Ein interessanter Beitrag fand sich am 8. Oktober dieses Jahres auf „Where Peter Is“: „The Bishop Who Stood Up to Four Cardinals“ von Mike Lewis, „Der Bischof, der gegen vier Kardinäle aufstand“. Hier ist allerdings kein Tradi-Bischof gemeint, der tapfer gegen vier „modernistische Kardinäle“ auftritt, o nein! Lassen wir uns überraschen.
Die „Dubia Brothers“
Der Hintergrund der Geschichte ist schnell erzählt. Bekanntlich haben sich vor nunmehr ziemlich genau zehn Jahren, am 19. September 2016, vier „Kardinäle“ zusammengetan und einen Brief mit vier Fragen, „Dubia“ genannt, an „Papst Franziskus“ gesandt, welche die Rechtgläubigkeit der Lehre des Kapitel 8 von „Amoris Laetitia“ in Frage stellten. Die von Louie Verrecchio etwas respektlos „Dubia Brothers“ titulierten vier „hochwürdigsten“ Herren waren der inzwischen verstorbene Carlo Caffarra von Italien, Walter Brandmüller und der gleichfalls mittlerweile dahingeschiedene Joachim Meisner von Deutschland sowie Raymond Burke aus den Vereinigten Staaten. Am 14. November hatten dieses „Quatrumvirat“ seinen Brief öffentlich gemacht, „unter eklatanter Missachtung der kirchlichen Richtlinien, die den Rückgriff auf die Massenmedien in Lehrstreitigkeiten mit dem Papst verbieten“. (In solchen Dingen kennt übrigens die „Piusbruderschaft“ auch kein Pardon. „Es sei daran erinnert, daß das Generalkapitel von 2006 Rebellion und die öffentliche Verbreitung einer Auseinandersetzung mit den Oberen als einen der Gründe für die Entlassung aus der Bruderschaft vorgesehen hat. Möge man diese Warnung ernst nehmen!“ So donnerte ihr „Generaloberer“ im Juni 2017 im internen Blättchen an die Mitglieder. Wäre Bergoglio mit den „Dubia Brothers“ ebenso rigoros verfahren, so wäre das Geschrei bei den Tradis inklusive den „Piusbrüdern“ über diesen „Diktatorpapst“ wieder groß gewesen.)
Die „Dubia“ erregten damals großes Aufsehen. Wenn vier „Senior-Kardinäle“ öffentlich die Lehrautorität des „Papstes“ in Dingen des Glaubens und der Moral zurückweisen, bedeutet das sozusagen „Carte blanche“ für andere „Katholiken“, es ihnen gleichzutun. So etwas nennen wir im Fachausdruck „Ärgernis“, und hier handelt es sich in der Tat um ein großes Ärgernis. Der zu Unrecht als „Diktatorpapst“ verschrieene Bergoglio reagierte gelassen. Er würdigte „diese dreiste Tat“ keiner Antwort – jedenfalls keiner direkten –, und sie wurde von den meisten „prominenten Kirchenführern“ schlicht ignoriert – zumindest öffentlich.
„Bischof“ Papamanolis
Einer der ersten „Bischöfe“, der darauf reagierte, kam von einer kleinen Insel im Ägäischen Meer: Fragkiskos (Francesco) Papamanolis, geboren am 5. Dezember 1936, ursprünglich Kapuzinerbruder, 1962 (noch gültig!) zum Priester geweiht und 1974, mit 37 Jahren, zum „Bischof von Syros und Santorini“ sowie zum „Apostolischen Administrator von Kreta“ ernannt. (Über seine Bischofsweihe erfahren wir nichts; da sie 1974 und demnach mit großer Sicherheit nach dem „erneuerten“ Ritus erfolgte, dürfte sie ungültig gewesen sein.) Er blieb in dieser Stellung bis zu seinem Rücktritt im Jahre 2014 und verblich in Syros am 2. Oktober 2023 mit 86 Jahren.
Er war Grieche, gehörte aber nicht einer Ostkirche an, denn seine Heimat Syros war eine lateinisch-katholische Gemeinde, die auf die venezianische Herrschaft im dreizehnten Jahrhundert zurückging. Zwar waren die Gläubigen dort ethnisch Griechen, doch pflegten sie den lateinischen Ritus und hielten treu zu Rom. Im Osmanischen Reich stand Syros unter französischem und päpstlichem Schutz, was ihr den Namen „Insel des Papstes“ eintrug. Heute sind vielleicht noch ein Prozent der Griechen katholisch, und von diesen sind die meisten ethnisch keine Griechen.
Offener Brief
Nun gut. Papamanolis war von Mai 2004 bis Ende 2016 Vorsitzender der griechischen „Bischofskonferenz“ – die nicht allzu viele Mitglieder haben dürfte –, und es war noch in dieser Zeit, als er seinen „Offenen Brief“ schrieb. 2014 und 2015 hatte er in seiner Eigenschaft als Konferenz-Vorsitzender an den „Familiensynoden“ im Vatikan teilgenommen. Man beschrieb ihn als einen Mann von großer Anhänglichkeit an die Kirche von Rom und zugleich mit einem starken Sinn für seine Zugehörigkeit zu Griechenland, der sich besonders Gedanken machte über die Zukunft jener, die sowohl Griechen als auch Katholiken bleiben wollten in einem Land mit großer orthodoxer Dominanz. Der „Offene Brief“, den Papamanolis am 20. November 2016 an die „Dubia Brothers“ schrieb, fand große Beachtung in den einschlägigen Medien. Man nannte ihn die „bisher stärkste Antwort auf die Kardinäle“ und einen „vernichtenden Angriff“. Hier nun in Auszügen, was der „Bischof“ damals schrieb.
„Teuerste Brüder im Bischofsamt, mein Glaube an unseren Gott sagt mir, daß er nicht anders kann, als euch zu lieben. Mit der Aufrichtigkeit, die aus meinem Herzen kommt, nenne ich euch ‚meine liebsten Brüder‘.“ Dann fährt er fort: „Das Dokument, das Sie der Kongregation für die Glaubenslehre unterbreitet haben, ist auch in Griechenland angekommen und wurde am vergangenen Montag auf der Website von L’Espresso veröffentlicht. Bevor Sie es veröffentlicht haben – und erst recht, bevor Sie es verfaßt haben –, hätten Sie sich an den Heiligen Vater Franziskus wenden und darum bitten sollen, aus dem Kardinalskollegium ausgeschlossen zu werden. Außerdem hätten Sie den Titel ‚Kardinal‘ nicht verwenden dürfen, um Ihrem Text mehr Gewicht zu verleihen. Das wäre im Einklang mit Ihrem eigenen Gewissen gestanden und hätte den Skandal gemildert, den Sie durch das Schreiben als Privatpersonen ausgelöst haben.“ Das ist fein beobachtet. In der Tat ist es höchst ungehörig für einen „Kardinal“, sich öffentlich gegen seinen „Papst“ zu stellen und dabei noch auf seine „Kardinalswürde“ zu pochen.
Eine „doppelte sehr schwere Sünde“
Er zitiert die „Kardinäle“ aus den „Dubia“, die sie damit begründen, daß sie „tief besorgt um das wahre Wohl der Seelen“ seien, und greift diese Worte auf, denn auch er sei „tief besorgt um das wahre Wohl“ ihrer eigenen Seelen, hätten sie doch eine doppelte sehr schwere Sünde begangen. Erstens: „Die Sünde der Häresie (und der Apostasie? Denn so beginnen tatsächlich Schismen in der Kirche).“ Seine Begründung: „Aus Ihrem Dokument geht klar hervor, daß Sie in der Praxis nicht an die höchste lehramtliche Autorität des Papstes glauben, die durch zwei Bischofssynoden aus aller Welt bestätigt wurde. Es scheint, als würde der Heilige Geist nur Sie inspirieren, nicht aber den Stellvertreter Christi und auch nicht die in der Synode versammelten Bischöfe.“ Derselbe Vorwurf trifft ebenso die „Traditionalisten“, die überzeugt sind, der „Heilige Geist würde nur sie inspirieren“, nicht aber den „Stellvertreter Christi und auch nicht die auf einem allgemeinen Konzil versammelten Bischöfe“. Das ist in der Tat die „Sünde der Häresie“ und der „Beginn von Schismen“.
Zweitens aber, und das sei die noch schwerere Sünde, hätten sie dem christlichen Volke öffentlich Skandal gegeben. Hierzu aber sage der Heiland: „Wehe aber dem Menschen, durch welchen das Ärgernis kommt“ (Mt 18, 7). „Es wäre einem solchen besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt, und er in die Tiefe des Meeres versenkt werde“ (Mt 18, 6). So ist es. Ärgernis bedeutet Verführung zur Sünde, und wie viele noch zum Glauben bereite Katholiken wurden von den Tradis zu Häresie und Schisma verführt! (Wohlgemerkt: Wir behaupten nicht, daß „Franziskus“ der „Heilige Vater“ war; die „Dubia Brothers“ aber behaupteten es und die Tradis behaupten es. Darum ihre doppelte Sünde.)
Gebet und gute Wünsche
„Bewegt von der Nächstenliebe Christi“, so versichert der „Bischof“ bete er für seine „liebsten Brüder“. „Ich bitte den Herrn, euch zu erleuchten, damit ihr mit aufrichtigem Herzen die authentische Lehre des Heiligen Vaters Franziskus annehmen möget.“ Das wäre eigentlich normal für einen Katholiken, die „authentische Lehre des Heiligen Vaters“ gehorsam anzunehmen, und ist auch vom Kirchenrecht gefordert. Doch fürchtet der gute Papamanolis, daß die „Dubia Brothers“ gemäß ihrer Geisteshaltung „ausgefeilte Argumente finden werden“, um ihr „Handeln zu rechtfertigen“, sodaß sie es „nicht einmal als Sünde betrachten werden, zum Sakrament der Buße zu gehen“, und daß sie „weiterhin jeden Tag die Heilige Messe feiern und das Sakrament der Eucharistie sakrilegisch empfangen werden“, während sie sich „empört geben, wenn in bestimmten Fällen eine geschiedene und wiederverheiratete Person die Eucharistie empfängt“ und es auch noch „wagen, den Heiligen Vater Franziskus der Ketzerei zu bezichtigen“. Dasselbe befürchten wir bei den Tradis.
Der „Bischof“ beschließt seine Epistel mit den Worten: „Liebste Brüder, möge der Herr euch die Einsicht schenken, eure Sünde so bald wie möglich zu erkennen und das Ärgernis, das ihr verursacht habt, wiedergutzumachen.“ Dem schließen wir uns an und wünschen das auch den Tradis.