Eine große und immerwährende Schwierigkeit bereitet den Katholiken unserer Tage die genaue Bestimmung des Verhältnisses der „Konziliaren“ Menschheitskirche zur katholischen Kirche, der Kirche Christi. Sind sie identisch? Ist die eine irgendwie in der anderen enthalten oder irgendwie mit ihr verbunden? Ist die eine eine „Krankheit“ oder ein „Krebsgeschwür“ an der anderen? Handelt es sich um „zwei Religionen in einer Kirche“ oder um divergierende „Tendenzen“? Sind es zwei verschiedene Kirchen oder gibt es zwei „Roms“, die jedoch in ein und demselben Papst als ihrem Haupt zusammenlaufen?
„Wir haben den Papst“
Alle möglichen Thesen wurden schon aufgestellt, die allerdings meistens nur der Praxis hinterhergeschoben wurden. So wie man mit der „Konziliaren Kirche“ umging, so bastelte man sich die passende Theorie zurecht. Die große Schwierigkeit dabei ist immer dieselbe: der Papst! Die Menschheitskirche ist jene, die stolz darauf verweisen und sagen kann: Wir haben den Papst! Und wo der Papst, da die Kirche. Und weil, wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleider, die große Masse sich nicht zu sagen traut, daß der Mann in Weiß da in Rom ja „gar nichts anhat“, d.h. daß er keine der Eigenschaften aufweist, die ihm als Papst eigentlich zukommen müßten, darum starren alle auf das „konziliare“ Rom wie das Kaninchen auf die Schlange, bereit sich lieber verschlingen zu lassen als zuzugeben, daß wir derzeit und schon seit langem keinen Papst mehr haben.
Aber selbst jene, die das – mehr oder weniger – zuzugeben bereit sind, bringen es nicht fertig, einen klaren Schnitt zu machen und zu erklären, daß nicht nur der „konziliare Papst“ kein Papst, sondern auch die „konziliare Kirche“ nicht die Kirche ist. Da werden die wunderlichsten Arabesken gezogen und die absonderlichsten Theologumena ersonnen, nur um dem simplen „sic et non“, „ja“ oder „nein“ auszukommen.
Unlängst fanden wir auf einem „neo-sedisvakantistischen“ und „halb-lefebvristischen“ Blog im Internet einen erneuten Versuch, dem Gegenstand zu Leibe zu rücken. „Wenn es zwei Körperschaften gibt, welche den Anspruch erheben, die Kirche zu sein“, so heißt es dort, könnten „Universalität und Kontinuität“ die wahre Kirche erweisen. „Was aber, wenn die andere Körperschaft jene ist, die den römischen Pontifex zu haben scheint?“ Mit der Hilfe von „Kardinal“ Journet (1891-1975) – einem Theologen, dem der Blog selber etwas kritisch gegenüber steht, zumal er als „Peritus“ auf dem „II. Vatikanum“ tätig war und auf besonderen Wunsch von „Paul VI.“ 1965 zum „Kardinal“ erhoben wurde, um ihn zum „Vollmitglied“ des Konzils zu machen – mithilfe dieses Theologen also soll die Frage geklärt werden.
„Wo ist die römisch-katholische Kirche, die wahre Kirche?“
Journet unterscheide, so hören wir, in seinem Werk „L’Eglise du Verbe Incarné“ zwei Weisen, wie die Apostolizität der Kirche je nach der Bezugsgruppe als Kennzeichen für die wahre Kirche gelten könne, nämlich zum einen für jene, „die schon daran glauben, daß Christus und die Apostel die definitive Religion in die Welt gebracht haben“, und zum anderen für jene, die nicht wissen, daß Christus und die Apostel dies getan haben. Für beide Gruppen sei die Apostolizität ein Mittel, um die wahre Kirche zu identifizieren, doch handle es sich bei beiden um Nicht-Katholiken, welche sie von außen betrachten.
Seit ca. 60 Jahren stelle sich den Katholiken jedoch eine andere Frage, nämlich ob die dem „II. Vatikanum“ entstammende Kirche dieselbe sei wie die vorher oder etwas anderes. Hierzu weiß der Blog in Zitat von Joseph Ratzinger aus dem Jahre 1988 anzugeben, das sehr klarsichtig dieses „Phänomen“ beschreibt: „All das veranlaßt viele Menschen dazu, sich zu fragen, ob die Kirche von heute wirklich dieselbe ist wie die von gestern, oder ob man sie insgeheim in etwas anderes verwandelt hat, ohne es den Menschen zu sagen.“ Wohl wahr! Und Ratzinger wußte zweifellos, wovon er sprach.
Dies sei jedoch nicht die Frage, welche die Theologen früherer Zeiten erörterten, wenn sie von den vier Kennzeichen der Kirche sprachen. Deshalb hat der Autor unseres Blogs die Güte, die Frage mit einem selbstreferenziellen Zitat so zu formulieren: „Unser Problem besteht nicht darin, die wahre Kirche genau zu bestimmen. Wir haben sie bereits bestimmt: Sie ist die römisch-katholische Kirche. Unser Problem besteht darin, festzustellen, wo sich die römisch-katholische Kirche befindet und wer zu ihrer Hierarchie gehört und wer nicht. Diese Unterscheidung liefert den Schlüssel zur Lösung.“ Und in einem weiteren Zitat: „Die eigentliche Frage lautet jedoch nicht genau: ‚Welche ist die wahre Kirche?‘ – denn alle an dieser Diskussion Beteiligten erkennen an, daß es die römisch-katholische Kirche ist. Die Frage, um die es hier geht, lautet jedoch: ‚Wo ist die römisch-katholische Kirche, die wahre Kirche?‘ Zweifellos bleibt die erstgenannte Frage relevant, denn wir können die Kirche nicht lokalisieren, ohne die Kriterien zu berücksichtigen, anhand derer wir sie als die wahre Kirche erkennen. Dennoch sind diese Fragen voneinander zu unterscheiden, und sie müssen klar voneinander getrennt bleiben, um die Krise in der Kirche zu verstehen.“ Somit ist er immerhin bereit zuzugeben, daß, wenngleich die theologische Erörterung gewöhnlich die wahre Kirche für Nicht-Katholiken nachweisen soll, sie doch auch für unsere Fragestellung nicht ohne Bedeutung sei.
Apologetik
Nun ist es an sich gleichgültig, ob man diese Frage unter Katholiken oder Nicht-Katholiken erörtert. Die Kennzeichen der Kirche und auch ihre Beweiskraft bleiben immer dieselben. Nur bedarf der Katholik – wenn es denn einer ist – dieser Beweise nicht mehr, jedenfalls nicht für sich, da er bereits an diese Kirche fest glaubt und ihr angehört. Wohl aber sind ihm diese Kenntnisse nützlich, wenn er seinen Glauben nach außen darstellt oder verteidigt, weshalb sie auch Gegenstand der „Apologetik“ sind, die zur Fundamentaltheologie gehört und zumeist von Katholiken (!) studiert wird. Nicht-Katholiken interessieren sich in der Regel weniger für katholische Lehrbücher und müssen über die Katholiken zu erreichen gesucht werden.
Für die Katholiken wurde die Apologetik in der neueren Zeit immer bedeutsamer, nicht nur weil sie sich gegen ein zunehmend glaubensfeindliches Umfeld behaupten mußten, sondern weil sie auch selber, durch den sie umflutenden Liberalismus zusehends angesteckt und verunsichert, es nötig hatten, sich von der Richtigkeit ihres Glaubens durch Beweise zu überzeugen. Heute nun haben wir es bei den „Katholiken“ meist mit Nachfahren jener „liberalen Katholiken“ zu tun, die nicht mehr nur am Glauben zweifeln, sondern ihn längst über Bord geworfen haben, weshalb es mehr denn je nottut, ihnen wieder mit apologetischen Mitteln zu zeigen, welches die wahre Kirche ist, ja, daß es überhaupt eine wahre Kirche gibt und nicht nur ein beliebiges „religiöses Fühlen“.
„Von Antichristen besetzt“
Doch tun wir für einen Augenblick so, als hätten wir lauter gläubige, überzeugte und informierte Katholiken vor uns, denen, wie unser Gewährsmann versichert, nicht bewiesen werden muß, daß die römisch-katholische Kirche die wahre Kirche Christi ist, denn das wissen sie bereits, sondern aufzuzeigen ist, wo sich diese Kirche befindet. Ehrlich gesagt, so verschieden finden wir diese Fragen nicht, und die Mittel zu ihrer Beantwortung sind tatsächlich dieselben. Es sind allenfalls zwei Etappen oder Stadien auf demselben Erkenntnisweg. Nehmen wir ein Beispiel: Die Polizei besitzt das durch eine Überwachungskamera aufgezeichnete Bild eines unbekannten Einbrechers. Natürlich wird der erste Schritt sein, festzustellen, wer der Mann (oder die „Tatperson“, wie man heute so schön sagt) eigentlich ist. Doch wird die Polizei dabei nicht stehenbleiben und zufrieden sein, wenn sie seinen Namen kennt, sondern sie wird diese Person konkret dingfest machen wollen, d.h. sie wird herausfinden, wo diese sich aufhält, um sie festnehmen zu können. Und sie wird dazu womöglich dasselbe Bild von der Überwachungskamera benutzen, um ihn zweifelsfrei zu identifizieren. Sicherlich aber wird dieses Bild dem Gericht vorgelegt, wenn es darum geht, dem Täter die Tat nachzuweisen.
Ebenso wird sich wohl jemand, der wissen will, welches die wahre Kirche sei, kaum damit zufrieden geben, wenn er diese als römisch-katholische Kirche erkennt, ohne doch zu wissen, wo diese sei und wie er sie findet. Finden wird er sie anhand der Kennzeichen, von denen er weiß, daß die katholische Kirche sie trägt und tragen muß. Übrigens weist die Bezeichnung „römisch-katholische Kirche“ ja schon auf die konkrete Körperschaft hin und trägt den Ort bereits in sich, wo sie aufzufinden ist: in Rom. Somit wird unser fiktiver Gottsucher seinen Blick sofort nach Rom wenden – um erstaunt festzustellen, daß er die Kennzeichen, die nach seiner gewonnenen Erkenntnis die römisch-katholische Kirche tragen muß, sich dort derzeit nicht finden. Vergleicht er das Bild, das er aus seiner Apologetik kennt, mit dem des aktuellen realen Rom, so muß er zu dem notwendigen Schluß kommen, daß diese nicht übereinstimmen und es sich daher nicht um dieselbe Kirche handeln kann. Rom ist „von Antichristen besetzt“, wie Erzbischof Lefebvre einmal hellsichtig sagte (ohne daraus die Konsequenzen zu ziehen).
Um den Stuhl Petri geschart
Sieh da, wie weit wir – auch ohne „Kardinal“ Journet – mit unseren eigenen Überlegungen bereits gekommen sind. Dieser gibt als das entscheidende Kriterium dafür an, wo wir die „wahren Gläubigen“ finden, daß jene um Petrus geschart seien. „Die Gläubigen versammelten sich um Petrus; die wahre Universalität wird jene sein, in deren Mittelpunkt Petrus steht; wo Petrus ist, dort wird die Kirche sein“, lautet ein Zitat, das uns der Blog vom „Kardinal“ gibt. Es ist wahr. Die wahren Gläubigen sind immer um Petrus geschart und um seinen Nachfolger in Rom, den Heiligen Vater. Darin besteht ihre Universalität oder Katholizität, egal wie viele es sind, egal wo sie leben. Was aber, wenn in Rom kein Heiliger Vater ist, sondern ein Eindringling sich als Papst ausgibt? Dann werden die wahren Gläubigen dem Stuhl Petri die Treue halten, der zu ihrem Leidwesen und zum großen Unglück aller schon seit langem unbesetzt ist. Diesen Zustand nennen wir „Sedisvakanz“, und daher nennt man solche Gläubige bevorzugt (wenn auch unglücklich) „Sedisvakantisten“, weil sie sich in Ermangelung eines Nachfolgers Petri um dessen leeren Stuhl scharen.
Journet, so erfahren wir weiter, weist auch auf die ungebrochene „Apostolizität der Lehre“ als Kennzeichen hin, also das, was man gemeinhin gerne „Tradition“ nennt. Dies sei ein Mittel zur Identifizierung der wahren Kirche nach einem Schisma oder einer umstrittenen Neuerung. Doch warnt er davor, die „Tradition“ zu statisch aufzufassen und gibt auch hier an: „Das Argument der Tradition, das als Zeichen der Apostolizität herangezogen wird, gewinnt somit an Beweiskraft, doch erst durch den Rückgriff auf die Verheißungen an Petrus. Das ‚quod semper‘ wird durch das ‚quod ab Ecclesia romana‘ konkretisiert.“ Das sollten sich die „Traditionalisten“ gerne von Journet abschreiben, statt fortwährend ihr „quod semper“ über das „quod ab Ecclesia romana“ zu stellen und gegen dieses auszuspielen. Den aufmerksamen Beobachter wird es nicht davon abhalten festzustellen, daß das „quod ab Ecclesia romana“ des heutigen „Rom“ bedeutend von dem „quod ab Ecclesia romana“ abweicht, wie es bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts unablässig dort geklungen hatte, ja daß es diesem diametral widerspricht. Einmal mehr wird er den Schluß ziehen müssen, daß es sich nicht um dasselbe „Rom“ handeln kann. Wir aber bleiben Rom treu, indem wir uns weiter um den leeren Stuhl Petri scharen. Mag man uns deshalb „Sedisvakantisten“ heißen.
Der Weinstock und die Reben
Jetzt aber will unser Gewährsmann seine Prinzipien auf „unsere Zeit“ anwenden, in welcher „die sogenannten Päpste auf der Seite eines Bruchs mit der Lehre stehen“. Näherhin lautet für ihn die Frage, ob die „wahre Kirche Christi mit den ‚Sedisvakantisten‘ auf der einen oder mit der ‚konziliaren/synodalen Kirche‘ auf der anderen Seite“ gleichzusetzen sei. Das scheint uns eine sonderbare und sinnlose Frage, denn zweifellos ist die wahre Kirche Christi weder mit den einen noch mit der anderen identisch. Wenngleich, wie wir gesehen haben, der römische Stuhl derzeit unbesetzt ist und der Katholik von daher notgedrungen als „Sedisvakantist“ durch das Leben gehen muß, so ist doch eine Gleichsetzung der Kirche mit den „Sedisvakantisten“ schon deshalb nicht zulässig, weil dieser Name – allein schon wegen seiner rein negativen Konnotation – allzu unbestimmt und vieldeutig ist. Es gibt keine klar zu bezeichnende Körperschaft – wie die wahre Kirche Christi eine ist – die man als „Sedisvakantisten“ bezeichnen könnte. Wie wir zu sagen pflegen: Zwar sind die Katholiken heute notwendig „Sedisvakantisten“, doch sind nicht alle „Sedisvakantisten“ Katholiken noch bilden sie zusammen die katholische Kirche.
Wie der Autor auf seine seltsame Fragestellung kommt, wird klar, wenn er im folgenden die Kirche definiert als „die Körperschaft der Getauften, welche den katholischen Glauben bekennen und den legitimen Hirten unterworfen sind – wenn und sobald diese vorhanden sind“, um fortzufahren: „Mit anderen Worten, die Kirche ist ihre Mitglieder, in der rechten Ordnung“. Im Original: „In other words, the Church is her members, rightly ordered“ (Hervorhebung original). Da müssen wir energisch widersprechen. Das Ganze ist mehr als seine Teile, und namentlich ein Leib ist sehr viel mehr als seine Glieder. So auch und vor allem der Mystische Leib Christi, die Kirche. Dieser ist ein übernatürlicher Organismus, der nicht nur ein sichtbares Haupt auf Erden, sondern ein unsichtbares Haupt im Himmel hat (die zweite göttliche Person), und der von keinem geringeren als dem Heiligen Geist (der dritten göttlichen Person) beseelt wird. Dieser übernatürliche Grund ist der „Weinstock“, in welchen die Glieder gleich „Reben“ eingepropft werden, wie der Heiland sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr die Reben. Wer in mir bleibet, und ich in ihm, der bringt viele Frucht; denn ohne mich könnet ihr nichts tun“ (Joh 15, 5). Ausdrücklich warnt der Herr: „Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er wie ein Rebzweig hinausgeworfen werden, und wird verdorren, man wird ihn auflesen und in das Feuer werfen, und er verbrennt.“
Nicht die Glieder, die Reben, sind das Entscheidende an der Kirche, sondern der Weinstock, der sie trägt und sie zu einer Gemeinschaft, zu einem Leib zusammenfügt. Ohne diesen Weinstock sind die Glieder nichts, sie „können nichts tun“. Wer nicht in dem Weinstock bleibt, wird „hinausgeworfen werden“ und „verdorren“. In diesen Weinstock der Kirche werden wir eingepfropft durch die Taufe, wir gehören ihm an und bleiben in ihm durch den Glauben und das Bekenntnis des wahren Glaubens, genährt durch die heiligen Sakramente, sowie durch die Unterwerfung unter die Leitung der rechtmäßigen Hirten, namentlich des römischen Pontifex. Das ist es, was den Katholiken ausmacht, gemäß dem Katechismus des heiligen Pius X: „Um ein Glied der Kirche zu sein, ist es notwendig, getauft zu sein, die Lehre Jesu Christi zu glauben und zu bekennen, an denselben Sakramenten teilzuhaben, den Papst und die andern rechtmäßigen Hirten der Kirche anzuerkennen“ (Nr. 151).
Anonymes Katholikentum
Der Autor aber hat einen Grund, das Wesen der Kirche ganz in die persönliche Sphäre ihrer Glieder aufzulösen. Denn er fürchtet, er könnte allzu „radikal“ interpretiert werden. Zwar will er schon daran festhalten, daß die „konziliare/synodale Kirche“, als solche genommen, nicht die katholische Kirche sei, und daß jene vom katholischen Glauben abgefallenen Männer, welche den Vatikan besetzt halten – einschließlich der vorgeblichen Päpste seit dem „II. Vatikanum“ – Eindringlinge und Usurpatoren seien. Doch will er damit nicht die Möglichkeit ausgeschlossen haben, daß „viele Katholiken weiterhin mit dieser konziliaren/synodalen Kirche verbunden bleiben“ können, und wenn er von „wir“ spreche in bezug auf die Kirche, so schließe er nicht nur jene ein, die seine „Analyse der Situation“ teilen, sondern auch all jene, die noch „in der konziliaren/synodalen Kirche“ Katholiken seien oder jene, die es außer ihr seien, während sie gleichzeitig beanspruchen, die Legitimität der „postkonziliaren“ Pseudo-Päpste anzuerkennen.
Solche Personen, glaubt der Autor, könnten zwar „materiell mit der konziliaren/synodalen Kirche verbunden sein (so wie viele materiell mit den falschen Obödienzen des Großen Abendländischen Schismas verbunden waren)“, gehörten aber „dennoch nicht zu ihr“, sondern gehörten vielmehr „der katholischen Kirche an – selbst wenn sie glauben, die konziliare Kirche sei die Kirche, und unsere Schlußfolgerungen bezüglich der gegenwärtigen Situation ablehnen“. Meint er jetzt das „unsere“ ebenfalls in seinem eben definierten Sinne des „wir“? Das wäre sehr verwirrend… Denn dann würde er behaupten, daß auch jene, die seine „Analyse der Situation“ nicht teilen, dennoch dieselben „Schlußfolgerungen“ hätten wie er – und sie gleichzeitig „ablehnen“. Doch wie auch immer, er zeigt sich als sehr generöser „Ökumenist“, der das „anonyme Christentum“ Karl Rahners in ein „anonymes Katholikentum“ abgewandelt hat. So wie Rahner allüberall Christen gesehen hat, und sei es in den entferntesten Religionen, so sieht er überall Katholiken, seien es „konziliare“ oder Tradi-Schismatiker.
Sichtbarer Leib, unsichtbare Seele
Hier rächt sich des Autors falsche Auffassung der Kirche von den „Reben“ her und nicht vom Weinstock her. Wie wir sagten, müssen die Reben in den Weinstock eingepropft sein, um von ihm ihr Leben zu erhalten. Diese Verbindung mit dem Weinstock hat zwei Seiten, eine sichtbare und eine unsichtbare. Zwar ist die unsichtbare die entscheidende, vermittelt doch sie die Verbindung mit der Seele der Kirche, dem Heiligen Geist, und damit das übernatürliche Leben, doch ist sie eben notwendigerweise und naturgemäß unsichtbar. Sichtbar ist jedoch die Verbindung mit dem Weinstock, d.h. ob die Rebe darin steckt oder nicht, ob sie also mit dem Leib der Kirche verbunden ist oder nicht. Um ein Glied am Leib der Kirche zu sein, muß sie, so haben wir oben gehört, getauft sein, die Lehre Jesu Christi glauben und bekennen, an denselben Sakramenten teilhaben sowie den Papst und die andern rechtmäßigen Hirten der Kirche anerkennen, d.h. ihnen gehorchen und unterworfen sein.
Wie ist es nun mit jenen, welche die „Analyse der Situation“ unseres Autors nicht teilen, die also nicht seiner „Meinung“ sind, „daß die ‚konziliare/synodale Kirche‘, als solche genommen, nicht die katholische Kirche sei, und daß jene vom katholischen Glauben abgefallenen Männer, welche den Vatikan besetzt halten – einschließlich der vorgeblichen Päpste seit dem ‚II. Vatikanum‘ – Eindringlinge und Usurpatoren seien“, die also „glauben, die konziliare Kirche sei die Kirche, und unsere Schlußfolgerungen bezüglich der gegenwärtigen Situation ablehnen“. Diese befinden sich zweifellos objektiv im Irrtum, denn die „Analyse der Situation“ und die daraus sich notwendig ergebende Schlußfolgerung ist nicht ins Belieben des einzelnen gestellt, und das Ergebnis ist klar und eindeutig für jedermann – nicht nur für unseren Autor. Es geht nicht um eine „Meinung“, sondern um die (An-)erkenntnis der Wahrheit und Wirklichkeit. Aufgrund ihres Irrtums sind diese Personen zwar Mitglieder einer „Kirche“, sie sind aber nicht in den Weinstock der Kirche Christi eingepfropft, sie sind keine Glieder der wahren Kirche, sondern gehören zur „konziliaren/synodalen Kirche“.
Sie glauben und bekennen nicht die Lehre Jesu Christi, sondern die des „II. Vatikanums“; sie haben nicht an denselben Sakramenten teil wie die Katholiken, sondern begehen den „Novus Ordo“, der nach den Worten der Anna Katharina Emmerich „dunkel, verkehrt und ohne Leben“ ist, ein „bloßes Trennen und Zerfallen“, ein „Kasten voll toter Anstalten“, zu denen auch die „reformierten Riten“ dieser „Menschenmachwerkskirche“ zu zählen sind (namentlich die „Bischofsweihe“); sie sind auch nicht den rechtmäßigen Hirten der Kirche unterworfen, sie folgen nicht dem Statthalter Christi, sondern den Boten der Finsternis: „Nichts kam von oben in diese Kirche, alles kam aus der Erde und dem Dunkel und die Planetargeister pflanzten es hinein.“
Keine Glieder am Leib der Kirche
Gerne geben wir zu, daß dies eine allzu grauenhafte Vorstellung ist, zumal wenn man davon ausgeht, daß die Mehrheit oder doch eine große Zahl dieser Unglücklichen dabei „bona fide“ und des festen Glaubens ist, der römisch-katholischen Kirche anzugehören. Darum scheut auch unser Autor davor zurück und formuliert seine oben gehörte Auffassung, diese Personen möchten zwar „materiell mit der konziliaren/synodalen Kirche verbunden sein (so wie viele materiell mit den falschen Obödienzen des Großen Abendländischen Schismas verbunden waren)“, gehörten aber „dennoch nicht zu ihr“, sondern gehörten vielmehr „der katholischen Kirche an – selbst wenn sie glauben, die konziliare Kirche sei die Kirche, und unsere Schlußfolgerungen bezüglich der gegenwärtigen Situation ablehnen“. Ja, er geht so weit zu behaupten: „Ihre Katholizität ist unsere Katholizität. Noch wichtiger, ‚ihr‘ Heiliger Stuhl ist auch ‚unser‘ Heiliger Stuhl.“ Dagegen müssen wir uns energisch verwahren und nehmen uns aus seinem „unser“ ausdrücklich aus! „Unser“ Heiliger Stuhl ist nicht der der „konziliaren/synodalen Kirche“ und darum auch nicht derjenigen, die mit dieser „verbunden“ sind. „Unser“ Heiliger Stuhl ist makellos, rein, unbefleckt und unfehlbar und nicht der „Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte“. Er ist die „cathedra veritatis“, nicht die „cathedra pestilentiae“!
Unserem Autor sind hier mehrere Irrtümer unterlaufen. Zum einen verwechselt er fortwährend die sichtbare und die unsichtbare Seite der Kirche, ihren „Leib“ und ihre „Seele“. Die Kirche betrachtet die Angehörigen protestantischer Gemeinschaften beispielsweise grundsätzlich als bloß „materielle“ Häretiker, d.h. solche, die nicht schuldhaft, nicht wissentlich und willentlich, bewußt und hartnäckig, einem Irrtum anhängen, sondern „bona fide“ sind. Sie haben es von Kindheit an nicht anders gelernt und wissen es nicht besser. Dennoch sind sie nach dem Urteil der Kirche keine Katholiken, weil sie vom Leib der Kirche getrennt sind. Sie bekennen nicht denselben Glauben, sie haben nicht an denselben Sakramenten teil und anerkennen nicht die rechtmäßigen Hirten der Kirche. Sie sind keine Glieder am Leib der Kirche.
Sie mögen in schuldloser Unwissenheit sein, sie mögen sogar aufgrund unüberwindlicher Hindernisse trotz ihrer materiellen Häresie mit der Seele der Kirche verbunden sein. Doch darüber steht der Kirche kein Urteil zu. Sie kann nur nach dem Sichtbaren urteilen, und deswegen gehören Protestanten nicht zur Kirche und sind von den Bestimmungen des Kirchenrechts weitestgehend ausgenommen. Dasselbe gilt für jene, die materiell „mit der konziliaren/synodalen Kirche verbunden“ sind. Diese gehören sehr wohl „zu ihr“ und gehören nicht „der katholischen Kirche an“, „selbst wenn sie glauben, die konziliare Kirche sei die Kirche“, was sie vielleicht entschuldigt und womöglich unsichtbar mit der Seele der Kirche verbunden sein läßt, nicht aber sichtbar mit deren Leib. Die Kirche ist nicht nur eine Glaubens-, sondern vor allem Bekenntnis-Gemeinschaft. Wer einen anderen Glauben bekennt, gehört nicht zu ihr, d.h. zu ihrem Leib. Seine „Katholizität“ ist eben nicht „unsere Katholizität“.
Verfehlter Bezug auf das „Abendländische Schisma“
Das gilt für jene, die „in der konziliaren/synodalen Kirche“ sind. Man kann nicht „Katholik [!] in der konziliaren/synodalen Kirche“ sein, außer in unsichtbarer Weise in dem genannten Sinn. Erst recht gilt das für jene, die zwar „außerhalb der konziliaren/synodalen Kirche“ sein sollen, obwohl sie „die Legitimität der postkonziliaren Papst-Prätendenten anerkennen“. Diese befinden sich auf jeden Fall objektiv im Schisma, mögen sie noch so „bona fide“ sein, und gehören darum nicht zur Kirche. Ja, sie sind nicht nur schismatisch, sondern auch häretisch. Papst Pius IX. schreibt in „Quartus Supra“: „Auch können die [schismatischen] Ostkirchen die Gemeinschaft und die Einheit im Glauben mit uns nicht bewahren, ohne sich in Disziplinarangelegenheiten der apostolischen Gewalt zu unterwerfen. Eine solche Lehre ist ketzerisch, und zwar nicht erst seit der Festlegung der Befugnisse und des Wesens des päpstlichen Primats durch das ökumenische Vatikanische Konzil: Die katholische Kirche hat sie schon immer als solche betrachtet und verabscheut.“ Hier ist der moderne „Traditionalismus“ klar als „ketzerisch“ verurteilt. Wer ihm anhängt, gehört – objektiv und sichtbar – nicht zur römisch-katholischen Kirche.
Der Bezug des Autors auf das „Abendländische Schisma“ ist verfehlt und irreführend. Die Situation ist heute eine ganz andere. Erstens gab es damals drei Päpste, und es war nicht klar erkennbar, wer von ihnen – wenn überhaupt einer von ihnen – der wahre sei, zumal keiner von ihnen offenkundiger Häretiker war und es um rein rechtliche Fragen ging, weshalb die Lösung schließlich darin gefunden wurde, alle drei zum Rücktritt zu bewegen und einen neuen Papst zu wählen, der eindeutig war und den alle anerkannten. Zweitens folgten alle Katholiken einer der „Obödienzen“, erkannten also einen Papst an, auch wenn es vielleicht der falsche war. Insofern war es eigentlich kein Schisma, sondern nur im uneigentlichen Sinne.
Notwendige und logische Schlußfolgerungen
Heute nun gibt es nur einen „Papst“, der von aller Welt als solcher angesehen wird, doch kann er leicht von allen Katholiken als falscher Papst erkannt und entlarvt werden, da er irrige Lehren verkündet, üble Sitten predigt, seiner „Kirche“ eine falsche Liturgie und verderbliche Disziplin auferlegt. Der Statthalter Christi kann und wird so etwas niemals tun, da von ihm die Verheißung Christi gilt: „Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16, 18). Jeder Katholik kann und müßte zu der Schlußfolgerung gelangen, daß die „konziliaren Päpste“ keine wahren und rechtmäßigen Päpste sind. Wenn sie aus irgendwelchen Gründen nicht in der Lage oder nicht willens sind, diese Schlußfolgerung zu ziehen, so müßten sie ohne Rückhalt und Bedenken diesen „Päpsten“ folgen, andernfalls sie sich den Vorwurf des Schisma nicht ersparen können.
„Wenn Leo und seine Vorgänger seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wahre Päpste sind“ schreibt Bischof Sanborn in seinem „Newsletter“ vom März dieses Jahres, „dann ergeben sich aus der römisch-katholischen Ekklesiologie logischerweise folgende Schlußfolgerungen: (1) Das Zweite Vatikanische Konzil und alle seine nachfolgenden Lehren, Praktiken und Reformen stehen notwendigerweise im Einklang mit dem katholischen Glauben; (2) sich diesen Dingen zu widersetzen, wäre sowohl ketzerisch als auch schismatisch; (3) ein paralleles Apostolat in Mißachtung dieser Päpste zu betreiben, wäre laut Papst Pius IX. schismatisch, noch bevor eine Erklärung erfolgt.“ Niemand, der „Leo“ als Papst anerkennt und sich ihm in dieser Weise widersetzt, kann von sich behaupten, katholisch zu sein. Und diese Schlußfolgerungen, wir betonen das, sind nicht nur „unsere“, die man teilen kann oder auch nicht, sondern sie sind jene, die sich objektiv und logischerweise notwendig „aus der römisch-katholischen Ekklesiologie“ ergeben.
„Katholischer Ökumenismus“
Wenn unser Autor behauptet, die „Katholiken in der konziliaren/synodalen Kirche“ und die „Katholiken außerhalb der konziliaren/synodalen Kirche“, welche jedoch „die Legitimität der postkonziliaren Papst-Prätendenten anerkennen“, seien Katholiken wir wir, „ihre Katholizität“ sei „unsere Katholizität“, und „ihr Heiliger Stuhl“ sei „unser Heiliger Stuhl“, dann ist er entweder selber nicht katholisch oder macht sich einer Irreführung schuldig. Im Grunde befindet er sich auf dem Pfad des Ökumenismus des „II. Vatikanischen Konzils“, das auch die getrennten Christen als bereits irgendwie zur Kirche zugehörig betrachtet. Zwar sind wir weit entfernt, wie die „Feenyiten“ alle in die Hölle zu verdammen, die nicht sichtbar zur katholischen Kirche gehören. Wie es in ihren Herzen aussieht, weiß Gott allein. Das aber ändert nichts an der objektiven Wahrheit.
Wir begegnen hier einer weiteren Gefahr, die uns Katholiken heute droht. Aus Menschenfurcht, Scheu vor der „Radikalität“ oder falsch verstandener Nachsicht wird die objektive Wahrheit zugunsten subjektiver Rücksichten verbogen und verfälscht. Selbstverständlich sollen wir allen das Heil wünschen und hoffen, daß sie es trotz ihrer Irrwege erlangen. Selbstverständlich haben wir Geduld und Mitleid mit den Irrenden. Doch gerade weil wir Mitleid mit ihnen haben, müssen wir ihnen die Wahrheit sagen, müssen ihnen sagen, daß sie sich auf für ihr Seelenheil höchst gefährlichem Terrain befinden, und das umso mehr, als sie die Gefahr nicht sehen und sich für gut katholisch halten. Wir begünstigen sonst den Indifferentismus, den die Päpste immer als höchst schädlich verurteilt haben. Nach den „katholischen Schismatikern“ und den „katholischen Häretikern“ begegnen wir hier den „katholischen Ökumenisten“. Und wir stellen mit großer Betrübnis fest, daß von denen, die sich heute auf die Fahne schreiben, den Katholizismus hochzuhalten, wohl keiner oder kaum einer mehr wirklich katholisch ist. Das ist die traurige Folge unserer papstlosen Zeit.