zu Ende, und wir bereiteten uns darauf vor, in die brasilianische Botschaft zurückzukehren, wo wir während des Konzils gewohnt hatten. Mons. Lefèbvre [sic!] sagte zu uns: „Morgen findet die Abstimmung über den Entwurf zur ‚Religionsfreiheit‘ statt. Ich werde mit ‚Ja‘ stimmen, weil ich mich nicht gegen Paul VI. stellen will.“ Wir erklärten ihm, daß es notwendig sei, mit „Nein“ zu stimmen, und daß es sicherlich eine Todsünde wäre, mit „Ja“ zu stimmen. Er antwortete uns: „Um mit ‚Nein‘ zu stimmen, muß man sich gegen Paul VI. stellen, und Sie wissen nicht, wie schrecklich es ist, sich gegen den Papst zu stellen und ‚Nein‘ zu sagen.“ Wir bestanden gegenüber dem Erzbischof darauf, daß es eine Todsünde wäre, [nicht] mit „Nein“ zu stimmen. Er willigte ein und versprach, gegen das Schema über die Religionsfreiheit zu stimmen, was er am nächsten Tag auch tat.
Lefebvre und seine „Bruderschaft“
„Sie wissen nicht, wie schrecklich es ist, sich gegen den Papst zu stellen.“ So hatte Mgr. Lefebvre 1965 noch ganz richtig empfunden. Zehn Jahre später hatte er keine Probleme mehr damit, sich „gegen den Papst zu stellen“, als derselbe „Paul VI.“ seine „Piusbruderschaft“ aufhob und ihm die Weihen untersagte. Über die „Suspendierung a divinis“ durch seinen „Papst“ lachte er nur noch. Wieder etwas über zehn Jahre später weihte er sogar Bischöfe gegen das ausdrückliche Verbot seines „Papstes“ und kümmerte sich kein Deut mehr um die darauf folgende „Exkommunikation“. Was war da geschehen?
Wir wissen es nicht und können nur spekulieren. Entweder war Lefebvre im Laufe der Zeit zu der Überzeugung gelangt, daß die „konziliaren“ und „nachkonziliaren“ Päpste keine Päpste waren. Tatsächlich hört man immer wieder Gerüchte, Lefebvre sei eigentlich im Inneren seines Herzens „Sedisvakanist“ gewesen. Dann wäre seine Mißachtung des „Papstes“ nachvollziehbar, nicht aber sein Verhalten. Denn nach außen hin wenigstens und in der Öffentlichkeit beharrte er darauf, daß diese Männer wahre Päpste waren, wenn auch „Liberale“ mit Doppelgesicht. Warum tat er das, wenn er doch eine andere Überzeugung hatte? Vielleicht um seiner „Bruderschaft“ willen? Denn natürlich wußte er und sagte das auch offen, daß er die bereite Unterstützung durch die „Traditionalisten“-Szene verlieren würde, wenn er sich zur „Sedisvakanz“ bekennen wollte, und daß sein über alles geliebtes Werk damit in der Bedeutungslosigkeit versinken oder ganz untergehen würde.
Oder, das ist die andere Möglichkeit, Lefebvre redete sich selber ein, daß er bis dahin eine falsche Auffassung von der päpstlichen Autorität und dem schuldigen Gehorsam gehabt hatte, weshalb er nun daran ging, seine neue „traditionalistische“ Lehre zu entwickeln, wonach der Papst nur maximal einmal in hundert Jahren unfehlbar ist – was allerdings jeweils auch noch erst durch die „Traditionalisten“ zu ratifizieren wäre – während er sonst die grauenhaftesten Irrtümer begehen und sogar amtlich Häresien lehren und Sünden anordnen könne, weshalb alles, was er sagt und tut, zuerst auf die Goldwaage der „Tradition“ zu legen ist. Gehorsam schulden wir ihm daher lediglich in seinen unfehlbaren Akten, ansonsten nur in besonderen Fällen und erst nach sorgfältiger Prüfung. So oder so, ob er selber daran glaubte oder nicht, hat er in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem „Konzil“ seine „Recognize-and-Resist“-Ideologie ausgebildet und ausgebaut und sie all seinen Jüngern sowie der ganzen „Traditionalisten-Bewegung“ autoritativ auferlegt, und das ganz offensichtlich um des Erhaltes und Wohlergehens seiner Gründung, der „Piusbruderschaft“ willen. Denn interessanterweise hatte er sich zum Widerstand gegen die Irrlehre der liberalen „Religionsfreiheit“ erst durchringen müssen, während ihm dieser ganz leicht fiel, als es dem „Werk seiner Hände“, seinem Augenstern, an den Kragen ging.
Das Versagen der „konservativen“ Bischöfe
Wir wissen nicht, ob das „II. Vatikanum“ wirklich hätte „gestoppt“ werden können, wenn Bischöfe wie Sigaud, Castro Mayer oder Lefebvre konsequenter gedacht hätten und konsistenter vorgegangen wären. Tatsache aber ist, daß es das Versagen dieser „konservativen“ Bischöfe war, dem wir die desolate Lage maßgeblich zu verdanken haben, in der sich die „Kirche in der Zerstreuung“ heute befindet. Wir sind weit davon entfernt, sie zu verurteilen. Wir wissen nicht, wie wir selber in einer solchen Situation gehandelt hätten. Aber objektiv können diese Bischöfe von einer Mitschuld nicht freigesprochen werden. Sicherlich, es hätte Glaubenshelden gebraucht, um den Betrug zu durchschauen und den Mut aufzubringen, dagegen aufzustehen. Aber andererseits fordert das Bischofsamt diesen Heroismus, wenn es darauf ankommt. Christus verlangt von den Bischöfen, gute Hirten zu sein und keine Mietlinge, und Er verspricht ihnen die nötigen Gnaden dazu. Immerhin gab es Laien wie Professor Plinio, die den Klarblick und die Entschlossenheit aufbrachten, die diesen Bischöfen fehlten. Warum hörten sie nicht wenigstens auf diese Stimmen? Wie Bischof de Castro Mayer in verspäteter Einsicht bekannte: Die Schuld für die „Tragödie“ des „Konzils“ lag bei ihm und den anderen Bischöfen, die nicht auf Stimmen wie die des Prof. Plinio hören wollten. Leider hat auch er keinerlei Konsequenzen aus dieser Erkenntnis gezogen.
Professor Georg May hat einmal (19. Oktober 1986) einen Vortrag gehalten, der auch in schriftlicher Form erschien: „Die Krise der Kirche ist eine Krise der Bischöfe.“ Leider hält diese „Krise“ nun schon seit nicht nur 60 Jahren, sondern seit mindestens 150 Jahren, wenn nicht seit Jahrhunderten an. Ohne diese langandauernde und sich stetig verschärfende „Krise“ hätte es das „II. Vatikanum“ in dieser Form nicht gegeben. Und ein Ende ist nicht in Sicht, zumal wir heute gar keine Bischöfe mehr haben – jedenfalls keine, die kraft ihrer Hirtengewalt als Nachfolger der Apostel agieren können. Auch das ist die Schuld des Versagens der „konservativen“ Bischöfe auf und seit dem „II. Vatikanum“.
Gebet
Mit dem Propheten Daniel können wir nur beten und flehen: „Dein aber, unseres Herrn und Gottes, ist Erbarmen und Vergebung, denn wir sind von dir abgefallen und haben nicht auf die Stimme des Herrn, unseres Gottes, gehört, daß wir nach seinem Gesetze gewandelt wären, welches er uns durch seine Diener, die Propheten, gegeben. Ganz Israel hat dein Gesetz übertreten und ist abgefallen. So wachte denn der Herr über das Verderben und ließ es über uns kommen; der Herr, unser Gott, ist gerecht in allen seinen Taten, die er vollbracht, denn wir haben nicht auf seine Stimme gehört. So erhöre nun, unser Gott! das Gebet deines Dieners und sein Flehen und zeige dein Angesicht um deiner selbst willen über deinem Heiligtume, das verwüstet liegt. Neige, mein Gott, dein Ohr! und höre, öffne deine Augen und schaue die Verwüstung und die Stadt, über welche dein Name angerufen ist! denn nicht auf unsere Gerechtigkeit vertrauend, bringen wir vor deinem Angesicht unser Flehen dar, sondern auf deine großen Erbarmungen bauend. Erhöre, Herr! sei gnädig, Herr! merke auf und handle; säume nicht um deiner selbst willen, mein Gott! denn über die Stadt und dein Volk ist dein Name angerufen“ (Dan 9, 9-11. 14. 17-19).