Bei seiner „Generalaudienz“ am 26. August dieses Jahres hat Robert Prevost alias „Leo XIV.“ über die „Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium“ des „II. Vatikanums“ gesprochen. Da haben „Konservative“ und „Traditionalisten“ natürlich genau hingehört, und wurden – leider – enttäuscht. Der „Heilige Vater“ zeigte sich nämlich überzeugt, daß „sowohl die Liturgiereform eine gute Sache ist als auch die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil durchgeführten Reformen ‚fest verankert‘ sind ‚in der lebendigen Tradition der Kirche‘“. So berichtete Mike Lewis von „Where Peter Is“.
„Leo“ auf der Linie seiner Vorgänger
Für Katholiken, fügte er hinzu, sollte das nicht überraschend sein. Da hat er recht, und zwar in einem doppelten Sinn. Erstens sollte es für einen Katholiken nicht überraschend sein, daß ein „Papst“ die von einem „Konzil“ und seinen Vorgängern vorgegebene Linie einhält und fortsetzt, zweitens sollte es für echte Katholiken nicht überraschend sein, daß Prevost als Modernist die „Reformen“ gut findet. Wir erinnern uns, daß für die Modernisten der „allgemeine Grundsatz“ gilt: „In einer Religion, die lebt, ist nichts unveränderlich, darum muß es geändert werden“ (Hl. Pius X., Pascendi). Insbesondere gilt das für die Liturgie, die den Zeitumständen und den jeweiligen „Bedürfnissen“ stets anzupassen ist. Das nennen die Modernisten „in der lebendigen Tradition der Kirche verankert“ sein.
Die vorhergehenden „Päpste“, erinnert Lewis, „Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II. und Franziskus“, hätten ebenfalls allesamt die „Reform“ bestätigt und sie als die „authentische Implementierung der Liturgiekonstitution des II. Vatikanums, Sacrosanctum Concilium“ bestätigt. Nach ihren Aussagen wurde diese Reform im „Gehorsam zum Konzil“ und zur „Erneuerung des katholischen Lebens“ durchgeführt. So ist es. So eine konstante Lehre der Päpste nennen wir an sich unfehlbares ordentliches Lehramt, und daher gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder es ist die reine Wahrheit, was diese Herren sagen, weshalb wir ihre Lehre mit festem Glauben anzunehmen haben, oder sie waren keine Päpste.
Der „Ausreißer“
Nun gibt es aber einen „Ausreißer“, wie dem einen oder anderen bei der Aufzählung von Mr. Lewis bereits aufgefallen sein mag: Ratzinger fehlt. „Unter den nachkonziliaren Päpsten“, erklärt er uns, nehme „Benedikt XVI.“ eine Sonderstellung ein, habe er doch seine konkrete Kritik nicht allein auf Mißbräuche, schlechte Übersetzungen und Fehler bei der Umsetzung beschränkt, sondern den „Prozeß“ selber kritisiert, auf welchem es zu der „Reform“ gekommen ist, sowie einige Aspekte der daraus resultierenden „Liturgie“. Zwar stehe es außer Frage, daß „Benedikt“ die „Legitimität und Heiligkeit der Reform“ anerkannt habe, dennoch habe er, zumal in etlichen Schriften, bevor er „Papst“ war, häufig und in unverblümten Ausdrücken seine Kritik geäußert. „In dieser Frage stand Benedikt nicht auf einer Wellenlänge mit den übrigen Päpsten der nachkonziliaren Ära“, stellt Lewis fest.
Für die Tradi-Kons war dies die Bestätigung durch die kirchliche Autorität, daß die „Reform“ vielleicht legitim gewesen war, jedoch nicht optimal umgesetzt wurde, ja sogar signifikant abwich von dem, was die „Konzilsväter“ in „Sacrosanctum Concilium“ eigentlich gewollt hatten, weshalb die liturgischen Bücher einer gründlichen Revision bedürften. Ratzinger teilte die Bedenken des Liturgikers Klaus Gamber, welcher die „reformierte Liturgie“ nicht als Frucht „organischer Entwicklung“ betrachtete und sie sogar der Bezeichnung „Römischer Ritus“ für unwürdig hielt. Letzteres zwar wollte Ratzinger nicht so unterschreiben und wich daher später als „Papst“ in seinem „Motu aller Proprios“ auf die Formel von den „zwei Anwendungsformen des einen römischen Ritus“ aus. Die grundsätzliche Kritik Gambers aber machte er sich zu eigen. Bekanntlich lließ er in einem Vorwort zu dessen Buch „Die Reform der Römischen Liturgie“ jene berühmten „harschen“ Worte fallen: „Was nach dem Konzil geschah, war etwas ganz anderes: An die Stelle der Liturgie als Ergebnis einer Entwicklung trat eine künstlich geschaffene Liturgie. Wir haben den organischen, lebendigen Prozess des Wachstums und der Entwicklung über Jahrhunderte hinweg aufgegeben und ihn – wie in einem Fertigungsprozess – durch ein künstliches Produkt, ein plattes Produkt des Augenblicks ersetzt.“
„Leo“ und die „normative Liturgie der Kirche“
Daraus entnimmt Lewis, daß für Ratzinger die Autorität und Gültigkeit des „Neuen Ritus“ außer Frage stand – immerhin hat er ihn ja auch gleich angenommen und fortan sein Leben lang exklusiv begangen –, während er doch große Vorbehalte hatte gegen dessen Entstehungsgeschichte und deren Ergebnisse. „Leo“ hingegen nimmt in seiner „Katechese“ die „Mainstream“-Position ein. Demnach habe das „Konzil“ die Notwendigkeit einer Revision der liturgischen Bücher erkannt „mit größtem Respekt für das Erbe der Tradition, und genau in der Absicht, diese zugänglicher zu machen“. Nachdem er in großen Zügen die „Ursprünge der Reform“ von Pius X. über Pius XI., Pius XII. und „Johannes XXIII.“ nachgezeichnet hat, kommt er zu dem Schluß: „Die Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils ist somit fest begründet in der lebendigen Tradition der Kirche.“ Ja, in der „Tradition der Kirche“, wie die Modernisten sie verstehen.
Zwar anerkenne und kritisiere „Leo“, ganz in Einklang mit anderen „modernen Päpsten“, „liturgische Mißbräuche“, doch schreibe er diese nicht grundsätzlichen Mängeln bei der „Reform“ zu. Vielmehr entstünden diese „Mißbräuche“ dadurch, daß „einige der Prinzipien, welche der Reform zugrundeliegen, ins Extrem gesteigert oder mißverstanden“ würden. Damit stehe er in vollkommener Kontinuität mit „Papst Franziskus“, der im Jahre 2017 die „liturgische Erneuerung“ als „irreversibel“ bezeichnet hat, deren Prinzipien nicht zu hinterfragen, sondern lediglich besser kennenzulernen seien. Er wollte darum die „liturgische Reform“ nicht revidiert, sondern besser umgesetzt sehen. (Jaja, immer diese „Mißbräuche“! Vielleicht sollte man sich doch einmal überlegen, ob es nicht ein „fundamentum in re“, einen Grund in der Sache hat, wenn „Mißbräuche“ in solcher Weise überhand nehmen. Abgesehen davon, daß die „Mißbräuche“ meist gar keine sind, sondern legitime Ausfaltungen der im „Novus Ordo“ vorgegebenen Möglichkeiten.)
Anders jedoch als „Franziskus“ erwähne „Leo“, wenn er über die Liturgie spreche, selten die Ansichten jener, welche die Reform zurückweisen. Für ihn sind die von „Paul VI.“ und „Johannes Paul II.“ erneuerten Texte schlicht die „normative Liturgie der Kirche“. Das ist nur natürlich, ist er doch der erste „nachkonziliare Papst“, der schon von Jugend an in der „nachkonziliaren Kirche“ aufwuchs und dort sozialisiert wurde. Von den liturgischen Kämpfen und Streitereien dürfte er im Laufe seiner kirchlichen Karriere kaum berührt worden sein. Mit dieser seiner nach vorne blickenden Haltung habe er etliche der „Franziskus“-Kritiker irritiert. „Traditionalistische“ Kommentatoren hatten einige seiner Aussagen wie etwa seine Bewunderung für den „Sinn für das Mysterium“, der in den Ostriten zu finden sei, oder seine Aufforderung an die französischen Bischöfe, „großzügig“ zu sein gegenüber den Anhängern der „älteren Form der Liturgie“, sofort in ihrem Sinne als Hoffnungsschimmer interpretiert, daß er die Restriktionen Bergoglios gegen die „TLM“ rückgängig machen werde. Dabei hatte „Leo“ nie eine Andeutung gemacht, daß er mit der Entscheidung Bergoglios nicht einverstanden sei oder einen Politikwechsel beabsichtige.
Die „Reform der Reform“
Ratzingers abweichende Haltung wurde laut Lewis besonders deutlich sichtbar durch seine Ernennung von „Kardinal“ Sarah zum „Gottesdienst-Präfektem“. Dieser setzte sich für eine „Reform der Reform“ ein und plädierte für eine Rückkehr zur Orientierung „ad orientem“ während der Messe und den Empfang der Kommunion im Knien. Hingegen sei in den Jahren nach „dem Konzil“ die Stellung des Priesters „versus populum“, mit dem Angesicht zum Volke üblich geworden, bestätigt durch die „Allgemeine Instruktion“ des „Römischen Missale“, welches bestimmt: „Der Altar soll von der Wand entfernt errichtet werden, sodaß er leicht umschritten und die Messe an ihm mit dem Blick zum Volke zelebriert werden kann, wie dies, wo immer möglich, wünschenswert ist“ (Nr. 299). Und wenngleich die Instruktion des Vatikan von 2004 mit dem Titel „Redemptionis Sacramentum“ es untersagte, jenen die Kommunion zu verweigern, die dabei knien wollen, so sei doch in der „ganzen katholischen Welt“ die allgemeine Praxis jene des Empfangs der Kommunion im Stehen. Festgesetzte Norm sei dies in solchen Ländern wie den USA, Kanada, England und Wales, während die „Bischöfe“ von Australien und Neuseeland es als die „übliche Haltung“ bezeichnen, und selbst das italienische „Römische Missale“, das auch im Vatikan Verwendung findet, empfehle diese Haltung. Die einzige Ausnahme bilde Kasachstan, wo nach Aussage von „Bischof Athanasius Schneider“ die „Bischofskonferenz“ festgesetzt habe daß die Kommunion gewöhnlich kniend und auf die Zunge zu empfangen sei. Außer Kasachstan aber ist Herrn Lewis kein Land bekannt, wo es so etwas gibt.
„Franziskus“ habe dem Spuk dann auch ein jähes Ende gesetzt und öffentlich erklärt, daß es keine „Reform der Reform“ geben werde und daß dieser Ausdruck zu meiden sei, weil er „Anlaß zu Irrtümern“ gebe. Gegenüber Spadaro mahnte er zwar zur Großzügigkeit gegenüber solchen, welche einer „bestimmten Art zu beten“ anhängen, doch sei dies nicht der übliche Weg. Das „II. Vatikanum“ und „Sacrosanctum Concilium“ seien der Weg, dem zu folgen sei, und es sei ein Fehler, von einer „Reform der Reform“ zu sprechen.
Die „Johannes-Paul-Päpste“ und „Paul VI.“
Auch die Position von „Johannes Paul II.“ sei eindeutig gewesen. In seinem „Apostolischen Schreiben Vicesimus Quintus Annus“ nannte er „Sacrosanctum Concilium“ eine „Hoffnung für das Leben und die Erneuerung der Kirche“ und bestätigte, daß die „Reform“ „im Einklang mit den konziliaren Prinzipien der Treue und Tradition und Offenheit für legitimen Fortschritt“ durchgeführt worden und mithin „strikt traditionell und in Einklang mit ‚dem alten Brauch der heiligen Väter“ gewesen sei. Fünfzehn Jahre später forderte er auf, die „Reichtümer und das Potential“ der „erneuerten liturgischen Texte“ tiefer zu entdecken. Er bedauerte die oftmals mangelhafte liturgische Ausbildung und die „liturgischen Mißbräuche“ (!?) (nannte er das nicht eben noch das „Entdecken“ von „Reichtümern“ und „Potential“?), trennte diese jedoch deutlich von der „Reform“ selbst und bescheinigte solchem „Mißbrauch“, daß er „nichts mit dem authentischen Geist des Konzils“ zu tun habe.
Zwar war das „Pontifikat“ von „Johannes Paul I.“ zu kurz, als daß es von ihm „päpstliche Lehren“ zu dem Thema gäbe. Doch sei seine Haltung aus früheren Äußerungen genügend bekannt. Schon während des „Konzils“ habe er „enthusiastisch“ gewisse Reformen begrüßt wie den Gebrauch der Volkssprache, die Vereinfachung der Riten oder die „aktive Teilnahme der Gläubigen“. Ein Ritus solle keiner großen Erklärung bedürfen, sondern „selbsterklärend“ sein, hatte er geschrieben, und im Jahr 1965 hatte er „Paul VI.“ in seiner Entschlossenheit bekräftigt, daß die „Reform“ „rückhaltlos“ angenommen und umgesetzt werden müsse. 1969 forderte er die „Treue zum Konzil“ durch Umsetzung der von diesem vorgegebenen „Prinzipien“ für die „neuen Riten“ ohne Ausnahme. Zwar gebe es „Neuheiten“, doch ohne Bruch mit der „gesunden Tradition“. Daher kritisierte er im Jahr 1973 Katholiken „am rechten Rand“, welche die Beibehaltung „mittelalterlicher Riten“ in der Kirche forderten unter Beharren auf dem Latein, und das nur, weil frühere Päpste diese eingeführt hätten. Auch er wandte sich gegen „unautorisierte Experimente“ und „Mißbräuche“ (!!), die er allerdings als „Ausrutscher“ betrachtete, die keinen „aktiven oder passiven Widerstand“ gegen die „Reformen“ selber rechtfertigten.
„Paul VI.“ schließlich habe selbstverständlich das „reformierte Missale“ promulgiert, und für ihn war es nicht ein bedauernswertes Experiment, sondern eine „feierliche Pflicht“, die ihm vom „Konzil“ übertragen worden war. Ein verbreitetes „traditionalistisches Narrativ“ behaupte, er sei sich über die Reformen der in seinem Namen erlassenen Liturgie nicht ganz im klaren gewesen und habe diese nicht befürwortet, sondern sei von Annibale Bugnini hintergangen worden. Untermauert werden diese Thesen durch gewisse mythische Anekdoten wie jene, daß „Paul VI.“ eines Morgens im Jahre 1970 zur Zelebration in der Kapelle erschien und anfing zu weinen, als er entdeckte, daß er die Pfingstoktav abgeschafft hatte. Dieses „Narrativ“ ist freilich ebenso unsinnig wie alle anderen Mythen über „Paul VI.“ wie etwa die „Doppelgänger-Theorie“. In Wahrheit gehörte er zum kleinen Kreis der „Eingeweihten“, die zusammen mit Bugnini bereits seit den 1950er Jahren auf den „Novus Ordo“ hinarbeiteten, und es steht außer Frage, daß er voll und ganz hinter dem „Ritus“ stand, den er „promulgierte“. Dies bestätigte er auch mehrmals und deutlich genug in öffentlicher und amtlicher Rede, in welcher er die „Reform“ als sein Werk darstellte und sie als „authentische Frucht des Konzils“ beschrieb und als ein „Werk, das unter der Leitung des Heiligen Geistes“ entstanden sei.
Keine Ausnahme ohne Regel
Freilich, beeilt sich Mike Lewis zu versichern, bedeute dies alles nicht, daß „Papst Benedikt“ ein Gegner des „II. Vatikanums“ oder der „reformierten Messe“ gewesen sei, habe er doch selber in seinem Begleitbrief zu „Summorum Pontificum“ auf dem „Wert und der Heiligkeit“ des „reformierten Römischen Ritus“ bestanden. Bekanntlich bezeichnete er das „Missale Pauls VI.“ als den „ordentlichen Ausdruck“ des Römischen Ritus und verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, daß die Koexistenz der beiden „Formen“ eine positive Wirkung auf den „Römischen Ritus“ überhaupt haben werde – was auch die Hoffnung vieler „guter Katholiken“ sei, die Lewis zwar nicht teilt, aber für zulässig hält. Worauf er hinauswill, ist, daß Ratzingers „liturgische Vision“ eine „Minderheitsposition unter den jüngsten Päpsten“ sei. „Franziskus“ habe dem gemeinhin als „Reform der Reform“ beschriebenen Programm eine klare Absage erteilt, und „Leo“ gebe keinerlei Anzeichen, daß er es wiederbeleben wolle. Wie alle seine Vorgänger außer Ratzinger nenne er die „Reform“ „notwendig, traditionell und auf eine vollere Teilnahme der Gläubigen ausgerichtet“.
„Leo“, ist Lewis überzeugt, sei nicht der Ansicht, daß die „reformierte Liturgie“ ein fehlerhaftes Produkt ist, das erneuert werden müsse. Zweifellos sei er ebenso wie die anderen Päpste offen für Änderungen, Nachbesserungen und Korrekturen, soweit sich diese als notwendig erweisen, und ganz eindeutig verwerfe er „liturgischen Mißbrauch“ (!!). Ganz in Einheit mit „Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II. und Franzsikus“ begrüße er die „reformierten Riten“ als ein positives Gut und eine „authentische Frucht des Konzils“ und befinde sich somit in vollkommener Kontinuität mit diesen. Einzig „Benedikt“ sei mit seiner Kritik aus der Reihe gefallen. Somit müsse man jenen, die Ratzingers kritische Haltung für die „Standardposition der Kirche“ ansehen, entgegenhalten, daß „Benedikt“ die Ausnahme war, während „Leo“, ebenso wie „Franziskus“, die Regel darstellt.
Die ersten „nachkonziliaren Reformen“
Mr. Lewis hat mit seiner Beobachtung ganz recht. Ratzinger stellt in der Reihe der „konziliaren“ bzw. „nachkonziliaren Päpste“ eine Ausnahme dar – allerdings nicht insofern er ein grundsätzlicher Gegner „des Konzils“ oder seiner Reformen gewesen wäre. Das war er ganz und gar nicht, war er doch selber eine der treibenden Kräfte auf dem „II. Vatikanum“ gewesen, der die Dinge vorangebracht hatte. Allerdings besaß er, inmitten barocker bayerischer Frömmigkeit aufgewachsen und mit solider humanistischer Bildung, einen für Modernisten seltenen Sinn für das „Hergebrachte“ und einen „klassischen“ Geschmack. (Wie man weiß, spielte er gerne „Klassik“ am Klavier.) Darum gingen ihm einige konkrete Ergebnisse der Reformen zu weit, insbesondere solche, die das Praktische betrafen, wie die Liturgie.
Wie fast alle „Konzils“-Teilnehmer, darunter auch Mgr. Lefebvre, begrüßte er die „Liturgiekonstitution“ des „II. Vatikanums“ und die daraus hervorgegangene „reformierte Liturgie“, wie sie sich in ihren Anfängen 1965 präsentierte (vgl. Liturgische Metamorphose 4). Er verglich die „vorkonziliare“ Liturgie mit einem „Fresko“, das „von einer späteren Übertünchung fast verdeckt war“, weil es die Gläubigen „privaten Gebetsanleitungen und -formen“ überließ. „Durch die Liturgische Bewegung und durch das Zweite Vatikanische Konzil wurde das Fresko freigelegt, und einen Augenblick waren wir fasziniert von der Schönheit seiner Farben und Figuren“, schwärmte er (Vom Geist der Liturgie, Freiburg-Basel-Wien S. 30-31).
Lefebvre seinerseits sprach von „glücklichen Reformen, die diesen Teil der Messe [den „Wortgottesdienst“] seinen wahrhaften Zweck wiederfinden lassen“, und zwar indem „sich der Priester den Gläubigen nähert, mit ihnen in Verbindung steht, betet und singt, daß er sich also am Lesepult [!] aufhält, daß er die Epistel und das Evangelium in ihrer Sprache verliest und mit den Gläubigen die himmlischen, traditionellen Weisen des Kyrie, des Gloria und des Credo singt“ (Ein Bischof spricht, Wien 1976, S. 61-62). Demgemäß übernahm er begeistert diese Reform, die auch in den ersten Jahren der „Piusbruderschaft“ in Freiburg und Ecône so gefeiert wurde. Ja, auch die Änderungen von 1967, die noch mehr in Richtung „Novus Ordo“ gingen (wie die Auslassung der Kniebeugen vor der Elevation, unmittelbar nach der Wandlung, und die Streichung der Kreuzzeichen bis auf das eine im „Einsetzungsbericht“) hatte Lefebvre angenommen, was ihm den Vorwurf von Guérard des Lauriers eintrug, die „Neue Messe“ gelesen zu haben. Tatsächlich hat er jedoch den „Novus Ordo“, der 1969 „promulgiert“ wurde, von Anfang an abgelehnt und blieb zunächst bei der Version von 1967, bis er schließlich unter dem Druck seiner eigenen Seminaristen zu den „Büchern Johannes’ XIII.“ von 1962 zurückkehrte.
Der „konservative“ Modernist
Ähnlich sah auch Ratzinger die Dinge. Auch für ihn schoß der „Novus Ordo“ über das Ziel hinaus. Er wuchs, im Gegensatz zu der unmittelbar aus dem „II. Vatikanum“ zunächst entsprossenen „reformierten Liturgie“, zu wenig aus dem „Bedürfnis“ der Gläubigen heraus und war zu sehr ein Produkt akademischer Konstruktion am Reißbrett. Diese Kritik trug ihm den Ruf ein, ein „Konservativer“, ja ein verkappter „Traditionalist“ zu sein, der er nie war. Er war und blieb ein Modernist, auch wenn er sich, zumal in seiner späteren Zeit als „Bischof“, „Kardinal“ und gar als „Papst“ auf die „konservative“ Seite stellte. Aber das gehört zum modernistischen System. Wie der heilige Papst Pius X. in „Pascendi“ darlegt, drängen nach deren Lehre die „Bedürfnisse und Nötigungen zur Evolution“, weshalb sich auch die Liturgie dauernd gemäß den „Bedürfnissen“ ändern muß.
„Wollte jedoch die Evolution diesem Antriebe allein folgen“, schreibt der heilige Papst weiter, „so würden leicht die Grenzen der Überlieferung überschritten werden: und die Evolution risse sich derart von dem sie ursprünglich belebenden Prinzip los, daß sie eher Untergang als Fortschritt nach sich ziehen würde. Daher erfaßt man die Ansicht der Modernisten besser, wenn man die Evolution auf den Widerstreit zweier Kräfte zurückführt: der einen, die in Richtung Fortschritt zieht, und einer, die konservativ zurückhält.“ Genau diese Gefahr sah Ratzinger, weshalb er sich entschlossen auf die „konservative“ Seite stellte. Für die Modernisten ist der „konservative“ Einfluß „beherrschend in der Kirche, und er ist in der Tradition enthalten“. „Er kommt vonseiten der religiösen Autorität, und das sowohl naturgemäß: denn es liegt im Wesen der Autorität, die Überlieferung in Obhut zu nehmen; als auch der wirklichen Sachlage nach: denn die Autorität habe sich von den Wechselfällen des Lebens zurückgezogen, und sie werde vom Ansporn, der heftig zum Fortschritt bewegt, nicht oder kaum gedrängt…“ Aus diesem Grund etablierte sich der Mythos von „Ratzinger I“ und „Ratzinger II“, und es entstand das Bild vom „erzkonservativen Panzer-Kardinal“, ja vom geheimen „Traditionalisten“, während Ratzinger in Wirklichkeit treu und, auch hierin ganz „klassisch“, dem modernistischen Modell folgte.
Richtig ist also, daß er Kritik am „Novus Ordo“ übte und eine „Reform der Reform“ wollte, weil in seiner Optik „die Grenzen der Überlieferung überschritten“ worden waren und die „Evolution“ in Gefahr stand, „sich derart von dem sie ursprünglich belebenden Prinzip“ loszureißen, „daß sie eher Untergang als Fortschritt nach sich ziehen würde“. Das schienen ihm die „nachkonziliaren“ liturgischen Auseinandersetzungen eindrucksvoll zu bestätigen, und in diesem Sinne lautete seine Diagnose, daß die „Krise der Kirche“ eine „Krise der Liturgie“ sei, die er mit seinem „Motu proprio Summorum Pontificum“ dadurch beheben wollte, daß er „zwei Ausdrucksformen des einen römischen Ritus“ dekretierte, die sich gegenseitig „befruchten“ sollten, um so zum „einen römischen Ritus der Zukunft“ zu gelangen, der wieder mehr in der „Überlieferung“ verhaftet sein würde. Wie sein Nachfolger „Franziskus“ nüchtern feststellte, ist dieses Projekt gescheitert. Statt zu einer „liturgischen“ und „kirchlichen“ Einheit führte es nur zu noch mehr Spannungen und Spaltungen, weshalb es mit „Traditionis custodes“ beendet wurde.
Ratzingers „Meßtheologie“
Dabei ging es Ratzinger nie wirklich um die Messe, von der er eine ganz und gar modernistische und falsche Auffassung hegte. In einem Buch, das sein ehemaliger „Gottesdienstpräfekt“ Sarah im Jahr 2020 herausgegeben hatte, um den Zölibat zu verteidigen, fand sich ein Artikel des damals bereits „emeritierten“ „Papst Benedikt XVI.“, den dieser zu veröffentlichen gestattet hatte, nicht wissend, daß Sarah plante, ihn deswegen aus Gründern der „Publicity“ als „Mitautor“ seines Buches zu benennen. Das gab einige Aufregung, und Ratzinger mußte die Sache klarstellen, was uns hier jedoch weniger interessiert. Für uns von Belang sind einige Ausführungen, die Ratzinger in seinem Beitrag zum Thema Priestertum macht, und die rein modernistisch sind. Er spricht von den Anfängen der Kirche als einer „Jesus-Bewegung“, der ein „laikaler Charakter“ eignete und deren „frühe Ämter“ „nicht kultisch-priesterlich“ verstanden wurden. Entgegen der unfehlbaren Lehre des Konzils von Trient behauptet er, daß die Kreuzigung Jesu „in sich kein Kultakt“, also kein Opfer gewesen sei.
Was „Jesus mit Kult gewollt und nicht gewollt hat“, erschließe uns vielmehr „das Letzte Abendmahl mit der Gabe von Leib und Blut Jesu Christi“. Was hier geschah, beschreibt er so: „Indem er [Jesus] Brot zu seinem Leib und Wein zu seinem Blut macht und austeilt, nimmt er seinen Tod vorweg, nimmt er ihn von innen her an und verwandelt ihn in eine Tat der Liebe. Was von außen her brutale Gewalt ist – die Kreuzigung –, wird von innen her ein Akt der Liebe, die sich selber schenkt, ganz und gar. Dies ist die eigentliche Wandlung, die im Abendmahlssaal geschah und die dazu bestimmt war, einen Prozeß der Verwandlungen in Gang zu bringen, dessen letztes Ziel die Verwandlung der Welt dahin ist, daß Gott alles in allem sei (vgl. 1 Kor 15,28). Alle Menschen warten immer schon irgendwie in ihrem Herzen auf eine Veränderung und Verwandlung der Welt. Dies nun ist der zentrale Verwandlungsakt, der allein wirklich die Welt erneuern kann: Gewalt wird in Liebe umgewandelt und so Tod in Leben“ (Ansprache auf dem „Weltjugendtag“ in Köln vom 21. August 2005; vgl. Liturgische Metamorphose 5).
Ratzinger leugnet hier die Lehre der Kirche von der heiligen Messe als der Erneuerung des Kreuzesopfers Christi und verlegt das Zentrum der Messe von Golgotha in den „Abendmahlssaal“, also vom Opfer, bei dem der Heiland Seinen Leib und Sein Blut dem himmlischen Vater darbringt zur Sühne für die Sünden, zum „Mahl“, bei welchem Er sich den Aposteln als „Gabe“ „selber schenkt“. Die „eigentliche Wandlung“ ist daher nicht die von Brot und Wein in Christi heiligsten Opferleib und Sein kostbares Opferblut, sondern die von „Gewalt in Liebe“ und von „Tod in Leben“. Diese reichlich unorthodoxe „Meßtheologie“ ist die der „Neuen Messe“, nicht die der katholischen Heiligen Messe.
Fazit
Ratzingers Vorbehalte gegen den „Novus Ordo“ waren nicht theologischer, sondern praktischer und ästhetischer Natur. Darum hatte er auch keine wirklichen Bedenken, den „NOM“ anzunehmen und sein Leben lang zu feiern, und darum konnte er es wagen, die Heilige Messe und den „Novus Ordo“ als „zwei Ausdrucksformen desselben Ritus“ zu bezeichnen. Darum war aber der „Novus Ordo“ für ihn die „ordentliche Form“, da hier das „übertünchte Fresko“ immerhin „freigelegt“ war. Insofern lag er trotz seiner abweichenden Haltung dennoch auf der Linie seiner Amts-Vorgänger und -Nachfolger im „konziliaren“ Chefbüro und anerkannte ebenso wie sie die „Notwendigkeit“ sowie die „Legitimität und Heiligkeit“ der „reformierten Messe“. Nur hätte er sie halt gerne etwas „aufgehübscht“ und mehr der „Tradition“ angenähert gehabt; deshalb sein Bemühen um die „Traditionalisten“ und um eine „Reform der Reform“.