Protestantismus in katholischer Maskerade

Louie Verrecchio hat einen geharnischten Artikel geschrieben mit dem provokanten Titel: „The Trad Movement: Protestantism in drag(https://akacatholic.com/the-trad-movement-protestantism-in-drag/)“. Wir verzichten auf eine Übersetzung dieses Titels, da er erstens jedem verständlich sein sollte und zweitens etwas anrüchig ist. Angelehnt an die Rede Brandmüllers von der „Naturreligion in christlicher Maskerade“ würden wir ihn frei formulieren als: „Die Tradi-Bewegung: Protestantismus in katholischer Maskerade“. (Dieser Ausdruck paßt auch gut zum bevorstehenden „Fasching“). Diese Einsicht freut uns, denn wir sagen schon lange, daß der moderne „Traditionalismus“ nichts anderes ist als Protestantismus, der sich „katholisch“ gibt, sogar ganz ausnehmend „katholisch“. Das aber ist nur Verkleidung.

Unverhandelbare Punkte

Verrecchio geht aus von dem Beitrag eines gewissen Timothy Flanders, der auf dem Tradi-Organ „OnePeterFive“ am 19. Januar dieses Jahres veröffentlicht wurde. In diesem Text stellt Flanders eine Liste von, wie er sie nennt, „unverhandelbaren Punkten der Tradi-Bewegung“ auf, die er beschreibt als „die gemeinsamen Nenner, die alle vereinen, die sich als ‚traditionelle Katholiken‘ bezeichnen“. Das interessiert uns natürlich sehr. Ferner, so gibt Verrecchio an, unterteilt Flanders die Kategorie der sogenannten „traditionellen Katholiken“ in mehrere verschiedene „Clans“, die sich voneinander durch gewisse philosophische oder theologische Positionen unterscheiden. Diese Idee von den „Clans“, die seinen Artikel durchziehen, stammt ursprünglich vom Herausgeber des „Remnant“, Michael J. Matt.

Ganz offensichtlich steht für diese Auffassung das anglikanische Kirchenmodell Pate, das bekanntlich eine große „Broad Church“ vorsieht, in welcher verschiedene „Flügel“ Platz haben, die untereinander sehr divergieren und nur eines gemeinsam haben, als „gemeinsamen Nenner“ sozusagen: Sie zählen sich zur „anglikanischen Gemeinschaft“. Ganz ähnlich sieht sich die „Konziliare Kirche“, und da die Tradis diese für ihre katholische Kirche halten, teilen sie diese Sichtweise und wollen nichts weiter als ein „Flügel“ in dieser „Kirche“ sein. Da kann es natürlich auch diverse Unter-Flügel in diesem einen Flügel geben. Was aber ist diesen allen gemeinsam? Eben das will Herr Flanders herausarbeiten.

Der Autor

Sehen wir uns zuerst ein wenig an, wer dieser Mann ist. Timothy S. Flanders erwarb nach Angaben von „OnePeter Five“ 2010 einen „Bachelor-Abschluß in Griechisch und Latein an der Grand Valley State University mit den Schwerpunkten Geschichte, Literatur und Arabisch“. Also ein hochstudierter Altphilologe, was ihn zweifellos zum begabten Hobby-Theologen disponiert. Das Ergebnis seiner Studien war, daß er vom Protestantismus zur „Ost-Orthodoxie“ konvertierte und sogleich begann, sich der Bildungsarbeit zu widmen, vom „Kindergarten“ bis hinauf zu zu den Erwachsenen. Um es nicht beim Hobby-Theologen zu belassen, studierte er an der „Katholischen Universität“ der Ukraine Geschichte und Theologie und machte seinen „Master“ in diesen Fächern. Diese neuerlichen Studien waren der Auslöser, daß er im Jahr 2013 zum „römischen Katholizismus“ konvertierte, „kurz nach der Wahl von Papst Franziskus“, wie eigens angegeben. Das war mutig.

2019 gründete er ein Laienapostolat unter dem Titel „The Meaning of Catholic“ („Die Bedeutung von ‚Katholisch‘“), das sich der „Vereinigung der Katholiken wider die Feinde der Heiligen Kirche“ verschrieben hatte, also eine Art „innerkirchliches“ ökumenisches Projekt analog dem unablässigen Aufruf Mr. Matts: „Vereinigt die Clans!“ _Man könnte auch sagen: Tradis aller Richtungen, vereinigt euch! Aufgrund seiner Qualifikation und seiner Meriten wurde er 2021 Chefredakteur des Online-Organs „_OnePeter Five“ und ist außerdem Autor von drei Büchern (ein viertes ist in Vorbereitung). Mit seiner Frau und seinen vier Kindern lebt er in Michigan. Zweifellos ist Herr Flanders, dessen Weg ihn vom Protestantismus über die „Orthodoxie“ in die „Konziliare Kirche“ bzw. die „Synodale Kirche“ Bergoglios und dort in den „traditionalistischen“ Flügel geführt hat, der kompetente Mann für die von ihm anvisierte Tradi-Ökumene.

Die Schublade für die „Katholiken“

Louie Verrecchio als alter Spielverderber kann es nicht lassen, ihm einen Strich durch die Rechnung zu machen und zu erklären, daß es so etwas wie einen „traditionellen Katholiken“ nicht gibt und erst recht keine „Clans“ innerhalb derselben, so wie es auch keinen „christlichen Katholiken“ neben einem nicht-christlichen geben könne. „Katholisch“ heiße notwendig auch „traditionell“. Ja, das sieht er vielleicht so, nicht aber die Tradis, die sich längst die nominalistische Denk- und Sprechweise angewöhnt haben. Demnach sind Begriffe nur irgendwelche Worthülsen, eine Art Sammelbezeichnungen, die man auf Schubladen mit Gegenständen klebt, um diese irgendwie nach Gemeinsamkeiten oder Ähnlichkeiten zu sortieren. „Katholisch“ sind demnach alle, die irgendwie der „Konziliaren“ Sammelkirche zugehörig sind (z.B. weil sie Kirchensteuer bezahlen) und „Leo“ als ihren „Papst“ bezeichnen. Was in die Schublade „Tradis“ gehört, werden wir gleich sehen.

Als Chefredakteur von „OnePeterFive“ beruft sich Flanders auf „unsere redaktionelle Haltung“ und benennt „drei unverhandelbare Punkte, die Tradis mit anderen nicht-traditionellen Katholiken vereinen“. Er macht also zuerst die Schublade auf, in der sich sowohl „traditionelle“ als auch „nicht-traditionelle Katholiken“ befinden. Was ist ihre Gemeinsamkeit? „1. Wir anerkennen Papst Leo als regierenden Pontifex. 2. Das II. Vatikanum ist das 21. Ökumenische Konzil der Kirche. 3. Die Neue Messe und die [Neuen] Sakramente sind gültig.“ Das ist wenig genug, was diese „Katholiken“ verbindet, aber wir sehen, daß hier die dreifache katholische Einheit imitiert wird, welche bekanntlich in der Einheit im Glauben, im Kult und in der Leitung besteht. Auch für Flanders’ „Katholiken“-Schublade wird eine Einheit in der Lehre (des „II. Vatikanums“), im Kult, („Neue Messe“ und „Neue Sakramente“) sowie in der Leitung („Papst Leo“) postuliert.

Tatsächlich trifft nichts von alledem auf die Tradis zu (ebensowenig wie auf die Nicht-Tradis). Weder anerkennen sie die „Konziliaren Päpste“ wirklich als ihre Päpste. Sie behaupten es zwar und nennen sie auch so. Aber wenn es darauf ankommt und ihr „Papst“ etwas sagt oder verlangt, was ihnen nicht paßt oder zuwider ist, dann ist es aus mit der Anerkennung seines Primats und seiner päpstlichen Rechte. Wir kommen noch darauf. Ebenso ist es mit den „konziliaren Lehren“, die von den Tradis höchstens sehr selektiv geteilt, ansonsten aber oft munter kritisiert oder abgelehnt werden, und mit der „Neuen Messe“ und den „Neuen Sakramenten“, die sie nur auf dem Papier anerkennen, in der Praxis aber zurückweisen.

Die Tradi-Schublade

Was macht nun aber den eigentlichen „Traditionalisten“ aus? Was unterscheidet ihn von den „nicht-traditionalistischen Katholiken“? Wieder nennt Mr. Flanders drei Punkte: „1. Ein traditionalistischer Katholik verteidigt die Lateinische Messe (und die anderen Denkmäler unserer Vorfahren) gegen die neue Bilderstürmerei, die durch das II. Vatikanum ausgelöst wurde. 2. Ein traditionalistischer Katholik leistet den Eid gegen den Modernismus: Er verteidigt alle traditionellen Lehren des Glaubens und der Moral (und alle traditionellen Andachtsformen) gegen den Modernismus und den Neo-Modernismus. 3. Ein traditionalistischer Katholik glaubt, daß Liberalismus eine Sünde ist, eine Häresie oder zumindest ein Irrtum gegen den katholischen Glauben; daher leistet er jedem Liberalismus Widerstand, der von den Päpsten, Bischöfen oder Priestern verbreitet wird.“

Damit widerspricht sein Bild von einem „traditionalistischen Katholiken“ genau dem, was in seinen Augen „unverhandelbar“ den „Katholiken“ ausmacht. Denn was hätte das „II. Vatikanum“ gelehrt wenn nicht genau den „Modernismus“ und „Neo-Modernismus“, gegen welche der „traditionalistische Katholik“ die „traditionellen Lehren des Glaubens und der Moral“ verteidigt? Und trotzdem „anerkennt“ er das „II. Vatikanum“ als „das 21. Ökumenische Konzil der Kirche“? Wenn es das wirklich war, dann gibt es nur eine Lehre zu verteidigen: die des Konzils, nicht aber irgendeine Lehre gegen das Konzil. Und wenn es wirklich „das 21. Ökumenische Konzil der Kirche“ war, wie konnte es dann eine neue „Bilderstürmerei“ auslösen, eine „Bilderstürmerei“, die offensichtlich die „Lateinische Messe“ und andere „Denkmäler unserer Vorfahren“ weggefegt hat? Und wie wurde die „Lateinische Messe“ weggefegt, wenn nicht durch die „Neue Messe“, die doch angeblich als gültig und somit katholisch anerkannt wird? Schließlich: Wie können „Päpste, Bischöfe oder Priester“ der Sünde des Liberalismus verfallen sein, der „eine Häresie“ ist oder doch „zumindest ein Irrtum gegen den katholischen Glauben“, und trotzdem weiterhin Päpste, Bischöfe und Priester der katholischen Kirche und von uns als solche anerkannt sein?

Widersprüche

Wir sehen, wie widersprüchlich der „Traditionalismus“ in sich ist, der gleichzeitig „katholisch“ sein will und doch den eigenen Kriterien dafür stracks entgegenläuft. Aber natürlich, im Nominalismus ist das möglich, denn das Etikett „katholisch“ kann man grundsätzlich überall aufkleben, und so lassen sich auch „Katholiken“ als solche bezeichnen, die gar keine sind. Für den Tradi ist daher der Nominalismus unverzichtbar. Er überdeckt die Blöße des unhaltbaren Systems. Wir dürfen also festhalten, was der Tradi ist: Er bekämpft den Modernismus des „II. Vatikanums“, obwohl es für ihn das „21. Ökumenische Konzil der Kirche“ ist. Er verteidigt die „Lateinische Messe“ gegen die von diesem „Konzil“ ausgelöste „Bilderstürmerei“, bewertet aber die aus dieser hervorgegangene „Neue Messe“ und die „Neuen Sakramente“ als „gültig“. Er widersteht dem häretischen und sündhaften Liberalismus seiner „Päpste, Bischöfe oder Priester“, erkennt diese aber zweifelsfrei als „Päpste, Bischöfe oder Priester“ an – auf dem Papier zumindest. Das alles läßt sich in die bekannte Kurzformel zusammenfassen: „Recognize and Resist“, ein Oxymoron oder eine „Contradictio in adiecto“ („Widerspruch in der Beifügung“). Während das Oxymoron als „rhetorische Figur“ und „Stilmittel“ in der „Lyrik und der dichterischen Prosa“ durchaus zulässig und angebracht sein kann, hat es in der Theologie nichts verloren. Hier ist eine „Contradictio in adiecto“ schlicht ein logischer Fehler (vgl. „Wikipedia“). Den Tradis dient dieser Fehler als Maskerade, denn während der Inhalt genuin protestantisch ist, schreibt man auf die Verpackung einfach „katholisch“ und glaubt, niemand würde es merken. Denselben Trick haben die Modernisten angewandt.

Verrecchio sieht vor allem einen Widerspruch zwischen dem zweiten Punkt in Flandersens Auflistung, wonach ein „traditionalistischer Katholik“ gemäß dem Antimodernismus-Eid „alle traditionellen Lehren des Glaubens und der Moral“ festhält und verteidigt, und dem dritten Punkt, gemäß welchem „Päpste, Bischöfe und Priester“ der Häresie des Liberalismus verfallen und trotzdem als „Päpste, Bischöfe und Priester“ in Amt und Würden bleiben. Eine solche Vorstellung sei gerade gegen die „traditionellen Lehren des Glaubens und der Moral“, monidert Louie, sie leugne mehrere Lehren von großer Bedeutung und Gewicht, wie die Erfordernisse für die Gliedschaft in der Kirche, die sichtbare Natur dieser Gliedschaft, die Unfehlbarkeit der Kirche, das Heilige Lehramt als nächste und universale Richtschnur der Wahrheit in Dingen des Glaubens und der Moral, die einzigartigen Gaben und Vorrechte des Römischen Pontifex.

Ein Wort, das mit „P“ beginnt und mit „rotestant“ endet

Flanders bemerkt immerhin, daß ein „Traditionalist“ etwas anderes ist als ein „Sedisvakantist“, obwohl er freundlich hinzufügt, daß auch die „Sedisvakantisten“ den „Namen ‚Katholiken‘ verdienen“. Verrecchio findet das sehr nett. Dann aber erinnert er daran, daß auf der Liste des Mr. Flanders über das, was „unverhandelbar“ einen Katholiken ausmacht, an erster Stelle die Forderung steht, daß er „Papst Leo XIV. als regierenden Pontifex anerkennen“ müsse. Wenn dem wirklich so sei, dann verdienten die „Sedisvakantisten“ nicht den Namen „Katholiken“, sondern vielmehr den von „Schismatikern“. Aber Logik und klares Denken waren ja noch nie die Stärke der „Traditionalisten“. Die „sedisvakantistische“ Position leitet sich gemäß Flanders von den „hyperpapalistischen“ Thesen ab. Den Ausdruck „Hyperpapalisten“ hat er direkt von „Stuhle Petri“ (des Peter Kwasniewski), wie Verrecchio launig anmerkt.

Doch bevor wir zu den „Hyperpapalisten“ kommen, wollen wir noch sehen, was Louie Verrecchio zu einem der anderen Punkten zu sagen hat, die den „Traditionalisten“ ausmachen sollen. Was die „Verteidigung der Lateinischen Messe“ gegen die „Bilderstürmerei des II. Vatikanums“ betrifft, so ist auch ihm aufgefallen, was für eine merkwürdige Vorstellung das für einen Katholiken ist. Wie könne ein Konzil der Heiligen Römisch-katholischen Kirche, das höchste Lehramt der katholischen Kirche, bestehend aus den unter dem Papst geeinten Bischöfen, einen Angriff auf den Römischen Ritus unternehmen? Für Christen, die sich so etwas einbilden, gebe es nur einen Namen, der mit einem „P“ beginnt und mit „rotestant“ endet. Auch das ist natürlich ironisch gesagt, trifft es aber genau.

Die verschiedenen „Schulen“

Damit zu „Flanders‘ Definition von Kwasniewskis Geistesprodukt, dem Hyperpapalismus, den Trad, Inc. [so etwas wie Tradi & Co KG] als das Hauptverbrechen (oder vielleicht die Hauptsünde) betrachtet, auf dem der Sedisvakantismus beruht“, wie Verrecchio formuliert. Hier zählt Mr. Flanders vier verschiedene „Schulen“ auf, die sich, wie er in einem früheren Beitrag herausgearbeitet haben will, nach dem „Ersten Vatikanum“ gebildet haben und denen er fürsorglich jeweils eine „ungefähre theologische Note“ angefügt hat. Ganz offensichtlich fühlt sich der Mann als angesehener und eingeführter Theologe, dem solche „Noten“ selbstverständlich zustehen – zumal wenn sie sich auf den „Stuhl Petri (Kwasniewski)“ stützen können. Man ist erstaunt, daß sich trotz der klaren Lehren des Vatikanischen Konzils so verschiedene „Schulen“ ausbilden konnten. Welche „Schulen“ sind das?

  1. Der „Hyperpapalismus“. Dieser behauptet angeblich, daß der Papst niemals in Irrtum oder Häresie fallen könne, daß sein Wille der Wille des Heiligen Geistes sei und daß daher alles, was ihm keinen blinden Gehorsam leiste, schismatisch sei. Trotzdem gibt er dieser sonderbaren Ansicht die Note einer „Opinio tolerata“, einer „geduldeten Meinung“. Immerhin! Wir finden es sehr bemerkenswert, daß die „Traditionalisten“ den „Sedisvakantismus“ immer gerne als einen schrecklichen Irrtum darstellen, der sozusagen das komplementäre Gegenstück zum Modernismus bildet, ja noch schlimmer ist als dieser, während sie gleichzeitig zugeben müssen, daß er doch eine grundsätzlich zulässige und vertretbare Meinung sei, hier sogar ganz „offiziell“ qualifiziert als „Opinio tolerata“. Diese besitzt nach der Dogmatik des (echten und eingeführten) Theologen Ott zwar den „geringsten Gewißheitsgrad“, da sie „nur schwach begründet ist“, wird aber „von der Kirche geduldet“ (Grundriß der katholischen Dogmatik, Freiburg-Basel-Wien 1965, S. 11). Darum muß Mr. Flanders, der offensichtlich „die Kirche“ vertritt, den „Sedisvakantisten“ ja auch zubilligen, „Katholiken“ zu sein.

  2. Der „päpstliche Maximalismus“. Dieser besagt nach unserem zuverlässigen „Theologen“ Flanders, daß sich die päpstliche Unfehlbarkeit nicht auf „ex-cathedra“-Entscheidungen beschränkt, und man ihm dann und nur dann ungehorsam sein dürfe, wenn er etwas befiehlt, was offenkundig und in sich sündhaft ist. Daß derlei vorkommen könne, zeige „die Geschichte“ (ohne daß ein Beispiel hinzugefügt würde). Daher genieße der Papst eine „absolute Gewalt über die Liturgie, die nur Form und Materie des Sakramentes beibehält“. Öffentlicher Widerstand gegen die kirchliche Autorität ist demnach ein Skandal für die Gläubigen und führt per se zum Schisma. Das alles belegt der kompetente Mann mit der Note einer „Sententia pia“, einer „frommen Meinung“. Dies bedeutet nach unserem Gewährsmann Ott (der freilich kein so hochmögender „Theologe“ ist wie Kwasniewski oder Flanders), daß eine „Übereinstimmung mit dem Glaubensbewußtsein der Kirche“ besteht. Das ist doch schon einmal etwas! Das „Sentire cum Ecclesia“ ist immer eine sichere Richtschnur.

  3. Der „päpstliche Minimalismus“. Demnach kann der Papst außerhalb von „ex-cathedra“-Entscheidungen tatsächlich häretisch werden und in Irrtum fallen, auch wenn dies aufgrund des allgemeinen Beistands des Heiligen Geistes für die Kirche (was immer Flanders sich darunter vorstellt) nur selten vorkommen könne (vermutlich dann, wenn der „Heilige Geist“ gerade schläft). In seinen liturgischen Akten ist der Papst an die Tradition gebunden, und daher kann man ihm auch in Dingen, die nicht offenkundig sündhaft sind, ungehorsam sein, aber nur auf der Grundlage eines wohlgeformten Gewissens, wie der Meister der Theologie mit erhobenem Zeigefinger hinzufügt. Öffentlicher Widerstand gegen die kirchliche Autorität sei nur gerechtfertigt in einer offenkundig schweren Materie. Und diesen Schwachsinn versieht unser hochkompetenter Experte mit der Note einer „Sententia probabilis“, der „wahrscheinlichen Meinung“. Da schau an!

  4. Der „Neo-Jansenismus“, der besage, daß der Papst und das Lehramt im Allgemeinen „in all seinen Handlungen, die keine unfehlbare Autorität erreichen, ignoriert, abgelehnt und mißachtet werden“ könne und daß die Gläubigen „carte blanche“ hätten, „die kirchliche Autorität öffentlich zu verspotten, lächerlich zu machen und zu beleidigen“. Diese „Schule“ verwirft unsere angesehene „Lehrautorität“ Flanders als „leichtsinnig, gefährlich, im Widerspruch zur katholischen Lehre“. Eine solche theologische Zensur ist unserem fraglos minder bemittelten Theologen Ott nicht bekannt. Sie ähnelt am ehesten einer Mischung aus „Propositio temeraria“, einer „verwegenen“ Aufstellung, die „ohne Grund von der allgemeinen Lehre“ abweicht, und einer „Propositio piarum aurium offensiva“, die das „religiöse Empfinden“ verletzt (S. 12).

„Minimalismus“ führt zu „Jansenismus“

Man beachte, daß diese letzte „Schule“ die einzige ist, die von unserem Gewährsmann streng zensiert wird, obwohl sie nichts anderes als das wenigstens praktische Verhalten der „Traditionalisten“ beschreibt. Die „traditionalistische“ Theorie hat er in die dritte Schule mit dem „päpstlichen Minimalismus“ gepackt und diesen als die „wahrscheinliche Meinung“ geadelt. Wenigstens gibt er zu, daß es sich um „päpstlichen Minimalismus“ handelt, und der ist immer ein Kennzeichen des Liberalismus und Modernismus gewesen. Wenn man dazu bedenkt, daß dieser „Minimalismus“ in seinen praktischen Folgen zum „Neo-Jansenismus“ führt (wie auch der Protestantismus zum Jansenismus geführt hat), leuchtet unmittelbar ein, daß er seine Note als „Sententia probabilis“ nur von einem Tradi erhalten haben kann, der seine These trotz ihrer offensichtlichen unhaltbaren Folgen unbedingt verteidigen will.

Die wahre katholische Lehre hat unser Fachmann leider gar nicht genannt. Sie ist ja auch keine „Schule“, sondern schlicht die Wahrheit. Er hat sie zwar in seinen „päpstlichen Maximalismus“ gepackt, allerdings ziemlich verzeichnet. So ist z.B. die „absolute Gewalt“ des Papstes „über die Liturgie, die nur Form und Materie des Sakramentes beibehält“, ein Hirngespinst „traditionalistischer Theologen“, das sie nur erfunden haben, um ihre irrige These zu verteidigen, daß der Papst „an die Tradition gebunden“ sei und man ihm ungehorsam sein dürfe, wo er sich nicht an die „Tradition“ hält (wobei natürlich die „Traditionalisten“ aufgrund ihres „wohlgeformten Gewissens“ darüber zu entscheiden haben, wann und wo das der Fall ist).

„Trad-Godfather“ Lefebvre

Was wirklich katholische Lehre ist, hat kein geringerer als der „Godfather“ des „Traditionalismus“ schlechthin, Erzbischof Lefebvre, einstens bei einem Vortrag im Jahr 1984 seinen Seminaristen dargelegt. Er sprach damals zu ihnen von einem wohlbekannten „Prinzip“, nämlich „daß der Papst nicht in universaler Weise irren kann, mit anderen Worten, daß er in seinen universalen Akten nicht irren kann und daß er die Kirche nicht in einer Weise binden kann, die nicht im Einklang mit dem Glauben und der Moral wäre“. Dieses Prinzip, fügte er hinzu, sei „in der Tradition fest begründet, durch Theologen, durch die Lehre der Kirche“. Man muß dieses „Prinzip“ also mindestens als „Sententia communis“ behandeln, d.h. als eine „Lehre, die an sich in das Gebiet der freien Meinungen gehört, von den Theologen aber allgemein vertreten wird“ (Ott S. 11). Schon eine „Sententia communis“ ist mehr als eine „wahrscheinliche Meinung“ (wie es der „päpstliche Minimalismus“ für Herrn Flanders ist). Eher handelt es sich bei dem von Lefebvre genannten „Prinzip“ aber um eine „Sententia fidei proxima“, „eine Lehre, die von Theologen fast allgemein als Offenbarungswahrheit angesehen wird, von der Kirche aber noch nicht endgültig als solche verkündet worden ist“ (ebd.).

Lefebvre fuhr fort: „Nun vollzieht der Papst Akte, welche der Kirche im Gebiet des Glaubens und der Moral schaden. Darum ist er nicht der Papst, denn der kann das nicht tun. Er ist nicht der Papst, wir haben keinen Papst mehr. Das ist nicht schwer [zu verstehen].“ So etwas nennen wir eine „theologische Konklusion“, der die Note einer „Sententia ad fidem pertinens oder theologice certa“ gebührt, das ist „eine Lehre, über die sich das kirchliche Lehramt noch nicht endgültig geäußert hat, deren Wahrheit aber durch ihren inneren Zusammenhang mit der Offenbarungslehre verbürgt ist“ (ebd.). Wer diese Lehre leugnet, verdient zumindest die Zensur einer „Propositio temeraria“, die „ohne Grund von der allgemeinen Lehre abweichend“ ist, oder eher eines „error theologicus“, eines „theologischen Irrtums“, da er im Gegensatz „zu einer von den Theologen allgemein als sicher anerkannten Lehre“ steht (Ott S. 12). Lefebvre wußte noch, was katholisch ist, auch wenn er gleich in derselben Ansprache an seine Seminaristen diese „Sententia certa“ verwarf zugunsten des Irrtums des „Traditionalismus“, womit er „ohne Grund von der allgemeinen Lehre“ abwich und sich in Gegensatz „zu einer von den Theologen allgemein als sicher anerkannten Lehre“ stellte, die er eben noch selber als sichere theologische Konklusion aufgezeigt hatte. So wurde er trotz oder wider bessere Einsicht zum „Godfather“ des „Traditionalismus“.

„Neo-Trads“

Die „Neo-Trads“ wie unser Mr. Flanders wissen das nicht mehr, obwohl dieser sich in seinem Artikel ausdrücklich auf die „Trad godfathers“ beruft. Die „sedisvakantistische“ Position, wie sie der „Trad Godfahrer“ schlechthin vorgeführt hat und welche die Note „Sententia certa“ verdient, hat er als „Hyperpapalismus“ entstellt und karikiert und sie als „geduldete Meinung“ – immerhin nicht als Irrtum – qualifiziert. Die katholische Lehre, das von Lefebvre formulierte „Prinzip“, das mindestens eine „Sententia communis“ ist, wird von ihm als „päpstlicher Maximalismus“ in ein Klischee gepackt, das nicht mehr als eine „fromme Meinung“ sein darf. Der „theologische Irrtum“ des „Traditionalismus“ firmiert bei ihm als „päpstlicher Minimalismus“ und steht als „wahrscheinliche Meinung“ ganz oben in seiner Skala.

Der praktische „Traditionalismus“, den wir als zumindest „häresieverdächtig“ (haeresim sapiens oder de haeresi supecta) und definitiv schismatisch ansehen müssen, bekommt bei ihm immerhin eine scharfe, wenngleich unklare Verurteilung, ohne daß er freilich sieht, daß diese „leichtsinnige, gefährliche, im Widerspruch zur katholischen Lehre“ stehende Haltung notwendig aus der irrigen Theorie des „päpstlichen Minimalismus“ folgt (wie der Jansenismus aus dem Protestantismus). Denn das gemeine Volk verfügt eben nicht über die notwendige Qualifikation jenes fiktiven „wohlgeformten Gewissens“, das in der Lage ist zu entscheiden, wann und wo man dem Papst noch gehorchen soll und wo nicht. Es bräuchte dazu eine Autorität, und wer sollte diese Autorität sein? Sie müßte ja über dem Papst stehen und seine Handlungen beurteilen können, ob diese mit der „Tradition“ in Einklang stehen oder nicht. Genau daran krankt der ganze „Traditionalismus“ mit der notwendigen Folge des praktischen „Neo-Jansenismus“, wie er sich dann auf unsäglichen Tradi-Portalen im „Internet“ austobt.

Nominalismus

Flanders bringt somit alles durcheinander, was den „Diabolos“, den „Durcheinanderwerfer“, freuen dürfte. Er tut es aus nachvollziehbaren ideologischen Gründen, weil er nämlich den „Traditionalismus“, der nichts anderes ist als Protestantismus in einer Neuauflage, unbedingt als „katholisch“ verkaufen will. Dieser Maskerade dient die falsche Philosophie des Nominalismus, die schon dem Protestantismus in der Form des Ockham und nun vollends dem „modernen Denken“ zugrundeliegt (sofern man es überhaupt noch „Denken“ nennen kann) und die es möglich macht, die verschiedensten Dinge in eine Schublade zusammenzuwerfen, der man einfach ein Etikett aufklebt, um sie irgendwie zu bezeichnen. So packt er ohne Umstände „traditionalistische“ und „nicht-traditionalistische Katholiken“ zusammen mit der Begründung, daß sie allesamt „Papst Leo als regierenden Pontifex anerkennen“, das „II. Vatikanum“ als „das 21. Ökumenische Konzil der Kirche“ ansehen und die Gültigkeit der „Neuen Messe“ und der „Neuen Sakramente“ behaupten. Das macht für ihn den „Katholiken“ aus. Dann aber merkt er, daß ihm irgendwie die „Sedisvakantisten“ übrig bleiben, die in keine Schublade passen, und so steckt er auch sie noch zu den „Katholiken“, obwohl sie doch keine der drei von ihm genannten „unverhandelbaren Punkte“ erfüllen.

Das kann er tun, weil auch diese „unverhandelbaren Punkte“ rein nominalistisch verstanden werden, von Tradis wie von Modernisten gleichermaßen, und Inhalt und Aufschrift daher nicht übereinstimmen müssen. „Papst Leo als regierenden Pontifex anerkennen“, das „II. Vatikanum ist das 21. Ökumenische Konzil der Kirche“ ansehen und die Gültigkeit der „Neuen Messe“ und der „Neuen Sakramente“ behaupten bedeutet für sie nur, daß man sagt, daß es so sei, ohne es wirklich zu tun und die notwendigen Schlüsse daraus zu ziehen. „Regierender Pontifex“, „Ökumenisches Konzil der Kirche“, Gültigkeit der „Neuen Messe und Sakramente“, alles das sind nicht einfach Etiketten oder Worthülsen, sondern es bedeutet etwas. Dem regierenden Pontifex hat man zu gehorchen „tamquam Deo“ (Leo XIII.), gleichwie Gott, dessen Stellvertreter der Papst ist („Der Wille des Papstes ist der Wille Gottes“, wie der heilige Alphons von Liguori in seinem „Hyperpapalismus“ tatsächlich sagt); ein Ökumenisches Konzil der Kirche ist höchstes und feierliches authentisches Lehramt, dem man gläubige Unterwerfung schuldet; vom Papst approbierte Riten für Messe und Sakramente sind selbstverständlich nicht nur gültig und einwandfrei, sondern auch für die Liturgie vorgeschrieben und streng zu beachten.

Das alles aber wollen die „Traditionalisten“ nicht. Sie erlauben sich, die „Lateinische Messe (und die anderen Denkmäler unserer Vorfahren) gegen die neue Bilderstürmerei, die durch das II. Vatikanum ausgelöst wurde“, und die „traditionellen Lehren des Glaubens und der Moral (und alle traditionellen Andachtsformen) gegen den Modernismus und den Neo-Modernismus“ des „II. Vatikanums“ zu „verteidigen“, sowie „jedem Liberalismus Widerstand“ zu leisten, „der von den Päpsten [!!], Bischöfen oder Priestern verbreitet wird“, weil der „Liberalismus eine Sünde ist, eine Häresie oder zumindest ein Irrtum gegen den katholischen Glauben“. Kurz, ihr Verhalten ist ganz entgegengesetzt dem eines Katholiken, es entspricht vollständig dem ihrer wahren „Vorfahren“, der Protestanten. Um das zu kaschieren, entwerfen sie Modelle wie das der verschiedenen „Schulen“, wie es auch bei den Modernisten ein beliebtes Verfahren war, um die katholische Wahrheit als eine bloße „Schulmeinung“ abzutun, die man beliebig karikieren und lächerlich machen kann.

Die wahren „unverhandelbaren“ Grundsätze

Lassen wir uns von diesem „Protestantismus in katholischer Maskerade“ nicht täuschen. Halten wir fest an dem, was Louie Verrecchio seinerseits als „ganz einfache nicht verhandelbare“ Grundsätze nennt: „Diejenigen, die katholisch sein und bleiben wollen, haben keinerlei Recht, das, was die Heilige Mutter Kirche seit jeher über sich selbst und die einzigartigen Gaben, Rechte und Vorrechte des römischen Pontifex gelehrt hat, zu verdrehen, zu verzerren oder auf andere Weise neu zu definieren.“ Und: „Wenn der Mann in Weiß, der den Vatikan besetzt hält, und die Gesellschaft, über die er herrscht, nicht mit den seit jeher geltenden Lehren der Kirche in diesen Fragen übereinstimmen, dann ist keiner von beiden katholisch.“

Diese Grundsätze sind in der Tat ebenso einfach wie unverhandelbar, und sie machen den wahren Katholiken aus.