Wunschdenken und Projektion

Where Peter Is“ nennt sich ein Blog im Internet, der sich um echte „Papsttreue“ bemüht – wenngleich am falschen Objekt, denn man hält dort den jeweiligen obersten Chef der „konziliaren“ Menschheitskirche für den Papst. Aber immerhin, man bemüht sich, ihn wirklich als solchen zu behandeln. Das unterscheidet diese Leute wohltuend von den Tradis, denen ihr angeblicher „Papst“ höchstens als Haßobjekt dient oder im besten Fall einen Lehrbuben abgibt, den sie schulmeistern können.

Ein verkleideter „Papst Franziskus II.“?

Mike Lewis, der Herausgeber des „Blogs“, hat unter dem Titel „The Spin Cycle on Pope Leo XIV“ (übersetzt etwa soviel wie „Papst Leo im Schleudergang“) einen Versuch gemacht, das Verhältnis zwischen „Leo XIV.“ und den Tradis näher zu bestimmen. In den letzten Wochen nämlich, so ist ihm aufgefallen, habe sich in den englischsprachigen „konservativ-katholischen“ Medien das „Narrativ“ verbreitet, daß „Papst Leo Papst Franziskus korrigiere“. Hatte man das anfänglich an den vordergründigen und mehr ästhetischen Unterschieden festzumachen gesucht – das Singen, das Tragen der Mozzetta oder die Wiederaufnahme des Sommerurlaubs in Castel Gandolfo und das Beziehen der päpstlichen Gemächer im Vatikan –, so will man jetzt auch in den Lehren und wichtigeren Entscheidungen ein deutliches Abrücken von der Linie des Vorgängers erkennen.

Das erstaunt, denn die Tradis hierzulande haben nach einer ersten Euphorie über den Auftritt Prevosts auf der Loggia des Petersdoms schnell wieder auf ihren gängigen Papsthaß-Modus umgeschaltet und in jedem seiner Worte und Handlungen nur den Bergoglio gleichen Tradi-Feind erspähen wollen, den sie endlich triumphierend präsentieren konnten, nachdem ein Foto aufgetaucht war, das Prevost in seinen früheren Jahren als Missionar bei der Teilnahme an – ausgerechnet – einem „Pachamama“-Ritual zeigt. Wußten wir’s doch! Ein verkleideter „Papst Franziskus II.“! Ha!

Oder ein „Anti-Franziskus“?

Anders die englischsprachigen „Konservativen“, die ganz andere Seiten an ihm entdecken. Zuerst erblickten sie in „Papst Leos Ankündigung vom 19. März, im Oktober ein Treffen zu ‚Amoris Laetitia‘ abzuhalten“, praktisch eine „erneute Auseinandersetzung mit Papst Franziskus’ Apostolischen Schreiben über Ehe und Familie“, dann wurde „Leos Erwähnung der sakramentalen Priesterweihe von Männern während seiner Mittwochsaudienz am 25. März als Verteidigung eines ausschließlich männlichen Klerus dargestellt (und manche sahen darin sogar eine subtile Zurechtweisung von Sarah Mullally, der neuen Erzbischöfin von Canterbury der Church of England, die am selben Tag in ihr Amt eingeführt wurde)“.

Seinen Bemerkungen „gegenüber Prinz Albert über den Status des Katholizismus als Staatsreligion in Monaco“ folgten „Kommentare in den sozialen Medien und auf Reddit, in denen angedeutet wurde, daß seine Worte darauf hindeuten, er sei ein Integralist und befürworte konfessionelle Staaten“. Schließlich und endlich aber sorgte eine von „Kardinal“ Pietro Parolin unterzeichnete Botschaft von „Papst Leo“ an die „französischen Bischöfe“ für großes Aufsehen bei den Tradis und wurde als das Signal einer Umkehr von „Traditionis Custodes“ gedeutet. Das „Narrativ“ sei immer dasselbe, folgert Lewis: „Leo“ führe die Kirche in die entgegengesetzte Richtung als die, in welche „Papst Franziskus“ sie gelenkt habe. Ein wahrer „Anti-Franziskus“.

Der ominöse Brief von „Kardinal“ Parolin

Ja, man kann die Dinge eben so oder so betrachten, je nach Wunsch und Vorurteil. Doch die Faktenlage sei „dünn“ und die Grundlage der Worte zumindest mehrdeutig, moniert Lewis. Das beste Beispiel dafür erblickt er in dem genannten Brief von Parolin, denn wenn er die Lesart der englischsprachigen „Konservativen“ mit dem Text selber vergleiche und mit der Aufnahme, die dieser beim französischen Publikum gefunden habe, so sei diese doch eher fragwürdig. Und gleich geht er in medias res und zitiert den Wortlaut des Briefes. Er datiert vom 18. März und wurde am 25. März von der „Französischen Bischofskonferenz“ veröffentlicht, wurde wie gesagt von „Kardinal“ Pietro Parolin im Auftrag von „Papst Leo“ geschrieben und ist an die zu Lourdes versammelten „Bischöfe“ Frankreichs gerichtet. Drei Themenbereiche werden angesprochen: die katholische Erziehung, die „Mißbrauchskrise“ und die Liturgie, genau in dieser Reihenfolge. Zu letzterem Thema enthält der Brief die Sätze:

„Ihr habt schließlich, liebe Brüder, die Absicht, das heikle Thema der Liturgie anzugehen, dem der Heilige Vater besondere Aufmerksamkeit schenkt, und zwar vor dem Hintergrund des Wachstums der Gemeinschaften, die dem Vetus Ordo verbunden sind. Es ist besorgniserregend, daß sich in der Kirche weiterhin eine schmerzhafte Wunde hinsichtlich der Feier der Messe, des Sakraments der Einheit schlechthin, auftut. Um sie zu heilen, ist sicherlich ein neuer Blick jedes Einzelnen auf den anderen erforderlich, geprägt von einem tieferen Verständnis für dessen Empfindsamkeit; ein Blick, der es Brüdern, die reich durch ihre Verschiedenheit sind, ermöglicht, sich gegenseitig in Nächstenliebe und in der Einheit des Glaubens anzunehmen. Möge der Heilige Geist Ihnen konkrete Lösungen eingeben, die es ermöglichen, diejenigen, die dem Vetus Ordo aufrichtig verbunden sind, großzügig einzubeziehen, unter Beachtung der vom Zweiten Vatikanischen Konzil vorgegebenen Leitlinien in liturgischen Fragen.“

Die Absicht „DES Konzils“

In der Tat ein mehr salbungs- als bedeutungsvolles Geschwafel, das man gut verstehen muß, um es recht einzuordnen – ganz ähnlich wie die Dokumente des „II. Vatikanums“. Mr. Lewis fällt auf, daß der letzte Satz mit dem „Heiligen Geist“ ein Gebet ist, nicht eine Direktive, wie es von einigen vorschnellen Tradi-Kommentatoren gleich aufgefaßt wurde, wie etwa von „The Pillar“, der darin einen „klaren Hinweis“ sah, daß „Papst Leo ein schnelles Handeln der Ortsbischöfe“ wünsche im Hinblick auf eine Aufhebung der Restriktionen um die „TLM“. Bemerkenswert findet Mike Lewis auch das, was der Text ausläßt. Mit keinem Wort werde „Traditionis Custodes“ erwähnt, die Ausweitung der „traditionellen“ Zelebrationen, die Wiederherstellung früherer Erlaubnisse oder die Gewährung von Befugnissen. Daraus leitet er ab, daß nirgendwo eine Ermutigung zu finden sei, zu den Verhältnissen von „Summorum Pontificum“ zurückzukehren. Das „II. Vatikanum“, stellt Lewis zutreffend fest, habe nicht vorgesehen gehabt, daß der „unreformierte Ritus“ zusammen mit der „reformierten Liturgie“ und neben ihr weiterexistiere, wie „Benedikt“ dies gestattet hatte.

Hier wird es für uns interessant, denn wir hören die authentische Auslegung der Worte von „Sacrosanctum Concilium“, welche die Tradi-Kons gerne überlesen oder auf ihre eigene Weise auslegen. In diesem Dokument des „II. Vatikanums“ steht nämlich zu lesen, daß die „heilige Mutter Kirche“ – gemeint ist die Pseudo-Kirche des „II. Vatikanums“ – wünsche, „eine allgemeine Erneuerung der Liturgie sorgfältig in die Wege zu leiten“. In seiner „Apostolischen Konstitution Missale Romanum“ vom Gründonnerstag 1969 hat dann „Paul VI.“ seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, „daß das neue [Meß-]Buch von den Gläubigen als eine Hilfe zur gegenseitigen Bezeugung und Stärkung der Einheit angenommen werde“. „Durch seine Verwendung soll in der Mannigfaltigkeit vieler Sprachen aus den Herzen aller ein und dasselbe Gebet, das Gott wohlgefälliger ist als Weihrauch, zum himmlischen Vater durch unseren Hohenpriester Jesus Christus im Heiligen Geiste emporsteigen“, hatte er geschwelgt. Der Wille der falschen „heiligen Mutter Kirche“ ist klar: Das Missale Romanum soll „reformiert“ werden, und alle sollen es annehmen, in der ganzen „Mannigfaltigkeit“ all seiner „vielen Sprachen“.

„Großzügig“

Großen Anteil an den verschiedenen Interpretationen des Parolin-Briefes, um zu diesem zurückzukehren, hat nach Ansicht von Mr. Lewis die divergierende Auffassung des Wortes „großzügig“ im letzten Satz. Im Englischen verstehe man „generous“ gerne im quantitativen Sinne, also: „gib mehr davon“. So interpretieren es folglich die englischsprachigen Tradi-Organe und fordern für ihre „TLM“ „generous access, generous permissions, generous provision“ (großzügigen Zugang, großzügige Berechtigungen, großzügige Bereitstellung). Anders im Französischen, wo das Wort „génerosité“ nach Auskunft unsere linguistisch bewanderten Herrn Lewis oftmals eine „edle Gesinnung oder eine angeborene Charaktereigenschaft (grandeur d’âme)“ bezeichne, während das englische Wort „generosity“ in der Regel „die konkrete Handlung des Gebens oder einen Überfluß an Ressourcen“ betone. Ja, die Engländer sind halt knallharte Empiristen und keine solchen Feingeister wie die Franzosen.

Darum, so schließt Mike Lewis, hörten französische Katholiken aus diesen Worten eher einen Appell „zu pastoraler Offenheit und Aufgeschlossenheit“ als eine „technische Anweisung zur Ausweitung der Gottesdienste“ heraus. Ein französischer „Bischof“ würde sie vermutlich als Einladung sehen, sich der Personen pastoral an- und sie aufzunehmen, statt die Zahl der „Lateinischen Messen“ in der Diözese zu vermehren. Mehrere französische Journalisten, mit denen Herr Lewis den Text „diskutiert“ hat, hätten ihm diese Lesart bestätigt. Einer habe ihm die Auslegung gegeben, daß der „Papst“ sicherlich eine „bessere Inklusion“ der „Traditionalisten“ in seiner „Kirche“ anrege, zeigte sich jedoch erstaunt, daß man daraus eine Aufforderung zu erweitertem Zugang zum „Vetus Ordo“ herauslesen wolle. Die „französischen Bischöfe“ hätten gar nicht die Vollmachten Restriktionen aufzuheben und hätten ohnehin bereits genug Schwierigkeiten mit der Anwendung von „Traditionis Custodes“. Eine simple Wiederherstellung der Verhältnisse von vor 2021 auf eigene Autorität sei für sie schlichtweg unmöglich, seien doch die Ausnahmen von den Maßnahmen Rom reserviert.

Die „Vatikan-II-Klausel“

Interessant, wie die „Bischöfe“ plötzlich so peinlich auf „Rom“ achten, während sie sonst wenig interessiert, was von dort kommt. Der eigentliche Grund für die divergierenden Interpretationen scheint uns weniger in sprachlichen Sensibilitäten zu liegen als vielmehr in der unterschiedlichen Mentalität von Tradis und Mainstream-Menschheitskirchlern. Erstere tragen immer ihre Filterbrille auf der Nase und lesen daher allüberall nur „Freiheit für die TLM“, während letztere einfach ihren „Job“ machen und halt irgendwie mit den lästigen Tradis umgehen müssen, die sie am liebsten los wären. Das erklärt vollständig, warum die einen dieses, die anderen jenes herauslesen, wobei die Auslegung der letzteren die richtige sein dürfte. Denn daß „Papst Leo“ eine Ausweitung des „Vetus Ordo“ will, der das Selbstbewußtsein der Tradis und damit ihre Frechheit und Aufsässigkeit nur weiter fördern kann, ist kaum anzunehmen. Andererseits muß man ihnen natürlich ein wenig entgegenkommen und Zucker geben, damit sie es mit ihrer Rebellion nicht gar zu weit treiben. Genau das will er wohl den „Bischöfen“ mitteilen.

Der Ober-Tradi Joseph Shaw, Präsident der Latin Mass Society und von Una Voce International, vertrat in seinem Tunnelblick selbstverständlich die Einschätzung, daß mit der „großzügigen Inklusion“ nur die „Erlaubnis von mehr Zelebrationen der älteren Liturgie“ gemeint sein könne, und überlas dabei seinerseits großzügig („großzügig“ hier nicht im Sinne der Tradis, sondern im Sinne der französischen „Bischöfe“) die abschließenden Worte seines „Heiligen Vaters“, der klar die Richtung vorgab: „unter Beachtung der vom Zweiten Vatikanischen Konzil vorgegebenen Leitlinien in liturgischen Fragen“. Die „Gefühle“ des französischen „Episkopats“ gegen die „Traditionalisten“ sind nicht gerade „warm“, wie Lewis aus seinen Kontakten mit Journalisten wissen will. Anders als einige „konservative“ US-„Bischöfe“ hätten diese keinerlei Interesse, die Restriktionen von „Franziskus“ zu lockern. Das dürfte politisch-gesellschaftliche Gründe haben, denn in den USA ist der „Konservativismus“ auf dem Vormarsch, in Frankreich nicht.

Auf die Befragung der „Glaubenskongregation“ von 2020 über ihre Erfahrungen mit „Summorum Pontificum“ hatten die „Bischöfe“ Frankreichs mehrheitlich ein desaströses Urteil abgegeben. Demnach berichteten sie von „Communities“, welche die kirchliche Einheit verletzten, die Konzelebration verweigern, das „II. Vatikanum“ zurückweisen, den Papst kritisieren und als Parallel-Kirche agieren. Typische Tradis eben. Die Schlußfolgerung des Berichts habe gelautet: „Insgesamt läßt sich feststellen, daß wir Zeugen zweier Welten sind, die nicht miteinander vereinbar sind.“ So ist es. Wenn die Tradis das endlich einmal einsehen wollten und die Konsequenzen zögen! Dies, so fügt Lewis vielsagend hinzu, seien dieselben Bischöfe, die nun zur „großzügigen Aufnahme“ aufgefordert würden. Sie wüßten somit genau, wie das auszusehen habe und warum die „Vatikan-II-Klausel“ am Ende des Briefes steht.

„Schlußgedanken“

In seinen „Schlußgedanken“ stellt Mike Lewis klar, daß „Papst Leo“ selbstverständlich nicht „Papst Franziskus“ sei. Er habe eine andere Persönlichkeit, einen anderen Stil und eine andere Herangehensweise. Das ist logisch und war noch immer so, selbst bei echten Päpsten. „Leo“ scheint Herrn Lewis in einigen seiner Worte und Handlungen bis zu einem gewissen Grad „bewußt mehrdeutig“ zu sein. Stimmt. Das waren auch die meisten seiner Vorgänger, besonders Ratzinger, und es war das Erfrischende an Bergoglio, daß es bei ihm nicht so war. Somit sei es möglich, daß die „Traditionalisten“ bei „Leo“ ermutigende Signale heraushörten, die jedoch nur im Tonfall lägen und keineswegs eine Änderung der Politik bedeuten würden. Der Wechsel von „Franziskus“ zu „Leo“ habe womöglich das Wunschdenken einiger Traditionalisten beflügelt, was die „TLM“ betrifft. Das hat er sogar bestimmt getan. Doch bis heute – und nun wird es bald ein Jahr, daß „Leo“ im Amt ist – sei „Traditionis Custodes“ als kirchliches Gesetz in Geltung, und auch Parolin habe in seinem Brief mit keinem Wort von einer Änderung desselben gesprochen.

Inzwischen seien bereits weitere Aktionen von „Papst Leo“ erfolgt, die wiederum die schärfsten Reaktionen seitens der „konservativen“ Fraktion ausgelöst haben und die keineswegs geeignet seien, das „Narrativ“ vom „Anti-Bergoglio“ zu nähren. Somit bleibt nur der Schluß, daß die englischsprachigen „konservativ-katholischen“ Medien keinen Journalismus betreiben, sondern „Wunschdenken – die Projektion der Hoffnungen konservativer Katholiken aus den USA und Großbritannien auf einen Papst, der ihnen kaum Anhaltspunkte geliefert hat, gefiltert durch eine Sprachbarriere, die sie nicht zu überwinden bereit waren“. „Wunschdenken“ und „Projektion“, genau von dieser Art ist der mentale Zustand der „Traditionalisten“, wie wir aus langjähriger Erfahrung nur bestätigen können. Anders könnten sie ihre Illusion nicht aufrecht erhalten, die in der Menschheitskirche des „II. Vatikanums“ nach wie vor die – leider vom Modernismus eingetrübte – katholische Kirche erblickt und glaubt, mit ein wenig mehr „TLM“ könne man diese wieder ganz katholisch machen. Diese Illusion aber brauchen sie, da sonst ihr in sich vollkommen widersprüchlicher Grundsatz vom „Recognize & Resist“ zusammenbrechen würde und ihnen ihre gesamte Existenzgrundlage genommen wäre. In Wahrheit gibt es nur Katholiken und Nicht-Katholiken, aber kein Zwischending wie die „Traditionalisten“. Sie müßten sich endlich einmal entscheiden. „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Mt 12, 30), sagt der Heiland.