Gruppe von Menschen

Ach, wie schwer scheint es doch zu sein, die „Konziliare Kirche“, auch nach über 60 Jahren ihres Bestehens, klar zu sehen als das was sie ist. Nicht nur „Traditionalisten“, sondern auch „Sedisvakantisten“ haben ihre nicht geringen Probleme damit. Auf die wahre Antwort will irgendwie keiner kommen. (Wir betonen das „will“!)

Mutige „These“

Lasen wir doch unlängst von einem englischen „sedisvakantistischen“ Autor die immerhin recht mutige „These“: „Die Konziliare/Synodale Kirche, als solche betrachtet, ist nicht die römisch-katholische Kirche.“ Nach einer ersten freudigen Überraschung stutzten wir sogleich und fragen uns: Wieso ist das eine „These“? Es ist doch schlicht die für jeden klar einsichtige, offenkundige Wahrheit. Etwas zurückhaltend geworden, lesen wir weiter in der „Clarification“ („Erläuterung“) dazu: „Mit ‚nicht die römisch-katholische Kirche‘ meine ich, daß diese Gruppe von Menschen [„body of men“], als solche betrachtet, nicht mit der römisch-katholischen Kirche identisch ist.“

Diese „Erläuterung“ verwirrt eher, als daß sie Klarheit verschafft, wie es eine „Clarification“ doch tun sollte. Daß eine „Gruppe von Menschen“, ob „als solche“ oder irgendwie anders betrachtet, „nicht mit der römisch-katholischen Kirche identisch ist“, ist doch sonnenklar. Schließlich ist die römisch-katholische Kirche nicht definiert als „Gruppe von Menschen“. Der Katechismus des heiligen Pius X. erklärt: „Die katholische Kirche ist die Gesellschaft oder die Vereinigung aller Getauften, welche auf Erden leben und denselben Glauben sowie dasselbe Gesetz Christi bekennen, an denselben Sakramenten teilhaben und den rechtmäßigen Hirten gehorchen, besonders dem Obersten Hirten in Rom“ (Nr. 150). Deshalb nennen wir sie auch die „römisch-katholische“ Kirche. Dies weist sie zugleich als die wahre Kirche aus, denn: „Die wahre Kirche heißt auch die ‚römische‘, weil man die vier Charaktere der Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität nur bei jener Kirche antrifft, die den Bischof von Rom, den Nachfolger des heiligen Petrus, als Oberhaupt anerkennt“ (Nr. 162).

Der „body od men“

Demgegenüber will der Autor seinen „body of men“, den er „Konziliare/Synodale Kirche“ nennt und „als solche“ als „nicht mit der römisch-katholischen Kirche identisch“ betrachtet, beschreiben als einen „body“ – eine Körperschaft, Gruppe, Gesellschaft, Gemeinschaft, wie immer man das übersetzen will –, der sich sowohl aus Katholiken als auch aus Nicht-Katholiken zusammensetzt und welchem gewisse „wesentliche Eigenschaften der römisch-katholischen Kirche fehlen“, weshalb er nicht mit der Kirche identifiziert werden könne. Nun, derlei „bodys“ gibt es viele. Alle bürgerlichen Gesellschaften gehören im Grunde dazu, von der (oftmals gemischt-konfessionellen) Familie über den Schützenverein bis zum Staat. Sie alle können sich sowohl aus Katholiken als auch aus Nicht-Katholiken zusammensetzen und entbehren „wesentlicher Eigenschaften der römisch-katholischen Kirche“ wie z.B. der Übernatürlichkeit, der Indefektibilität oder der Unfehlbarkeit. Was also ist nun genau mit diesem „body“ gemeint, der die „Konziliare/Synodale Kirche“ sein soll?

Seine „These“, so fährt der Autor fort, befasse sich „daher mit der Identität und dem Wesen des Körpers selbst, der als soziale Realität oder zufällige Ansammlung [„accidental aggregation“] betrachtet wird, und nicht mit dem Status der Individuen, die ihm angehören“. Aha. Wir müssen gestehen, mit jeder weiteren Erklärung wird die Sache für uns nur noch mysteriöser. Gut, bei diesem „Körper“ handelt es sich also um eine „soziale Realität“, das leuchtet uns ein, ähnlich einer bürgerlichen Gesellschaft. Doch wenn es ein „Körper“ ist, ein „body“, wie kann er zugleich eine „zufällige Ansammlung“, eine „accidental aggregation“ sein? Ein „Körper“, auch ein sozialer Körper, ist keine „zufällige Ansammlung“, sondern besitzt eine bestimmte Form, eine Ordnung, einen Zweck, eine Verfassung, eine Leitung usw., in welche die Individuen „eingegliedert“ sind, weshalb man sie ja auch „Glieder“ oder „Mitglieder“ nennt. Ist die „Konziliare/Synodale Kirche“ von dieser Art, ist sie also ein „body“, oder ist sie nur ein zufälliger Haufen von Leuten, wie es etwa die Menge der Passanten in einer Fußgängerzone ist?

„So klug als wie zuvor“

Weiter hören wir, daß die „These“ des Autors keineswegs beabsichtige, die fortbestehende Sichtbarkeit der Kirche zu leugnen. Vielmehr bestreite sie, daß diese Sichtbarkeit und die Mitgliedschaft in der Kirche durch die „Grenzen der konziliaren/synodalen Kirche, wie sie definiert sind, bestimmt werden“. Wir kratzen uns am Kopf und verstehen jetzt gar nichts mehr. Was haben denn die „Grenzen der konziliaren/synodalen Kirche“ mit der Sichtbarkeit der Kirche zu tun, zumal eine bloße zufällige Ansammlung von Leuten gar keine klar definierten „Grenzen“ hat? Wenn er uns doch endlich einmal genau definieren würde, worin nach seiner Meinung dieser „body“ genau bestehen soll, statt ständig nur zu erklären, was er nicht meint bzw. worin dieser nicht besteht.

Doch nein, er macht genau so weiter und sagt wieder nicht, was er mit seiner These sagen will, sondern was er nicht sagen will. Er will nämlich nicht sagen, a) daß dieser „Körper“ eine falsche Sekte konstituiere, zumal er ja ein zufälliger Haufen von Katholiken und Nicht-Katholiken ist und keine wahre Gesellschaft; b) daß es keine Katholiken darin gebe; c) daß eine Person aufhöre, katholisch zu sein, nur weil sie in diesen „Körper“ (jetzt ist es doch wieder ein „Körper“ und kein Haufen) eingeschlossen ist. Da stehen wir nun, wir armen Toren, und sind – mit Goethes Faust zu sprechen – „so klug als wie zuvor“.

Definition

Was ist sie denn nun, diese „Konziliare/Synodale Kirche“, „als solche“ betrachtet? Wie würde sie denn der Autor definieren? Vor allem: Ist sie ein Körper bzw. Organismus oder ein bloßer zufälliger Haufen? Im letzteren Fall wäre sie gar nicht definierbar, im ersteren Fall hätte sie eine Form oder Struktur, die sich beschreiben läßt. Eingangs, bevor er noch seine „These“ erörtert, gibt der Autor – vielleicht ist das des Rätsels Lösung, weshalb wir sie bis jetzt der Spannung halber aufgespart haben – tatsächlich folgende Definition: „Mit ‚konziliarer/synodaler Kirche‘ meine ich die Gemeinschaft [„body“] der Menschen, die Leo XIV. als ihren Papst und geistlichen Führer anerkennen, sich ihm unterworfen erklären und die er (und seine Amtsträger) als mit ihm in gutem Verhältnis stehend anerkennen.“ Eine sehr schwammige „Definition“, nicht viel besser als alle Negativ-Bestimmungen, die wir bisher gehört haben. Tut uns leid, daß wir die Spannung der Leser damit enttäuschen mußten.

Immerhin können wir so viel sagen, daß hier kein loser Haufen beschrieben ist, sondern eher ein „body“ mit einer gewissen Struktur. Es ist eine „Gemeinschaft“, die in „Leo XIV.“ ihren „Papst und geistlichen Führer“ hat und sogar von diesem „als mit ihm in gutem Verhältnis stehend“ anerkannt sind, also eine religiöse Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Haupt. Da die ihr zugehörigen Menschen ihren „Papst“ anerkennen, „sich ihm unterworfen erklären“ und ihrerseits von diesem „als mit ihm in gutem Verhältnis stehend“ anerkannt sind, müßte man sie eigentlich für gut katholisch, ja für römisch-katholisch ansehen. Man müßte folgern, daß sie Getaufte sind, „welche auf Erden leben und denselben Glauben sowie dasselbe Gesetz Christi bekennen, an denselben Sakramenten teilhaben und den rechtmäßigen Hirten gehorchen“, somit schlicht und einfach Katholiken. Und doch soll dieser „body“ gemäß der „These“ des Autors „nicht mit der römisch-katholischen Kirche identisch“ sein und sich aus „Katholiken und Nichtkatholiken“ zusammensetzen. Merkwürdig.

Falsche Sekte

Das läßt sich nur auf eine einzige mögliche Art erklären: Der „Papst“ dieses „body“, „Leo XIV.“, kann nicht der römisch-katholische Papst sein. Er muß ein Anti-Papst sein. Daraus folgt, daß dieser „body“ zwar eine Art Kirche ist, aber „nicht die römisch-katholische“, sondern eine Anti-Kirche. Daß die darin Versammelten zwar ihren „Papst“ haben und mit diesem auch „als in gutem Verhältnis stehend“ anerkannt sind, was aber nicht heißt, daß sie Getaufte sind, denselben Glauben – schon gar nicht den katholischen – „sowie dasselbe Gesetz Christi bekennen sowie dasselbe Gesetz Christi bekennen, an denselben Sakramenten teilhaben und den rechtmäßigen Hirten gehorchen“. Vielmehr ist die „Konziliare/Synodale Kirche“, wie wir wissen, tatsächlich ein pluralistischer Haufen, in dem jeder glauben, denken und tun kann, was er will, solange er auf dem Papier dazugehört, eine gewisse „Einheit“ mit dem „Papst“ hält und von diesem in seiner „Kirche“ geduldet wird, d.h. solange er nicht zu weit ausschert oder gar offen als Dissident auftritt. Von der katholischen Einheit, die ein Kennzeichen der wahren Kirche ist, sind wir natürlich weit entfernt. Im Gegenteil, wer „in Einheit“ mit der „Konziliaren Kirche“ steht, kann nicht in der Einheit der katholischen Kirche sein.

Hieraus aber folgt das, was der Autor in seiner „These“ gerade ausschließen will: a) daß dieser „Körper“ sehr wohl eine „falsche Sekte“ konstituiert, zumal er eben kein zufälliger Haufen von Katholiken und Nicht-Katholiken ist, sondern eine wahre Gesellschaft (mit eigener – wenngleich sehr „indifferentistischer“ und „latitudinarischer“ – Lehre, eigener – ebenso „latitudinarischer“ – Disziplin, eigener Leitung); b) daß es keine Katholiken darin gibt; c) daß eine Person aufhört, katholisch zu sein, wenn sie dieser Sekte angeschlossen ist. b) und c) sind jeweils objektiv zu verstehen, d.h. sie sagen nichts über Schuld oder Schuldlosigkeit der Personen und den Seelenzustand des Einzelnen aus, also den inneren „Status der Individuen“, die dieser Sekte „angehören“.

Katholiken und Nicht-Katholiken

Letzteres müssen wir ein wenig genauer ausführen. Jemand kann einer Sekte schuldhaft oder mehr oder weniger schuldlos, also „guten Glaubens“ angehören. Er kann materiell oder formell schismatisch oder häretisch sein. Die Kirche betrachtet die Angehörigen der protestantischen Gemeinschaften beispielsweise, die dort von Kindheit an hineingewachsen sind, als schuldlos und somit bloß materiell als Häretiker und Schismatiker. Dennoch gehören sie nicht zur Kirche und sind keine Katholiken.

Mutatis mutandis und mit Behutsamkeit müssen wir das auf jene anwenden, die zur „Konziliaren/Synodalen Kirche“ gehören, denn diese gilt ja allgemein als die „römisch-katholische Kirche“, zumal sie den „Papst“ auf ihrer Seite hat. Um so mehr müssen wir schuldlose Unwissenheit und „guten Glauben“ voraussetzen, und, mehr noch, wir müssen diese Leute wie irregeleitete Katholiken behandeln und können etwa keine „Abschwörung“ von ihnen verlangen, wenn sie zur Wahrheit gefunden haben. Dennoch sind sie objektiv keine Katholiken, solange sie der falschen „Kirche“ anhangen. Erst recht gilt das für die Funktionsträger dieser „Kirche“, die wir nicht als katholische Priester, Pfarrer, Bischöfe usw. ansehen können – ganz abgesehen von der Frage der gültigen Weihe.

„Geburtsdatum“

Der Autor unserer Studie macht uns selber darauf aufmerksam, daß er kein „Geburtsdatum“ für den „als Konziliare/Synodale Kirche benannten Körper“ angegeben hat. Dennoch sei klar, daß der Unterschied zwischen der „Gesellschaft der katholischen Kirche und dem Körper der Konziliaren/Synodalen Kirche“ etwa um 1965 herum „sichtbar“ geworden sei mit der „Promulgation“ der „Dokumente des II. Vatikanums“. Damals sei auch der Ausdruck „Konziliare Kirche“ aufgetaucht, wie anhand einer Ansprache von „Paul VI.“ von 1966 dokumentiert.

Seltsam, nicht wahr? Wieso nennt man diese „Kirche“ die „Konziliare“? Wieso taucht sie gerade nach dem „II. Vatikanum“ auf? Vielleicht deshalb, weil dieses „Konzil“ sie „zur Welt gebracht“ hat? Wie Anton Holzer schon vor vielen Jahren klar feststellte, war das „II. Vatikanum“ die „Konstituante einer neuen Kirche“, der „Konziliaren Kirche“ eben (vgl. Anton Holzer, Vatikanum II. Reformkonzil oder Konstituante einer neuen Kirche, neu herausgegeben von Bücher Hehenwarter). Vorher gab es diese „Kirche“, diesen „body“, noch nicht. Es gab die Sekte der Modernisten, es gab die Freimaurer, die auf diese „neue Kirche“ hinarbeiteten. Aber erst nachdem es ihnen geglückt war, mit Roncalli einen falschen „Papst“ zu installieren, der sogleich daran ging, jenes „Konzil“ auszurufen, das dann unter ihm und seinem „würdigen“ Nachfolger Montini zu einem „Räuberkonzil“ umfunktioniert wurde, gelang der Coup. 1965 war „DAS Konzil“ beendet, die „Konziliare Kirche“ war errichtet und alle katholischen Bischöfe waren in diese übernommen worden.

Geist der Wahrheit

Somit gab es keinen katholischen Bischof mehr, denn kein Bischof, wir wiederholen: keiner, hat damals gegen das „II. Vatikanum“ protestiert und sich davon distanziert. Keiner hat erklärt: Das ist nicht mehr die katholische Kirche, ich gehöre nicht dazu. Erst Jahre später hat der eine oder andere eine mehr oder weniger radikale Kritik geübt, ohne jedoch die volle Wahrheit zu sagen und das „Konzil als Ganzes“ zu verwerfen oder die falsche „Kirche“ als solche zu denunzieren, geschweige denn die Konsequenzen zu ziehen. Auch ein Bischof Thuc hat das nicht getan, der zwar 1982 – spät genug – in seiner berühmten „Declaratio“ den „Römischen Stuhl für vakant“ erklärt hat, der aber in derselben „Declaratio“ die „Kirche“, in welcher der „Novus Ordo“ gefeiert wird – also die „Konziliare Kirche“ –, als die „heutige Kirche“, die „katholische Kirche der Gegenwart“ bezeichnete.

Uns scheint, daß nach über sechzig Jahren in diesen Dingen wenigstens Klarheit und Einigkeit unter den „Rest-Katholiken“ einkehren sollte. Andernfalls brauchen wir nicht glauben, die „Kirchenkrise“ jemals zu überwinden, weder durch die Errichtung von Meßzentren oder die Gründung neuer „Clubs“, noch durch die Weihe von „Privatbischöfen“, noch durch „theologische Debatten“ auf „Twitter“ oder die Entwicklung immer neuer „Thesen“, noch durch ein „Unvollkommenes Konzil“ oder was auch immer. Allein die Wahrheit und die uneingeschränkte Liebe zu ihr wird uns weiterbringen. Denn die Wahrheit ist Christus. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6). Flehen wir in der kommenden Vorbereitungszeit auf Pfingsten zum „Geist der Wahrheit“ (Joh 14, 17; 15, 26), daß Er uns erleuchte und nicht eine „Gruppe von Menschen“, sondern die Heilige römisch-katholische Kirche wiederherstelle.