Engel

Jeder Katholik glaubt selbstverständlich, daß es heilige Engel gibt, betet er doch in jedem Glaubensbekenntnis der hl. Messe: „Ich glaube an ... den allmächtigen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge.“ Mit den unsichtbaren Dingen sind aber besonders die heiligen Engel gemeint, also jene Welt der reinen Geister, die am Throne Gottes unablässig die Heiligkeit Gottes besingen. Auch beginnt die Heilige Schrift mit den Worten: „Im Anfang schuf Gott die Himmel – im Hebräischen steht die Mehrzahl! – und die Erde.“ Die Engel existierten also schon, als die Erde noch wüst und leer war, ein Tohuwabohu. Mit den Himmeln (den coeli; wir singen im Sanctus der hl. Messe: „pleni sunt coeli et terra gloria tua“, „Himmel und Erde sind erfüllt von Deiner Herrlichkeit“), welche die Herrlichkeit Gottes rühmen, wie es im achtzehnten Psalm heißt und von denen der zweiunddreißigste Psalm sagt, sie seien geworden durch Gottes Wort, durch Seines Mundes Hauch all ihre Mächte, haben wir die Engel zu verstehen, die als unsichtbare Wesen über unserer Menschenwelt walten.

Weil diese Welt für uns Menschen gewöhnlich verborgen ist, glauben heute viele nicht mehr an die heiligen Engel, viele auch von denen, die sich zwar noch „Katholiken“ nennen, es aber schon lange nicht mehr sind. Für uns echte Katholiken – die Notwendigkeit, die Bezeichnung „Katholik“ mit einem Beiwort zu präzisieren, zeigt uns, daß wir inzwischen von einer Legion Auchkatholiken umgeben sind, die sich offiziell und mit Duldung und Genehmigung der neurömischen Hierarchie auch katholisch nennen dürfen, obwohl sie es in keiner Weise mehr sind – also für uns echten Katholiken gibt es zweifelsohne heiligen Engel, wobei zudem einer von diesen unzähligen Engeln uns ständig begleitet und vor den vielfältigen Gefahren dieses Menschenlebens für Leib und Seele beschützt, weshalb wir ihn Schutzengel nennen. Leider wird dieser treue Engel an unserer Seite von den allermeisten Menschen heute einfachhin vergessen oder gar mißachtet. Damit unser Glaube an die heiligen Engel wieder gestärkt und unser Vertrauen in seine Hilfe wieder so lebendig wird, daß er den Alltag zu durchwirken vermag, wollen wir uns etwas ausführlicher mit diesen himmlischen Geistern beschäftigen.

„Eha, a Engl!“

Nehmen wir einmal an und stellen wir uns das möglichst lebendig und wirklichkeitsnahe vor: Sie kommen nach Hause, wobei Sie wissen, die Wohnung ist menschenleer. Sie legen Ihre Sachen gedankenverloren in der Garderobe ab, gehen ins Wohnzimmer, wo Sie sich nach einem anstrengenden Arbeitstag gemütlich in den Sessel fallen lassen wollen, wozu Sie aber nicht mehr kommen, denn es steht mit einem Mal ein Engel vor Ihnen. Sie stutzen, sind überrascht und sagen halblaut vor sich hin: „Eha, a Engl!“ Weil Sie es nicht glauben wollen, reiben Sie sich die Augen, schauen nochmals auf dieselbe Stelle im Zimmer und murmeln: „Er is imma no do, da Engl.“ Nochmals überraschter sind Sie, als der Engel sich zu bewegen beginnt – bisher stand er nämlich ganz starr und unbeweglich da, wie die Engel auf den Bildern oder auf den Podesten in den Kirchen – und Sie anspricht: „Fürchte Dich nicht!“

Da es durchaus nicht alltäglich ist, einen Engel zu sehen und die allermeisten von uns darin auch keinerlei Übung haben, ist es wirklich nicht verwunderlich, wenn man beim Anblick eines echten, wirklichen, ja leibhaftigen Engels, so möchte man fast sagen, in Furcht gerät und etwas verwirrt dreinschaut. Denn hier beginnen doch eigentlich nicht geringe Schwierigkeiten – wenn man einen Engel sieht, den man doch eigentlich gar nicht sehen kann, weil er nämlich unsichtbar ist, ist er doch reiner Geist, wie jeder Katholik, der seinen Katechismusunterricht noch nicht ganz vergessen hat, weiß. Ist doch etwa im römischen Katechismus zu lesen: „Außerdem hat er eine geistige Natur und unzählige Engel aus nichts geschaffen, damit sie Gott dienten und vor ihm stünden, und hat sie dann mit dem wunderbaren Geschenke seiner Gnade und Macht erhoben und geschmückt.“

Der moderne Mensch hat seine liebe Not mit dieser geistigen Natur oder diesen geistigen Naturen, ist er doch in den letzten Jahrhunderten mehr und mehr verbildet worden und zum Materialisten entartet. Ein Materialist bildet sich ein, nur die Materie wäre Wirklichkeit, wohingegen das Geistige nur Schein sei, also ein bloßes Ding in unseren Gedanken, ohne entsprechende Wirklichkeit in den Dingen. Darum sagt er mit voller Überzeugung: „Ich glaube nur das, was ich sehen kann.“ Der hl. Apostel Thomas erlag ebenfalls dieser Versuchung, als er sich darauf versteifte: „Wenn ich nicht an Seinen Händen das Mal der Nägel sehe, nicht meinen Finger an die Stelle der Nägel und meine Hand in Seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Man muß schon sagen, der hl. Thomas wollte schon eine sehr handgreifliche Sicherheit von der Auferstehung Jesu gewinnen, ehe er bereit war, daran zu glauben. Es genügte ihm nicht der Bericht der Frauen und der anderen Apostel, er wollte selbst sehen und tasten, um glauben zu können.

Nun hatte Thomas noch das Glück, daß der Auferstandene zu betasten war, hatte er doch einen wirklichen, wenn auch verklärten Leib. Bei einem heiligen Engel hätte er sich da schon schwerer getan. Ein Engel kann uns zwar erscheinen, was wir aber als Erscheinung sehen, ist nicht der Engel, den wir als reinen Geist doch nicht mit den Augen wahrnehmen können, sondern nur sein Erscheinungsbild, also eine irgendwie Sichtbarmachung dessen, was ein Engel in Wirklichkeit ist – wobei diese Wirklichkeit himmelweit über dem Erscheinungsbild steht. Ist doch die geistige Wirklichkeit von weit erhabenerer Art als die materielle, mit unseren Sinnen wahrnehmbare Wirklichkeit. Wer darum behauptet, er glaubt nur das, was er sehen kann, der enthauptet sozusagen die Wirklichkeit und gibt sich mit einem kümmerlichen Restwirklichkeit zufrieden. Wenn er sodann mit diesem kümmerlichen Rest von Wirklichkeit bei der Erklärung der Welt nicht mehr zurecht kommt, ist das durchaus nicht verwunderlich, erniedrigt sich doch der Mensch durch seinen Zweifel am Geistigen freiwillig auf die Ebene eines Tieres. Und natürlich wäre es unsinnig, etwa von einem Hund zu erwarten, daß er mathematische Aufgaben lösen könne, während einem Menschen das doch durchaus zuzutrauen ist. Was würde man aber von einem Menschen denken, der sagte, er glaube nicht an die Mathematik, weil er sie nicht sehen könne, hat sie es doch mit ausschließlich abstrakten Dingen, wie Zahlen und Formen, zu tun?

Diese etwas seltsame Denkart des modernen Menschen geht auf die Zeit der Aufklärung zurück. Damals setzte sich zunächst bei den sog. Gelehrten oder Gebildeten die Ansicht durch, daß Gott zwar der Schöpfer oder auch Weltenbaumeister sei, der ähnlich einem Uhrmacher die Welt als einen Riesenmechanismus geschaffen habe, in dem alles punktgenau und naturnotwendig ablaufe, sich fernerhin aber nicht mehr um diese Welt kümmere. Diese Ansicht nennt man Deismus. Die Deisten der Aufklärung hatten noch nicht den Mut, sich offen zum Atheismus (also als Gottesleugner) zu bekennen, darum billigten sie Gott sozusagen gerade noch das Existenzminimum zu. Sie bürdeten Ihm zwar noch die Erschaffung der Welt auf, verbannten Ihn dann aber aus dieser und verurteilten Ihn zur Tatenlosigkeit. Sie sprachen Ihm letztlich all das ab, was Gott überhaupt erst zu Gott macht, nämlich das uneingeschränkte Recht, Wunder zu wirken, Engel erscheinen zu lassen, in die Erdendinge einzugreifen, wenn es Ihm beliebt und notwendig erscheint, und gnadenüberströmend ewiges Heil zu wirken. Wunder, Engelerscheinungen, Visionen, Privatoffenbarungen sind dem Deisten ein Greuel, stören sie doch seine allzu vernünftigen, überschaubaren Bilanzen und kindischen Berechnungen. Ihnen erschiene ein Gott, der allmächtig und souverän über seiner Schöpfung steht und jeden Augenblick diese Welt nach seinem Willen lenken, leiten und auch verändern kann, wie ein Durcheinanderwerfer ihrer mühsam errichteten oder auch erdichteten rationalen und mathematisch genau berechenbaren Ordnung.

Diese eisige, alles wahre Denken einfrierende Geisteskälte des aufklärerischen Deismus ist mit dem um sich greifenden Modernismus auch in die Theologie eingedrungen. Plötzlich war die Existenz von Engeln fragwürdig und der bloße Glaube daran verdächtig. Der zum Guru der modernistischen Theologen im Bereich der Konzilskirche hochstilisierte Karl Rahner schreibt etwa:

„Was wir, wenn überhaupt etwas, geleistet haben, kann letztlich nur in einigen Mahnungen bestehen: in der Mahnung, nicht in einem biblizistischen Fundamentalismus zu schnell und zu naiv von der Existenz guter und böser Engel überzeugt zu sein; in der Mahnung, die vom eigentlichen Wesen einer göttlichen Offenbarung her gegebenen hermeneutischen Prinzipien ernst zu nehmen, die beachtet werden müssen, wenn man die Existenz von Engeln nachzuweisen versucht, obwohl solche nicht zum primären und ursprünglichen Offenbarungsgegenstand gehören können; in der Mahnung, nicht in einem primitiven Rationalismus zu meinen, es könne von vornherein keine kreatürliche Subjektivität neben und ,über‘ dem Menschen gedacht werden, oder eine solche sei entweder schlechthin unerfahrbar oder müsse so vorgestellt werden, wie sie nicht selten in einer vulgären Auffassung gegeben ist.“

Dieser Text ist einerseits ein Beispiel für einen zum Tode kranken Glauben und anderseits für eine ebenfalls fast krankhaft zu nennende Unehrlichkeit. Denn einerseits getraut sich Karl Rahner nicht, die Existenz der heiligen Engel schlichtweg zu leugnen, käme er doch damit in direkten Konflikt mit der Lehre der Kirche und damit mit der kirchlichen Autorität, anderseits möchte er diese vernünftelnd in der Schwebe halten, weil „solche nicht zum primären und ursprünglichen Offenbarungsgegenstand gehören können“, was zu behaupten schon recht verwegen, im theologischen Sprachgebrauch nennt man das „temerär“, wenn nicht schon direkt häretisch ist. Welch ein im wahrsten Sinn des Wortes himmelweiter Abgrund besteht zwischen einer solchen engelskeptischen, ja sogar engelfeindlichen modernistischen Lehre Karl Rahners und dem, was wir im Gebet, Lied, Kult, in der Heiligen Messe, der Mystik und Volksfrömmigkeit, in der Hochscholastik, Patristik und in der Bibel selbst von den Engeln aussagen!

Um diesen Kontrast allen greifbar zu machen, wollen wir der Ausführung Karl Rahners ein Zitat aus Kardinal Newmans „Apologia“ entgegenstellen:

„Vermutlich verdanke ich hauptsächlich der Schule von Alexandrien und der Urkirche meine endgültige Auffassung von den Engeln. Ich sah in ihnen nicht bloß Diener, die vom Schöpfer in der jüdischen und christlichen Offenbarung verwendet wurden, wie wir es auf den ersten Blick in der Schrift finden, sondern auch die Vollstrecker der sichtbaren Weltordnung, wovon die Schrift ebenfalls Zeugnis gibt. Ich betrachtete sie als die wirklichen Ursachen der Bewegung, des Lichtes, des Lebens und jener elementaren Prinzipien des physischen Universums, die, wenn sie in ihren Entwicklungen unseren Sinnen zugänglich werden, uns den Begriff von Ursache und Wirkung und von dem, was man Naturgesetze nennt, geben. Ich habe diese Lehre in meiner Predigt auf den Tag des heiligen Michael, die im Jahre 1831 geschrieben wurde, eingehend behandelt. Darin heißt es von den Engeln: ‚Jeder Luftzug und Lichtstrahl, jede Wärmewelle und jeder schöne Anblick ist wie der Saum ihres Gewandes, das Wehen der Gewänder jener, die Gott schauen.‘“

Wenn man unbefangen das, was Karl Rahner über die Engel sagt, mit dem hier angeführten Gedanken Newmans vergleicht, drängt sich der Eindruck auf, daß die beiden, sich katholisch nennenden Priester und Theologen völlig verschiedenen Religionen angehören.

Engel-Sehen?

Nimmt man diesen Gegensatz von katholischem Glauben und modernistischem Gegenglauben nüchtern und sachlich zur Kenntnis, so wundert es einen nicht mehr, daß viele Zeitgenossen nur noch ein äußerst rudimentäres Wissen vom wahren Glauben bewahrt haben. Das ist eine notwendige Folge des Modernismus, der nicht nur den Inhalt, sondern auch den Akt des Glaubens von der Wurzel her zerstört, also den wahren, den theologischen Glauben, der eine göttliche Tugend ist. Um aber einen Engel sehen zu können, den man gar nicht sehen kann, d.h. grundsätzlich, wesentlich nicht sehen kann, muß man glauben. Wenn wir uns also mit den hll. Engeln beschäftigen, dann beschäftigen wir uns damit zugleich notwendigerweise immer auch mit dem Glauben. Wir wollen dies aber einmal möglichst ausdrücklich tun, damit wir sowohl die heiligen Engel als auch den Glauben wieder etwas besser verstehen.

Also, wenn jemand zu Ihnen käme uns sagte: „Ich habe einen Engel gesehen!“ – würden Sie ihm dann glauben? Nun, ein moderner, aufgeklärter, kritischer Geist würde sagen: „Du spinnst, Engel gibt es gar nicht!“ Ein moderner katholischer Geist würde sagen: „Da mußt Du Dich getäuscht haben, Engel sind doch nur Sinnbilder für etwas Geistiges. Engel sind doch kein Du, sondern nur ein Es, sie sind keine lebendigen Personen, wie soll man da einen Engel sehen können?“ Ein nicht mehr so ganz moderner katholischer Geist würde sagen: „Früher hat man noch an Engel geglaubt, aber heutzutage ist das doch nicht mehr vorstellbar. Wo denkst du hin, ein Engel. Die gibt’s doch nur noch in der Kirche. Wo kämen wir denn da hin, wenn plötzlich Engel erscheinen würden?“ Ein traditionell gesinnter katholischer Geist würde sagen: „Das ist ja schön, schade, daß ich ihn nicht auch gesehen habe.“

Ein Katholik würde sagen: „So, Du hast einen Engel gesehen? Woher weißt Du denn so genau, daß es ein Engel war?“ Denn wenn jemand etwas gesehen hat, das wie ein Engel ausschaut, so heißt das noch lange nicht, daß dies auch wirklich ein Engel war. Wo man doch Engel gar nicht sehen kann und man keinerlei Erfahrung im Engel-sehen hat. Spielen wir darum die Möglichkeiten, die eine angebliche Vision eines Engels auftut, durch. Es ist nämlich durchaus nicht unwichtig, hierbei einiges zu unterscheiden.

Das erste ist: Wie unterscheidet man geistige Wirklichkeit von Illusion? Es könnte ja jemand gemeint haben, einen Engel gesehen zu haben, dabei ist nur seine Phantasie mit ihm durchgegangen. Wenn Ihnen etwa jemand mitteilen würde, er habe einen Engel gesehen, von dem sie wissen, daß er auch immer wieder grüne Männchen über seinen Balkon herumlaufen sieht, dann würden sie ihm sicherlich nicht glauben, daß er wirklich einen Engel gesehen hat. Anders ist es, wenn ihnen jemand, von dem sie wissen, er ist die Nüchternheit in Person, mit bleichem Angesicht und dünner Stimme berichten würde: Als er nach Hause gekommen sei, sei in seinem Wohnzimmer ein Engel gestanden. Dem würden sie dies schon eher abnehmen. Sie würden wohl noch nachfragen: „Sind Sie sich ganz sicher? Haben Sie sich wirklich nicht getäuscht?“ Wenn dieser sodann berichtet: „Nein, ich habe mir die Augen gerieben und er war immer noch da – und dann hat er mich sogar angesprochen. Ganz deutlich habe ich seine Worte gehört, so wie ich Sie jetzt sprechen höre.“

Bei so einem Sachverhalt hat man immerhin eine menschliche Sicherheit, daß dieser Mann eine Erscheinung gehabt hat, eine Erscheinung, die dem Bild eines Engels glich. Man weiß aber immer noch nicht, ob es wirklich ein Engel war – oder womöglich eine Arme Seele, oder gar ein Teufel! Denn bei einer Erscheinung von Wesen, die man doch eigentlich gar nicht sehen kann, muß man vorsichtig sein; umso mehr, als man keine eigene Erfahrung davon hat. Lassen wir uns deswegen ein wenig von erfahrenen Engelvisionären berichten, wie das so ist mit diesen Wesen aus einer anderen, unsichtbaren Welt.

Das göttlich beglaubigte Zeugnis von den heiligen Engeln ist uns in der Heiligen Schrift geschenkt. Vom Garten Eden, den Cherube „und die zuckende Schwertflamme“ bewachen (Genesis 3, 24) bis zur Verkündigung der Geburt Johannes des Täufers und der Geburt Christi; von der Verheißung an Joseph (Matthäus 1, 20-23) bis zum Garten Gethsemane; vom Garten der Auferstehung (Johannes 20, 15-18) bis zur zwölftorigen, edelsteingeschmückten Stadt der Erlösten, wo der Baum des Lebens ewig Früchte spendet am Strom der Lebenswasser (Apokalypse 21, 1-22, 5) – immer wieder begleiten die Engel als Boten, Wächter, Schützer, Tröster, Wundertäter, Weissager, Übermittler und dienstbare Geister (Hebräerbrief 1, 14), gelegentlich auch als Rächer, Züchtiger und Kriegsherren die gesamte Heilige Geschichte. Vom ersten bis zum letzten Buch der Bibel sind sie gegenwärtig. Sie erscheinen Männern und Frauen, den Patriarchen und Propheten, Königen und Hirten, Priestern und Richtern, Aposteln und Kriegern, Juden und Heiden. Engel dienen Jesus, nachdem er den ihn zu verführen trachtenden Teufel, der zu den gefallenen Engeln zählt, abgewehrt hat (Matthäus 4,11; Markus 1,13); ein Engel stärkt und tröstet ihn in der Nacht des Verrats und der Gefangennahme im Garten Gethsemane auf dem Ölberg (Lukas 22, 43). Engel gehören zu den Helfern der Christen der Urkirche. So wie sie einst Hagar, der ägyptischen Nebenfrau Abrahams, und dem Abraham selbst; Lot, dem Brudersohn Abrahams, und Jakob, dem Ahnherrn der zwölf Stämme Israels; dem Moses in der Feuerflamme des Dornbusches (2 Moses 3, 2; vgl. Apostelgeschichte 7, 30); den Sehern und Gottesmännern Osee, Bileam, Elias, Daniel, Habakuk (vgl. Daniel 14,35-38) und Zacharias; dem Gideon und den Eltern Samsons; dem König David (2 Samuel 24,16-17) und Ananias, Misael sowie Azarias, den Jünglingen in Nebukadnezars Feuerofen (Daniel 3, 49-50); dem Tobias und dessen Vater Tobit; dem Makkabäer und seinen Sturmscharen (2 Makkabäer 10, 28-32; 11,8); und endlich Maria, Joseph und Jesus erschienen sind, so auch Maria Magdalena, dem Petrus, Paulus, Philippus und anderen von Christus Berufenen, dem römischen Hauptmann Cornelius, der als erster Heide von Petrus die Taufe empfing (Apostelgeschichte 10,1-48), und Johannes, dem Schreiber der Apokalypse, der sogenannten Geheimen Offenbarung.

Trotz eines so erdrückenden Befundes von göttlich versicherten Engelerscheinungen gibt es moderne Theologen, die all diese helfenden, belehrenden, strafenden, Krieg führenden Engel nicht als Wirklichkeit gelten lassen wollen, sondern sie als Phantasiegestalten der damals noch naiven, leichtgläubigen Menschen abtun. Es gehört schon ein heillos verworrener Glaube dazu, um so etwas glauben zu können. Unberührt von diesem Wahn, stellt der hl. Gregor der Große ganz nüchtern fest: „Fast alle Seiten heiliger Mitteilungen (in der Heiligen Schrift) bezeugen, daß es Engel gibt.“ Darum glauben wir im Gegensatz zu diesen modernen „Theologen“ mit der ganzen hl. Kirche, daß all diese, in der Heiligen Schrift erwähnten Engel, von Gott geschaffene wunderbare Lichtgestalten sind, die ihr lichtes Wesen unablässig zur Ehre Gottes verströmen und zudem in unserer Menschenwelt helfend und heilend oder auch mahnend und strafend tätig sind.

Berichte von Engelerscheinungen

Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift, wollen wir auch noch, um das Ganze weiter zu konkretisieren, aus der unzähligen Schar heiliger Visionäre einige zu Wort kommen und von ihren Erfahrungen mit den hll. Engeln berichten lassen. Vom hl. Franz von Assisi heißt es: „Er verehrte mit größter Liebe die Engel, die zusammen mit uns im Kampfe stehen und mit uns durch die Todesschatten wandeln. Er wollte, daß wir sie überall als Gefährten ehren und als Beschützer anrufen. Er lehrte, wie man ihren Blick nie beleidigen, noch in ihrer Gegenwart sich etwas gestatten dürfe, was nicht vor Menschen geschehen könnte. Und weil wir im Chor im Angesicht der Engel die Psalmen singen, wollte er, daß alle Brüder, die es könnten, im Oratorium zusammenkämen um dort in Weisheit zu psallieren.“ In den im vierzehnten Jahrhundert entstanden „Fioretti di San Francesco“ finden sich Aussagen über den Umgang des Heiligen mit Engeln höchsten Ranges, weshalb er auch „Pater seraphicus“ („der seraphische Vater“) genannt wird:

„Bruder Leo hob die Augen empor und blickte gen Himmel. Und wie er hinblickte, sah er ein wundervolles schimmerndes Licht von dem Himmel steigen, das sich auf dem Haupt des hl. Franziskus niederließ; und aus dieser Flamme vernahm er das Tönen einer Stimme, die mit St. Francisco redete; doch jener Bruder Leo verstand nicht die Worte. (...) Wie er nun aufmerksam hinschaute, sah er den hl. Franziskus zu drei Malen seine Hände gegen die Flamme strecken; und zuletzt, nachdem längere Zeit vergangen war; sah er die Flamme wieder zum Himmel schweben. (...) An dem Tage, der dem Feste der Kreuzerhöhung vorangeht, im Monat September (im Jahr 1224), da der hl. Franziskus verborgen in seiner Zelle betete, erschien ihm der Engel Gottes und sagte ihm im Namen Gottes: ,Ich stärke dich und ich mahne dich, auf daß du in Demut dich bereitest und anschickest, in aller Geduld entgegenzunehmen, was Gott dir wird tun und geben wollen.‘ Der hl. Franziskus antwortete: ,Ich bin bereit, geduldig alles zu tragen, was der Herr an mir tun will.‘ Und wie er das gesagt hatte, verschwand der Engel. Es kam der folgende Tag, nämlich der Tag der Kreuzerhöhung (14. September). Und des Morgens, früh vor seinem Grauen, hatte sich der hl. Franziskus vor seiner Zellentür in das Gebet versenkt und wandte sein Antlitz gen Sonnenaufgang und betete (...) Und wie er in dieser Betrachtung also entflammte, sah er den nämlichen Morgen einen Seraph von dem Himmel kommen mit sechs leuchtenden und feurigen Schwingen, welcher Seraph in schnellem Fluge dem hl. Franziskus nahte, so daß er unterscheiden konnte und deutlich wahrnahm, daß er in sich die Gestalt eines Gekreuzigten hatte; und seine Flügel waren derart, daß sich zwei Schwingen über seinem Haupte ausbreiteten, zwei aber zum Fluge, zwei den ganzen Leib bedeckten. (...) Da schien auch der ganze Berg La Vernia in leuchtender Flamme zu brennen, und sie erhellte mit Lichtglanz rings alle Berge und Täler, als stünde die Sonne über dem Lande. Darob entsetzten sich gewaltig die Hirten, so in jenem Gaue wachten, da sie den Berg in Flammen und so viel Licht ringsum gewahrten, wie sie nachmals den Brüdern erzählt haben. (...) In jener seraphischen Erscheinung redete Christus, der da erschien, einige tiefe und erhabene Dinge zum hl. Franziskus, die dieser bei Lebzeiten niemand offenbaren wollte.“

Im Tagesgebet des Festes der hl. Franziska von Rom, die von 1384 bis 1440 lebte, betet die hl. Kirche: „O Gott, Du verliehest Deiner heiligen Dienerin Franziska zu den anderen Gnadengaben hin die Auszeichnung, mit ihrem Engel vertraut verkehren zu dürfen; daher bitten wir Dich: gib, daß wir durch ihre hilfreiche Fürsprache würdig werden, die Gemeinschaft mit den Engeln zu erlangen.“ Die Heilige hatte vertrautesten Umgang mit ihrem Schutzengel, der ihr selbst in alltäglichen Dingen in ganz ungewohnter Weise zur Seite stand. So konnte sie etwa in der Nacht ebensogut lesen und arbeiten wie am Tage, da der ihr zubestimmte Engel ein sichtbares Licht war. Es leuchtete bald zu ihrer Rechten, bald zu ihrer Linken und bald über ihrem Haupte. Das Licht hatte jedoch ein lebendiges Antlitz, dessen Mienenspiel und Glanz wandelbar waren, je nach den Umständen und Stimmungen der vornehmen Frau, die als Gattin, Mutter, Witwe, Friedensstifterin, Armenpflegerin, zuletzt als seherische, weissagende und sich kasteiende Ordensfrau beständig Gott diente. Der Glanz auf dem Gesicht des Engels war bisweilen so leuchtend, daß Franziska unfähig war, ihren Blick darauf zu richten. Manchmal verbarg der Engel, der einmal als Erzengel, ein andermal wieder als Schutzengel bezeichnet wird, einen Teil seines himmlischen Glanzes, sodaß die Römerin ihn anschauen konnte, ohne davon geblendet zu werden. Sie selbst beschrieb auf Befragen ihres Beichtvaters Don Giovanni ihren Engel folgendermaßen:

„Seine Gestalt ist nicht so hoch wie die eines Kindes von neun Jahren; sein Anblick entzückt durch überfließende Sanftmut; seine Schönheit übersteigt die der Sonne; eine unaussprechliche Majestät ist über sein ganzes Wesen ausgegossen. Seine Augen sind beständig zum Himmel gerichtet und nichts kann die Reinheit seines Blickes beschreiben. Seine Stirne ist immer heiter; sein Haar, ähnlich feinstem Golde, wallt in großen Locken auf seine Schultern herab; die Arme sind über der Brust gekreuzt. Sein Anblick erhebt und begeistert mein Gemüt. Wenn ich ihn sehe, begreife ich den Adel der Engelsnatur und unseren eigenen Verfall. Er trägt ein langes, glanzweißes Gewand und darüber die kleine Tunika eines Subdiakons, deren Farbe wechselt; bald scheint sie mir gartenlilienweiß, bald rosenrot oder wie das reine Blau des weiten Firmaments. Wenn ich mit ihm die schmutzigen Straßen durchwandere, berühren seine Füße niemals etwas Unreines.“

Die westfälische Ordensschwester, Anna Katharina Emmerich, die ähnlich wie der hl. Franz von Assisi die Wundmale Christi trug, verkehrte seit ihrer Kindheit mit den heiligen Engeln. Wir wollen hier ihre visionäre Beschreibung des Priesterkönigs Melchisedech anführen, der im Kanon der hl. Messe zusammen mit Abel und Abraham erwähnt wird:

„Ich sah Melchisedech als Engel und Vorbild Jesu, als Priester auf Erden; insofern das Priestertum in Gott ist, war er ein Priester der ewigen Ordnung als Engel. Ich habe Melchisedech oft gesehen; aber nie als einen Menschen, sondern immer als ein Wesen anderer Art, als einen Engel und Gesandten Gottes. Ich habe keinen bestimmten Wohnort, keine Heimat, keine Familie, keinen Zusammenhang von ihm je gesehen; ich habe ihn nie essen, trinken oder schlafen sehen und bin nie auf den Gedanken gekommen, daß er ein Mensch sei. Er war gekleidet wie kein Priester damals auf Erden, sondern wie ich die Engel im himmlischen Jerusalem erblicke, und wie ich nachher den Moses auf Gottes Befehl die Priesterkleider herstellen sah... Wo er auftrat, und wo er war, übte er eine unwiderstehliche Gewalt aus durch seine Persönlichkeit. Niemand widerstand ihm, und doch brauchte er keine heftigen Mittel, und alle Menschen, die doch Götzendiener waren, ließen gerne seine Entscheidung, seinen Rat gelten. Er hatte keinen seinesgleichen, keinen Genossen, er war ganz allein; manchmal hatte er zwei Boten, die er annahm; sie waren Läufer, weiß und kurz gekleidet, und pflegten irgendwo seine Ankunft zu verkünden; dann entließ er sie wieder... So sah ich ihn am Hofe der Semiramis zu Babylon. Sie hatte hier eine unbeschreibliche Pracht und Größe; sie ließ durch Sklaven die größten Bauwerke aufführen… Semiramis hatte den Melchisedech mit großer Ehrfurcht und mit geheimem Schrecken vor seiner Weisheit aufgenommen. Er erschien vor ihr als der König des Morgensterns... Sie bildete sich ein, er könnte sie zur Ehe begehren; er aber redete sehr streng mit ihr, verwies ihr ihre Greuel und verkündete ihr die Zerstörung der bei Memphis erbauten Pyramide...
Einmal sah ich ihn an einem Berg einen Brunnen bohren; es war die Quelle des Jordan. Er hatte einen langen feinen Bohrer, der wie ein Strahl in den Berg eindrang. So sah ich ihn an verschiedenen Orten der Erde Quellen öffnen...
Melchisedech nahm viele Orte des gelobten Landes durch Bezeichnung in Besitz. Er maß die Stelle des Teiches Bethesda aus. Er legte einen Stein, wohin der Tempel kommen sollte, eher als Jerusalem war...
Wo er wirkte und baute, war es, als lege er den Grundstein einer künftigen Gnade...
Melchisedech gehörte zu jenem Chor der Engel, welche über Länder und Völker gesetzt sind, die zu Abraham und den Patriarchen kamen und ihnen Botschaften brachten.“

Vielleicht hilft Ihnen dieser Text, die Gestalt des Priesterkönigs Melchisedech während seiner Nennung im Kanon zu verlebendigen, um umso ehrfürchtiger seiner zu gedenken.

Friedrich Ritter von Lama hat 1935 eine Auswahl aus dem Nachlaß einer vornehmen Ehefrau herausgegeben, die sich in ihren Schriften „Magdalena von Kreuz“ oder „Ancilla Domini – Magd des Herrn“ nennt. Mechthild Thaller-Schönwerth, wie sie mit bürgerlichem Namen hieß, war eine begnadete Mystikerin, die vertrautesten Umgang mit den heiligen Engeln pflegte. (Eine Sammlung von Briefen und eine Auswahl von Tagebuchaufzeichnungen wurden von Irmgard Hausmann im Miriam Verlag unter dem Titel „Vertraute der Engel“ herausgegeben.) Fast täglich sah sie ihren hl. Schutzengel und auch andere Engel. Sie sprach mit ihnen genauso vertraut, wie wir mit anderen Menschen sprechen. Hier eine Kostprobe davon:

„Da sah ich auch den Gabrielsgefährten. Er hatte eine grüne Stola und in seinem Diadem glänzten grüne Steine. Mein Schutzengel hat noch immer ein dunkelgrünes Gewand. Da überfiel mich eine große Trauer. Mein Engel aber sprach: ‚Nur durch geduldiges Leiden kommst Du dazu, Gott von ganzem Herzen zu lieben. Also fasse Mut!‘ Nun dachte ich der Sorge, die ich Deus dedit‘s wegen hatte, und fragte, ob er den ‚Gewaltigen‘ noch bei sich hätte. Der Gabrielsgefährte erwiderte: ‚Nein, vorläufig vertritt mein Bruder die Stelle des Gewaltigen, denn auch er braucht Stärke und unerschütterliche Geduld.‘ Da sah ich Deus dedit in seinem Zimmer stehen. Er war verstimmt und leidend. Neben ihm standen seine zwei Engel, der Erzengel hatte eine grüne Stola wie der meine und sein Antlitz war ernst. Ich bat meinen Engel, er möge mir helfen, daß ich bald wieder aufstehen und ausgehen könne. Er versprach es, wenn ich meine Schmerzen noch länger geduldig ertrage. Ich leide viel — und morgen ist Freitag.“

Engel oder Teufel?

Es ist jetzt nochmals nötig, auf etwas anfangs Angesprochenes zurückzukommen. Wenn wir einen Engel sehen würden – wir, die wir keinerlei Erfahrung im Engel-Sehen haben – wüßten wir wirklich, ob diese erscheinende Gestalt überhaupt ein Engel ist? In dem Tagebuch der Mechthild Thaller-Schönwerth findet sich folgende Aufzeichnung:

„Heute fühle ich mich wieder so schrecklich verlassen und sterbensmüde. Und alles Leid meines ganzen Lebens fiel mit erdrückender Schwere auf mein Herz, auch die vielen, vielen Unterlassungen des Guten. Da sah ich plötzlich eine sonderbare Gestalt vor mir stehen. Sie war in ein lichtes Gewand von blauer Seide — mit Gold gestickt — gehüllt. Die ganze Erscheinung war ‚schön‘ zu nennen; aber es war doch im Ganzen ein undefinierbares Etwas, das mir wehe tat und mich abstieß. Mit leiser Stimme fing die Gestalt zu sprechen an und hielt mir alle Sünden meines Lebens vor und beklagte bitterlich, daß es unmöglich sei, so viel Versäumtes an Gutem nachzuholen. Das durchfuhr meine Seele wie ein Schwert. Aber ich war doch etwas beruhigt, weil ich mir dachte: ,Wenn ich diesen Ausführungen noch länger zuhöre, muß ich verzweifeln. Es ist unmöglich, daß ein guter Geist so spricht.‘ Ich blickte schärfer hin zur sprechenden Erscheinung. Wieder wurde es mir so unheimlich zumute wie anfangs, und ihre Augen waren noch immer gesenkt. Da unterbrach ich plötzlich die endlose Aufzählung meiner Versäumnisse — es war erst mein 15. Lebensjahr daran — indem ich sagte: ‚Im Namen Jesu des Gekreuzigten befehle ich Dir, Deine Augen zu erheben und mich anzuschauen!‘ Da verzerrte sich das Antlitz zu einer schrecklichen Grimasse und zwei furchtbare, haßerfüllte Augen — die Augen des Teufels — blickten mich an. Jetzt wußte ich, woran ich war.
Ich befahl dem Teufel, noch vor mir stehen zu bleiben, und sagte zu ihm: ‚Alle Sünden, die Du mir aufgezählt hast, habe ich begangen, und noch tausendmal mehr. Aber auch wenn meine Sünden unbegrenzt sind an Zahl und Schwere, so ist auch unbegrenzt mein Vertrauen auf die Verdienste Jesu.‘ Und ich fügte ganz unbedachterweise den Segensspruch an, den ich mir im ständigen Umgang mit den leidenden Seelen des Fegfeuers angewöhnt habe: ‚Die Barmherzigkeit Gottes tröste Dich und gebe Dir den Frieden!‘ — Da verschwand der Teufel mit furchtbarem Geheul, aber ich sah meinen geliebten Vater Johannes zürnend vor mir stehen. Er sagte: ‚Wie kannst Du dem Teufel diesen Friedenswunsch geben, ihm, der den Menschen den Frieden raubt und stets danach trachtet, den Frieden zu stören. Wie unbedacht bist Du doch, demjenigen den Frieden zu wünschen, der ihn durch das Urteil der göttlichen Gerechtigkeit auf ewig verloren hat!‘ — Das war mir dann sehr leid und ich betete das Te Deum zu Ehren der göttlichen Gerechtigkeit.“

In diesem Bericht der Mystikerin begegnet uns ein anderer Engel, einer von den gefallenen, die wir Dämonen oder Teufel nennen. Aus der göttlichen Offenbarung wissen wir nämlich – und wie könnte man anders etwas wissen aus der verborgenen, uns unsichtbaren Welt der Engel als durch göttliche Offenbarung –, ein Teil der Engel hat die göttliche Prüfung nicht bestanden, sich gegen Gottes absolute Souveränität und Herrlichkeit aufgelehnt:

„Da erhob sich ein großer Kampf im Himmel. Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen, und der Drache und seine Engel kämpften. Aber sie vermochten nicht standzuhalten, und ihr Platz im Himmel ging verloren. So wurde der große Drache gestürzt: die alte Schlange, die Teufel und Satan heißt und die die ganze Welt verführt.
Er wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel gestürzt. Da hörte ich eine gewaltige Stimme im Himmel rufen: ‚Nun ist gekommen das Heil, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes und die Macht seines Gesalbten. Gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott verklagte. Sie haben ihn durch das Blut des Lammes und durch das Wort ihres Zeugnisses besiegt und haben ihr Leben so wenig geliebt, daß sie lieber den Tod erlitten. Darum freut euch, ihr Himmel und ihr Himmelsbürger! Doch wehe der Erde und dem Meere! Denn der Teufel ist zu euch mit gewaltigem Grimm hinabgestiegen. Er weiß, wie kurz seine Frist ist‘“ (Geh. Offb. 12,7-12).

Der Teufel ist mit gewaltigem Grimm herabgestiegen auf unsere Menschenwelt, um den Menschen den Seelenfrieden, der aus der Gnade Gottes strömt, und schließlich, wenn irgend möglich, das ewige Leben zu rauben, da sie beides selbst auf ewig verloren haben und deswegen voller Haß und Neid auf uns Menschen schauen. Hören wir dazu noch einmal eine Begebenheit aus dem Leben des hl. Franz von Assisi, die uns über die Kampfesart des Versuchers belehrt:

„Als der Heilige in der Einsiedelei der Brüder von Sarteano eines Nachts in seiner Zelle dem Gebet oblag, rief ihn der Teufel dreimal bei seinem Namen: Franziskus, Franziskus, Franziskus! Dieser gab zur Antwort: Was willst du? Darauf jener: Es gibt keinen Sünder auf der Welt, dem der Herr nicht Verzeihung schenkte, wenn er sich bekehrt; aber jeder, der sich durch harte Buße selbst zugrunde richtet, wird in Ewigkeit keine Barmherzigkeit finden. Sogleich erkannte der Heilige durch eine Offenbarung die Arglist des Feindes, wie er sich anstrengte, ihn zur Lauheit zu verführen. Da brachte der böse Feind unverzüglich eine andere Kampfesart zur Anwendung. Weil er sah, daß er die Schlinge nicht verbergen könne, legte er eine andere, nämlich den Zunder des Fleisches. Doch vergebens. Denn der die List des Geistes durchschaute, konnte auch nicht vom Fleische betrogen werden.“

Was ist ein Engel genau und auf den Punkt gebracht?

Wie wir schon aus dem römischen Katechismus gehört haben, hat Gott eine geistige Natur und unzählige Engel aus nichts geschaffen. Was man sich jedoch unter einer geistigen Natur genau vorstellen soll, das wird wohl den wenigsten von uns klar sein. Wir verstehen die Engel so schwer, weil es von ihnen keine Anschauung gibt, wir jedoch bei unserem Denken wesentlich anschauungsgebunden sind. Anders ausgedrückt: Wir können uns die heiligen Engel nicht vorstellen, weil jede Vorstellung am Wesen der heiligen Engel vorbeigeht. Engel sind rein geistige Wesen. Die geistige Wirklichkeit erkennen wir entweder mit unserem Verstand oder mit Hilfe des Glaubens. Es gibt einen Vergleich, der uns das Wesen der heiligen Engel aufschließen und nahebringen kann: Der Gedanke. Ein menschlicher Gedanke hat Sein nur in unserem Geist, unserer Geistseele. Wenn wir aufhören, den Gedanken zu denken, dann hört er auf zu sein. Entsprechend – der Fachbegriff hierfür ist „in Analogie dazu“, wobei die hl. Gotteswissenschaft (=Theologie) darauf verweist, daß diese Entsprechung eher unähnlich als ähnlich ist – also entsprechend unseren Gedanken, sind die heiligen Engel Gottesgedanken.

Um aber wirklichkeitsgetreu abschätzen zu können, was ein Gottesgedanken im Gegensatz zu unseren Menschengedanken sein kann, bzw. alles sein kann, müßte man selbst Gott sein! Die kirchliche Tradition beschreibt die heiligen Engel mit dem hl. Dionysius als „göttliche Gedanken“. Diese göttlichen Gedanken haben im Gegensatz zu unseren menschlichen Gedanken Selbststand. Wir Menschen haben Gedanken, Geist – mancher mehr, mancher weniger – die Engel aber sind Gedanken, göttliche Gedanken, von Gott ins Dasein gerufene Geister. Als Gedanken Gottes sind sie naturgemäß nicht flüchtige, blasse, unbewußte, kraftlose oder gar ohnmächtige Gedanken, sondern mit Macht ausgerüstete Gedanken. Die hll. Engel sind Gedanken, die leben, Gedanken-Lebewesen, wie der hl. Paulus schreibt: „dienende Geister, denen zum Dienste bestellt, die das Heil erben sollen.“

Die heiligen Engel sind lebendig gewordene Gottesgedanken, sich regende, bewegende und wirkende göttliche Ideen, in denen die Weisheit und alle anderen Eigenschaften Gottes zum Ausdruck gelangen, weshalb der hl. Johannes von Damaskus von ihnen schreiben kann: „Rasch von Natur, finden sie sich überall schnell ein, wo der göttliche Wink es befiehlt, und bewachen die Erdteile; sie stehen Völkern und Ortschaften vor, wie es ihnen vom Schöpfer befohlen wird.“ Die heiligen Engel falten den unendlichen Reichtum und Tatendrang des einen Gottes – der Geist ist! – in unendlich vielfältiger Weise aus. Darum gibt es unzählig viele Engel, in denen sich die alles menschliche Denken übersteigende unendliche Fülle des Einen Gottes widerspiegelt, oder wie es der hl. Thomas von Aquin in dem überraschenden Satz zum Ausdruck bringt: „Der katholische Glaube hält fest, die Zahl der Geistwesen, welche wir Engel nennen, sei für Gott eine begrenzte, für uns aber eine unbegrenzte Zahl.“ Es gibt somit unüberschaubar viele Engel, in denen sich die unerschöpfliche göttliche Wesenheit wunderbar vielgestaltig abbildet. Wir möchten diese Gedanken mit einem Text des hl. Dionysius abschließen, der aus dem überaus gedankenreichen und -freudigen Buch von Gerd-Klaus Kaltenbrunner „Dionysius vom Areopag, Das Unergründliche, die Engel und das Eine“ genommen ist, dem wir auch vielfältige Anregungen zu diesem Thema verdanken.

„Zuvörderst ist nun vor allem die Wahrheit auszusprechen, daß die überwesentliche Urgottheit (oder das selbst über allem Sein stehende Gottesprinzip oder der überseiende Gottheitsurgrund, die Dionysius thearchia nennt. K.) aus Gutheit das Sein all dessen, was ist, begründet und zum Dasein gebracht hat. Dies nämlich ist dem All-Ursprung und der über alles erhabenen Gutheit eigentümlich, daß sie alles, was ist, zur Gemeinschaft mit sich selbst ruft, wie dies einem jeden Seienden entsprechend seiner jeweiligen Seinsweise eben angemessen ist. Alles, was ist, hat Anteil an der schöpferischen Vorsehung (pronoia), die der überwesentlichen, allverursachenden und über Sein und Denken erhabenen Gottheit entspringt. Es gäbe nämlich überhaupt kein Ding, wenn es nicht Anteil am Urgrund von allem erlangt hätte. Die unbelebten Wesen haben durch ihr schieres Vorhandensein an ihm Anteil, denn die überseiende Gottheit ist der Seinsgrund aller Wesen. Die belebten Wesen haben an ihrer überlebendigen lebenspendenden Kraft Anteil. Die vernünftigen und sinnbegabten Wesen haben Anteil an ihrer über alle Vernunft und Sinnigkeit erhabenen, in sich vollkommenen und übervollkommenen Weisheit. Es ist jedoch klar, daß jene Wesen der Gottheit zunächst sind, welche in vielfacher Weise an ihr unmittelbar Anteil erlangt haben.
Also haben die heiligen Chöre der himmlischen Wesen in höherem Grade als die bloß daseienden, in höherem Grade als die vernunftlosen Lebewesen, in höherem Grade als die mit unserer Art von Verstand ausgestatteten Wesen Anteil an den Gaben des Gottesurgrunds. Sie bilden sich in der Art von Gedankenwesen zu nachahmenden Bildern Gottes um und schauen in einer den weltlichen Verstand übertreffenden Weise auf ihr urgöttliches Vorbild und trachten, ihm entsprechend die eigene Denkungsgestalt zu formen. Infolgedessen genießen sie, wie sich von selbst versteht, reichlichere Gemeinschaft mit der Gottheit, da sie ihr beharrlich zugewandt sind, immerdar nach Hohem strebend, soweit es ihnen zubestimmt ist, in der Spannkraft ihres göttlich-unablenkbaren, aufwärtsstrebenden Liebesdranges die vom Lichturquell entströmenden Erleuchtungen rein und ungetrübt von stofflicher Beimischung aufnehmend und sich nach diesen ausbildend. Ihr ganzes Leben ist Denken.“

Womöglich muß man diesen Text zwei- oder dreimal lesen, um seinen tiefen Gehalt herauszuhören und zu verstehen, was es wirklich heißt, was damit wirklich ausgesagt, benannt und in einen Menschenbegriff gebracht wurde: Ihr ganzes Leben ist Denken. Diese Einsicht ist aber wohl auch die einzig richtige Erklärung dafür, daß der moderne Mensch nicht mehr an heiligen Engel glauben kann: „Denn viele wandeln - ich habe von ihnen oft zu euch gesprochen und sage es jetzt unter Tränen - als Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott ist der Bauch, ihr Ruhm liegt in ihrer Schande, ihr Trachten richtet sich auf das Irdische. Unsere Heimat aber ist im Himmel. Von dort erwarten wir auch als Retter den Herrn Jesus Christus“ (Phil. 3,18-20), wie der hl. Paulus in seinem Brief an die Philipper schreibt.

Ist nicht deswegen für viele heutige Menschen die Welt bar aller Geheimnisse, nicht weil man diese Geheimnisse aufgelöst hätte, sondern weil man den Blick, das Herz und die Sinne für das Wunderbare, Erstaunliche und Unerklärliche abgestumpft, verkümmert und sich dafür fast völlig unempfänglich gemacht hat, sodaß das wahre Geheimnis meist irgendwelchen esoterischen Schwärmern überlassen und damit nochmals der Lächerlichkeit preisgegeben wird? Es kann ja durchaus sein, ja es muß so sein, daß der moderne Mensch heute so wenig und so selten Engel wahrnimmt, weil er sie in seiner Geisteskühle und Blasiertheit gar nicht sehen will – und wenn er einmal einen Engel zu Gesicht bekommen sollte, dann kann er ihn ganz sicher nicht von einem Teufel unterscheiden!

Der Katholik jedoch weiß um die sichtbare und die unsichtbare Welt, darum kennt er auch die ganze Weite der irdischen Lebensmöglichkeiten. Der Glaube vergegenwärtigt ihm, gestützt auf die göttliche Offenbarung, die verborgene Welt der himmlischen Geister genauso wie die Welt der gefallenen Engel. Allein aufgrund dieses Glaubenswissens wird er befähigt, vernünftig mit dieser unsichtbaren Welt umzugehen und die Geister voneinander zu unterscheiden. Wer diese Unterscheidungsfähigkeit verloren hat, der wird dem geistigen Verwirrspiel des gefallenen Engels sicher nicht gewachsen sein und sich in vielerlei Irrtümer verfangen, die ihn schlimmstenfalls das ewige Leben kosten können. Darum ist die Welt der Engel nichts für Schwarmgeister, sondern nur für nüchterne gottliebende Seelen, denen sich diese Welt im göttlichen Glauben erschließt.

Wir wollen nun diese stammelnden Gedanken über die Lichtwelt der heiligen Engel mit zwei Versen aus den Briefen des hl. Paulus schließen, in denen der innerste Grund aller Schöpfung besungen wird, welcher ist Christus der Herr, dem alle heiligen Engel dienen:

„In Ihm ist alles erschaffen worden in den Himmeln und auf der Erde, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Fürstlichkeiten oder Gewalten; alles ist durch Ihn und zu Ihm hin erschaffen; und Er ist vor allem, und das All besteht in Ihm“ (Kol. 1,16f), weshalb auch „im Namen Jesu jedes Knie sich beuge im Himmel, auf Erden und unter der Erde und jede Zunge zur Ehre Gottes des Vaters bekenne: Jesus Christus ist der Herr“ (Phil. 2,10f).