Das Licht von La Salette - 7

Aus Anlaß der 180jährigen Jubiläums der Erscheinungen Unserer Lieben Frau von La Salette haben wir begonnen, uns mit ihren Worten zu beschäftigen, die an die ganze Kirche gerichtet sind. Nach dem Tadel für die Gläubigen, der schon in der „Kleinen Botschaft“ enthalten ist, folgen die Vorwürfe an den Klerus und die Ordensleute. Diese hat Unsere Liebe Frau von La Salette in ihr „Geheimnis“ eingepackt, und das aus guten Gründen. „Ein Teil des französischen Klerus und ausschließlich des französischen Klerus (etwa ein Dutzend der damals 80 Diözesen in Frankreich, insbesondere die von Lyon, Troyes und Nîmes) lehnte das Geheimnis ab“, bemerkt Yves de Lassus. „Überall sonst in Europa, insbesondere in Italien, wurde es sehr positiv aufgenommen. Und der französische Klerus lehnte es nicht wegen der Prophezeiungen oder der Vorwürfe an die Gläubigen ab, sondern aus einem einzigen Grund: wegen der Vorwürfe, die das Geheimnis an den Klerus richtete.“ Bevor wir uns mit dem französischen Klerus befassen, machen wir erst einen kleinen

Exkurs: Frankreich, „älteste Tochter der Kirche“ und Sorgenkind

Frankreich, diese „älteste Tochter der Kirche“, die so viel für die Kirche geleistet und so viele Heilige hervorgebracht hat, wurde leider seit dem Ende des ersten Jahrtausends mehr und mehr zu ihrem Sorgenkind. Das begann mit Hugo Capet, der 987 als erster der Kapetinger den Thron Frankreichs bestieg. „Die Thronbesteigung desselben ist für Frankreich ein wichtigeres Ereignis, als der Übergang der Krone von den Merowingern an die Karolinger; denn jetzt wechselte nicht bloß die Dynastie, sondern auch der Geist der Regierung“, lesen wir in Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon (4. Band, Freiburg i.Br. 1886). „Das anfangs schwache französische Königshaus verfolgte von nun an unausgesetzt die Tendenz, die Selbständigkeit der Fürsten zu absorbieren, und wirklich ist zur Zeit Ludwigs XIV. die königliche Macht in Frankreich zum vollendetsten Despotismus ausgestattet worden“ (Sp. 1723). Unter diesen Fürsten, deren Selbständigkeit „absorbiert“ werden sollte, befanden sich auch geistliche Fürsten, Bischöfe, die selbstverständlich dem Papst unterstanden. Das brachte den französischen König naturgemäß in eine gewisse Gegnerschaft zum Kirchenoberhaupt.

Schon Hugo geriet daher mit Papst Johannes XV. in Konflikt, als er eigenmächtig einen Bischof ab- und einen anderen an dessen Stelle einsetzte. „Hiermit war Johann XV. nicht einverstanden. Sobald diese Stimmung des Oberhauptes der Kirche bekannt wurde, veranstaltete Hugo eine Synode zu Chelles, woselbst die Bischöfe sich zum kräftigsten Zusammenhalten, namentlich auch dem Papste gegenüber, falls er etwas Regelwidriges anordne, verbanden“ (Sp. 1724). Hier zeichnet sich schon der künftige Gallikanismus ab (der im modernen „Traditionalismus“ fröhliche Urständ feiert). „Als im Jahr 999 der erste Franzose, der bereits genannte Gerbert, den apostolischen Stuhl bestieg, wurde derselbe ein ebenso eifriger Verteidiger seiner päpstlichen Rechte, wie er früher ein Gegner der Papalhoheit gewesen war (…). Des Öfteren riefen auch die Klöster den apostolischen Stuhl um Hilfe gegen die Bischöfe an, und die Päpste erteilten Privilegien und Exemtionen an dieselben. So stieg das Ansehen und der Einfluß der Päpste in Frankreich, dies war für Land und Kirche umso nützlicher, weil die weltlichen Großen sich in kirchliche Angelegenheiten über Gebühr einmischten, der König seit lange gewohnt war, auf kirchlichem Gebiete fast selbständig zu schalten, und endlich die Bischöfe sich vielfach über die Gesetze der Kirche hinwegsetzten, die Autorität des Papstes geradezu verachteten und eine förmlich schismatische Stellung einnahmen. Außerdem war unter den Bischöfen viele Uneinigkeit“ (Sp. 1726-1727).

Frankreich als neues Byzanz

In gewisser Weise übernahm Frankreich damals die Rolle Konstantinopels als Widersacher Roms. Ebenso wie in Byzanz verfestigte sich diese im Grunde schismatische Haltung über die Jahrhunderte. Ende des 13. Jahrhunderts zog der eigentliche Gallikanismus herauf. „Bereits oben wurde gezeigt, wie die kirchlichen Organe Frankreichs eine vom Oberhaupte der Kirche in vielen Punkten unabhängige Stellung einzunehmen suchten, und wie seit den Tagen Hinkars die Reaktion eintrat und das Ansehen des päpstlichen Stuhles immer größer wurde. In der nun folgenden Zeit griffen die Könige und Bischöfe vielfach auf frühere Zustände zurück und erstrebten den Besitz von Reservatrechten, welche unter dem Namen der gallikanischen Freiheiten seit jener Zeit allgemein bekannt sind“ (Sp. 1744).

Von 1285 bis 1314 war der Kapetinger „Philipp IV. der Schöne“ König von Frankreich, „welcher absolutistisch in der Kirche wie im Reiche schaltete und alles, was früher zur Unterdrückung der kirchlichen Freiheit geschehen war, in ein festes System brachte“. „Frankreich, bislang die Stütze des heiligen Stuhles, sollte jetzt eine Geißel desselben werden. Besonders zeigten dies Philipps Kämpfe mit Bonifaz VIII., welche der päpstlichen Macht in Frankreich einen gewaltigen Stoß versetzten“ (Sp. 1746). Im September 1303 drangen beim „Attentat von Anagni“ auf Veranlassung Philipps Truppen in den Palast des Papstes ein und nahmen Bonifaz unter Arrest. Zwar gelang es der Bevölkerung von Rom, den Papst zu befreien, doch starb dieser kurz danach, durch das Alter und das Attentat geschwächt. Der Tod seines Gegners Bonifaz’ VIII. ließ Philipp als Sieger erscheinen und stärkte die Stellung des französischen Königs gegenüber dem Papst.

Das Exil der Päpste in Avignon

Der unmittelbare Nachfolger von Bonifaz VIII., Benedikt XI., regierte nur etwas über 8 Monate, in welchen er versuchte, die Spannungen mit Frankreich zu mildern. Er „wurde vermutlich vergiftet“, wie „Wikipedia“ anmerkt. Ihm folgte mit Clemens V. ein Franzose auf den Papstthron, der sich dem französischen König gegenüber sehr willfährig zeigte und eine eher unrühmliche Rolle spielt. Mit ihm begann das Exil der Päpste in Avignon (1309), und er war es, der auf Betreiben Philipps IV. den Templerorden aufhob. „Clemens residierte während seines ganzen Pontifikates in Frankreich, zuerst in Lyon, dann in Bordeaux und schließlich in Avignon. Nur mit aller Mühe hatte er sich der gänzlichen Knechtschaft, welche dem heiligen Stuhle drohte, erwehren können“ (Kirchenlexikon a.a.O., Sp. 1748).

Der vielgeschmähte Johannes XXII., der ein ausgezeichneter Papst war, versuchte, den Einfluß des Königs auf die Kirche zu dämmen und gab ihm sogar „heilsame Ermahnungen“. Obwohl er mit der „Ernennung von sieben Kardinälen aus der Zahl der Franzosen“ das „französische Übergewicht im heiligen Kollegium“ sicherte, „dachte er allen Ernstes an die Rückverlegung des päpstlichen Stuhles nach Rom“. Doch „Alter und andere Hindernisse vereitelten diesen Plan“ (Sp. 1750). In Frankreich regierte zu dieser Zeit Philipp VI., der seinerseits alles tat, „um die Kurie in seinem Lande festzuhalten“. „Er vereitelte darum die Aussöhnung Ludwigs des Bayern mit dem Papste, suchte die Kardinäle in sein Interesse zu ziehen und bewog einige derselben, sich gegen die Verbindung mit einem unverbesserlichen Ketzer zu erklären“ (Sp. 1751). So kam es zu der bis heute besonders bei „Traditionalisten“ verbreiteten Mär, Johannes XXII. habe Häresie gelehrt.

Das Abendländische Schisma

Clemens VI. (1342-1352), der fünfte Papst in Avignon, „ehemals Rat und Siegelbewahrer des Königs Philipp VI., befestigte die französische Knechtschaft der Kirche durch Ernennung vieler französischen Kardinäle und durch Erwerbung der Grafschaft Avignon um 80 000 Goldgulden“. „Das Ansehen des Papstes in der christlichen Welt litt unter ihm mehr als je. In Frankreich, woselbst der moderne Staatsgedanke am frühesten, unter Philipp dem Schönen, zur Geltung gekommen war, stieg der Einfluß der Könige auf kirchlichem Gebiete immer höher“ (Sp. 1751). Papst Gregor XI. war es, der schließlich im Jahre 1376 „den Sitz des Papstes nach Rom zurückverlegte“. „Damit hatte zwar die französische Knechtschaft des heiligen Stuhles ihr Ende erreicht; aber jetzt kam als Folge derselben die Zeit des Schisma’s“ (ebd.). Das „Große Abendländische Schisma“ ist damit gemeint, als es während fast 40 Jahren zwei, schließlich sogar drei Päpste gab, von denen jeder beanspruchte, der eigentliche Papst zu sein. Einer der Päpste – der heute allgemein als der wahre Papst gilt – saß in Rom, einer in Avignon. Frankreich hielt zu letzterem.

Der „Konziliarismus“

„Das Konzil von Konstanz beendete das Schisma und führte damit Frankreich der kirchlichen Einheit wieder zu“ (Sp. 1761). Es gab mit Martin V. nun wieder einen von allen anerkannten Papst. „Die französischen Gesandten hatten Martin V. vor seiner Abreise nach Italien nochmals gebeten, seinen Sitz in Avignon zu nehmen; glücklicher Weise wurde dies nicht gewährt“ (ebd.). Schon auf dem Konzil von Konstanz hatte sich der „Konziliarismus“ geregt, der entgegen dem Primat des Papstes das Konzil über diesen stellt.

Vollends auf dem Konzil von Basel (1431-1449) kam dieser Irrtum zur Geltung. Papst Eugen IV., der Nachfolger Martins, löste dieses Konzil daher wenige Monate nach seinem Beginn, noch im November 1431 wieder auf. „Als Eugen das Konzil von Basel für aufgehoben erklärte und in Folge dessen Kardinal Julian [der Beauftragte des Papstes] den Vorsitz nicht mehr führen wollte, wurde Bischof Philibert von Coutances zum Präsidenten, zunächst für einen Monat, erwählt. Die französischen Bischöfe stellten sich auf die Seite der Schismatiker“ (Sp. 1762).

Gegenpapst und Versöhnung

„Bald darauf sprach sich Karl VII. entschieden für die Basler aus und schickte die Erzbischöfe von Lyon und Tours, sowie die Bischöfe von Orleans und Bourges als Gesandte nach Basel. Daselbst traten namentlich die Erzbischöfe Kardinal Ludwig d’Aleman von Arles und Amadeus von Lyon sehr antipäpstlich auf…“ (Sp. 1763). „Am 7. Juni (1438) unterzeichnete alsdann der König die pragmatische Sanktion, d.h. die 23 Basler Reformdekrete samt den Modifikationen der Versammlung“ (Sp. 1764). Eugen IV. hatte „das Konzil jedoch 1437 nach Ferrara in Italien und 1438 nach Florenz“ verlegt; „faktisch trat hier ein neues Konzil zusammen, das allgemein anerkannt wurde, das Konzil von Ferrara-Florenz“, schreibt das „Ökumenische Heiligenlexikon“.

„Das Basler Konzil tagte weiter als Gegenkonzil; 1439 erklärte Eugen IV. das Basler Konzil für abgesetzt, worauf die in Basel Versammelten den Gegenpapst Felix V. wählten. Damit entstand der Eindruck, das Konzil wolle zum Abendländischen Schisma zurückkehren. Dies bewirkte, dass die Unterstützung abnahm, die das Konzil bis dahin genoss. 1449 erkannte es den neuen Papst Nikolaus V. an und beschloss seine eigene Auflösung.“ Die Vermittlung zwischen den Baslern und dem Papst hatte König Karl von Frankreich übernommen, der zuvor vergeblich versucht hatte, sowohl Papst als auch Gegenpapst zu einer gemeinsamen Synode in Frankreich zu bewegen. Im Dezember 1447 erhielt er die Vollmacht des Papstes zur Unterhandlung, die 1449 mit dem Rücktritt des Gegenpapstes den Abschluß fanden. „So endete wenigstens diese Periode der französischen Kirchengeschichte mit einer erfreulichen Einheit zwischen König und Papst“, freut sich das „Kirchenlexikon“ (Sp. 1765).

Beginn der „Neuzeit“

Allerdings ging es in dieser Zeit auch mit der Theologie in Frankreich bergab. „Paris, die ‚Königin der Universitäten‘“ – an der so große Geister wie der heilige Thomas von Aquin gelehrt hatten – „erhielt sich nicht mehr auf ihrer früheren Höhe. In der theologischen Fakultät wurde an Stelle des Realismus der Nominalismus herrschend“ (Sp. 1766). Das Ende der Scholastik schien gekommen, und eine „neue“ Philosophie und Theologie brach sich Bahn. Es war der Beginn der „Neuzeit“. Damit wurden auch die Grundlagen der Politik und das Verhältnis von Staat und Kirche „neu“ bestimmt. Der Liberalismus erhob sein Haupt, und zwar zuerst in Frankreich.

„Die Politik des Eigennutzes und der Selbstsucht, welche nicht mehr an die Grundsätze des Christentums sich bindet, wurde in Frankreich zuerst in ein festes System gebracht“, berichtet das Kirchenlexikon (a.a.O. Sp. 1767). „Die ganze Staatsweisheit gipfelte in dem Grundsatze, daß der Monarch als Privatmann wohl religiös, als Staatslenker aber irreligiös sein könne und müsse.“ Die berühmte „Trennung von Kirche und Staat“. „Somit bezeichnet die folgende Ära einen vollständigen Bruch mit der gesamten mittelalterlichen Weltanschauung. Das erste und vollendetste Muster eines solchen modernen Herrschers ist Ludwig VI. von Frankreich, welcher auf Karl VII. im Jahr 1461 folgte“ (ebd.). Auch hierin war Frankreich Vorreiter. „Seinem Scharfblicke und seiner Kunst, Personen und Verhältnisse zu benutzen, gelang es, die Macht der Vasallen zu vernichten und den königlichen Absolutismus zu begründen.“ (ebd.). Der königliche Absolutismus aber war der Vorläufer der Revolution.

Neuerlich drohendes Schisma

„Ludwigs Sohn und Nachfolger Karl VIII. (1483-1498) setzte das Werk seines Vaters fort; er vergrößerte die königliche Macht nach außen, indem er durch Heirat mit der Erbin der Bretagne 1491 dieses Lehen für die Krone gewann, und befestigte dieselbe nach innen, indem er eine größere nationale Einheit anbahnte“ (Sp. 1768). Der Nationalismus wird zur Sprengkraft der übergeordneten christlichen Einheit und der universalen Reichsidee werden. „Zur Erweiterung der königlichen Macht dienten auch seine Eingriffe in kirchliche Rechte“ (ebd.), wie dies die weltlichen Machthaber immer gerne getan haben. „Da er kinderlos starb, so folgte sein Vetter Ludwig XII. Dieser entzweite sich alsbald mit dem Papste und führte Frankreich abermals an den Rand eines Schismas“ (ebd.).

Unter Papst Leo X. (1513-1521), der „versöhnlichere Töne“ anschlug, wurde das Schisma gerade noch verhindert. Der Papst schloß mit dem Nachfolger Ludwigs, Franz I. (1515-1547) im Jahr 1516 ein Konkordat ab, das dem König zahlreiche Rechte einräumte. „Hiermit erlangten die französischen Könige großen Einfluß auch auf kirchlichem Gebiete, wenngleich der Papst die kirchliche Freiheit im Prinzipe gewahrt hatte“ (Sp. 1770). Der kirchliche Friede und die kirchliche Einheit mit Frankreich waren schon damals nur um den Preis großer Zugeständnisse und Kompromisse zu bewahren.

Frankreich und der Protestantismus

Zwar hatte die „Reformation“ in Frankreich keine Fortune. „Die kirchliche Revolution, welche in Deutschland ausbracht, gelangte in Frankreich nicht zum Durchbruch, da die Universität Paris Luthers Lehren als ketzerisch verurteilte und das Parlament deren Einführung durch strenge Maßregeln verhinderte. (…) Frankreichs Verhältnisse waren derart, daß Luthers Lehren bei der weltlichen Macht nicht auf fruchtbaren Boden fallen konnten“ (ebd.). Hier erwiesen sich der Absolutismus, aber auch das nachgiebige Konkordat als hilfreich. Denn: „Die Könige konnten von einer lutherischen Reformation nichts hoffen. Nicht die Unabhängigkeit von Rom und die Unterwerfung des Klerus unter die weltliche Gewalt war für die Könige Frankreichs zu erstreben, da das Konkordat ihnen mehr als genügend Einfluß in kirchlichen Angelegenheiten gewährte. Auch war Frankreich nicht in eine Menge Kleinstaaten zersplittert, und die Bischöfe hatten keine weltliche Territorialmacht, so daß ein Bestreben der Fürsten zur Erweiterung ihres Länderbesitzes durch Säkularisierung der kirchlichen Gebiete sich nicht zeigen konnte“ (Sp. 1770-1771). Dies war ja die Triebfeder der „Reformation“ in Deutschland gewesen.

„Der Protestantismus ward daher in Frankreich nicht das erwünschte Mittel, unter der Fahne der Religion die Kirche und den Klerus zu plündern und sich vom Landesoberhaupte unabhängig zu machen. Franz I. erkannte in ihm nur eine Gefahr für seine Macht und erklärte, daß die neuen Sekten weniger dahin strebten, die Seelen zu erbauen, als die Staaten zu zerstören“ (Sp. 1771). Es waren rein politische Gründe, keine religiösen, die ihn zum Kampf gegen den Protestantismus bewegten, der natürlich auch in Frankreich einzudringen suchte. Am 2. Juni 1540 erließ Franz I. „das Edikt von Fontainebleau, welches gebot, allen Neuerern als Verbrechern gegen göttliche und menschliche Majestät, als Verschwörern und Aufrührern den Prozeß zu machen“ (ebd.). Wohlgemerkt: Es war nicht die Kirche, die hinter diesen Maßnahmen steckte.

Politik geht vor Religion

„Während Franz in dieser Weise jede Neuerung in seinem eigenen Lande unterdrückte, unterstützte er die Protestanten in Deutschland und verbündete sich mit ihnen, um mit ihrer Hilfe Karl V. [den Kaiser] bewältigen zu können; je er schloß sogar mit den Türken ein Bündnis gegen den Kaiser (…), sodaß er schon damals der Störenfried der Christenheit genannt wurde“ (Sp. 1771-1772). Nein, um den Glauben ging es ihm tatsächlich nicht, sondern rein um seine Macht. „Sein Sohn und Nachfolger Heinrich II. (1547-1559) setzte seine Politik fort. Als Bundesgenosse Moritz’ von Sachsen (…) erneuerte er den Krieg gegen Karl V. angeblich für die Freiheit der deutschen Protestanten, in Wahrheit aber, um den deutschen Kaiser zu schwächen; im eigenen Lande verfolgte er die Protestanten als Empörer und wies durch das Edikt von Chateaubriand (1551) die Verfolgung derselben von den geistlichen Gerichten an die weltlichen. Die Zahl der hingerichteten Protestanten war in Frankreich größer als in jedem andern Lande“ (Sp. 1772). Noch einmal: das war nicht die Schuld der Kirche; im Gegenteil.

„Dennoch konnten die Neuerer unter den beiden minderjährigen Nachfolgern Heinrichs (…) sich wieder ausbreiten und zu Paris, Orleans: Rouen, Lyon und Angers protestantische Gemeinden bilden“, die sich auf einer Generalsynode zu Paris (1559) zu einer „calvinischen Religionsgemeinschaft mit Presbyterialverfassung“ vereinigten, die sog. „Hugenotten“ (ebd.). „Die Kriege mit den Hugenotten füllten die ganze Regierungszeit Karls IX. und seines Nachfolgers Heinrich III. (1547-1589) aus, so daß bei der Thronbesteigung Heinrichs IV. von Navarra, welcher selbst Calvinist war, Frankreichs katholische Kirche abermals in Gefahr geriet. Jedoch erkannte Heinrich bald, daß er nur dann allgemeine Anerkennung im Lande finden werde, wenn er der katholischen Kirche angehörte, sowie er auch nicht der Einsicht sich verschließen konnte, daß Frankreich nur durch Beibehaltung des katholischen Glaubens einer gedeihlichen Entwicklung entgegen geführt werden könne. Deshalb trat er (1595) zum katholischen Glauben über“ (Sp. 1772-1773).

Ludwig XIV., der „absoluteste Monarch“

Damit verfolgte er unbeirrt und getreu das verhängnisvolle Prinzip der französischen Könige, die Religion der Politik unterzuordnen und dienstbar zu machen. Immerhin brachte das auch der Kirche einige Vorteile. „Heinrich IV. mußte bei seiner Konversion geloben, die Kirche zu schützen und die tridentinischen Dekrete zu publizieren. Der ausgezeichnete Episkopat Frankreichs führte die Reformen des Konzils durch; Männer wie Franz von Sales und Vinzenz von Paul bildeten einen tüchtigen Klerus und wurden so die geistigen Wiedererneuerer des Landes“ (Sp. 1773). „Auch der Jesuitenorden fand bald in Frankreich Eingang (1550), stieß jedoch anfangs auf Schwierigkeiten“ (ebd.). Zwar durften sie aufgrund einer Intervention des königlichen Hofes in Paris ein Kolleg errichte; „die Aufnahme in die Universität aber wurde ihnen verweigert mit den Worten: ‚Die Universität nimmt, gleich der ganzen gallikanischen Kirche, an, die Macht des Konzils gehe über die des Papstes; sie kann also keine Gesellschaft zulassen, welche den Papst über das Konzil stellt‘“ (Sp. 1774). Die Pariser Universität blieb ihren gallikanischen und konziliaren Irrlehren treu.

Unter Ludwig XIII. (1610-1643), dem Sohn Heinrichs IV., „erhob der Kardinal Richelieu das Königtum zu noch höherer Macht empor und schob das bis dahin einflußreiche Parlament zur Seite. Ebenso strebte er darnach, Frankreichs Einfluß nach Außen geltend zu machen, und bediente sich hierzu aller ihm tauglich scheinenden Mittel. Gegen das deutsche Reich gebrauchte er die Protestanten Deutschlands, obgleich er die Calvinisten seines Landes unterdrückte. Es gelang ihm in der Tat, in Deutschland die Kaisermacht zu vernichten und im Innern das Ansehen der königlichen Macht zu heben, so daß Ludwig XIV. (1643-1715) der absoluteste Monarch sein konnte, und Frankreichs Übergewicht in Europa unter seiner Selbstregierung ein unbestrittenes war“ (ebd.). Damit wurde der unwürdige Kardinal Richelieu zum eigentlichen Steigbügelhalter der französischen Revolution, auch wenn diese erst gut hundert Jahre später stattfand. Wie wir wissen, hatte der Heiland durch die heilige Margareta Maria Alacoque 1689 König Ludwig XIV. aufgefordert, sich und sein Land dem heiligsten Herzen Jesu zu weihen. Doch: „Der Wunsch Christi fand bei dem hochmütigen König keine Beachtung. Und sieh, was geschah ein Jahrhundert später? Wie die Weltgeschichte berichtet, wurde im nächsten Jahrhundert sein zweiter Nachfolger, König Ludwig XVI., von der Nationalversammlung seines Titels als ‚König von Frankreich’ verlustig erklärt und samt seiner Familie hingerichtet (1793), womit damals die Monarchie in Frankreich endete“ (Spirago).

Die „gallikanischen Artikel“

„Der despotische Ludwig XIV., welcher eine vollständige Alleinherrschaft im Staate einführte, suchte auch auf gleiche Weise eine unbeschränkte Herrschaft in der Kirche auszuüben. Angeblich um der Kirche in Frankreich größere Freiheiten zu sichern, wurde die königliche Herrschaft in dieselbe eingeführt“ (Sp. 1780). Der alte Griff der Herrscher nach der Kirche, wie beim „Cäsaropapismus“ in Konstantinopel. „Fenelons Mahnung, daß die Eingriffe gegenwärtig nicht von Rom, sondern von der weltlichen Herrschaft kämen, daß nicht der Papst, sondern der König das Oberhaupt der französischen Kirche sei, hätte den Bischöfen die Augen öffnen sollen, aber das Gefühl der französischen Nationaleitelkeit war zu stark“ (ebd.). Um dieser Eitelkeit willen unterwarfen sich die Bischöfe lieber dem eisernen Griff des Despoten statt dem süßen Joch Christi und Seines Stellvertreters auf Erden und gaben sich auch noch unsinnigen Illusionen hin. „Man betrachtete Frankreich als das Land des eigentlichen Katholizismus; die französische Kirche erschien als das Musterbild der gesamten Kirchen“ (ebd.). Diese Haltung ist den französischen Katholiken bis heute kaum auszutreiben und brachte nicht zuletzt in „traditionalistischen“ Kreisen, namentlich im Lefebvrismus, ihre traurigen Blüten hervor.

„So wurden denn 1682 in einer geistlichen Versammlung die vier berüchtigten gallikanischen Artikel erlassen, deren Redakteur und Verteidiger Bossuet war“ (ebd.). Diese vier Artikel sprechen u. a. „dem Papste das Recht ab, in weltlichen Angelegenheiten über den Fürsten zu stehen und diese vermöge der Schlüsselgewalt abzusetzen“, und „stellen die Autorität eines allgemeinen Konzils über den Papst“ (Sp. 1780-1781). Die Folge davon war, daß die Kirche Frankreichs vollends „in die staatliche Knechtschaft“ geriet, besonders „durch die Regierung des schwachen Ludwig XV. (1715-1774), unter dem das Parlament die gallikanischen Artikel in vollständig schismatischer Weise ausnützte“ (Sp. 1781). Zum Schisma gesellte sich die Häresie, und so wurde eine „noch gefährlichere Wunde als der Gallikanismus“ für die französische Kirche „der Jansenismus, welcher am tiefsten in die Zeit eingriff“ (ebd.), und der sich gerade auf der Grundlage des Gallikanismus in der Kirche Frankreichs ausbreiten konnte.

Fortsetzung folgt