„Die Große Botschaft von La Salette ist zweifelsohne eine Verstehenshilfe der Apokalypse des heiligen Apostels Johannes“, und sie ist vor allem eine eindeutige Anwendung auf unsere gegenwärtige Epoche. Das ist es, was sie so unpopulär macht und bis heute zum „Zeichen des Widerspruchs“ werden läßt. Mehrmals wurde der Versuch unternommen, sie durch Rom verurteilen zu lassen. Vergeblich. Das hindert ihre heutigen Gegner nicht daran, die „Erzählung“ zu verbreiten, dies sei eben doch geschehen.
Betet und tut Buße!
„Die Große Botschaft von La Salette ist einzigartig“, schreibt Hw. P. Weinzierl (Wahre Prophetie). „Das ist wohl auch der Grund für die Zurückweisung durch viele moderne Katholiken. In La Salette sagt die weinende Gottesmutter zusammengefaßt auf fünf DIN-A4 -Seiten alles, was für die kommende Zeit für einen Katholiken wissensnotwendig ist. Welch ein Kontrast zu den vielen falschen Botschaften, in denen die Erscheinungen ganze Bücher mit sog. Botschaften füllen. In Lourdes wird Maria noch weniger sagen als in La Salette, weil alles Wichtige schon gesagt ist und das, was immer wiederholt werden muß, sich in diese wenigen Worte zusammenfassten läßt: Betet und tut Buße!“ Von Papst Pius IX. stammt der berühmte Ausspruch: „Ihr wollt das Geheimnis von La Salette wissen? Hier ist es: Wenn ihr nicht Busse tut, werdet ihr alle zugrunde gehen“ (Gouin, a.a.O. S. 136).
„Betet und tut Buße!“ Gerade das ist es, was der „moderne Katholik“ nicht hören will. In Lourdes kann man sich auf die Heilungswunder konzentrieren, es als „charismatische Gebetsstätte“ besuchen und das Wesentliche ignorieren, doch in La Salette geht das nicht. Die Botschaft ist allzu deutlich. Darum ist sie es, die am meisten stört. Die Erscheinung mag man noch gelten lassen, nicht aber ihre Botschaft. Das dürfte auch der Grund sein für die Beobachtung, die P. Weinzierl macht: „Je eingehender man sich mit der Großen Botschaft von La Salette beschäftigt, desto mehr stößt man auf eine Tatsache: Es gibt keinen wirklich brauchbaren Kommentar zu den Worten der weinenden Gottesmutter. Zuweilen stößt man auf den einen oder anderen guten und interessanten Ansatz, aber in der Folge fällt man wieder in eine erstaunliche Oberflächlichkeit, so als wollte man mit aller Gewalt den Ernst der Botschaft nicht wahr haben.“
Parallelen zur Apokalypse
„Das Auffallendste in der Großen Botschaft sind sicherlich die zahlreichen Hinweise auf die bzw. Parallelen zu der Apokalypse. Da liest man etwa von den 10 Königen, von Henoch und Elias, den Plagen und Zornschalen, dem Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte – und vom Kommen des Antichristen. Da müßte man doch erwarten, der Leser würde zur Heiligen Schrift greifen und die Geheime Offenbarung befragen, um die Hinweise in der Großen Botschaft verstehen zu können – aber nein, Fehlanzeige! Jedenfalls ist uns wenigstens im deutschsprachigen Raum kein Kommentar bekannt, der die apokalyptischen Hinweise in der Großen Botschaft ernst nimmt und dementsprechend zu deuten versucht.“
Es ist ein merkwürdiges Phänomen: Je eindeutiger und eindrucksvoller sich die Zeichen mehren, daß wir uns in der apokalyptischen Zeit befinden und dem Antichristen nähern, desto weniger wollen die Menschen das zur Kenntnis nehmen. Man spottet abwertend über „Apokalyptik“ und „Verschwörungstheorien“, und doch starrt alles vor Angst und Unbehagen auf das, was auf uns zukommen mag. Anstatt die Dinge ruhig und fest ins Auge zu fassen, um möglichst gut vorbereitet zu sein, macht man es wie die Kinder im finsteren Wald und ruft: „Wir haben keine Angst, es gibt keine Hexe, es gibt keine Räuber, es gibt keinen Bösen Wolf!“, und vertreibt sich die Zeit mit Spiel und Spaß, um nicht an das drohende Unheil denken zu müssen. Und wie bei diesen Kindern merken die Menschen nicht, daß sich längst eine abergläubische Furcht ihrer bemächtigt hat, die sie vor Gefahren zittern läßt, die gar keine sind, während sie die wahre Gefahr ausblenden und übersehen.
Blick von oben
Als Katholiken haben wir den Vorteil, durch die Offenbarung eine klare Kenntnis der Wirklichkeit einschließlich ihrer höchsten übernatürlichen Ursachen zu besitzen. Das öffnet einen ganz anderen Blick, einen Blick „von oben“ gewissermaßen, der die ganze Weltgeschichte, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zusammenfaßt. In diesen Horizont ist auch die Botschaft Unserer Lieben Frau von La Salette einzuordnen. Bevor wir uns also detailliert damit beschäftigen, „müssen wir vorweg noch auf eine wesentliche Eigenart der Prophetie hinweisen, vor allem der Endzeitprophetie“. „Das große Vorbild für alle diese Prophetien – auch für die Geheime Offenbarung selbst – sind die Endzeitreden Jesu Christi.“
Der Heiland als wahrer Sohn Gottes ist „der Prophet“ schlechthin. Alle wahre Prophetie fließt aus ihm hervor, namentlich auch die Offenbarung des heiligen Johannes, wie dieser selber zu Beginn seines Buches angibt: „Offenbarung Jesu Christi, welche Gott ihm gegeben hat, seinen Dienern kund zu tun, was in Bälde geschehen soll; und er hat es, indem er seinen Engel sandte, seinem Diener Johannes kund getan, welcher das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi, alles, was er gesehen, bezeugt hat. Selig, wer da liest und hört die Worte dieser Weissagung, und bewahrt, was in ihr geschrieben steht; denn der Zeitpunkt ist nahe!“ (Off 1, 1-3). Dasselbe gilt auch für die Worte derjenigen, die als „Ancilla Domini“ die „Königin der Propheten“ ist. Kein Wunder also, daß sich von den Endzeitreden Christi über die Offenbarung des heiligen Johannes bis zur „Großen Botschaft“ von La Salette eine einzige widerspruchsfreie, völlig übereinstimmende Linie zieht. Ja, es handelt sich im Grunde um ein und dieselbe Prophetie, nur in verschiedener Form.
Die Endzeitreden Christi
Beginnen wir also mit den Endzeitreden Jesu Christi. „Den Anlaß für diese Reden bildete ein Sparziergang des Heilandes mit den Jüngern auf dem Ölberg“, berichtet P. Weinzierl. „Die Jünger sahen auf die prächtigen Bauten der Tempelanlage, eines der beeindruckendsten Bauwerke der damaligen Welt. Bei diesem Anblick spricht einer der Jünger voller Begeisterung: ‚Siehe, Meister! Was für Steine und welch herrliche Gestalt!‘ Jesus aber erwiderte: ‚Du siehst all diese Bauten! Kein Stein wird davon auf dem anderen bleiben!‘ Diese Worte Jesu wurden auf dem Weg zum Ölberg gesprochen, als sie das Cedrontal am Ostabhang des Ölberges durchschritten. Jesus hatte Halt gemacht und sich gerade niedergesetzt, mit Blick auf den Tempel, dessen imposante Silhouette sich gegen den Himmel in den Strahlen der untergehenden Sonne abzeichnete. Die Worte Jesu drängten geradezu nach einer Erklärung. Vier der vertrautesten Jünger, Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas, beeilten sich deswegen, die Frage zu stellen: ‚Sage uns, wann werden diese Dinge geschehen, und welches wird das Zeichen deiner Wiederkunft sein?‘ (Vgl. Matth. 24,1-51; Marc. 13,1-37; Luc. 21,5-6).“
Die Reaktion des Heilands ist charakteristisch für prophetische Rede: „Der göttliche Lehrmeister gibt hierauf die Antwort, in der der Untergang Jerusalems mit dem Weltende verbunden wird. Der Untergang Jerusalems wird zum Vorbild, zum Typus für das Geschehen des Weltendes. In vielen Prophezeiungen läßt sich dasselbe beobachten, Zeitnahes wird mir Fernem verbunden, weil das eine, das Bekannte hilft, das andere, das Zukünftige und Unbekannte, besser zu verstehen.“ Es ist geradezu ein Kennzeichen der Prophetie, mehrere zeitlich auseinanderliegende Ereignisse in einem zu schauen und miteinander in Verbindung zu setzen. Dasselbe begegnet uns in der Offenbarung des hl. Johannes und in der Botschaft von La Salette.
Im Spiegel der Ewigkeit
Zur Erklärung dieses Phänomens zitiert Hw. Weinzierl den Kardinal Billot aus seinem Buch „Die Parusie“ (Kardinal Louis Billot, Die Parusie, Pro Fide Catholika, Durach 1991). Dieser schreibt: „Wenn wir nun die Prophetie mit der geschichtlichen Betrachtung vergleichen: worin liegt der wesentliche Unterschied? Er liegt in der Perspektive. Sowohl bei der Geschichte als auch bei der Prophetie liegt ein jeweils anderer Gesichtspunkt vor. Die Perspektive der Geschichte liegt auf der Ebene, in der die Ereignisse dieser Welt ablaufen. Wer weiß denn nicht, daß dieselben Dinge und Gegebenheiten von verschiedenen Standpunkten anders aussehen und daß man ganz aus der Nähe nur einen kleinen Ausschnitt sieht, während man z.B. vom Flugzeug aus einen Gesamtüberblick gewinnt: anders also die Perspektive in einer Ebene, anders die Vogelperspektive, anders der Blick vom Tal aus, anders die Aussicht von einem hohen Berggipfel. Die Geschichte hat ihren Beobachtungsposten in der ‚Ebene‘ (der Zeit), sie folgt den Ereignissen Schritt für Schritt. Es wird nacheinander dargestellt, ohne die Zwischenräume zu überspringen, in eben so vielen, deutlich unterschiedenen Bildern. Die Prophetie hingegen hält sich auf jenen hohen ‚Gipfeln‘ auf, die den gesamten Ablauf der Zeit überragen. Sie wird einzig und allein durch die Sonne des Vorherwissens Gottes erleuchtet. Deshalb sagen die Theologen, die Prophetie sähe im Unterschied zur Geschichte die Ereignisse im Spiegel der Ewigkeit, d.h. in den Ideen, die diese ewige Dauer Gottes repräsentieren, in deren Sicht die längsten Zeiträume wie in einem Augenblick erscheinen; denn ‚tausend Jahre sind vor Gott wie ein einziger Tag‘“ (S. 12 f).
Menschliche Geschichtsschreibung kann nur die Ereignisse nachvollziehen, die sich zugetragen haben und wie sie sich zugetragen haben, und versuchen, dazwischen Verbindungen aufzuzeigen, „die dem Historiker mit natürlichen Mitteln greifbar sind“. „Wenn aber Gott Geschichte erzählt, dann als Heilsgeschichte. Gott zeigt ‚im Unterschied zur Geschichte die Ereignisse im Spiegel der Ewigkeit‘. Von der Ewigkeit aus betrachtet, schaut aber die Welt und auch die Ereignisse in unserer Welt ganz anders aus.“ Zumal die Ewigkeit über oder außerhalb der Zeit steht und deswegen alles auf einmal überblickt, was für uns Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist. Darum nennt Billot es eine spezielle Eigenart der Prophetie, daß ihr „Gegenstand als solcher“ die Zukunft ist, „nicht die Vergangenheit oder Gegenwart“. „Dem menschlichen Wissen ist die Zukunft verborgen“, nicht aber der göttlichen Weisheit.
Vorbild und Erfüllung
„Die Zukunft kann man nur lesen im unendlichen Vorherwissen Gottes, in den Plänen seiner souveränen Vorsehung, in den Anordnungen seiner ordnenden Weisheit, in den ewigen Ratschlüssen endlich, die jede Entwicklung von Jahrhunderten messen, und von den göttlichen Tiefen, in denen sie verborgen sind“, erklärt Billot. „In dieser Ordnung nun, im Plan der göttlichen Vorsehung bzw. in der Anordnung der unendlichen Weisheit, wo jegliche Ökonomie der Dinge mit einer unvergleichlichen Meisterschaft und Kunst disponiert ist, verhalten und verbinden sich die Ereignisse ganz anders als nur durch einfache, gleichzeitige Chronologie. Es gibt darin eine Art der Verknüpfung, die man anderswo vergeblich suchen würde, weil sie allein der göttlichen Macht angehört. Es gibt eine Verbindung in der Heilsgeschichte, die darin besteht, daß das Vorbild und das im Vorbild Bezeichnete in eins geschaut werden, so daß frühere Ereignisse Schattenbilder der nachfolgenden sind, welche sich verhalten wie die Skizze zum fertigen Bild, das sie andeutet“ (S. 13 f).
Es ist geradezu das Wesen des Alten Testaments, Vorbild des Neuen Testaments zu sein und in diesem Sinn eine Art „Schattenbild“ der künftigen „Herrlichkeit“, die sich in Christus und der Kirche offenbart hat. Deshalb kann Christus sagen, daß Er nicht gekommen sei, das Gesetz aufzuheben, sondern es zu erfüllen, obwohl Er „eines vorzüglicheren Bundes Bürge geworden“ war (Heb 7, 22), verhielt sich doch der Alte Bund zum Neuen Bund „wie die Skizze zum fertigen Bild, das sie andeutet“. Die Prophetie sieht die Dinge „im Spiegel der Ewigkeit“ und schaut sie „in den Harmonien des Planes der göttlichen Vorsehung“, wie Billot formuliert. „So werden Ereignisse, Menschen und Fakten miteinander verbunden, die in der geschichtlichen Abfolge so nicht vorkommen, wobei aber Vorbild und Erfüllung wie in einem Blick geschaut werden. So sieht Jesus das Ende Jerusalems als beispielhafte Vorwegnahme für das Ende der Welt, und das ist die grundlegende Tatsache. So sieht der Prophet Daniel in Antiochus einen Vorläufer des Antichrist, der am Ende kommen wird (Dan. 11 f.)“ (S. 14 f).
Wichtig, um Prophetie richtig zu verstehen, ist noch diese Bemerkung von Kardinal Billot: „In der Tat werden die Prophetien nicht gegeben, um die eitle Neugierde der Menschen zu befriedigen, sondern um solcher Zwecke willen, die Gottes würdig sind. Diese können sein: Gott will, daß wir uns auf gewisse Ereignisse vorbereiten, oder daß wir, zuvor gewarnt, uns vor der angekündigten Katastrophe retten können. Im einen wie im anderen Fall genügt es, daß uns das Ereignis in seinen allgemeinen Zügen bekannt ist, ganz besonders dessen Vorzeichen. Es ist keineswegs nötig, daß uns alle Einzelheiten bekannt sind. Dies zeigt auch, daß Gott nicht weniger seine Herrschaft über die moralische Welt ausübt als über die physische, eine Herrschaft, kraft deren nichts geschieht, weder im Kleinen noch im Großen, was nicht von Gott vorhergesehen, disponiert und gewollt ist: ‚Dies alles mußte geschehen, auf daß die Schrift erfüllt werde.‘“
Endzeit
„Wagen wir auf dem Fundament dieser Einsichten einen ersten Blick auf die Große Botschaft von La Salette“, nimmt P. Weinzierl den Faden wieder auf und stellt fest, daß diese ohne Zweifel „endzeitlich“ ist, „d.h. sie thematisiert die letzten Zeiten unserer Geschichte, die Zeit, die dem Weltende vorangeht und im eigentlichen Sinne ‚Endzeit‘ genannt wird, ‚apokalyptische Zeit’“. Über die Zeitdauer, darauf sei vorsorglich hingewiesen, sagt dies nichts aus. Ob es sich um Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende handelt, spielt in der Optik der Prophetie keine Rolle. Auch wenn wir uns fraglos in den „letzten Zeiten unserer Geschichte“ befinden, so bedeutet das nicht, daß morgen oder übermorgen oder auch in ein paar Jahren oder Jahrzehnten die Welt untergehen wird. „Um jenen Tag aber und die Stunde weiß niemand, auch die Engel des Himmels nicht, nur der Vater allein“, prägt uns der Heiland nachdrücklich ein (Mt 24, 36).
Im weiteren Sinn genommen, währen die „Letzten Zeiten“ jetzt schon zwei Jahrtausende, seit der Ankunft Christi. „Kindlein! es ist die letzte Stunde; und wie ihr gehört habt, daß der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen erschienen, woraus wir erkennen, daß es die letzte Stunde ist“ (1 Joh 2, 18). Das schreibt der heilige Johannes am Ende des ersten christlichen Jahrhunderts. „Es ist die letzte Weltzeit“, ist damit laut Kommentar gemeint. Zweifellos hat diese „letzte Weltzeit“ ihrerseits eine Endphase, und in dieser befinden wir uns seit nunmehr auch bereits einigen Jahrhunderten. Niemand kann sagen, wie lange es noch dauern wird. Wir dürfen die Weltgeschichte nicht an der Dauer eines Menschenlebens messen. Es kommt auch nicht auf Zeit oder Zeitdauer an als vielmehr auf den Sinn der Ereignisse, über den uns die Prophetie belehren will.
Dominus flevit
„Schon der von der Gottesmutter“ in La Salette „gewählte Rahmen und die auffällige Art ihrer Erscheinung sind ein bedeutsamer Hinweis“ auf den prophetischen Charakter ihrer Erscheinung. P. Weinzierl zitiert Arnold Guillet mit den Worten: „In La Salette hat Maria die letzte Waffe einer Frau und Mutter eingesetzt, ihre Tränen: sie weint, wie einst ihr Sohn geweint hat beim Anblick von Jerusalem. (…) Maria, die Königin des Himmels, kommt ins abgelegenste Tal der Hochalpen, sie setzt sich nieder und weint, und sie beauftragt zwei Hirtenkinder, ihrem Volk zu sagen, warum sie weint. Sie weint, weil sie zusehen muß, wie die Welt die Liebe ihres Sohnes verschmäht. Sie sieht aber auch, wohin der Massenabfall führt, nämlich in die ewige Verdammnis der Hölle.“
Auf dem Ölberg bei bzw. heute in Jerusalem steht eine kleine Kirche mit dem Titel „Dominus flevit“ („Der Herr weinte“). Diese Kirche ist nicht, wie gewöhnlich, nach Osten ausgerichtet, sondern nach Westen. „Durch ein Fenster hinter dem Altar fällt der Blick auf die Altstadt in Richtung der im christlichen Glauben die Erlösung darstellenden Grabeskirche und den Felsendom, die beide (fast) auf gleicher Höhe liegen wie die Dominus Flevit“ (Wikipedia). Dieser Ort bezeichnet die Stelle, von wo aus der Heiland auf Jerusalem blickte und weinte, wie uns der heilige Lukas im Evangelium berichtet: „Und als er nahe gekommen war, und die Stadt sah, weinte er über dieselbe, und sprach: Wenn doch auch du es erkannt hättest, und zwar an diesem deinem Tage, was dir zum Frieden dient; nun aber ist es vor deinen Augen verborgen! Denn es werden Tage über dich kommen, da deine Feinde dich mit einem Walle umgeben, dich ringsum einschließen, und dich von allen Seiten einengen werden. Sie werden dich und deine Kinder, die in dir sind, zu Boden schmettern, und werden in dir keinen Stein auf dem andern lassen deshalb, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast“ (Lk 19, 41-44). „Du willst nicht erkennen, und deine Verblendung ist unheilbar“, ergänzt dazu der Bibelkommentar von Arndt-Allioli.
Maria weint
Im Evangelium des heiligen Matthäus hören wir Ihn klagen: „Jerusalem, Jerusalem! die du die Propheten mordest, und steinigest die, welche zu dir gesandt worden, wie oft wollte ich deine Kinder versammeln, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt, du aber hast nicht gewollt! Sehet, euer Haus wird euch verödet gelassen werden! Denn ich sage euch: Von nun an werdet ihr mich nicht mehr sehen, bis daß ihr sprechet: Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ (Mt 23, 37-39). Mit diesen Worten beschließt der Heiland „sein Lehramt am Dienstage der stillen Woche mit einer Mahnung an das Volk“, wie Arndt-Allioli hinzufügen. „Dasselbe beharrt in seiner Bosheit, deshalb tritt ein, was der Herr V. 38 vorausgesagt. Aber auch so noch bleibt Jesus der sorgende, lehrende und heilende Messias, der ihm das Heil gewähren will, sobald es sich zu ihm bekehrt.“ Ganz analog verhält es sich mit Unserer Lieben Frau von La Salette. „Die Liebe zu ihren Kindern ist so groß und das Geheimnis der Bosheit ist so schrecklich, daß ihr die Tränen kommen, daß sie einen letzten, erschütternden Aufruf an ihre Kinder richtet, zurückzukehren und Buße zu tun, weil sie nicht mehr in der Lage ist, den strafenden Arm ihres Sohnes zurückzuhalten.“
Guillet fährt fort: „Jesus hat nicht ohne Grund geweint, denn er sah den Abfall seines Volkes, das er sammeln wollte, wie eine Henne ihre Küklein sammelt («Ihr aber habt nicht gewollt»). Jesus sah im Geiste die Zerstörung Jerusalems voraus, die eine Generation später, im Jahre 70 durch die Römer erfolgen sollte… Das Strafgericht, das damals über Jerusalem hereinbrach, war das schrecklichste in der Geschichte Israels.“ Und wieder die Parallele zu La Salette: „Auf dem Ölberg, im Anblick der heiligen Stadt, war es Jesus, der geweint hat; hier, im Hochtal der französischen Alpen, ist es Maria, die weint. Das Strafgericht, das auf die Tränen Jesu folgte, war schrecklich; das Strafgericht, das auf die Tränen seiner Mutter folgen wird, wird viel schrecklicher sein. «Beim ersten Hieb seines zornblitzenden Schwertes werden die Berge und die Natur vor Entsetzen erbeben… Die Natur verlangt nach Rache für die Menschen und sie zittert vor Angst in Erwartung dessen, was über die von Verbrechen bedeckte Erde hereinbrechen wird.» Das sind Worte von apokalyptischer Wucht; so kann nur eine reden, die Macht hat“ (zitiert nach Johannes Maria Höcht, Die Große Botschaft von La Salette, Christiana-Verlag Stein am Rhein, 1983, S. 7 f).
Visio pacis
Wie P. Weinzierl bemerkt, wird in diesem Buch „wie bei den meisten Kommentaren“ nicht weiter in die Tiefe gegraben. „Schon der so offensichtliche Zusammenhang mit dem Weinen Christi über Jerusalem wird nicht wirklich ausgedeutet. Denn über wen weint denn der göttliche Erlöser angesichts dieser Stadt, dieser Häuser, dieses Tempels? Was erschüttert das göttliche Erlöserherz so sehr, daß dem Heiland der Welt die Tränen kamen? Er weint über das auserwählte Volk des Alten Bundes, das Ihn, den Sohn Gottes, nicht erkannt hat, ja Seine Kreuzigung fordern wird und darum nicht mehr weiß, was ihm zum Frieden dient.“ Er fährt fort: „Jesus weint über dieses furchtbare Versagen, das zugleich eine furchtbare Schuld bedeutet und das Volk Israel schließlich über die ganze Welt zerstreut.“ Beachten wir vor allem, daß der Heiland dabei die heilige Stadt Jerusalem im Auge hat.
Der Name Jerusalem wird gewöhnlich als „visio pacis [Vision des Friedens] bezeichnet und mit Gen. 22, 14 in Verbindung gebracht“, lesen wir in Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon (Sp. 1310). Die genannte Stelle im Buche der Genesis berichtet von Abraham, der seinen Sohn Isaak auf Geheiß Gottes zum Opfer bringen will und deswegen den Berg Moria besteigt. Gott aber schaut auf den guten Willen Abrahams und seinen Glauben, verzichtet auf das Opfer Isaaks, und Abraham findet einen Widder, holt ihn herbei „und brachte ihn als Brandopfer dar, an seines Sohnes Statt“. „Und er nannte den Namen dieses Ortes: Der Herr sieht. Daher sagt man noch heutigen Tages: Auf dem Berge wird der Herr sehen.“ Der Kommentar sagt dazu: „Wie Gott sich Abrahams erbarmt, wird er sich jedes erbarmen, der ihm mit rechter Gesinnung naht.“ Und in der Tat, der Herr „sah“. Er warf Seinen heiligen „Blick des Friedens“ auf diese Stadt, die nicht erkannt hatte, was ihr zum Frieden dient - obwohl sich hier der wahrhafte Sohn Gottes für sie opferte. Und doch blieb Sein Erbarmen offen für jeden, „der ihm mit rechter Gesinnung naht“. Wie alles in der Heiligen Schrift und besonders im Alten Testament, steckt die Stelle voll Prophetie.
Blick nach Rom
„Die so benannte Stadt lag an einer Stelle, welche nach der ganzen Gebirgsbildung Palästina’s als das Herz und der Mittelpunkt dieses Landes betrachtet werden kann“, heißt es weiter im Kirchenlexikon (a.a.O.). Das dürfte einer der Gründe sein, warum Jerusalem bis heute den großen Zankapfel in jener unruhigen Gegend darstellt – und warum den Heiland gerade hier der Blick über das Land zum Weinen brachte. Der König David hatte diese Stadt erobert und sie zur Hauptstadt seines Königreichs gemacht. Durch die Überführung der Bundeslade dorthin wurde sie auch zum religiösen Zentrum des Volkes Israel, zumal nachdem Davids Sohn und Nachfolger Salomon dort den Tempel errichtet hatte. Auch nach der Reichsspaltung, nachdem sie politisch nur noch Hauptstadt des Südreiches Juda geworden war, blieb ihre religiöse Bedeutung für alle frommen Israeliten bestehen, und zu den vorgeschriebenen Opfern pilgerten sie dorthin (wie es auch die Eltern Jesu mit ihrem 12jährigen Sohn taten; vgl. Lk 2, 41-42). In der Offenbarung des heiligen Johannes wird uns Jerusalem als Bild für die Kirche begegnen. Dies ist die geistige Bedeutung dieser „heiligen Stadt“ in der ganzen Heiligen Schrift.
Damit zurück nach La Salette. „In La Salette weint Maria. Sie steht dabei nicht auf dem Ölberg, sondern hoch oben in den Alpen, um auf Frankreich und ganz Europa zu schauen, also das ehemals christliche Abendland, die Wiege der römisch-katholischen Kirche.“ Über den Golf von Genua und das ligurische Meer blickt sie dabei bis nach Rom. „Über wen aber weint Maria?“, fragt sich P. Weinzierl. „Die Parallele zum Weinen Jesu am Ölberg ist eigentlich unübersehbar.“ Sie weint, „weil das auserwählte Volk des Neuen Bundes, die Katholiken nämlich, ihren Sohn nicht mehr lieben, sondern Ihn durch ihre Untreue und Gottlosigkeit immer mehr beleidigen“. „So wie die Israeliten, das Volk [Gottes] des Alten Bundes, immer mehr in die Verstockung geraten sind und schließlich von ihrer gottgegebenen Sendung abfielen, so ist es am Ende der Zeiten wieder, aber diesmal mit dem Volk [Gottes] des Neuen Bundes.“
Untergang Jerusalems
Unschwer ist hier der „Große Abfall“ zu erkennen, von welchem der heilige Paulus in seinem Brief an die Thessalonicher spricht (2 Thess 2, 3) und den er mit dem Antichristen in Verbindung bringt. Und so wie es im Alten Bund die religiöse Führung war, welche für den Abfall und die Verstockung des Volkes verantwortlich war, so wird es diesmal wieder sein. „Darum weint auf dem Ölberg der göttliche Erlöser über Jerusalem und Seine Mutter weint auf dem Berg von La Salette über das neue Jerusalem, nämlich die Kirche. Erklärt doch der hl. Paulus im Galaterbrief: ‚Hagar bedeutet nämlich den Berg Sinai in Arabien, der dem jetzigen Jerusalem gleicht, das mit seinen Kindern in Knechtschaft lebt. Die Freie aber bedeutet das himmlische Jerusalem, und das ist unsere Mutter!‘ (Gal 4, 25 f).“
Im Jahre 70 nach Christus erfüllte sich die bittere Vorhersage des Heilands. Jerusalem wurde zerstört, und vom herrlichen Tempel blieb nichts als die heutige „Klagemauer“. P. Weinzierl berichtet darüber ausführlich anhand der Beschreibung des Josephus Flavius (a.a.O.). Zweifellos richtet sich der Blick Unserer Lieben Frau von La Salette auf das, was mit dem neuen Jerusalem, der Kirche, geschieht, die ebenfalls ihrem Ruin entgegengeht. Zwar kann die Kirche nicht zugrundegehen wie die Stadt Jerusalem, doch eine fürchterliche Strafe wird auch sie erleiden. Welcher Art diese ist, können wir heute deutlich erahnen und werden wir noch weiter sehen. Vor allem aber kann die „heilige Stadt“ des Neuen Bundes, nämlich Rom, zerstört werden und zugrunde gehen, und genau das wird nach einhelliger Auslegung vieler Kommentatoren der Apokalypse mit dem neuheidnisch gewordenen Rom geschehen. Rom, das der Heiland erobert und zur Hauptstadt Seines Reiches, der Kirche, gemacht hat, wie es einst Sein Stammvater David mit Jerusalem tat, wird ebenso versagen, abfallen und untergehen wie dieses.
Der verstockte Klerus
P. Weinzierl weist darauf hin, daß der Heiland in der Karwoche, in den letzten Tagen Seines Lebens, nachdem Er die Tempelreinigung vorgenommen hatte, Seine große Strafrede gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer hielt. „Mit äußerster Schärfe greift Er öffentlich die Hüter des Gesetzes an, wie uns der hl. Matthäus im 23. Kapitel berichtet.“ Ihre Verblendung war es, die zum Verderben des Volkes wurde. „Man kann sicherlich zurecht sagen, daß diese ‚blinden Führer des Volkes‘ die Hauptschuld an dieser Misere und deren Folgen hatten. Nur so erklären sich auch die überaus scharfen Worte unseres göttlichen Heilandes. Es ist Sein letzter Versuch, die verstockten Herzen zu treffen und zur Einsicht zu bewegen. Im Grunde aber wußte Er, daß Seine Worte nichts mehr erreichen werden, Jerusalem wird untergehen.“ Es ist typisch für die göttliche Barmherzigkeit, daß sie auch dort nicht aufgibt, wo sie von vornherein die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen kennt.
Ebenso ist es in La Salette. „Wir sahen, daß auch Maria über das neue Jerusalem geweint hat. Auch ihre Mahnworte wurden geringgeachtet, wie damals die Worte unseres göttlichen Herrn.“ Sie weiß das, und doch gibt sie nicht auf. „Es ist doch auffallend, auch die weinende Gottesmutter richtet ebenfalls ihre Weherufe gegen die blinden Führer des Volkes des Neuen Bundes.“ Ihre „Worte treffen ins Mark – und besonders diese Worte waren es, die die meisten Priester und Bischöfe nicht hören wollten“. Sie waren verblendet wie die Pharisäer und Schriftgelehrten des Alten Bundes gegenüber dem Herrn. „Aber immerhin Pius IX. hörte die Worte – und glaubte!“ Auch einige andere gab es noch, die auf sie hörten und sich ihr „mit rechter Gesinnung“ nahten. Doch ein Großteil des Klerus war und blieb verstockt. „Was ich fürchte, ist der Mangel an Glaube beim größten Teil des französischen Klerus“, schrieb Mélanie in einem Brief am 10. Juli 1882 in Castellammare. „Im übrigen wissen wir nicht, daß unser Herr verurteilt und gekreuzigt wurde durch die Priester? Waren es nicht die Priester, die die bittersten Vorwürfe von Seiten des Sohnes Gottes erhielten? Und heute noch sind die Priester die Ursache an all unserem Unglück, weil sie ihrer Berufung nicht treu sind. Der französische Klerus ist (von wenigen Ausnahmen abgesehen) stolz, profitgierig, hochmütig und weitgehend unreligiös, er ist voll von Eitelkeit und Ehrgeiz…“
Der große Rahmen
Am 2. Januar 1892 schreibt sie aus St. Barnabas: „Die Kirche wird immer bestehen, Unser Herr hat es gesagt. Aber wie viele Verräter, wie viele Apostaten (Abgefallene), Bestochene und Sektierer sind unter den lehrenden Gliedern (Bischöfe und Priester) der Kirche, die den Charakter oder das Zeichen des Tieres mit den zehn Hörnern haben, von dem der hl. Johannes in seiner Vision auf Patmos spricht. Dieses Tier scheint einem Lamm ähnlich, das aus der Erde kommt, aber ist es nicht das Bild der untreuen (ungläubigen) Geistlichen? Ich glaube es fest. Glücklich alle, die in der Gnade mit Gott verharren, denn jene, die es erleben, werden traurige und schreckliche Dinge sehen. Wir sind noch nicht am Anfang vom Ende…“
Damit haben wir den großen Rahmen der Botschaft von La Salette abgesteckt. Sie steht ganz in der Linie der echten Prophetien der Heiligen Schrift, wie wir sie von deren ersten bis zu ihrem letzten Buch finden mit dem Höhepunkt in den Reden des Heilands selbst. Sie kreist um „Jerusalem“, d.i. die Kirche und deren Mittelpunkt, die „heilige Stadt“ Rom. Sie beklagt den Abfall des Volkes des Neuen Bundes, der Katholiken, und besonders die Untreue seiner Führer, des Klerus. Sie kündigt mit Schmerzen ein großes Strafgericht an, das verheerend sein wird, aber zugleich eine große Barmherzigkeit bedeutet. Was die Königin der Propheten im einzelnen dazu zu sagen hat, werden wir uns im folgenden ansehen.
Fortsetzung folgt