Es war die höchste Zeit, daß sich eine Organisation wie diese bildete, nun ist sie da: Das „Netzwerk ‚TradRecovery’ hilft Aussteigern aus radikalem Traditionalismus“. So lautet die erlösende Botschaft auf „kath.net“. „Wir versuchen, ehemaligen Traditionalisten zu helfen, ihr Vertrauen in die Heilige Mutter Kirche aufzubauen“ und unter den Papst und das katholische Lehramt zurückzukehren, erklärte die „Netzwerkgründerin“ laut Bericht.
„Traditionalismus“
Demnach wurde die Organisation „TradRecovery“ im Februar 2023 gegründet, „um Ressourcen und eine Gemeinschaft für Menschen bereitzustellen, die traditionalistische Milieus oder Ideologien verlassen und in die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche eintreten“. So heißt es in der „Selbstdarstellung“ auf ihrer „Website“. Unter „Traditionalismus“ versteht das „Netzwerk“ eine „Ideologie, die kirchliche Traditionen mit der heiligen Tradition gleichsetzt und folglich die persönliche Auslegung dieser ‚Tradition‘ zur obersten Richtschnur erhebt – sogar über die Autorität des Lehramts der Kirche hinaus“. Das ist gar keine schlechte Definition. „Wir glauben, daß es zum authentischen Katholiken gehört, ‚traditionell‘ zu sein“, fährt die Darstellung fort, „der ‚Traditionalismus‘ geht jedoch in seiner Vorliebe für ältere Bräuche noch einen Schritt weiter und fördert schismatische Haltungen und Verhaltensweisen, die den Leib Christi zerreißen, anstatt ihn aufzubauen.“
Das ist im wesentlichen ganz richtig gesehen. Nur geht es nicht einfach um eine „Vorliebe für ältere Bräuche“, sondern um eine ganz eigene Vorstellung und Art von „Katholisch-Sein“, die sich im wesentlichen an den 1950er Jahren orientiert. Dahinter steckt der zutreffend wahrgenommene „Bruch“, der sich auf dem „II. Vatikanum“ vollzogen hat, zwischen „alter“ und „neuer“ Kirche. Die „Traditionalisten“ lehnen die „neue Kirche“ ab und wollen bei der „alten“ bleiben; deswegen ihre „Vorliebe“ für die 1950er Jahre. Das Problem ist, daß sie die meist gefühlsmäßig und rein phänomenologisch wahrgenommene Empfindung des „Bruchs“ nicht genügend reflektieren und sich mit halben und „einfachen“ Lösungen zufrieden geben. Genau hier öffnet sich der Raum für die Ideologie.
Ideologie und Sektenbildung
„Eine Ideologie ist auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu durchschauen, weil auch sie vorgibt, Wahrheit zu sein. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, sie ist eine einseitig nuancierte oder eine verbogene Wahrheit. Im Gegensatz zur Wahrheit des katholischen Glaubens wird bei der Ideologie ein Teilaspekt der Wahrheit bzw. eine einzelne Lehre herausgegriffen und überhöht, d.h. für das Ganze gesetzt. Die Ideologie verliert letztlich immer die Gesamtwirklichkeit aus dem Auge, weil sie sich auf einen bestimmten Aspekt der Lehre fixiert. Sie konzentriert sich auf eine bestimmte Lehre, die womöglich gerade von brennendem Interesse ist, und möchte dafür unbedingt eine (schnelle) Lösung finden – bzw. sie gibt vor, eine, oder besser noch die Lösung des Problems gefunden zu haben. In Wirklichkeit greift aber die von der Ideologie angebotene Lösung zu kurz. Darum muß diese Lösung mit aller Gewalt – d.h. auch mit Hilfe von Irrtümern – verteidigt werden“ (Wahrheit oder Ideologie).
Der spezielle Aspekt, auf den sich die „Traditionalisten“ gewöhnlich fixiert haben, ist die „traditionelle Liturgie“. Nichts ist für sie von so „brennendem Interesse“ wie das Schicksal der „TLM“, der „traditionellen lateinischen Messe“. Daß die „neue Kirche“ ihnen diese genommen hat oder doch wegzunehmen versucht hat, ist das eigentliche „Verbrechen“. Die „Lösung des Problems“ sehen sie darin, sich ihren Freiraum für die „TLM“ innerhalb dieser „Neuen Kirche“ zu erkämpfen oder ihn sich einfach zu nehmen, selbst um den Preis eines Schismas. Denn daß die „Neue Kirche“ genau so die Kirche Christi ist wie die „alte“, das steht für sie fest. Just an diesem Punkt greift ihre „Lösung zu kurz“, und darum muß sie „mit aller Gewalt – d.h. auch mit Hilfe von Irrtümern – verteidigt werden“. So kommt es zu den ekklesiologischen Irrtümern und der Häresie des „Traditionalismus“, der in der Tat nach protestantischem Vorbild „die persönliche Auslegung dieser ‚Tradition‘ zur obersten Richtschnur erhebt – sogar über die Autorität des Lehramts der Kirche hinaus“.
„Eine sehr gefährliche Folge der Ideologie auf die betroffenen Menschen ist die damit einhergehende Verblendung des Geistes. Die Ideologie macht den betroffenen Menschen durch die Einengung und Fixierung des Blickes auf gewisse Bereiche der Wirklichkeit für andere Bereiche allmählich blind. Das Tragische dieser Entwicklung ist, daß diese Blindheit die Gefahr in sich birgt, zur Verblendung zu werden, d.h. sie wird unheilbar. Der verblendete Ideologe kann durch keine Art von Argumenten mehr überzeugt werden. Gebetsmühlenartig wiederholt er seine Thesen und schwört die eigene Mannschaft wieder und wieder auf die eigene Ideologie ein. Jeder, der die eigene Ideologie nicht teilt, wird zum Feind abgestempelt. Dabei wird dieser Feind in keiner Weise mehr sachlich beurteilt, sondern nur noch psychologistisch verteufelt. Dem ausgereiften Ideologen geht es letztlich nicht mehr um die Sache, also nicht mehr um die Wahrheit, sondern nur noch um die eigene Ideologie. Er urteilt darum nur noch nach Gruppenzugehörigkeit, es gibt nur noch Freund und Feind“ (ebd.).
Selbsthilfegruppen
Hier liegt der Grund, warum der „Traditionalismus“ die Gefahr der Sektenbildung mit sich bringt. Was kann man dagegen tun? „TradRecovery“ bietet eine Art virtueller „Selbsthilfgruppen“ an. Dazu stellt es „Videointerviews mit Aussteigern aus Tradi-Milieus online“, wie „kath.net“ berichtet. „Denn wer aus solchen Gruppierungen aussteigen möchte, den interessiert das Lebenszeugnis anderer, die die Kraft fanden, sich von dem abzuwenden, was sie als ‚geistlichen Missbrauch’ erlebt hatten, die sich in einer Logik der Angst verstrickt vorfanden, die sogar von teilweise sektenähnlichen Strukturen sprechen.“ Dagegen will „TradRecovery“ ehemaligen „Traditionalisten“ ermöglichen, „ihr Vertrauen in die Heilige Mutter Kirche aufzubauen, sie zu beruhigen, dass es für Katholiken vollkommen akzeptabel ist, die Messe in ihrer lokalen Diözesankirche zu besuchen, und ihnen zu helfen zu verstehen, dass die Unterordnung unter das Lehramt der Kirche – sich also von der Braut Christi führen zu lassen – ihre Seelen nicht gefährden kann und nicht gefährden wird“.
Das alles wäre sehr gut und sehr richtig, würde es sich bei der „Heiligen Mutter Kirche“, zu welcher man die „Traditionalisten“ „zurückführen“ will, nicht um die falsche und apostatische Menschheitskirche des „II. Vatikanums“ handeln. „Rückkehr in die Einheit mit dem Papst, Rückkehr unter das kirchliche Lehramt, volle Anerkennung des II. Vatikanischen Konzils, volle Anerkennung der Liturgie auch in ihrer heutigen Normalform – dies alles wird von den Aussteigern als befreiend empfunden.“ Und damit sind die armen „Aussteiger“ unversehens Opfer einer neuen Ideologie geworden. Sie sind der Verkürzung der Wahrheit, die ihrer eigenen Ideologie zugrunde lag, nicht entkommen, sondern haben nur auf die „andere Seite“ gewechselt. Denn nach wie vor halten sie die „Neue Kirche“ für die Kirche Christi. So „befreiend“ es für sie ist, zur „Rückkehr in die Einheit mit dem Papst, Rückkehr unter das kirchliche Lehramt“ zu gelangen, so sehr wird die „volle Anerkennung des II. Vatikanischen Konzils, volle Anerkennung der Liturgie auch in ihrer heutigen Normalform“ sie in neue ideologische Fesseln schlagen, nur diesmal in modernistische statt „traditionalistische“.
„Barmherzigkeit“ statt „Tradition“
Die „Netzwerkgründerin“ mit dem netten „Nickname“ „MissHappyCatholic“ ist „den Weg des Ausstiegs aus dieser Ideologie auch persönlich gegangen“ und erzählt: „Als ich begann, mein eigenes traditionalistisches Denken ernsthaft zu hinterfragen, blickte ich nüchtern auf mein Umfeld und sah, was aus uns geworden war: Wir waren vollkommen friedlos, von Bitterkeit zerfressen und ständig ausschließlich damit beschäftigt, andere Menschen nach ihrer Kleidung, ihrer Ästhetik oder ihrer liturgischen Praxis zu verurteilen. Ich erkannte zutiefst, dass ich völlig vom Kurs abgekommen war. Der katholische Glaube ist in Wirklichkeit unendlich reich, vielfältig und soll eine Quelle tiefer, befreiender Freude sein. Er soll uns dazu bringen, andere Menschen von Herzen zu lieben, anstatt herablassend und voller Stolz auf sie herabzusehen, nur weil sie unsere künstlich aufgeblasenen, extremen Standards nicht teilen.“ Offensichtlich ist sie im „Charismatismus“ gelandet, wie ihr „Nickname“ schon verrät. Statt sich mit Theologie zu beschäftigen, hat sie die gefühlsmäßige Ebene nie verlassen und ist kein Stück katholischer geworden. Sie hat, genau gesprochen, bloß die „traditionalistische“ Form des „Charismatismus“ gegen dessen „moderne“ eingetauscht.
Entsprechend ist ihr Schibboleth jetzt nicht mehr die „TLM“, sondern die „Barmherzigkeit“. Auf diese ist ihr Blick nunmehr „fixiert“. „Im traditionellen Milieu ist das Wort ‚Barmherzigkeit‘ fast schon zu einem Schimpfwort geworden. Es wird reflexartig mit Modernismus, moralischer Schwäche, Laxheit und dem Verrat an den ewigen Dogmen gleichgesetzt“, tönt sie. Hingegen weiß sie jetzt, daß „die Kirche“ ihre „Anforderungen im realen Leben der Gläubigen nicht deshalb“ einschränke, „weil ihr die Wahrheit gleichgültig ist, sondern weil sie in tiefer Weisheit weiß, dass der Mensch schwach ist und der Erlösung bedarf – das ist die reine, göttliche Barmherzigkeit“. Die Frau hat’s kapiert!
Auch Sedi-Aussteiger welcome!
„kath.net“ fügt hinzu, daß das Netzwerk „eine Anlaufstelle für Aussteiger nicht nur aus dem Umfeld der Piusbruderschaft“ biete, „sondern auch aus anderen, weniger bekannteren Gruppierungen, bsp. der sedisvakanstistischen Priesterbruderschaft St. Pius V. (SSPV), die sich wiederum von der Bruderschaft Pius X. abgespaltet hat [sic! Komma fehlt] und der sedisvakantistischen Congregation of Mary Immaculate Queen (CMRI)“. „Der Sedisvakantismus behauptet, dass der Stuhl Petri gegenwärtig unbesetzt sei“, wird fürsorglich angemerkt, für jene, die sich in der „Sedi-Sekte“ verfangen haben und noch nicht einmal wissen, was „Sedisvakantismus“ bedeutet.
Wie wichtig „kath.net“ die Sache ist, zeigt die Tatsache, daß sie entgegen ihrer sonstigen Gepflogenheit diesem Bericht eine „Bewertung“ anhängen. Darin verleihen sie ihrer Besorgnis Ausdruck, „dass durch die angekündigten unerlaubten Piusbruderschafts-Bischofsweihen diese Priesterbruderschaft und ihre Laienanhänger sich noch weiter vom römisch-katholischen Lehramt und vom Petrusdienst entfernen werden“. Hier nun gewinne „ein solches Netzwerk und ähnliche Gruppierungen an Bedeutung“. Als „positives“ Beispiel wird „die von Papst Benedikt XVI. geförderte Petrusbruderschaft“ hingestellt, die offensichtlich auch schon so ein „Aussteiger-Netzwerk“ war. Ratzinger ist ihr großer Held, wie schon das alberne Gerede vom „Petrusdienst“ andeutete, das aus seinem Munde stammt.
Wohin soll man sich wenden?
„Denn wo sollen Anhänger der umstrittenen Piusbruderschaft eigentlich hin, wenn sie aussteigen möchten? Wo werden sie Hilfe finden, wo können sie sachkundige Gesprächspartner für ihre konkreten Fragen, wo Gemeinschaft mit Menschen, die diesen mühsamen Weg ebenfalls gegangen sind?“ Ja, wahrhaftig! Das sind ernste Fragen! „Und last but not least: Wo können diese Menschen römisch-katholische Gemeinschaften finden, die nicht de facto auf der anderen Seite von demselben Pferd gefallen sind?“ Das ist in der Tat eine interessante Frage; denn wie uns „MissHappyCatholic“ vorgeführt hat, ist genau das in der Regel der Fall.
Darum die aufrüttelnde Ermahnung von „kath.net“: „Denn DIESE Menschen werden wir nicht durch Stuhlkreise und Tücherschwenken in die volle Gemeinschaft mit uns zurückholen – DIESE Menschen suchen tiefgründiger und haben Fragen, die wir in unseren Pfarreien und Gemeinschaften beantworten können sollten.“ Da könnte sich „kath.net“ an die eigene Nase fassen, das sich im seichten konservativ-charismatischen „Mainstream“ dahinwälzt und selber keine Antworten auf diese Fragen hat. Nein, „DIESE Menschen“ wird nur die Wahrheit retten können, der sie so geflissentlich aus dem Weg gehen; die ganze und unverkürzte katholische Wahrheit, wie wir sie in der Lehre der wahren katholischen Kirche finden. Nicht die verkürzten „Wahrheiten“ der Tradis, Modernisten und Charismatiker. „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8, 32).