Faktencheck

Arthur Roche, der „Chef der römischen Liturgiebehörde und demnächst Mitglied der immer erlauchter werdenden Kardinalsschar“, kann den Tradis gar nichts recht machen. Sie mögen ihn einfach nicht leiden. Überhaupt nicht! Diesmal verdrießt sie ein „Interview“, das er „VaticanNews“ gegeben hat und das für sie nichts als ein „Wust von Halbwahrheiten, ganz Erfundenem und Entstelltem“ ist. Pikiert hat sich „Summorum Pontificum“, der Blog für „traditionalistisches“ Empfinden, an einen - wie selber zugegeben - „nicht sonderlich in die Tiefe gehenden ‚Faktencheck‘“ gemacht „zu einigen zentralen Behauptungen, die Roche in diesem Interview und anderen Äußerungen aufgestellt hat“.

Drei Aussagen hat „SP“ herausgegriffen und seinem „Faktencheck“ unterzogen. Die erste: „Es hat nie zuvor zwei Versionen des römischen Messbuchs gegeben.“ - Darauf entgegnet der Blog, es habe „immer unterschiedliche Versionen gegeben, die zwar den gleichen römischen Geist atmeten, bis auf den weitgehend (nicht ausnahmslos) wortgleichen römischen Kanon aber beträchtliche Unterschiede aufweisen konnten“. Nie habe es unter dem „Nachfolger Petri“ eine „sterile Einheit des Ritus“ gegeben, sondern immer „nicht nur verschiedene ‚usus‘, sondern auch verschiedene Riten“. Jawohl! Als Beispiele werden genannt der „byzantinische Ritus“ in den „italo-albanischen Gemeinden von Grottaferata“, sowie der „sehr fremdartige“ Ritus der „Syro-Malabaren“. „SP“ behauptet sogar: „Die Pluralität der seinerzeit bestehenden liturgischen Formen, die zu vielen Varianten des römischen Missales geführt hatte, wurde von Pius V. in Quo Primum ausdrücklich anerkannt“, und ebenso habe das „II. Vatikanum“ in „Sacrosanctum Concilium“ Nr. 4 die „Anerkennung einer Vielfalt von Riten … ausdrücklich erneuert“.

  • Unser „Faktencheck“: Der heilige Pius V. hat in „Quo primum“ ausdrücklich festgelegt, daß überall, wo die Hl. Messe „nach dem Ritus der Römischen Kirche gefeiert zu werden pflegt oder gefeiert werden sollte“, diese „nicht anders als nach dem von Uns herausgegebenen Missale gesungen oder gelesen werden“ darf. Von wegen, er habe „viele Varianten des römischen Missales“ „anerkannt“! Auch das „II. Vatikanum“ spricht in SC 4 nicht vom römischen Ritus (von ihm wird in SC 3 gehandelt), sondern von den anderen Riten. Denn natürlich hat es in der katholischen Kirche immer verschiedene Riten gegeben, aber nicht in der römischen Kirche. Die Beispiele, die „SP“ nennt, sind keine „Varianten des römischen Missale“, sondern andere katholische Riten, die es neben dem römischen Ritus ebenfalls gab und gibt. Es wäre uns auch neu, daß sie alle den „weitgehend wortgleichen römischen Kanon“ verwenden. - Fazit: „SP“ hat nicht richtig aufgepaßt. Roche hatte nicht gesagt, daß es nie verschiedene Riten in der katholischen Kirche gegeben habe, sondern daß es nie „zwei Versionen des römischen Messbuchs“ gegeben habe, und da hat er recht. Eins zu null für ihn.

Zweite Aussage: „Lex orandi des Gregorianischen Ritus [hier ist vermutlich der römische Ritus der Hl. Messe gemeint] und lex orandi des Novus Ordo sind unvereinbar.“ - Das will „SP“ nicht gelten lassen, habe doch „Paul VI.“ bei der „Promulgation des Novus Ordo ausdrücklich klargestellt, daß sein neues (nicht ‚erneuertes‘) Missale die überlieferte Lex credendi in keiner Weise ändere“. Etwas verschämt fügen sie an: „Inwieweit er sich dabei getäuscht hat (oder täuschen ließ), steht dahin“, und müssen sogar zugeben, daß „diese Reform - unabhängig von den Absichten Pauls VI. - historisch gescheitert“ ist. Dennoch posaunen sie trotzig: „Wer heute die Unvereinbarkeit der beiden Missale behauptet, widerspricht diametral den Päpsten Paul VI., Johannes Paul-II und Benedikt XVI.“

  • Unser „Faktencheck“: Daß „Paul VI.“ weder sich getäuscht hat noch sich täuschen ließ, sondern nur die Katholiken täuschen wollte, indem er behauptete, der „Novus Ordo“ werde die „überlieferte Lex credendi in keiner Weise“ ändern, lassen wir mal beiseite. Immerhin aber ist diese „Reform“ nach Aussage von „SP“ - unabhängig von Montinis Absichten - „historisch gescheitert“. Sie drückt also wenigstens faktisch (und wir sind ja hier bei den Fakten) nicht dieselbe „lex credendi“ aus - weshalb die wirklich überzeugten und eingefleischten Tradis sie ja auch nicht leiden können und nicht feiern wollen. Der „Novus Ordo“ entfernt sich, wie es in der „Ottaviani-Intervention“ so schön heißt, in beträchtlicher Weise „von der katholischen Theologie der heiligen Messe“. Das sind die Fakten, und sie sind es, die „diametral den Päpsten Paul VI., Johannes Paul-II und Benedikt XVI.“ widersprechen. Wir wundern uns sehr, daß ausgerechnet die Tradis, die doch sonst nie etwas darauf geben, was ihre „Päpste“ sagen, sondern nur ihrem eigenen Kopf folgen, plötzlich einen so blinden Glauben an „Papst“-Worte haben. Und wenn sie diesen schon haben, so mögen sie sich gesagt sein lassen: „Wer heute die Vereinbarkeit der beiden Missale behauptet, widerspricht diametral Papst Franziskus.“ - Fazit: „SP“ täuscht sich auch hier oder läßt sich (oder will sich) täuschen. Roche sagt die Wahrheit. Zwei zu null für ihn.

Die dritte beanstandete Aussage: „Bereits Jungmann hat nachgezeichnet, wie die Messe im Lauf der Jahrhunderte verändert wurde, um den Bedürfnissen der Zeit zu entsprechen.“ - Roche, so bemängelt „SP“, impliziere hier, „Jungmann habe einen (am Ende gar noch zentral gelenkten) Prozess der gezielten Veränderung der Liturgie angenommen und nachgewiesen“, während dieser doch „alles in allem das Musterbild einer ‚organischen Entwicklung‘ der Liturgie“ nachgezeichnet habe „ohne jedes andere entwickelnde Subjekt als das Wirken des Heiligen Geistes in den Menschen, die die Kirche ausmachen“.

  • Unser „Faktencheck“: „SP“ liest hier etwas in die Aussage Roches hinein, was nicht dort steht. Daß die Messe „im Lauf der Jahrhunderte verändert wurde“, steht zweifelsfrei fest, und ebenso, daß dabei Päpste als „entwickelnde Subjekte“ tätig waren (wie z.B. der heilige Gregor der Große) und der „Prozeß“ von diesen tatsächlich „zentral gelenkt“ wurde. Das einzige, was wir bei Roche zu bemängeln haben, ist das mit den „Bedürfnissen der Zeit“, denn es ging nie darum, die Hl. Messe den „Zeitbedürfnissen“ oder dem „Zeitgeist“ anzupassen. Allerdings haben die geschichtlichen Umstände gewisse Entwicklungen beeinflußt, so etwa die Reduzierung der ursprünglich feierlich ausgeschwungenen Pontifikal-Zeremonie auf den einfachen, kondensierten und konzentrierten, von jedem Priester notfalls auch allein als Privatmesse zelebrierbaren Ritus. - Fazit: Hier haben beide teilweise recht und teilweise unrecht, also eins zu eins. Insgesamt steht es damit drei zu eins für Roche.

Das Fazit unserer „Faktenchecker“ sieht erwartungsgemäß anders aus. Für sie ist Roches „Interview“ ein „Zeugnis beklagenswerter liturgischer Unwissenheit und Unbildung, ideologischer Blindheit und interessengeleiteter Unwahrhaftigkeit“. Das ist leider ein Eigentor, denn die „liturgische Unwissenheit und Unbildung“, „ideologische Blindheit“ und „interessengeleitete Unwahrhaftigkeit“ liegt eindeutig auf ihrer eigenen Seite, wie wir gesehen haben. Ihr eigener „Faktencheck“ ist ein „Wust von Halbwahrheiten, ganz Erfundenem und Entstelltem“. Damit haben wir ein vier zu eins gegen die „Tradis“.

Die machen ihrem Unmut über die Niederlage Luft, indem sie Roche und seinen Chef beschimpfen: „Einen solchen Mann an der Spitze der Liturgiebehörde zu sehen, ist eine Schande – für ihn selbst, für die ehemalige Heilige Ritenkongregation und für den Despoten auf dem Stuhl des Bischofs von Rom.“ Man beachte: Dieser „Despot auf dem Stuhl des Bischofs von Rom“ ist immerhin ihr „Papst“! Was aber gilt den „Tradis“ noch ihr „Papst“? Die von diesem und Roche vorgetragenen „Thesen“ (!) können in ihren Augen „auch dann keine Bindungswirkung entfalten, wenn sie nicht im Interview mit dem Staatsanzeiger geäußert werden, sondern im Gewand päpstlicher Dokumente wie des Motu Proprio Traditionis Custodes oder gar einer künftigen Enzyklika daherkommen“. Oho! Kurzum, das kirchliche Lehramt bedeutet ihnen nichts mehr, wie sie auch offen zugeben: „Seine zukünftige Eminenz Roche ist nachgerade der lebende Beweis dafür, daß das päpstliche Lehramt sich aktuell im Zustand der Suspension befindet.“ Mit dieser Aussage haben sie nicht nur ein Eigentor geschossen, sondern sich objektiv ins Schisma begeben. Damit sind sie nicht nur unterlegen, sondern disqualifiziert.